Glockenblumenfeld ~ Frankies ganz normaler Wahnsinn

vor 7 Tagen
Der Umzug ihrer Familie von Dublin in die Provinz von Kerry kommt Frankie gerade recht. Nicht nur, dass ihre ehemals beste Freundin sich ihren Schwarm geschnappt hat, sie entpuppt sich auch als uneinsichtig über ihr gebrochenes Herz. Die freche 16-Jährige sieht der Möglichkeit eines Neuanfangs optimistisch entgegen. Zumindest bis zu ihrem erst..
Liebe/Romantik Romanze P12 Fantasy In Arbeit
Bemerkung des Authors: Hallöchen :3 Heute kommt es extrem wichtiges Kapitel. Also werde ich nicht lange herum fackeln und euch viel Spaß beim Lesen wünschen (;. Ihr dürft mich aber gerne motivieren (;. Liebe Grüße :3

Picknick zwischen den Glockenblumen

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Keine Viertelstunde später hatten wir unser Ziel endlich erreicht. Nach einem ewig langen Fußmarsch durch die Wildnis, von dem ich bereits befürchtet hatte, er würde niemals enden. Dabei fiel mir auf, welches halsbrecherische Tempo Etienne an den Tag legte. Als würde er verhindern wollen, dass man uns womöglich verfolgte. Oder als würde die Zeit rennen. Obwohl er derjenige war, der nicht die ideale Wanderkleidung trug, drohte ich eher bei diesem Tempo schlapp zu machen. Dabei hatte ich extra meine bequemen Chucks angezogen. Als ich bereits eine Pause fordern wollte, blieb er schließlich stehen.
Verblüfft registrierte ich mein Umfeld, das ich zuvor nicht richtig wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich weil sich meine Gedanken darum gedreht hatten, was er wohl plante. Klar, wir befanden uns mitten in einem Wald, aber dass es dort Bäume gab war ja wohl logisch.
Jetzt fand ich mich jedoch auf einer idyllischen Waldlichtung wieder, die mich an ein Märchen erinnerte. An kein bestimmtes, es war einfach eine ziemlich malerische Atmosphäre. Diese bezaubernde Landschaft hätte sich mit Sicherheit gut auf dem Papier festhalten lassen. Sie lieferte mir jedenfalls eine ordentliche Portion an Inspiration für meine nächsten Zeichnungen, weshalb ich sie mir gut in meinem Gedächtnis abzuspeichern versuchte. Das hieß, sofern ich diesen kleinen Ausflug überlebte. Wie die Sonne durch das grüne Blätterdach fiel, der kleine Bachlauf, der durch die bezaubernde Lichtung floss, auf der einige wilde Blumen wuchsen. Und was mich am meisten beeindruckte ein Meer aus blau-violetten Blumen, die ich sehr schnell als Glockenblumen identifizierte.
Was mit Abstand meine Lieblingsblumen waren. Weil sie in ihrer Schlichtheit wunderschön waren.
Überwältigt ließ ich dieses Bild auf mich wirken. Erst nach wenigen Minuten, es hätten aber auch Sekunden oder Stunden vergehen können, wandte ich mich verblüfft zu Etienne um.
Woher hatte er davon gewusst? Er konnte es unmöglich auf gut Glück geraten haben. Dafür schien dieser Ort viel zu gezielt von ihm ausgesucht worden zu sein.
„Woher ...“, begann ich, stockte jedoch mitten im Satz. Ob es klug gewesen wäre ihn zu beenden?
„Als wir dein Bücherregal aufgebaut haben, lag auf einem deiner Kartons die Zeichnung eines Glockenblumenfeldes. Da es in Dublin mit Sicherheit nicht viele davon gibt, dachte ich mir, du würdest vielleicht gerne einmal eines in der Realität sehen“, erklärte er lächelnd.
Weil er auf alles eine passende Antwort zu haben schien und über eine ausgesprochen gute Beobachtungsgabe verfügte. Irritiert beobachtete ich, wie er in seinen Rucksack griff und eine braune Decke zu Tage förderte, die er auf einer geeigneten Stelle ausbreitete, wo das Gras nicht allzu dicht bewachsen war. Wollte er etwa eine Art Picknick veranstalten oder was sollte diese Aktion bewirken?

