Wo sie recht hat

vor 9 Tagen
Thorin hat die Schlacht der fünf Heere schwer verletzt überlebt, aber seine beiden Neffen sind gefallen. Er lässt seine geliebte Schwester Dís, Mutter von Fíli und Kíli, von Dwalin und Balin heim in den Erebor holen und diese Reise wird nicht nur Dwalins Leben für immer verändern. Dies ist die Geschichte von Dís, Tochter von Königen.
Der Hobbit Romanze P18 Abenteuer Beendet

Kapitel 1

Jedes Mal wenn Oin später Thorins Lunge abhorchte, war er wieder erstaunt, dass der König diese schwere Verletzung tatsächlich überlebt hatte. Sein Lebenswille war unbezähmbar gewesen. Zumindest solange man ihm die Tatsache hatte vorenthalten können, dass Kíli und Fíli gefallen waren. Danach schien er mit einem Schlag um Jahre gealtert. Er hatte auf seinem Lager gelegen ohne eine Regung erkennen zu lassen, an die Decke gestarrt und war nicht ansprechbar gewesen. Balin hatte daraufhin die dringendsten Amtsgeschäfte versehen und auch keinerlei Schwierigkeiten gehabt, für Thorin handeln zu können. Sein Ansehen und seine langjährige Verbundenheit mit dem König waren bekannt und jeder war seinen Anordnungen ohne Zögern nachgekommen. Balin hatte auch die Feierlichkeiten zur Bestattung der beiden Prinzen vorbereitet. Doch der festgesetzte Tag war näher gekommen und Thorin machte keinerlei Anstalten, aufzustehen und seine Pflicht als König und als ihr nächster Verwandter zu erfüllen. Balin hatte lange vergeblich auf Thorin eingeredet, raufte sich seufzend die Haare und schickte einer plötzlichen Eingebung folgend schließlich Dwalin zu ihm.

Die dicken Steinwände und schweren Holztüren hatten den Tumult in Thorins Gemächern zwar gedämpft, aber es war deutlich zu vernehmen gewesen, dass Dwalin den König aus vollem Hals anbrüllte. Kurz darauf war auch Thorin laut geworden, ohne dass man verstehen konnte, was genau gesagt wurde. Balin machte sich schon Vorwürfe, dass er auf Dwalins Unterstützung zurückgegriffen hatte, als es plötzlich still im Zimmer wurde. Eine Stunde später hatten sich die Flügeltüren geöffnet und die beiden waren herausgekommen. Schwer mitgenommen wie es schien. Zerraufte Haare und aufgeplatzte Lippen...
Dwalins linkes Auge war dabei, zuzuschwellen und Thorins linkes Ohr war eingerissen und blutete stark. Doch Thorin war endlich aufgestanden und angekleidet und beide machten sich, als wäre nichts geschehen, auf den Weg in die Dampf- und Badegrotten. Dort waren sie zwei Stunden im heißen Dampfbad gewesen, hatten sich massieren und mit derben Schwämmen abreiben lassen, um schließlich mit einem Krug Bier im warmen Wasser zu entspannen.
Thorin hatte einen großen Schluck genommen, den Kopf auf den Beckenrand sinken lassen und die Augen geschlossen.
„Das war nötig“, murmelte er endlich.
„Immer wieder gerne“, knurrte Dwalin, während er sein geschwollenes Auge mit dem Bierkrug kühlte.
„Ich will, dass Du Dís abholst“, sagte Thorin unvermittelt.
„Aber nur wenn Balin mitkommt und das Reden übernimmt, sonst seh ich hinterher schlimmer aus als jetzt“, brummte Dwalin.
„Gut möglich“, ächzte Thorin und war untergetaucht.


