Dämonenperle

vor 5 Tagen
900 Jahre sind vergangen, seit die Menschen den Weltenschrein in ihren Besitz brachten, ein machtvolles Instrument, das er gestattet die Seelen der Toten an eine Person zu binden und sie dadurch mit erstaunlichen Kräften auszustatten. Es war diese Entdeckung, die es den Menschen möglich machte, den gesamten Kontinent unter ihre Kontrolle zu bri..
Fantasy - klassisch Fantasy P16 Abenteuer In Arbeit

10 - Weg in die Schatten

„Keras, bist du wach?“, flüsterte die leise Stimme in der Dunkelheit. Der Junge zuckte leicht auf und öffnete seine Augen. Er sah nichts, doch er spürte ihre Nähe. Sie kniete neben seinem Bett, ihr Gesicht auf einer Höhe mit seinem.
„Ja bin ich.“, gähnte er nach einigen Sekunden des Aufwachens.
„Du musst das sehen!“, sprach sie hektisch. Langsam begannen seine Augen sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und er war in der Lage zu erkennen, wie sie immer wieder ihren Kopf in Richtung der Tür drehte.
„Beeil dich, es fängt bald an.“ Ihre Stimme wurde immer aufgeregter und scheinbar auch nervöser. Welches Spektakel sich auch immer abspielte in der Festung, sie wollte es auf keinen Fall verpassen. Obwohl er nicht unbedingt von der Idee angetan war, sein warmes und gemütliches Bett in dieser Nacht noch einmal zu verlassen, erhob er sich. Meist hatten ihre spontanen Ausflüge, entweder hinaus aus der Stadt oder tief in die verworrenen Gänge, die einst eine lang untergegangene Rasse in den Rastrag gegraben hatte, zu außergewöhnlich schönen Momenten geführt.
Begleitet von einigem langen Gähnen und dem beständigen Reiben seiner müden Augen schwang er seine Beine über die Bettkante und zog sich die provisorischen Schuhe, die man ihm gegeben hatte, über die nackten Füße. Wie üblich, ergriff sie schnell seine Hand und zerrte ihn, schlurfenden Schrittes, hinter sich her.
Er selbst konnte kaum etwas sehen, doch sie war ohne Probleme in der Lage, die tiefe Dunkelheit zu durchschauen, die sie umgab, nicht zuletzt nannten sie viele der Assassinen sie darum „die Katze“.
Je weiter sie sich von seinem Gemach entfernten, desto lauter wurde das Getöse, das Keras nach einigen Augenblicken bemerkte. Wildes Gelächter, das Krachen von Gläsern aufeinander und das angetrunkene Gegröle einer kampfeslustigen Meute.
Mit einem letzten weiten Satz erreichte sie das Tor, das in den größten Bereich in der gesamten Festung führte. Die Turnierhalle war unvorstellbar hoch, angesichts dessen, dass sie sich weiterhin in Inneren eines Berges befanden. Pfeiler ragten meterweit über ihnen empor und trugen die Decke, in die eine Vielzahl von ominösen Symbolen eingeritzt worden war. Vor ewiger Zeit hatten die Assassinen, die diese Festung gegründet hatten, diesen Ort genutzt um zu trainieren und ihre Fertigkeiten zu stählern. Mittlerweile hatte man den Raum zu einem Speisesaal umfunktioniert. Eine Vielzahl von Stühlen und Tischen standen für gewöhnlich ordentlich aneinander gereiht hier, doch scheinbar hatte man sie hektisch beiseite geräumt, unachtsam, ob der Getränke und des Essens, das man dabei auf dem Boden verteilt hatte.
Der Lärm in der Halle war ohrenbetäubend. Die Assassinen, nahezu alle gehüllt in ihre schwarze Kampfmontur, hatten einen Kreis um etwas gebildet, das wohl im Zentrum stattfand.
Schnell hatte Cecilia für sie beide einen Weg zwischen den unaufmerksamen Wachen hindurch gebildet und sie fanden sich in der vordersten Reihe wieder.