Diese Szene wäre in einem Film unendlich romantisch gewesen. Oder sogar in einem Buch. Nur war dies keine Fiktion, sondern die irrsinnig verwobene, verzerrte Realität.
Etienne bot mir einen Platz auf der Decke an. Mit gebührendem Abstand zu ihm setzte ich mich hin. Als nächstes zog er eine Thermoskanne aus seinem Rucksack, sowie eine Box, in der sich alle möglichen Früchte befanden. Ob er mich vergiften wollte?
„Kamillentee?“, hakte er freundlich nach, wobei er mir einen Plastikbecher vor mir abstellte.
„Nein... Danke... eine Erklärung für all das wäre eigentlich besser“, gab ich sichtlich misstrauisch zurück, worauf Etienne die Kanne wieder zur Seite stellte.
„Dieses Gespräch sollte in einem geeigneten Umfeld stattfinden. Weder die Schule, noch irgendein Haus ist der passende Ort dafür“, erklärte er ein wenig ernster. Was mir zumindest verriet, weshalb er einen abgelegenen Platz wie diesen ausgewählt hatte.
„Zunächst einmal... Hast du die Liste dabei, Frankie?“
Obwohl er es nicht explizit erwähnte, wusste ich trotzdem, dass er von der Namensliste sprach, die man mir zugesteckt hatte und die auch seinen Namen enthielt. Klar, welche auch sonst? Anstelle einer Antwort kramte ich in meinem Rucksack und zog den gefalteten Zettel heraus, der bereits ein wenig ramponiert wirkte, weil ich ihn so häufig auseinander und wieder zusammengefaltet hatte. Ohne schlau aus dem Inhalt zu werden. Mir hatte sich einfach nicht erschlossen, welcher Sinn sich dahinter verbarg. Deswegen hatte ich mir die Namen immer wieder angesehen. Trotzdem ergab es einfach keinen Sinn. Wer hatte sie mir zugesteckt? Aus welchem Zweck? Außerdem hatte ich drei der Namen farbig markiert; seinen und die, von denen ich bereits etwas herausgefunden hatte. Hinter Doktor Pete Corell befand sich ein großes Fragezeichen. Außerdem war er aufgrund ihrer optischen Ähnlichkeit mit einem Pfeil mit Etiennes Namen verbunden. Er studierte den Zettel eingehend, wobei er spöttisch grinste. Als er mich anblickte, wirkte er eigenartig gut gelaunt.
„Du hältst mich also wirklich für einen Zeitreisenden?“, eröffnete er das Gespräch, das sich als schwieriger und komplizierter erwies als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Ebenso wie dessen ungewöhnlicher Inhalt.
„Wie sonst sollte sich erklären lassen, dass Doktor Pete Corell, der mal abgesehen von den Haaren exakt aussieht wie du, im zweiten Weltkrieg als Arzt tätig war? Bevor er laut Unterlagen als Kriegsgefangener von den Deutschen getötet wurde“, fügte ich matt hinzu.
„Leugnen ist übrigens zwecklos, ich habe ein Foto von diesem ominösen Kerl gesehen! Und auch wenn die Qualität ziemlich schlecht gewesen ist, war es doch eindeutig, dass es sich um mehr handelt als um verblüffende Ähnlichkeit! Ihr seht identisch aus.“
„Bevor ich dir erkläre, was es damit auf sich hat, musst du mir etwas versprechen“, forderte Etienne im Gegenzug. Stumm nickte ich. Bestimmt folgte jetzt so etwas wie, dass ich es niemandem verraten sollte. Was auch immer „es“ sein mochte. Obwohl sich das je nachdem als selbstverständlich erwies.
„Ein Geheimnis für ein Geheimnis“, hauchte er schließlich in die Stille des Waldes, der uns umgab. Womit ich niemals auch nur ansatzweise gerechnet hätte. Davon bekam ich glatt eine Gänsehaut. Ein leichter Windhauch trug den Geruch nach dem Gras und den Glockenblumen zu uns herüber, mit einer Mischung aus etwas, was ich nicht genau einzuordnen wusste. Doch es erinnerte mich an einen milden Sommertag, an süßen Honig. Unwillkürlich fragte ich mich, ob es Etienne war, der so herrlich roch? Rasch verdrängte ich diesen Gedanken wieder.
„Ich erzähle dir nur dann mein Geheimnis, wenn du mir auch eins verrätst“, erklärte er seine Aussage schließlich augenzwinkernd. Damit konnte ich durchaus leben. Nicht dass ich ein erwähnenswertes Geheimnis hatte. Seines war mit Sicherheit wesentlich spannender als meines. Wie recht ich behalten sollte, ahnte ich in diesem Augenblick noch nicht.
„Versprich es mir“, forderte Etienne ernst, als ich nicht sofort antwortete.
„Versprochen“, gab ich zögerlich zurück, worauf er zufrieden nickte.
„Also schön, ich erzähle es dir. Mach dich jedoch auf eine lange Geschichte gefasst.“