In der Folge hatte Thorin die Bestattungsfeierlichkeiten vorbildlich geleitet. Noch auf Balins Anweisung hin waren wunderbare helle Steinsärge angefertigt worden, die in meisterhaften Reliefs Kílis und Fílis Abbildungen zierte. Als Vorlage hatte der Steinmetz Zeichnungen von Ori verwendet. Beide schweren Särge standen dicht nebeneinander in der königlichen Gruft. Die Figuren darauf waren einander zugewandt und so sah es aus, als blickten sich Kíli und Fíli noch im Tode an. Balin hatte diese ungewöhnliche Darstellung gewählt, um die Verbundenheit der Brüder zu zeigen und hoffte inständig, dass Thorin damit einverstanden sein würde. Am Vorabend der Feier war Balin zusammen mit Thorin langsam hinuntergegangen. Bisher hatte Thorin diesen Gang immer vermieden. Als er die Gruft betrat und die vorbereiteten Särge im Licht der Kerzen das erste Mal in Augenschein nahm, wurden ihm die Knie weich. Er keuchte und musste sich an einer Säule stützen. Balin missdeutete seine Reaktion zunächst und beeilte sich, zu versichern:
„Das kann alles noch geändert werden. Es sollte nur … „
Aber Thorin schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab ohne ihn anzusehen und bedeutete ihm, zu gehen. Balin seufzte, verließ die Grabkammer und als er die Tür hinter sich schloss, sah er gerade noch, wie Thorin zusammengesunken zwischen den Särgen kniete, mit hängendem Kopf und bebenden Schultern.

Thorin hatte danach auch die Amtsgeschäfte wieder in vollem Umfang übernommen. Und wenn er früher schon strikt gewesen war, so war es nichts gegen seine jetzige Strenge und Unnachgiebigkeit. Am allerstrengsten aber war er gegen sich selber. Er gönnte sich keine Ruhe, keine Pausen. Er war morgens der erste und abends der letzte und nur dann konnte er nachts erschöpft in einen traumlosen Schlaf fallen.

Zwei Wochen nach der Trauerfeier waren Balin, Dwalin und ein ausgewählter Begleittrupp in den Ered Luin aufgebrochen, um Dís, Tochter von Thrain, heimzuholen. Auch Bilbo war mit ihnen geritten. Er konnte so einen Großteil der Reise zusammen mit ihnen zurücklegen, um sicher zurück ins Auenland zu gelangen. Der Abschied war allen sehr schwer gefallen und Bilbo hatte unter Tränen gesagt, er warte schon jetzt auf eine Gelegenheit, zu Besuch zu kommen. Thorin hatte ihnen von den Zinnen der Vorburg aus nachgesehen und es hatte ihm schon damals davor gegraut, seiner Schwester unter die Augen zu treten. Seiner Schwester, der er ihr Liebstes genommen hatte. Sie hatte ihn angefleht, wenigstens Kíli das Mitkommen nicht zu gestatten und doch waren beide mitgekommen. Beide gefallen. Er fragte sich, für wen er nun Tag für Tag daran arbeitete, den Erebor zu seinem früheren Glanz zurückzuführen.

Er hatte den Erebor so sehr in alter Pracht gewollt. Mehr als alles andere auf der Welt. Mehr als ein behütetes Zuhause in den Blauen Bergen im Kreise seiner Familie. Dem kleinen Rest Familie, der ihm geblieben war. Er hatte sie alle ins Unglück gestürzt. Und nun würde er vollenden müssen, was ihn damals in seinen Träumen fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Es würde seine Strafe sein. Und wenn er jemals fertig würde, dann könnte er sich von diesen Zinnen stürzen und seinem Schmerz ein Ende bereiten. Er hatte überlegt, ob es Dís besänftigen würde, die Hallen wieder in ihrer vollen Pracht zu sehen, aber er war sich ziemlich sicher, dass sie kaum noch eigene Erinnerungen an den Erebor haben konnte und ihr dies alles viel weniger bedeuten musste als ihm. Er würde sich ihr stellen müssen, wie er sich Azog gestellt hatte. Und irgendwie war ihm, als würde er es lieber noch einmal mit Azog aufnehmen.

Lange bevor Balin mit der offiziellen Botschaft bei Dís in den Blauen Bergen eintraf, hatte es dort Gerüchte vom Fall des Drachen und von der großen Schlacht gegeben. Auch Thorin sei an seinen schweren Verletzungen gestorben und Dáin regiere den Erebor, erzählte ein Reisender, der es wiederum von jemanden gehört haben wollte, der mit den Elben im Düsterwald Handel trieb. Natürlich waren dies alles nur Gerüchte, doch tief in ihrem Herzen war da eine Stimme, die ihr zuflüsterte, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden würden.
Vier Wochen später wurde ihr die Ankunft der Delegation gemeldet und sie eilte zur Eingangshalle. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und als sie Dwalins und Balins Mienen sah, wusste sie, dass das Schlimmste eingetreten war. Balins wohl gewählte Worte drangen kaum bis zu ihr durch: Der Erebor war zurückgewonnen, Thorin hatte schwer verletzt überlebt, aber Kíli und Fíli würde sie nie wieder in ihre Arme schließen können. Der Schock überflutete ihre Glieder. Sie konnte der Gesandtschaft noch danken und Anweisungen für ihre Unterbringung geben. Dann zog sie sich in ihre Gemächer zurück und brach zusammen. Wie schwarzes eiskaltes Wasser sickerte die Erkenntnis von ihrem Verlust langsam in ihr Bewusstsein. In den folgenden Tagen und Wochen wechselten Phasen von Schmerz bis zur Besinnungslosigkeit, maßloser Wut auf ihren Bruder und bodenlosem Lebensüberdruss. Erst nach Wochen war sie bereit, die Reise zum Erebor überhaupt anzutreten.