Zwei Männer standen im Mittelpunkt des Geschehens. Einer von ihnen war alt, mit kurzem, grauem Haar, das nur noch vereinzelt die kahlen Stellen seines Kopfes bedeckte. Er hatte den schwarzen Mantel abgelegt und ein weißes, deutlich dünneres Oberteil offenbart. Mit einem süffisanten Grinsen musterte Terbal den zweiten Mann, der ihm gegenüberstand.
Dieser war Keras nicht vertraut. Er war keiner der Ärzte und auch keiner derjenigen, die ihn aus Neugier in seinem Zimmer besucht hatten und der Junge konnte nicht behaupten, dass ihn das trauern ließ.
Das erste was er an dem Mann wahrnahm, war die Arroganz die in seinem Blick lag. Er war größer als Terbal, wenigstens einen Kopf. Seine Schultern mussten wenigstens doppelt so breit sein, wie die des ältlichen Ordensmeisters. In seiner rechten Hand hielt er einen Speer, die linke lag locker an seiner Hüfte. Er musterte jeden Schritt seines Kontrahenten, während sie sich zögerlich umkreisten.
„Wer ist das?“, flüsterte Keras, während er sich etwas näher an Cecilia presste, deren fester Griff der einzige Grund war, warum die Bewegungen in den Massen der Assassinen ihn nicht sofort wieder nach hinten drängten.
„Sein Name ist Cobura. Er hat mich damals aufgenommen und sich um mich gekümmert, als ich verwaist hier auftauchte und er ist der direkte Untergebene von Terbal.“, gab sie kurz zur Erklärung, ohne ihren Blick von dem, was Keras lediglich als einen kleinen Tanz beschreiben konnte, abzuwenden.
Bisher hatte sie nicht viel über sich erzählt, lediglich, dass sie damals ihre Eltern bei einem Überfall kurz vor den Toren der Stadt verloren hatte. Cobura musste der Assassinen sein, der damals erschienen war und wenigstens ihr Leben hatte retten können, wenn auch nicht das Leben ihrer Eltern.
„Du lernst es einfach nicht, oder?“, kam es abrupt von Terbal, der ruckartig einen Richtungswechsel in seiner Bewegung vollzog und seinen Gegner bereits damit aus dem Gleichgewicht brachte. Für einen Moment verlor Cobura die Kontrolle über seine Füße, lang genug für den Mann um zu agieren. Mit einer Agilität, wie man sie von keinem Menschen erwarten konnte, geschweige denn von einer Person die ihre besten Jahre wohl schon einige Zeit hinter sich gelassen haben musste, schoss er vorwärts und traf den Jüngeren mit einem präzisen Hieb gegen die Brust.
Cobura taumelte, sprang jedoch mit einem weiten Satz zurück und schien sich wieder zu fangen. Ehrfürchtige Stille hatte sich unter den Zuschauern breitgemacht und erzeugte eine so unangenehme Intensität, dass Keras es kaum wagte, zu atmen, während der Tanz der Kämpfer von vorne begann.
Dieses Mal schien die Menge jedoch nicht so lange warten zu müssen, damit sie erneut in Getöse hätten verfallen können. Cobura raste nach vorne und schlug frontal nach dem Gesicht des Ordensmeisters, den der Angriff jedoch nicht ein bisschen aus der Fassung brachte. Ein simpler Schritt zurück ließ den Schlag ins Leere laufen und schien den Jüngeren erneut aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch dieses Mal fing er sich sofort. Mit einer unglaublichen Kraft kam er zum Stehen und wirbelte um seine eigene Achse, wobei der Speer zu einer Art Windmühle wurde, die todbringend auf seinen Feind zu kreiste, doch wieder war Terbal seinem Gegner voraus. Er machte einen Schritt nach vorne, hinaus aus dem Areal, durch das die Klinge des Speers gleiten würde, hin in den Bereich in dem sich das Holz befand, das die scharfe Spitze mit der Hand des Trägers verband.