Die Spannung war förmlich zum Zerreißen. Erwartungsvoll blickte ich in Etiennes Richtung, der einen Augenblick lang nachzudenken schien. In lässiger Haltung saß er auf der Decke. Seine Finger ruhten auf dem zerknitterten Blatt Papier mit den Namen, das ausgebreitet zwischen uns lag und welches der Auslöser für all die jüngsten Aufregungen in meinem Leben war. Niemals hätte ich erwartet, dass es noch bunter kommen würde. Nachdem sich bereits der Umzug in die Provinz als kleines Abenteuer erwiesen hatte. Es ging eindeutig noch wilder. Die Wahrheit übertraf meine quirlige Vorstellungskraft bei weitem und sprengte jedes imaginäre Szenario. Und doch überraschte Etienne mich auf eine Art und Weise, die ich für unmöglich gehalten hätte.
„Diese Namen“, begann er schließlich, sein Finger verharrte auf dem ersten. „Alle Namen bis auf diesen haben eines gemeinsam.“
„VI Earl of Aisley Etienne Charles Ivory“, las ich irritiert vor, weil er auf diesen Namen gedeutet hatte. Gleichzeitig war es der erste auf der Namensliste.
„Alle Namen bis auf dieser sind frei erfunden, sie existieren nicht“, offenbarte er mir zu meiner Verblüffung. Oh.
„Du meinst... Etwas wie gefälschte Identitäten?“, hakte ich perplex nach.
„In gewisser Weise schon. Soll ich dir etwas über Etienne Charles Ivory erzählen?“, wollte er voller jugendlicher Vorfreude wissen. Ein Teil von mir befürchtete bereits, dass ich es nicht hören wollte. Doch ein anderer, viel stärker war viel zu erpicht darauf. Deshalb antwortete ich erneut mit einem stummen Kopfnicken. Ob ich noch eine andere Bewegung zustande brachte, musste ich mein Gehirn später fragen. „Geboren wurde er 1780 in Versailles Frankreich als unehelicher Sohn eines einfachen britischen Mannes namens Hendric Charles Ivory, der einige Jahre zuvor eine Stellung als Butler am französischen Königshof erlangt hatte. Diese Position verlor er allerdings mit der Geburt seines einzigen Sohnes“, begann Etienne mit einem merkwürdigen Lächeln zu erzählen. Versailles? Im Jahre 1780? Irgendetwas daran kam mir spanisch vor. Oder eher französisch!
„Erinnerst du dich noch, wie wir neulich über die französische Revolution sprachen und darüber, was für ein Mensch Königin Marie Antoinette war? Ebenso wie über ihre zwei Fehlgeburten?“, fügte er im Plauderton hinzu.
„Ehm... ja?“, gab ich verwirrt zurück, obwohl ich bereits etwas ahnte. Aber das konnte unmöglich stimmen! Also was hatte Carlys und mein Referat mit seinem Geheimnis zu tun?
„In Wirklichkeit war ihre erste Fehlgeburt keine solche. Später wurde sie nur als eine deklariert, um die reine Blutlinie der Königsfamilie zu schützen und zu verschleiern, was tatsächlich passiert ist. Hätte Marie ein Mädchen zur Welt gebracht, es wäre nicht einmal aufgefallen und hätte keinen Unterschied gemacht. Nicht wenn man ihren Lebensstil betrachtet. Doch da ihr erstgeborenes Kind ein Mädchen gewesen ist, konnte sie danach unmöglich einen Sohn zur Welt bringen, nicht offiziell. Nicht wenn sie wusste, dass sie einen Bastard zur Welt brachte. Wie hätte er der Thronerbe sein können? Der zukünftige König von Frankreich? Vor der Öffentlichkeit wurde diese Schwangerschaft daher damit beendet, dass man das Kind für tot erklärte. In Wirklichkeit bekam sie es und Marie schickte den Vater des Kindes, ihre Liebschaft, zusammen mit dem Kind ins Exil nach Irland. Vorher gab sie ihm etwas Geld, als eine Art Abfindung. Um sich sein Schweigen zu erkaufen und in gewisser Weise auch die Zusicherung, dass er für immer aus ihrem