Der lange Ritt gab ihr Zeit zum Trauern, zum gemeinsamen Erinnern und Erzählen mit Balin und Dwalin und sie konnte sich einfach treiben lassen, ihren trüben Gedanken nachhängen oder auch ihren Tränen freien Lauf lassen. Sie hatte keinerlei Verpflichtungen, außer ihr Pony in der Reihe zu halten. Die Schlacht der fünf Heere hatte viele Orks führerlos in abgelegene Landstriche zurückgedrängt und die Straßen waren wieder einigermaßen sicher. Auch hatten sich der Gruppe im Ered Luin noch knapp zwei Dutzend meist junger ungebundener Zwerge angeschlossen, die nichts zu versorgen und keinen großen Hausstand aufzulösen hatten. Sie alle lockte die Aussicht auf ein Abenteuer und einen Neuanfang im Erebor. Dwalin war das nur recht. Je mehr sie waren, um so sicherer. Nachts wurde für die Prinzessin ein komfortables Zelt aufgebaut und so verlief die Fahrt relativ bequem und relativ ereignislos, abgesehen von jenem denkwürdigem Scharmützel im Nebelgebirge.

Bruchtal hatten Balin und Dwalin geflissentlich umgangen und die Gruppe war auf schmalen, alten Handelspfaden im Gebirge gut vorangekommen und hatte eines Abends den Pass erreicht. Am Lagerfeuer erzählte Balin von ihren Abenteuern tief unten in den Orkhöhlen, von Kampf der Steinriesen, vom Orkhäuptling und seinem Lied und ihrem knappen Entkommen. Aber es war bisher so friedlich auf dieser Reise gewesen, dass die Jüngeren sich belustigte Blicke zuwarfen und ganz offensichtlich kein Wort glaubten. Dís hatte bei der Erwähnung der Steinriesen selber so ihre Zweifel. Aber Balin erzählte einfach ganz wunderbar. Und es ließ für Dís die letzte Reise ihrer Söhne noch einmal lebendig werden.

