Fremdes Tagebuch

vor 10 Mon.
Neil findet ein fremdes Tagebuch. Obwohl er weiß, dass es sich nicht gehört, kann er seine Neugierde nicht bezwingen und schnuppert hinein ...
Depression Tragödie/Leid P18 Drama Beendet
Inhaltsverzeichnis
  • Kein Titel

Kein Titel

Manchmal ist alles vom Schicksal vorbestimmt.
Es gab Menschen, die dem Schicksal Glauben schenkten und ihr komplettes Leben danach richteten. Manche jedoch konnten damit nichts anfangen. Bis vor kurzem gehört Neil zu der Sorte, der alles selbst in die Hand nahm und mit dem Schicksal Aberglaube verband.
Doch seit heute Morgen kam er immer mehr zur Überzeugung, dass er zu vorschnell mit seinem Urteil war und dem Schicksal eine Chance geben musste.
Es fing alles an, als sein Wecker verspätet klingelte.
Wenn sein Wecker eher geklingelt hätte, hätte er es als erster ins Bad geschafft, was ziemlich schwierig war, wenn man vier Schwestern hatte. Wenn er es eher geschafft hätte das Bad für sich zu ergattern, hätte er die erste Bahn erwischt. Und wenn er die erste Bahn erwischt hätte, säße er nicht in der zweite Bahn und hätte nicht das Tagebuch gefunden, das seelenruhig auf einem leeren Sitzplatz gelegt hatte.
Er seufzte und starrte das Buch an, das er mit beiden Händen festhielt. Sein Blick fiel auf die Gestaltung des Tagebuchs. Es erinnerte ihn daran, dass es typisch weiblich war und das Tagebuch bloß einem Mädchen gehören konnte. Dann dachte er, dass es eigentlich keinen Jungen gab, der ein Tagebuch schrieb. Zumindest kannte er keinen.
Sanft wanderte er mit den Fingern am Buch entlang. Es juckte ihm in den Fingern das Tagebuch zu öffnen und drin zu lesen, doch die Moral appellierte an seinen Verstand, dass es nicht richtig und vor allem nicht moralisch vertretbar war.
Nur ein kurzer Blick drauf!, dachte er und beinahe hätte er die erste Seite aufgeschlagen, doch rasch blätterte er wieder um bis ein Verzeichnis seinen Blick in den Bann zog. Mit einer wunderschönen Schrift stand da geschrieben: »Kenias Tagebuch.«
In seinem Kopf hallte der Name wie ein Echo. Kenia. Kenia. Kenia.
Unter dem Namen stand eine Adresse und Neil fand es recht ungewöhnlich, dass jemand in seinem Tagebuch eine Adresse niederschrieb. Schließlich kam es Neil so vor, als hätte die Person ihr Tagebuch in der Straßenbahn vergessen, als sie eilig aus der Bahn stieg.
Vor Neils innere Auge spielte sich ein Szenario ab. Er sah wie ein Mädchen gestresst und noch müde in die Bahn einstieg, während sie ihr Tagebuch fest an ihrer Brust presste, als würde es ihr Leben sein. Kaum hat sie ein Stift ausgepackt und ihre Erlebnisse aufgeschrieben, kam ein Kontrolleur, der den Ticket verlangte. Rasch stellte sie ihr Tagebuch neben sich auf den freien Platz. Sie suchte in ihrer Tasche, fand ihre Karte nach langsam kramen und zeigte es. Kurz darauf ertönte die metallische, weibliche Stimme und sagte die nächste Haltestelle an. Ohne weiter zu überlegen, zog sie den Reißverschluss ihrer Tasche zu, hing es sich an und ging aus der Straßenbahn ohne ihr Tagebuch mitzunehmen.
Aufgrund des Szenarios musste er lächeln und war gespannt, wie wohl diese Kenia war. Er wurde neugierig und wieder schaute er zu den Tagebuch herab, als er vorher in die Leere starrte und ziemlich verträumt war.
Seine Neugier gewann die Oberhand und so gab er schließlich nach. Er öffnete es und begann die ersten Zeilen zu lesen:


Liebes Tagebuch,

vorweg liegt mir etwas Besonderes auf dem Herzen und ich möchte dir erklären, dass ich dich nicht mit meinem Alltag langweilen werde. Ich möchte einzig allein meine Gedanken, die ich für wichtig halte oder zumindest wichtig genug, um es schriftlich zu verewigen, niederschreiben.
In meinem Kopf schwirren viele Gedanken umher, die nicht immer lohnenswert sind, sie mit jemanden zu teilen. Dennoch möchte ich sie loswerden, weil ich sonst Angst habe, verrückt zu werden.
Gut, mit was fange ich an? Ah, ich weiß. Mir fällt grade auf, dass ich dich personifiziere. Irgendwie verrückt. Dabei bist du doch kein Lebewesen und dennoch unterhalte ich mich mit dir, als wärst du ein Mensch. Ich sage „Du“ zu dir. Ich weiß nicht, ich muss irgendwie darüber lächeln.


Neil hielt kurz inne. Auch er konnte sich kein Lächeln verkneifen. Bevor er die Zeilen gelesen hatte und seine Augen ungeduldig von der linken Seite zur rechten Seite wanderten, dachte er, er würde mit langweiligen Zeug konfrontiert werden. Doch er wurde eines besseren gelehrt und musste weiterlesen, während sein Zeigefinger beim Lesen mit folgte:


Ich weiß nicht, wie viel ich schreiben werde. Es kann sein, dass ich dich vollschreibe und ein zweites Buch benötigen werde, es kann auch sein, dass ich bloß die Hälfte benötigen werde. Vielleicht auch nur ein paar Seiten. Wobei ich bei meiner großen Schrift zu mehr Seiten tendiere. Nun ja, wir werden es ja letztendliches sehen.


Neil wurde das Gefühl nicht los, dass die Gedanken, die Kenia niederschrieb, etwas Düsteres an sich hatten. Er versuchte das Gefühl abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht recht. Obwohl er an dieser Stelle abbrechen wollte, las er weiter:


Kannst du dir vorstellen, dass es manche Menschen gibt, die alleine und einsam sterben und niemand bekommt etwas mit? Ich habe in der Zeitung gelesen, dass ein Rentner in seiner Wohnung tot vorgefunden wurde. Er lag da Stunden. Tage. Wochen. Und das ganz alleine.
Ich habe mir überlegt, dass er vielleicht noch weiterleben würde, wenn man ihn eher gefunden hätte, doch er hatte niemanden, der sich um ihn kümmerte. Ist das nicht traurig? Gibt es etwas Trauriges als alleine zu sein?
Ich muss gestehen, mir kamen die Tränen, als ich erfuhr, dass er ziemlich lange qualvoll gelitten haben musste, bis sein Herz endgültig aufgehört hatte, zu schlagen. Ich weiß nicht, wieso ich immer noch an ihn denken muss, obwohl das bereits zwei Jahre her ist. Es ist, als wäre es gestern gewesen. Ich habe das Gefühl als müsste ich leiden, weil es sonst kein anderer tut. Denn wenn niemand da ist, der um einen trauert, ist es so, als hätte es einen nie gegeben. Als hätte man nie existiert.

Ein dicker Kloß machte sich in Neils Hals breit. Ein Schauer lief über sein Rücken und er schloss kurz die Augen und ließ die Gedanken freien Lauf. Er hatte mit seiner Vermutung recht behalten. Die Gedanken dieses Mädchens gingen in einer düsteren Richtung.
Erschrocken fuhr er hoch und öffnete rasch die Augen, als die Durchsage zur nächsten Haltestelle ertönte. Rasch stand er auf, drückte auf dem Stopp-Schalter und ging hinaus, als die Tür sich öffnete und die Treppen sich ausbreiteten. Unterwegs klappte er das Tagebuch wieder auf und ließ weiter darin:


Damals sammelten sich die ganze Familie mitsamt Priester um das Bett des Sterbenden und begleiteten die Sterbende auch in den letzten Stunden bis zum Tod. Findest du die alten Traditionen nicht viel besser als heute? Hat es nicht etwas Erleichterndes, wenn die Menschen, die man liebt, einen bis zum Schluss beistehen. Meinst du nicht, dass es viel schöner ist, dass das letzte, was man sieht, die Menschen sind, die einem besonders wichtig sind? Dann kann man mit beruhigenden Gewissen Abschied nehmen, findest du nicht auch? Ist es denn nicht schöner glücklich zu sterben als traurig?