Leben verschwinden würde. Allerdings war es nicht viel Geld. Du weißt ja, ihr verschwenderischer Lebensstil, Marie war ziemlich geizig. Trotzdem genügte es für Hendric, um sich eine bessere Position zu erkaufen. Als Verwalter eines Hauses eines angesehenen Earls. Aisley Hall kann man noch heute hier in der Nähe von Fairbanks besichtigen. Der fünfte Earl of Aisley, Jonathan George van Ashen, war sehr nachsichtig mit dem Hintergrund seines Verwalters. Auf diese Weise ließ er seinen Verwalter und dessen unehelichen Sohn nicht nur auf seinem Anwesen wohnen, er nahm sich auch dessen Sohn an, als Hendric wenige Jahre später unter unglücklichen Umständen verstarb. Angeblich an einem Herzinfarkt. Weil der Earl selbst keine eigenen Kinder hatte, seine Frau war bereits kurz nach ihrer Hochzeit verstorben und schenkte ihm niemals welche, zog er den Jungen wie seinen eigenen Sohn groß. Womit er ihm eine bessere Ausbildung ermöglichte als ihm durch Hendric zustand. Das alles spielte sich parallel zur französischen Revolution ab. Wer weiß? Hätte Marie ihn nicht fortgeschickt, wäre Etienne vermutlich ebenfalls drauf gegangen. Stattdessen wuchs er in einer glanzvollen Welt auf. Kein Königshof, aber das Leben eines Earls war auch nicht unbedingt zu verachten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts 1801 verstarb der inzwischen alte Earl allerdings. Sein gesamtes Erbe, inklusive des Titels und des Anwesens, gingen an Etienne über, worüber er in seinem Testament verfügt hatte. Zuvor war er für seine Ausbildung aufgekommen und selbstverständlich sorgte das im Dorf für viel Gesprächsstoff. Immerhin wussten die meisten Leute, dass er der Sohn eines einfachen Bürgers war, eines Verwalters. Obschon sich niemand bewusst war, wer die Mutter des Jungen gewesen ist. Wahrscheinlich dachte man sie sei eine Prostituierte gewesen. Was ohnehin keine Rolle spielte, weil sie ja nicht mehr lebte. Im Jahre 1805, als er 25 wurde, verlobte der neue junge Earl sich mit einer Tochter aus gutem Hause. Der Französin Genevieve de Merle, die drei Jahre jünger war als er selbst. Sie war eine gebildete junge Frau, die sich sehr in Zurückhaltung übte, aber sie verstanden sich gut, da sie eine Freundschaft verband. Obwohl du sicher weißt, dass viele Ehen, eigentlich die meisten, zu dieser Zeit nicht aufgrund von Gefühlen geschlossen wurden, sondern aus Gründen des Ansehens und weiteren Vorteilen. Sie wurden als Art Geschäftsabschluss betrachtet. Einem gesellschaftlichen Erfolg. Doch Etienne, der bereits zu jener Zeit über seine ungewöhnliche Herkunft Bescheid wusste, störte sich nicht daran. Genevieve war eine gute Partie und ein nettes Mädchen noch dazu. Mehr als er sich erhofft hatte. Zu einer Hochzeit kam es allerdings trotzdem niemals. Kurze Zeit später bemerkt er nämlich, dass etwas nicht mit ihm stimmt. Zunächst zögerte er die Hochzeit einige Jahre hinaus. Nachdem er sich jedoch sicher sein konnte, löste er die Verlobung wieder auf. Einvernehmlich. Denn Genevieve hatte sich in der Zwischenzeit in einen Grafen verliebt. Obwohl er einen niedrigeren Stand besaß als Etienne, war es ein gelegener Zufall für ihn. Denn wie könnte er eine Frau heiraten, nachdem er festgestellt hat, dass er aufhört zu altern?“, schloss Etienne. Während dieser gesamten Biografie, vorher hätte dieser Name mir absolut nichts gesagt, hatte ich gespannt und schweigend gelauscht. Doch allmählich sickerte der Umfang dieser unfassbaren Story zu mir durch. Das war wirklich unglaublich. Wow.