Der nächste Morgen zog mit Vogelgezwitscher und windigem, wolkenlosem Frühsommerwetter herauf und alle waren sehr früh auf den Beinen, um den Abstieg anzugehen. Der Weg wand sich bergab und das Gelände wurde unübersichtlich. Dwalin war schon seit der Frühe seltsam unruhig und drängte vorwärts. Schließlich ritt er allein voraus, um den Weg zu erkunden. Etwa eine halbe Stunde später hörten sie plötzlich seinen Schlachtruf und Waffengeklirr aus der Ferne. Dís erschrak. Wie abgesprochen, sprangen sofort Balin und fünf erfahrene Kämpfer an ihre Seite, während der Rest die Waffen zog und Hals über Kopf den Berg hinab jagte. Dem Kampflärm nach. Als sie verschwunden waren und keiner ihrer Leibwache Anstalten machte, ihren Kameraden zu folgen, trat Dís ihrem Pony in die Seiten und ritt hinterher, so dass ihren Bewachern nichts anderes übrigblieb, als zu folgen. Doch als sie die Stelle erreichten, war bereits alles vorüber. Zehn Orks lagen tot in ihrem Blut, drei davon schwer bewaffnete Krieger. Der Rest, und Dís musste zweimal hinschauen, war offensichtlich weiblich. Orkweiber! Schmächtig, fast nackt und bis auf einige schartige Messer unbewaffnet. Das was aber die Blicke aller auf sich zog, war ein rasendes, vor Schmutz starrendes Bündel Haut, Muskeln und verfilzten Haares. Mit einem der Orkmesser hieb es immer und immer wieder auf eine der Toten ein und brüllte Verwünschungen. Endlich packte Dwalin ihren Arm und entwand ihr das Messer.
„Toter wird sie nicht! Gut jetzt! Gib mir das!“, bellte er.
Schwer atmend hielt die verwahrloste Zwergin, denn das musste sie sein, inne und sah mit gebleckten Zähnen zu ihm auf. Nur langsam kam sie zu sich und Dwalin zog sie auf ihre Füße. Sie war ein gutes Stück kleiner als er, nackt bis auf einen fleckigen Lendenschurz, drahtig und erbarmungswürdig mager. Ihr ganzer Körper war dreck- und rußverschmiert und mit alten und frischen Striemen und Blutergüssen übersät. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, aber Dís schätzte grob, dass sie um einiges älter als Fíli war. Um den Hals trug sie eine eiserne Schelle, an der eine schwere Kette hing. Aber sie reckte den Kopf und sah trotzig in die Runde.
„Hört auf zu glotzen und bringt eine Decke! Kunin! Sieh zu, das Du das Ding hier ab kriegst!“, brüllte Dwalin, trat vor und schirmte sie vor den neugierigen Blicken ab.
Kunin, einer der Schmiede, sprang herbei und öffnete seine lederne Feinwerkzeugrolle. Während er sich an dem groben Schloss der Schelle zu schaffen machte, hatte Dís ihren Mantel von den Schultern genommen und ihn der Zwergin umgeworfen. Einen Augenblick später sprang die Schelle auf und Dís nahm sie vorsichtig ab. Das kantige Metall hatte sich tief ins Fleisch gerieben und die Haut darunter war blutig und entzündet. Dís sah, dass die Fremde den Tränen nahe war, zog sie in eine Umarmung und rieb ihr beruhigend den Rücken.
„Jetzt wird alles gut. Shh! Keiner wird Dir mehr etwas zuleide tun. Du bist in Sicherheit, Kleines“, flüsterte Dís ihr zu und spürte die andere in ihrem Arm immer noch schwer atmen.
Dwalin bückte sich derweil zu der Leiche und schlug mit dem Heft des Orkmessers, das er immer noch in der Hand hielt, heftig und gezielt auf den Oberkiefer der Toten. Mit einem hässlichen Knacken brach er einen der beiden langen Reißzähne heraus. Er hielt ihn hoch und sagte:
„Den verwahre ich für Dich. Als Talisman“.
Dann bestieg er sein Pony und kam heran geritten.
„Lasst uns erst einmal ein paar Meilen zwischen uns und dieses Pack hier bringen. Du! Hilf ihr hoch zu mir! Später kann sie eines der Packponys nehmen“, befahl er einem der Zwerge. Der sprang von Sattel und gemeinsam mit Dís halfen sie der Fremden hoch. Ganz in Dís' Mantel gewickelt saß sie quer vor Dwalin im Sattel.
Dís fasste noch einmal ihre Hand und fragte ernst:
„Eins müssen wir noch wissen: Gibt es noch weitere Gefangene?“
„Prinzessin! Wir sind nicht auf einer Befreiungsmission“, unterbrach Balin sie mit gerunzelter Stirn.
„Prinzessin?“, kam es heiser unter dem Mantel hervor und die Fremde sah sie mit großen grünen Augen an.
„Mein Name ist Dís, Tochter von Thrain und ich bin die Schwester von Thorin, dem König unter dem Berg Erebor. Dorthin sind wir auch unterwegs. Und das hier ist Dwalin, Sohn von Fundin“, stellte sie vor, „Und wie heißt Du?“.
„Dwin. Zu Euren Diensten“ antwortete sie und deutete eine Verbeugung an, so gut ihr dies in ihrer Lage möglich war. Ihre Stimme klang rau und heiser, so als hätte sie seit Monaten nicht gesprochen. Dann fügte sie stockend hinzu:
„Ich bin die letzte … Gefangene. Weil … weil durbûrz … äh, ich meine … weil ich stark bin und die schweren Arbeiten machen konnte. Alle anderen haben sie… haben sie … gefressen. Tin… und Jobi, und ...“
Sie brach ab, vergrub das Gesicht an Dwalins Brust und ballte ihre Hände zu Fäusten.
