Regenbogentage

vor 4 Mon.
Meine Beiträge zu den 60-Minuten-Geschichten ll Eingebungen. Kreativität. Fluch und Segen zugleich. Sonne und Regen. Niemand versteht den Zauber, der entsteht, wenn beides zusammen trifft, eine Einheit wird und schillernd neue Wege eröffnet. [60MG von 2013]
Inhaltsverzeichnis
  • 6.1. - Just time.
Bemerkung des Authors: Thema: Wer Ordnung hält, ist bloß zu faul zum Suchen. nachgeschrieben am 19.06.2017 von 10:30-11:30 Uhr

6.1. - Just time.

„Es ist Zeit.“
Die leise gesprochenen Worte zerschneiden die Stille trotz dem Versuch sie möglichst sanft und mit einer positiven Ausstrahlung auszusprechen. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, es gibt nichts, was diese Worte auch nur annähernd nach etwas klingen lassen kann, was ich jetzt gern hören würde. Ich blicke neben mich und sehe, wie du dich erhebst, dein T-Shirt zu Recht zupfst und mir einen kurzen Blick zuwirfst, bevor du der jungen Frau mit dem dynamisch wippenden blonden Zopf hinterher gehst. Während ich also zusehe wie du hinter einer Tür verschwindest und deine Begleitung sich wieder ihren Verwaltungsaufgaben zuwendet, lasse ich mir erneut durch den Kopf gehen, was sie gesagt hat. Es ist Zeit. Zeit wofür genau? Dafür, dass wir die Wahrheit erfahren. Zeit, einen Weg zu beschreiten, den wir vielleicht gar nicht betreten wollen. Zeit, dem Leben eine neue Richtung zu geben. Zeit, ja Zeit aufzuräumen.
Ein Seufzer ist bei diesem Gedanken zu hören und beinahe fahre ich erschrocken zusammen, als ich erkenne, dass es meine eigene Kehle war, die diesen Laut produziert hat. Ja, das ist die Antwort, fasst eigentlich gut zusammen, was wir hier wollen und warum es dir so schwer gefallen ist, hinter dieser Tür mit einem Menschen zu reden, der dir im Grunde nur helfen möchte. Es ist an der Zeit mit all dem aufzuräumen, was sich angesammelt hat, eine Schneise zu bahnen und zum Kern vorzudringen, dem Ort, an dem all die Probleme, die schlaflosen Nächte und die Ängste entstehen. Es wird langsam Zeit, dass Ordnung einkehrt, Klarheit herrscht, wir wissen, woran wir sind. Und doch verursacht genau das Angst. Was, wenn genau die Diagnose genannt wird, die du nicht verkraften kannst, vor der du schon seit Jahren Panik hast? Was werden wir dann tun?
Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Alles, was ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann, ist, dass ich nicht aufgeben werde, dass nach der Zeit der Erkenntnis entweder ein wenig Erleichterung eintritt oder die Zeit der Kämpfe beginnt. Ich bin bereit dazu und ich werde dafür sorgen, dass du es auch bist, denn ganz gleich mit welchem Ergebnis du in einigen Minuten wieder vor mir stehen wirst, es bedeutet nichts weiter als das die Dinge, welche sowieso schon im Gange sind, einen Namen bekommen. Namen sind etwas Gutes – ein Ding mit einem Namen kann behandelt werden als wäre es wirklich ein Ding, ein Haustier, welches einen ständig begleitet. Man kann es loben und schimpfen, man kann…okay, das geht zu weit, ich weiß. Aber ehrlich. Es gibt keinen Grund die Angst gewinnen zu lassen.
Du bist nun schon seit einiger Zeit fort und ich sitze weiterhin im Wartezimmer, hänge meinen Gedanken nach und frage mich, ob all die Menschen, die sich ebenfalls mit mir in diesem Raum aufhalten, genauso wirre und doch so strukturierte Gedanken haben wie ich. Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, worauf ich hinaus möchte oder dass ich in alle Richtungen gleichzeitig denken würde. Nein. In meinem Kopf herrscht bloß ab und an ein wenig Chaos. Dann purzeln die Gedanken übereinander, rollen mal hier hin und mal da hin, geben sich gegenseitig die Richtung vor ohne überhaupt zum selben Thema zu gehören. Dann schmerzt mein Schädel und aus meinen Augen laufen die Tränen, weil mein Hirn nicht mehr schweigen kann, weil alles gleichzeitig geschieht und jeder Gedanke gedacht werden möchte, während der nächste, völlig zusammenhanglos, bereits beginnt gedacht zu werden. Dann scheint es kein Ende zu nehmen und es dauert meist eine Weile bis ich den roten Faden wieder gefunden habe. Ordnung ist etwas Beruhigendes. Deshalb liebe ich sie so. Und genau deshalb ist es gut zu wissen, woran wir sind. Es hat dann eine Ordnung, einen klaren Weg oder zumindest klare Möglichkeiten. Einen Namen, der die Dinge fest schreibt, die in der Schwebe hängen
Unwillkürlich greife ich nach einer dieser Klatschzeitungen als sich eine ältere Dame neben mich setzt. Ich bin im Moment nicht zu Gesprächen aufgelegt, zu beschäftigt bin ich mit dem Chaos in meinem Kopf, welches ich zu ordnen gedenke. Leider habe ich hier im Wartezimmer weder ein Puzzle zur Hand, noch die Möglichkeit laut Musik zu hören und in schiefer Tonlage den Text mit zu grölen, den ich mir eh nicht merken kann. Was aber funktioniert ist das kleine Notizbuch, welches ich nun aus meiner Handtasche zaubere. Einen Stift habe ich natürlich auch dabei und so verschränke ich die Beine übereinander, beuge mich leicht nach vorn und beginne mir die Unordnung von der Seele zu schreiben. Dabei fällt mir plötzlich nicht mehr auf wie die Zeit vergeht, ich sitze einfach hier und ordne meine Gedanken bis ich deine Stimme ganz nah an meinem Ohr höre, dein Atem kitzelt auf meiner Haut und was du sagst, entlockt mir ein Lächeln. Ich kann beinahe das Grinsen in deinen Worten hören:
„Wer Ordnung hält, ist bloß zu faul zum Suchen.“
Ich drehe mich zu dir um und sehe dich fragend an. Nicht, weil ich nicht verstanden hätte, dass du dich auf meine Methoden beziehst mich selbst zu ordnen, nein. Ich möchte wissen, woran wir sind und ob es nötig ist, deiner Psyche den Kampf anzusagen. Ich möchte wissen, worauf ich mich einstellen und vorbereiten kann und muss, damit wir all das hier gemeinsam durchstehen können. Dein Gesichtsausdruck verändert sich von einem schiefen Grinsen zu Ernsthaftigkeit und du blickst betrübt zu Boden.
„Es wird hart.“, ist alles, was ich von dir zu hören bekomme. Dann erhebe ich mich, reiche dir meine Hand und wir verlassen diese Klinik, diesen Raum der Diagnosen und endgültigen Botschaften. Hand in Hand treten wir hinaus in den Sonnenschein, blicken gen Himmel und halten uns aneinander fest. Es ist nicht wichtig, welches Ergebnis genau nun unseren Weg bestimmt, auch wenn es vorher so wichtig schien. Das einzig tatsächlich Wichtige ist, dass wir ihn gemeinsam beschreiten und ich den Teufel tun werde, von deiner Seite zu weichen, wenn du mich brauchst. Nicht, dass ich gehen würde, wenn du mich nicht mehr brauchst, aber – ach, ihr wisst doch alle, was ich meine.
Es ist Zeit.

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