Ungläubig starrte ich mein Gegenüber an. Er ließ mir Zeit diese Information erst einmal sacken zu lassen. Obwohl es wahrscheinlich dauern würde, bis ich sie verdaut hatte. Sie lag mir ganz schön schwer im Magen. Wie Moms selbstgemachte Pizza. 1780. Das war vor 237 Jahren gewesen. 237 Jahre! Etienne hatte mir gerade ernsthaft mitgeteilt, dass er ebenso alt war, weil er nicht alterte. Ach ja, und zudem der uneheliche Sohn von Marie Antoinette, über die ich kürzlich noch zusammen mit Carly ein Referat gehalten hatte. Wie peinlich mir mit einem Mal meine abfällige Bemerkung gegen die französische Königin erschien! Seine Mutter … Wow.
„Nicht altern?“, hauchte ich irritiert. Ob es sich um einen schlechten Witz handelte?
„Ganz genau. Und eines kann ich dir versichern, Frankie. Was zunächst nicht auffällt, wird spätestens bemerkt, wenn andere Männer ihre ersten Falten oder graue Haare bekommen. 1817 wusste ich mit definitiver Sicherheit, dass ich nicht wie 37 aussehe. Obwohl mir nicht bewusst war, was mit mir falsch läuft, hatte ich eine leise Ahnung. Während alle um mich herum alterten... Nun. Zu diesem Zeitpunkt täuschte ich zum ersten Mal meinen Tod vor und tauchte unter. Alles was danach geschehen ist, ist eigentlich Geschichte. Diese Namensliste zeigt nichts anderes an als das. All jene Identitäten, die ich in den vergangenen Jahrhunderten annehmen musste, damit niemand entdeckte, dass ich nicht nur länger lebe als andere, sondern dass ich nicht einmal Zeichen des Alterns aufweise. Man müsste nicht einmal besonders gelehrt sein, um darauf zu schließen, dass es abnormal ist. Mehr als das... Unter keinen Umständen wollte ich als irgendein Versuchsobjekt enden. Zu meiner Zeit waren Hexenverbrennungen zwar eigentlich eher unüblich, aber darauf ankommen lassen wollte ich es auch nicht unbedingt. Mal abgesehen davon, dass mir bis heute nicht ganz klar ist, weshalb dem so ist“, erklärte er mit einem schiefen Lächeln. Etienne wusste nicht einmal, weshalb er dermaßen ungewöhnlich war? Trotzdem klang seine Ausführung irgendwie logisch. Unter diesen Umständen wäre ich mit Sicherheit auch lieber irgendwo untergetaucht, um nicht weiter aus dem Rahmen zu fallen. Was er irgendwie trotzdem tat.
„Und 17 Namen sind es deshalb, weil du nicht ewig über dein wahres Alter lügen kannst“, schlussfolgerte ich. „Schlaues Mädchen“, lobte Etienne mich grinsend. „So lästig es auch sein mag, sich immer einen anderen Namen und eine neue Hintergrundgeschichte auszudenken, irgendwann lernt man sich einfach nur noch in sein Umfeld einzublenden. Man gewöhnt sich sogar daran wieder und wieder zu verschwinden, um an anderer Stelle als neuer Mensch wieder aufzutauchen. Wie ich bereits sagte, in meinem Leben habe ich schon an vielen Orten gelebt. Dadurch habe ich einiges gesehen. Nach Fairbanks verschlägt es mich jedoch ab und an immer noch immer wieder mal. Vielleicht weil ich es als eine Art zu Hause betrachte. All die Jahre, all diese Generationen, habe ich niemals jemanden in mein Geheimnis eingeweiht. Die Ironie daran ist, dass ich dir unter meinem richtigen Vornamen begegnet bin.“
„Halt... Du sagtest, du hättest es niemandem erzählt, aber warum... Weshalb dann ausgerechnet mir? Warum jetzt? Was hat sich geändert?“, wunderte ich mich perplex. Das ergab meiner Meinung nach wirklich keinen Sinn. Falls es stimmte, was er mir da Unfassbares erzählt hatte. Warum sollte er ausgerechnet mich einweihen, wenn er es die ganze Zeit über bei niemand anderem getan hatte?
„Emily Brad“, erwiderte Etienne lediglich, worauf mir heiß und kalt zugleich wurde. Erschrocken starrte ich ihn an. Die verstorbene Schülerin, Phoenix' Freundin.
„Noch einmal begehe ich nicht den gleichen Fehler wie bei Emily. Letztes Jahr war sie meinem Geheimnis dicht auf der Spur. Und ich glaube, dass sie ein Teil dessen bereits aufgeklärt hat, als jemand sie ermordet hat. Wahrscheinlich aus naheliegenden Gründen. Seitdem frage ich mich, ob es etwas geändert hätte, wenn sie über mich Bescheid gewusst hätte und davon bin ich immer überzeugter. Außerdem“, an dieser Stelle machte er eine kurze Pause, „du wärst sowieso dahinter gekommen. Früher oder später, da bin ich mir sicher. Du bist nicht gerade auf den Kopf gefallen. Ich habe dem nur ein wenig auf die Sprünge geholfen. Obwohl ich mich trotzdem frage, wer dir diesen Zettel zugesteckt hat.“