Dís wechselte einen entsetzen Blick mit Dwalin. Dwin musste Furchtbares erlebt haben.
Dwalin fasste ihr Kinn und hob ihren Kopf leicht an, damit sie ihm in die Augen sah.
„Du hast überlebt. Du bist stark. Und dieser Abschaum hier hat bekommen, was er verdient hat. Sieh nicht zurück!“, brummte er. Dwin sah ihn an, holte einmal tief Luft und nickte.
Ohne weitere Worte umfasste Dwalin Dwin mit seinem linken Arm, wendete vorsichtig sein Pony mit der Rechten und ritt weiter den Pfad bergab. Junkin hatte bereits einen anderen Mantel aus Dís' Gepäck geholt und hielt ihn für seine Herrin bereit. Die Prinzessin stieg rasch wieder auf. Sie schloss zu Balin auf, der jetzt hinter Dwalin ritt.
„Du sprichst die Schwarze Sprache?“, fragte Dwalin gerade.
„Na ja. Nur die Anführer sprechen die Schwarze Sprache richtig. Die meisten reden so ein Mischmasch aus Schwarzer Sprache und ihrem Stammeskauderwelsch. Aber in drei Jahren bekommt man schon einiges mit“
„Drei Jahre!“, dachte Dís mitleidig.
„Werden sie uns verfolgen?“, wollte Dwalin weiter wissen.
„Nein, sicher nicht. Die Horde besteht fast nur noch aus Weibern und Alten. Es sind fast keine Krieger aus der großen Schlacht wiedergekehrt. Nur sieben. Und drei davon liegen jetzt da oben am Pass. Und die drei hatten keine nahe Verwandtschaft außer dem alten Weib, von dem der Zahn ist. Nein, sie werden heute Nacht rauskommen und die Vermissten suchen. Und was die Wölfe übrig gelassen haben, werden sie mitnehmen. Und sich wieder verkriechen. Wenn sie nicht so dringend Holz gebraucht hätten, wären wir auch gar nicht mehr bei Tagesanbruch draußen gewesen. Und wenn sie mich nicht zum Holzschleppen mitgenommen hätten, wäre ich jetzt immer noch da unten… Oh, Mahal!“, antwortete sie schaudernd.
Dwalin brummte etwas Unverständliches.
„In etwa fünf Meilen kommt eine Hochebene. Da ist ein Bach und ein kleiner See. Da kann ich mich waschen“, sagte sie dann.
„Nötig wär's“, knurrte Dwalin. Dann griff er in seine Satteltasche und holte einen Beutel Trockenfleisch hervor.
„Hier“.
Dwin ächzte dankbar, schlang den Beutelinhalt ausgehungert herunter und lehnte sich dann erschöpft an ihn. Schweigend ritten sie weiter und als sie gegen Mittag den See erreichten, war sie in seinem Arm eingeschlafen.
Dwalin weckte sie und sie glitt behände vom Pony. Sie sah zu ihm hoch.
„Das hat mir gut getan. Aber Du hättest mich nicht solange schlafen lassen dürfen. Jetzt ist Dein Arm sicher ganz steif“, sagte sie gähnend.
„Sicher nicht nur der“, witzelte jemand aus der Gruppe. Röhrendes Gelächter, das allerdings auf Dwalins finsteren Blick hin erstarb. Dwin lächelte nur.
Dís war dabei mit Junkin frische Reisekleidung, Seifen, Fläschchen, Salben, Tücher und eine ihrer Haarbürsten aus ihrem Gepäck zu suchen und Dwin nahm ihr rasch den Packen ab. Zusammen wanderten beide noch ein Stückchen das Seeufer entlang.
Dwalin beorderte den Witzbold zum Feuerholz holen, ließ die anderen rasten und eine Mahlzeit vorbereiten. Er selber postierte sich in einiger Entfernung als Wachposten mit dem Rücken zu den Zwerginnen.
Die Sonne stand hoch und wärmte bereits ordentlich, aber das Seewasser war durch die Schneeschmelze eiskalt. Dís hängte ihre beiden Mäntel noch als Sichtschutz in die Büsche und entkleidete sich langsam. Sie setzte sich auf einen sonnenwarmen Stein am Ufer und wusch sich sorgfältig mit einem Tuch, während sie Dwin beobachtete. Die warf den Lendenschurz fort und stürzte sich prustend ins Wasser. Sie schwamm zur Seemitte, tauchte und kam im Bogen zu ihr zurück. Vor Kälte klappernd, aber strahlend stieg sie aus dem Wasser und Dís seifte sie mit einem Lappen kräftig ab. Dwin wollte ihre Hilfe erst nicht in Anspruch nehmen, fügte sich aber Dís´ befehlsgewohntem Ton. Dann kam ihr verklebter Schopf an die Reihe. Dreimal schäumte Dís diesen ein und zum Vorschein kam ein blonder, lockiger Kinnbart und eine ebensolche Mähne völlig verfilzten Haares. Dís hatte noch eine ganze Flasche Haarbalsam mit Obstessig, die das Kämmen etwas erleichtern sollte und verteilte die Hälfe davon in Dwins Zotteln. Bevor diese dann sauber und nach Seife duftend in die frischen Sachen schlüpfte, versorgte Dís noch ihre vielen Wunden mit einer Heilsalbe.
„Ist er gebunden?“, fragte Dwin unvermittelt, während Dís ihren geschundenen Hals und Rücken vorsichtig mit der Salbe bestrich.
„Wer?“, fragte die Prinzessin verdutzt zurück.
„Na, Dwalin“, antwortete Dwin.
„Nein, ist er nicht. Er ist in erster Linie Krieger, in zweiter Linie Krieger und drittens auch. Er steht nur seinem Bruder Balin nahe. Das ist der alte Fuchs mit dem weißen Bart da drüben. Und er ist meinem Bruder treu ergeben. So war es schon immer. Seit ich denken kann. Eine Zwergin hat es meines Wissens in seinem Leben nie gegeben“