Der kalte Luft blies an Neils Wangen entlang und wehte ihm durchs Haar. Obwohl seine Hände vor Kälte zitterten, legte er das Buch nicht beiseite. Dabei klapperten bereits seine Zähne. Gespannt und mit einem unguten Gefühl las er weiter:


Wenn ich mich entscheiden könnte, würde ich wollen, dass jemand mir genauso beisteht, wenn ich sterbe. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, nicht wahr? Aber, hey! Nur keine Panik!Ich möchte nicht allzu sehr ins Negative abrutschen. Ich hebe mir einiges für später auf.


An dieser Stelle legte Neil eine Pause ein. Er klappte das Buch zu, öffnete seine Tasche und verstaute das Buch hinein. Eigentlich müsste er die Adresse aufsuchen und das Buch dem Mädchen wieder bringen, doch zunächst wollte er das Buch zu Ende lesen. Er war sich bewusst, dass er exakt das Falsche tat und dass wenn er sein Tagebuch hätte, es genauso schlimm finden würde, wenn ein Fremde es lesen würde. Und obwohl er dies wusste, schlug er den Weg zur Schule ein.


»Du bist manchmal so unverbesserlich!«, merkte Neils Sitznachbar schnaubend an und verpasste Neil einen Klaps am Hinterkopf. »Bring dem Mädchen das Tagebuch. So gehört es sich.«
»Wieso habe ich dir davon bloß erzählt?«, murmelte Neil und legte seinen Kopf in den Nacken. Er schaute zur Decke empor und wurde nachdenklich. »Ich kann nicht anderes. Es ist wie ein Unfall – man kann nicht hinsehen, aber auch nicht wegsehen. Ich fühle mich seltsamerweise mit dem Mädchen verbunden. Als müsste ich es lesen!«
Sein Sitznachbar lachte auf. »Verbunden? Du kennst das Mädchen nicht mal persönlich und du redest von Verbundenheit? Dass ich nicht lache!«
Er versteht mich nicht, stieg der Gedanke empor und Neil wünschte sich, er hätte die Sache mit dem Tagebuch lieber für sich behalten. Aber anderes konnte er es nicht beschreiben. Mit jeder Zeile, die er las, fühlte er sich dem Mädchen besonders nahe. Es bildete sich bereits ein Bild von ihr und er stellte sich das Mädchen vor. Dabei umspielte ein Lächeln seine Lippen.
»Langsam machst du mir Angst, Neil.« Sein Sitznachbar stützte seinen Kinn an seiner Handfläche ab und verdrehte dabei die Augen. »Lächele nicht so verträumt.«
Neil schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, da er bereits in seiner Traumwelt war.


Ich frage mich, ob es wirklich stimmt, dass der Tod schmerzhaft ist.


Bereits Zuhause angekommen, las er vom Tagebuch weiter und hatte bislang eine Menge hinter sich gebracht. Dass er dabei von seinen vier Geschwister seltsam angeschaut wurde, bemerkte er nicht oder viel mehr ignorierte er es. Er zog alle Blicke auf sich, weil er normalerweise nicht als Bücherratte bekannt war.


Was fühlt oder denkt man zuletzt, bis man stirbt? Gibt es vielleicht Menschen, die instinktiv spüren, dass es bald zu Ende geht? Mir gehen diesbezüglich viele Gedanken durch den Kopf. Wenn ich mir wünschen könnte, würde ich mir einen schmerzlosen, kurzen Tod wünschen.


Hm, wurde Neil nachdenklich. Einen schmerzlosen, kurzen Tod. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er noch nie so intensiv über das Thema nachgedacht.


Ich wünsche mir so sehr, dass nach dem Tod noch etwas danach kommt. Findest du nicht, dass das etwas Sinnloses hat, wenn man lebt und lebt und leidet und leidet … Und das für nichts und wieder nichts? Ich werde es ja herausfinden, aber leider werde ich nicht mehr in der Lage sein dir zu sagen, wie es ist, zu sterben.

Nicht in der Lage sein?, rumorte der Gedanke in Neils Kopf umher. Sein Herz raste unaufhörlich schneller und er begann unruhig zu werden.