„Also hast du Emily nicht getötet.“ Erleichtert über dieses Wissen atmete ich aus. Also hatte sie wirklich jemand ermordet! Das war kein Unfall gewesen, wie ich es mir bereits gedacht habe.
„Moment“, Etienne stutzte. „Du hast diesem Ausflug zugestimmt, obwohl du mich für ihren Mörder gehalten hast?“ Belustigt lachte er auf.
„Es bestand ja durchaus die Möglichkeit“, gleichgültig zuckte ich die Schultern. „Allerdings habe ich es nicht wirklich geglaubt“, fügte ich ehrlich hinzu. Wenn er schon so offen war, wollte ich es ebenfalls sein. Auf einmal wurde Etienne wieder ernster. „Ich habe mir geschworen diesen Ort nicht eher zu verlassen, bis ich Emilys Mörder gefunden und gestellt habe. Doch je länger ich hier bin, je mehr ich erfahre, desto weniger Sinn ergibt es. Nach ihrem Tod habe ich recherchiert und so leid es mir tut, aber Emily ist nicht das einzige Opfer dieses skrupellosen Killers. Vor ihr gab es bereits drei andere Opfer. Nur mit dem Unterschied, dass ihre Leichen niemals gefunden wurden. Sie stammten nicht einmal aus dieser Gegend, weshalb der Zusammenhang der Polizei wahrscheinlich entgangen ist. Samantha, Trina und Christine gelten bis heute als vermisst. Sie sind spurlos verschwunden. Alle waren sie nur in dieser Gegend unterwegs. Entweder mit ihrer Familie, mit Freunden oder auf einem Schulausflug. Doch abgesehen von ihrem Alter haben sie eine weitere Gemeinsamkeit“, fügte er ernst hinzu, wobei er mir tief in die Augen blickte. Leider wusste ich es bereits.
Ein schwerer Kloß bildete sich in meinem Hals. Trotzdem versuchte ich bei meinen nächsten Worten möglichst locker zu klingen. Nach all dem Unfassbaren, was er mir soeben erzählt hatte, zog mir diese Tatsache den Boden unter den Füßen weg?
„Sie hatten rote Haare“, ergänzte ich tonlos.
„Ja. Bei all seinen Opfern handelte es sich um hübsche, rothaarige Mädchen. Deshalb... Als du in Fairbanks aufgetaucht bist, wusste ich sofort, dass du absolut in sein Schema passt. Und dann hast du angefangen über mich nachzuforschen, genauso wie Emily es getan hat. Darum musste ich dich nicht nur im Auge behalten, ich habe dich auch davor gewarnt mehr herauszufinden. Weil ich wollte, dass du dich von dieser Geschichte fernhältst. Aber die Scherbe in deinem Rucksack und dann diese Liste mit meinen verschiedenen Namen... So wenig es für mich zusammen passt, bin ich mir sicher, dass ich dich wenigstens warnen muss. Wenn ich schon Emily nicht retten konnte...“, Etienne seufzte tief. Das war wirklich heftig. In eine derartig verwobene Geschichte verwickelt zu werden, damit hätte ich niemals auch nur ansatzweise gerechnet. Nicht nachdem wir von Dublin aufs Land gezogen waren. Außerdem verriet es noch etwas. Nämlich dass mir jemand seine vielen unterschiedlichen Identitäten preis gegeben hatte. Und da Etienne es anscheinend nicht selbst gewesen war, bedeutete das zwangsläufig, dass noch jemand über ihn Bescheid wusste. Und dass die Morde an diesen unschuldigen Mädchen im Zusammenhang mit ihm standen. In welcher Art und Weise auch immer. Obschon ich nicht wusste inwiefern es mit ihm zusammenhing ... Ich konnte ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken.
„Da entschließen sich meine Eltern nach 15 Jahren umzuziehen und ich gerate ins Visier eines irren Serienmörders. Sieht mir irgendwie ähnlich“, scherzte ich eine Spur zu verkrampft. In Wahrheit verspürte ich etwas wie tiefe Furcht. Was wohl passiert wäre, wenn ich nicht damit angefangen hätte die Hinweise zu lesen? Ob ich dem Täter irgendwann einfach zum Opfer gefallen wäre? Hätte er mich beseitigt, bevor ich auch nur wusste, was um mich herum geschah?
Wie auch immer – in Zukunft musste ich gewaltig auf der Hut sein.