Die Prinzessin sah, dass Dwin ihre edle Haarbürste in den Händen drehte und bekam große Augen.
„Was hast Du vor?“, fragte sie besorgt.
„Er ist der Eine für mich“, antwortete Dwin ernst.
„Der Eine! Dwin! So ein Unsinn! Ihr kennt Euch gerade einmal einen halben Tag und das meiste davon hast Du verschlafen! Und glaub mir, er ist auch nicht so von der charmanten Sorte“, wandte Dís abschätzig ein.
„Ich hab die vielen Geschichten von „Der Eine auf den ersten Blick“ auch immer für Märchen gehalten. Hübsche Geschichten für kleine Mädchen. Nichts für mich“, gestand sie kopfschüttelnd und seufzte.
„Ich hatte einige Verehrer in der Zunft, die mir mehr oder weniger gefielen und ich hätte sicher irgendeinen von ihnen eines Tages gewählt, weil man das eben so macht. Und wer will schon allein alt werden. Aber ich habe niemals auch nur annähernd so empfunden wie heute. Niemals! Wisst Ihr, vor einem halben Tag saß ich dort unten im Dunkeln. Irgendwie hatte ich mich wieder einmal durch die Nacht geschleppt, geschuftet und alles was ich wollte, waren ein paar Stunden Schlaf in meiner Ecke. Einfach nur vergessen. Und dann kam der Morgen und Krôz zerrte mich an der Kette mit sich. Nach draußen! Im Osten sah man schon ein bisschen Morgenrot. Wir hetzten zum Holzsammeln und ich konnte kaum laufen, weil ich seit zwei Tagen fast nichts zu essen bekommen hatte. Und dann ging die Sonne auf und auf einmal war da dieser riesige Krieger! Und er hat sie alle erschlagen. Wie mühelos! Fast wie … wie ein Tanz! Einen nach dem anderen. Ihr hättet das sehen sollen! Dann stand er da und sah mir in die Augen. Und es … es war, als würde die Welt stillstehen und mein Herz gleich zerspringen. Und ihm schien es ganz genauso zu gehen. Und plötzlich kamen die anderen den Berg herab. Und ich sah Krôz da liegen mit dieser gewaltigen Wunde im Bauch. Aber sie bewegte sich noch. Die Hexe! Und ich sah rot und kam erst wieder zu mir, als er mich festhielt und mir das Messer abnahm. Er hat mich befreit und seine Worte drangen mir ins Herz. Wir gehören zusammen. Da bin ich mir ganz sicher“.
„Na, besonders viele Worte waren das ja nun nicht und dann über eklige, gelbe Orkzähne! Sehr romantisch!“, flachste Dís.
„Ich muss wissen, was er denkt“, sagte Dwin bestimmt und kleidete sich fertig an. Sie verbeugte sich tief und dankte Dís. Dann wandte sie sich zu Dwalin um, aber Dís hielt sie zurück.
„Warte! Überstürze das nicht! Das hat bis morgen Zeit oder übermorgen! Oder warte meinetwegen, bis er etwas sagt“.
Doch Dwin ergriff ihre Hände und lächelte.
„Wer kann schon wissen, ob wir nicht morgen alle tot sind, Prinzessin. Und dann würde ich für immer in den ewigen Hallen sitzen und mich ärgern. Furchtbar ärgern, dass ich nicht weiß, was er denkt! Und er wird nicht den ersten Schritt machen. Das ist meine Aufgabe. Nein, ich werde ihn einfach jetzt fragen“.
Und damit fasste die Fremde die Bürste fester und ging entschlossen zu Dwalin hinüber.