Liebes Tagebuch, du weißt ja gar nicht, wie sehr du mir hilfst. Ich denke, du bist es, der mich vom Wahnsinn rettet. Bald haben wir beide es geschafft, doch noch eine Aufgabe musst du erledigen. Jetzt, da du nun die wichtigsten Gedanken meinerseits beinhaltest, kann ich meinen Plan ausführen. Du wirst dafür sorgen, dass ich nicht alleine sterben muss.
Jetzt sitze ich hier in der Bahn und schreibe dir ein letztes Mal. Manche Leute schauen zu mir rüber und wundern sich, was ich schreibe. Na ja, zumindest wirken sie so auf mich. Ich werde dich gleich zuklappen, denn meine Haltestelle ist gleich dran. Danach werde ich dich unauffällig liegen lassen. Dich wird ein Mensch finden und ich weiß, es wird ein neugieriger Mensch sein. Menschen sind von Geburt an neugierig.
Sobald der Mensch dich liest, wird er der Adresse folgen und ich kann zufrieden gehen. Denn ich...

Entsetzt hielt Neil mit dem Lesen inne. Er weitete die Augen und bemerkte, dass seine Mutter ihn fragend ansah. Er winkte es lächelnd ab und wandte sich dem Buch wieder zu. Er konnte nicht fassen, was er las.


Hallo, du. Ich würde dich gerne mit deinem Namen ansprechen, doch da ich nicht weiß, wie du heißt, duze ich dich mal.
Vielen Dank, dass du dir mein Tagebuch gelesen hast, denn es werden meine letzten Gedanken sein. Ich möchte mich erklären. Ich leide an einer unheilbaren Krankheit und werde bald so oder so sterben. Ich merke bereits, dass ich nicht lange zu leben habe. Nein, nein, keine Sorge! Ich bin nicht verrückt, ich leide bloß an Depressionen. Meine Krankheit zehrt so sehr an mir, dass ich diese Depression entwickelt habe. Ich schweife ab! Nun ja, jedenfalls...

Ohne weiterzulesen, klappte er das Buch zu, stand auf und rannte nachdem er seine Schuhe angezogen hat, schnurstracks aus dem Haus. Ohne seine Familie aufzuklären, rannte er und rannte er. Und dabei betete inständig, dass Kenia noch am Leben war. Er wollte zu ihr. Er konnte sich ohrfeigen, dass er nicht eher zu ihr gegangen war, um ihr Tagebuch zu bringen. Verdammt, verdammt...! Bitte, sei am Leben, bitte...
Atemlos kam er an und traute sich kaum zu klingeln. Letztendlich tat er es, doch es öffnete niemand die Tür. Panisch klopfte er wie wild und rief nach ihren Namen. In diesem Moment war es ihm vollkommen egal, was andere von ihm dachten. Er schrie und schrie.
»Junger Mann?«, rief ein alter Mann vom Balkon aus. »Was schreien Sie so?«
»Ich muss da rein«, schnaufte er. »Bitte, ich muss...« Er brach ab und stützte sich an den Knie ab.
Kurz verschwand der alte Mann und tauchte plötzlich vor Neil auf. Er hielt Schlüsseln in der Hand. »Ich bin der Vermieter. Was wollen Sie von Kenia? Das arme Mädchen hat genug andere Probleme.«
Rasch ging Neil auf ihn zu und packte nach seinem Kragen. »Geben Sie mir dir Schlüsseln, bitte! Ich muss sie sehen.«
Der Vermieter bedachte Neil mit einem überraschten Blick. Er schob Neil von sich und richtete seinen Kragen wieder richtig. »Sie halten da Kenias Tagebuch in der Hand – das habe ich oft bei ihr gesehen. Sie war ständig am Träumen, als sie schrieb.« Der Vermieter schloss kurz die Augen, bis er danach den Schlüssel ins Schloss steckte. »Kommen Sie.« Froh drüber, dass der Vermieter ihm einen Gefallen tat, folgte er ihm auf Schritt und Tritt.
Als der Vermieter die Tür öffnete, musste er sie ziemlich drücken, da eine Kraft gegen die Tür stemmte. Ein seltsamer Geruch stieg in Neils Nase und ein Gefühl sagte ihm, dass er zu spät gekommen war. Entsetzt entdeckte er das tote Mädchen am Boden, die die Pulsader aufgeschlitzt hatte. Ohne ihre kalte Haut zu berühren, wusste er, dass das Leben aus ihr gewichen war.
Zuletzt las er die letzten Zeilen in Kenias Tagebuch und bekam Tränen in den Augen:


Vielen Dank, dass du gekommen bist! Lebe wohl.

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