So richtig hatte ich seine Geschichte immer noch nicht verarbeitet. Es klang verrückt, aber gleichermaßen logisch. Natürlich hätte man auch annehmen können, er sei aus einer Psychiatrie ausgebrochen und hätte ein ernsthaftes Problem. Sich ein derartiges Hirngespinst auszudenken. Dazu musste man wirklich über eine Menge Fantasie verfügen. Andererseits kannte ich die Fakten und ich hatte zudem das Foto von Doktor Pete Corell gesehen. Etwas an Etienne erschien mir so klar. Nein, er war kein Verrückter mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Weil ich nicht länger über den Mörder nachdenken wollte, der frei herum lief und irgendwelche Mädchen töte, die zufällig meinem Typ entsprachen – wunderbar, wirklich – wechselte ich rasch das Thema.
„Bist du so etwas wie unsterblich?“, erkundigte ich mich mit großen Augen, worauf er lachte. „Meine Güte, nein! Ich war bereits häufiger kurz davor drauf zu gehen, das kannst du mir ruhig glauben... Im Laufe der Zeit gefangen zu sein, ist nicht gerade ungefährlich. Aber ich bin weder unsterblich, noch unverwundbar. Höchstens etwas zäher als andere, aber die Tatsache, dass ich beide Weltkriege heil überstanden habe, schiebe ich eher auf einen glücklichen Zufall als auf meine eher ungewöhnlichen Gene“, verkündete er heiter. Ja, genau. Er war bei beiden Weltkriegen dabei gewesen, hatte sie hautnah miterlebt. Klang plausibel. Wer hätte das jemals gedacht? Der langweilige Schularzt entpuppte sich als echtes Weltwunder. Eine Kuriosität. Kein Wunder, dass er es bislang niemandem erzählt hatte! Mein Blick fiel auf die Namensliste mit seinen bisherigen Identitäten.
„Oscar Flynn“, murmelte ich leise. „Klingt wie ein Schauspieler.“
„Nein. Das war in den 1920er Jahren. Kurz nachdem der Colonel angeblich an der spanischen Grippe starb, bin ich nach New York gegangen. Ursprünglich wollte ich das bereits im Jahr 1912. Aber du weißt, was mit der Titanic passiert ist“, Etienne seufzte.
„Nein, du warst niemals auf der Titanic!“, gab ich perplex zurück, wobei ich ungläubig den Kopf schüttelte. Diese Nummer kaufte ich ihm definitiv nicht ab! Da konnte er sich auf den Kopf stellen und lachen... Niemals!
„Das war ich auch nicht“, bestätigte Etienne meine These schmunzelnd. „Aber ich hatte ein Ticket für die erste Klasse.“ „Unmöglich!“, beharrte ich stur.
„Ist aber so.“
„Ach ja? Und was ist dann mit diesem Ticket passiert?“
„Ich habe es beim Pokern an Leo verloren“, scherzte er schlagfertig. Verflixt! Wieso musste ich jetzt grinsen? Eigentlich war das überhaupt nicht lustig. „Du weißt aber schon, dass mir bewusst ist, dass es bloß ein Film war? Wenigstens der Part mit Leo und Kate. Rose und Jack... Wie auch immer. Also, wieso bist du nicht auf der Titanic gewesen? Oder hattest du eine Art Eingebung, die dir verraten hat, dass sie sinken würde?“
„Das nicht. Allerdings ist … bezeichnen wir sie als eine Freundin, mitgereist, die unbedingt wollte, dass ich ihr einen Heiratsantrag mache. Da ich mich jedoch aus offensichtlichen Gründen nicht fest binde, habe ich mich vorher von ihr getrennt. Ich hielt es für besser, wenn wir nicht auf dem gleichen Schiff reisen. Deshalb habe ich mich spontan entschieden nicht an Bord zu gehen. Wahrscheinlich die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Neben meinem Flirt mit Queen Victoria, aber ein Gentleman genießt und schwiegt“, Etienne zwinkerte kess. Oh je. Allerdings machte mir das erst bewusst, dass er tatsächlich das viktorianische Zeitalter erlebt hatte.
„Also bist du seit... 200 Jahren unter falschen Namen unterwegs und hast niemals irgendjemandem davon erzählt? Du wolltest niemals... eine Familie gründen?“
„Francis“, betonte er eigenartig und wie ich ihn dafür verachtete, dass er mich bei meinem richtigen Vornamen nannte, obwohl er ihn auf seltsam klangvolle Art und Weise betonte. „Wenn du nicht alterst, lernst du irgendwann die Menschen nicht zu nahe an dich heran zu lassen. Das darf man sich nicht erlauben. Und trotzdem habe ich immer wieder viele verloren, die mir etwas bedeutet haben. Doch etwas wie romantischen Gefühle habe ich niemals Platz gemacht, und das wird sich auch niemals ändern. Nicht zuletzt weil ich es mir nicht erlauben kann. Das würde ich niemandem antun! Damals bei Evangeline war es bereits hart an der Grenze.“
„Evangeline ist das Mädchen, das auf der Titanic war“, fügte er nach einer Weile hinzu.
Das alles musste ich jetzt erst einmal gründlich verdauen. Natürlich wusste ich nicht, ob es mir jemals möglich sein würde. Es erschien mir wie die Geschichte in meinen Büchern, nur dass es in diesem Fall auf verquere Weise real war. Doch es war gleichermaßen aufregend wie beunruhigend zu wissen, was es mit Etienne auf sich hatte. Mit dem Picknick zwischen den Glockenblumen fing es an.