Dís sah ihr völlig entgeistert nach und war überzeugt, dass das nicht gut ausgehen würde. Ausgerechnet Dwalin, der Klotz! Vielleicht hatte Dwins Wahrnehmung in all den Jahren der Gefangenschaft gelitten oder vielleicht war es ein Schlag auf den Kopf zu viel gewesen. Auf der anderen Seite hatte sie sich zugegebenermaßen auch ein klein wenig über Dwalin gewundert. Er hatte sie auf seinem Pony im Arm gehalten, als würde er sie seit Jahren kennen. Es wäre kein großer Zeitverlust gewesen, rasch umzupacken, um eines der anderen Ponys frei zu bekommen. Sie hatte überlegt, ob er vielleicht einfach nicht hatte riskieren wollen, dass sie zu schwach zum Reiten war und stürzte. Aber dann hätte er sie natürlich auch zu jemand anderem aufs Pony setzen können.

Dís sah sich hilfesuchend um und bemerkte, dass auch Balin entsetzt dastand und seinen Bruder und die fremde Zwergin mit offenem Mund beobachtete.

Dwin stand vor Dwalin, der auf eine seiner Äxte gestützt immer noch auf seinem Platz Wache hielt. Dwin sah zu ihm auf und hielt ihm wortlos Dís' Holzbürste entgegen. Dís hielt den Atem an. Wenn Dwalin tatsächlich die Bürste nahm, ihr die Haare ausbürstete und flocht, war das genauso gut wie eine offizielle Verlobung. Das gegenseitige Frisieren war unter Zwergen etwas so Inniges, das es nur zwischen sehr vertrauten Verliebten, Eheleuten, Geschwistern oder Eltern und Kindern gepflegt wurde. Dís war felsenfest davon überzeugt, dass Dwalin sie mit einer schroffen Bemerkung abweisen würde, aber er stand nur da und sah sie ernst an. Dann senkte er den Blick und sagte etwas, das Dís auf die Entfernung nicht verstehen konnte. Doch Dwin lächelte und antwortete ihm genauso knapp.

Und schließlich, Dís konnte es nicht fassen, nahm Dwalin ihr langsam die Bürste aus der Hand! Dwins Gesicht leuchtete auf in einem glücklichen Lächeln und sie machte es sich auf dem sonnenbeschienenen Gras vor ihm im Schneidersitz bequem. Dwalin legte seine Waffen beiseite, setzte sich hinter sie und begann, bedächtig ihre Haare zu entwirren. Ohne einmal nach rechts oder links zu schauen.

Wäre in diesem Moment ein Orkangriff erfolgt, hätten die Angreifer leichtes Spiel gehabt. Ausnahmslos alles starrte die beiden fassungslos an. Endlich begann Dís ihre Sachen vom Seeufer zusammen zu sammeln und schlenderte hinüber zu Balin, der sich unglücklich durch die Haare fuhr.
„Was sagte man nun dazu?“, flüsterte sie amüsiert.
„Was zum Balrog tut er da? Wie kann er derartige Verpflichtungen eingehen, ohne zu wissen, wer sie ist und woher sie kommt! Oh, Dwalin!… Wir wissen doch überhaupt nichts über sie! Nichts! Dís! Ich glaube das einfach nicht!“, jammerte Balin.
„Glaub es besser! Dein kleiner Bruder hat seine Eine gefunden“, sagte sie und klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter.

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Beorn 08. Jul 2017

Sorry, war doppelt gepostet worden....

Beorn 08. Jul 2017

Großartig und mitreißend geschrieben! Hut ab!
Wunderbare Heldinnen hast Du geschaffen. Das hat bei Tolkien echt ein wenig gefehlt... Freue mich schon sehr auf Alwa! :) Can't wait!
Ganz liebe Grüße!
Beorn

custor13 09. Sep 2017
Nett von Dir! Danke für Dein Review!
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