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Was sagt ihr zu Etiennes Geheimnis? (:

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aeffle 20. Jun 2017

Uh, du machst es hier aber spannend. :-)
Da ist Etiennes Geheimnis nun endlich gelüftet - ich muss sagen, ich habe mit etwas Ähnlichem gerechnet, aber eben nicht mit der genauen Geschichte - und es kommen weitere Fragen auf. Das macht die Geschichte weiterhin sehr interessant und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Und jetzt muss natürlich auch Frankie noch ein Geheimnis ausplaudern, mal sehen, welches das sein wird. Ich tippe ja auf ihre Geschichte mit Katie und David.

Ich mag es, diesen Text hier zu lesen - du hast einen sehr lockeren Schreibstil, der gut zu Frankie passt, wie ich sie mir vorstelle.
Ich bleibe also weiterhin dran und freue mich über neue Kapitel.

Viele Grüße
aeffle

Monsterkekzz 09. Jun 2017

Puuuh, also du machst mich echt Verrückt mit dieser Geschichte. Die kleine Detektivin in mir, möchte auch, dass dieses Geheimnis gelüftet wird und zwar schnell. :D

Ich finde es echt erstaunlich und ich bin neidisch, dass du immer so viele tolle Ideen für deine Stories hast. ich ziehe meinen Hut.

Dein Schreibstil ist echt super, man kann dir prima folgen und du schmückst alles immer sehr gut aus, so dass man wirklich in diese Welt eintaucht.
Was ich besonders toll finde ist, dass es in Irland spielt. Ich war letztes Jahr für eine längere Zeit da und es ist wie eine kleine Zeitreise zurück :) Vielen Dank dafür.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht und freue mich über das kommende Kapitel. Mal sehen, was Etienne so anstellt mit Frankie und wie sich Casey noch so einbringt in die ganzen Verworrenheiten.
Alles Liebe, Saskia

Wildblume 13. Jun 2017
Hey :). Erst einmal sorry, dass ich auf deine letzten Rezensionen nicht geantwortet habe. Normalerweise versuche ich das ja immer, aber ich hatte sie schon gelesen und wollte sie später kommentieren und na ja... Hab es dann irgendwie versäumt :D. Sorry. Aber ich freue mich wirklich über jedes Review und da du eine fleißige Leserin und Rezensionen-Verfasserin bist... vielen Dank für die Motivation (;. Selbstverständlich hoffe ich, dass es weiterhin spannend bleibt. Ich werde mir jedenfalls viel Mühe geben. Liebe Grüße.
Monsterkekzz 09. Jun 2017

Hey,
Oh Gott, ich war selten so verwirrt wie jetzt nach diesem Kapitel o.O Ich habe da so einen Verdacht, allerdings kann ich mir odhc nicht vorstellen, dass es diese Person ist. Außerdem, was sollte er für ein Motiv haben und dann auch noch mehrere Mädchen.

Ich bin wirklich gespannt, wie es weiter geht und freue mich auf die nächste Gänsehaut :)

Alles Liebe, Saskia

Monsterkekzz 31. May 2017

Hey meine Liebe,
ich verfolge deine Story jetzt schon eine Zeitlang und muss sagen, dass sie mir gut gefällt.

Frankie finde ich erstaunlich. Sehr cooler Charakter so taff und schlagfertig. Gefällt mir.

Aus Etienne werde ich nich nicht so schlau, aber ich freue mich mehr über ihn zu erfahren.

Carly finde ich süß. Ich hoffe sehr, dass sie sich eine Scheibe von Frankie abschneidet und aus sich herauskommt.

Phoenix ist eine Zicke, wie sie im Buche steht. Ich mag sie nicht. Bin aber gespannt, was sie nich so alles gegen Frankie ausheckt und warum sie eigentlich so ein Biest ist.

Freue mich, bald wieder was von dir zu lesen.
Alles Liebe, Saskia