Mit einem Geräusch, als würde eine Axt mit einem einzigen Hieb einem Baum entzwei teilen, zerbrach das Holz am Körper des Ordensmeisters. Unfähig seine Bewegung zu stoppen kreiste Cobura noch etwas weiter, während Terbal mit einer einzigen fließenden Bewegung die Spitze des Speers hinter sich aus der Luft fischte, ein Bein hinter denen seines Untergebenen platzierte und ihn mit einem leichten Schulterstoß zu Boden warf.
Keras brauchte einige Sekunden um zu realisieren, was geschehen war, scheinbar so wie alle anderen, die den kurzen Kampf gebannt betrachtet hatten.
Die Klinge seiner eignen Waffe ruhte an der Kehle von Cobura, der ungläubig hinauf in die Augen des alten Mannes blickte.
„Du bist zu wild, deine Aktionen nicht bedacht genug.“, erklärte er ihm ruhig, während er sich von ihm erhob und sich ein wenig Staub von dem weißen Oberteil klopfte. Er warf die Speerspitze zu den übrigen zerbrochenen Teilen der Waffe und wandte sich langsam ab.
„Für heute haben wir genug Unterhaltung geboten. Ich werde mich bis zum morgendlichen Mahl zurückziehen.“, verabschiedete sich Terbal von den anwesenden Zuschauern, die ehrfürchtig Platz machten und ihn mit bewundernden Blicken überschütteten. Keras kam nicht umher, einer von ihnen zu sein, die mit Ungläubigkeit die Macht dieser Person anerkennen mussten, doch er sah noch etwas, ein Zucken am Rande seines Blickfelds. Er drehte sich leicht und fixierte Cobura, der sich keuchend aufgerafft hatte.
Dunkelheit hatte seine Hände umhüllt und waberte bedrohlich durch seine Finger. Blinder Hass blitze in seinen Augen auf, während er mit einem unkontrollierten Schrei beide Hände nach vorne stieß. Die Schatten zwischen seinen Gliedern wurden stürmisch und schossen mit brachialer Kraft von seinem Körper weg, direkt auf den Rücken des Ordensmeisters zu.
Keras sah das Entsetzen einiger Assassinen um sich herum, die schnell genug realisiert hatten, was geschehen war, doch keiner von ihnen war schnell genug zu reagieren. Cecilias Hand löste sich von der seinen.
So schnell wie der Moment gekommen war, hatte er auch geendet. Lediglich zwei Personen waren schnell genug gewesen um zu reagieren. Terbal war herumgewirbelt. Eine grünlich schimmernde Substanz hatte sich wie ein dünnes Tuch über seine rechte Hand gelegt, die er, ähnlich einem Schild auf die Attacke gerichtet hatte, doch sie hatte nicht einmal die halbe Strecke zu ihm zurücklegen können.
Völlig ruhig stand Cecilia vor dem Strahl der wie von Geisterhand erstarrt war, nah genug um ihre Nase bereits zu berühren. Lautlose Worte flossen über ihre Lippen, ehe sie ihre Hand erhob und mit einer unwirschen Bewegung den Strahl in seine Einzelteile zerfallen ließ.
„Das genügt, Cobura!“, fauchte sie ihn an und griff nach dem Speer am Boden, der wie durch Zauberhand wieder zu einer ganzen Waffe zusammengewachsen war. Sie streckte ihm die Waffe entgegen, doch er erhob sich ohne sie eines Blickes zu würdigen. Mit weiten Schritten stapfte er durch das Areal, das man für ihren Kampf geräumt hatte, drängte sich eng an Terbal vorbei und verschwand aus der Halle.
Die Intensität, die die Masse bis jetzt im Zaum gehalten hatte, schwand mit einem Mal und ein Schwall aus Lärm brach über Keras herein. Hektisch wurde diskutiert, was soeben geschehen war und einige abwertende Bemerkungen fielen, die jedoch in der Masse kaum genau hörbar waren.
„Komm mit, wir verschwinden!“, hörte er von Cecilia, die eilig zu ihm gelaufen war und ihn wieder aus dem Saal heraus begleitete. Leise murmelte sie einige Worte vor sich her, die nach wüsten Beschimpfungen klangen.
„Er ist nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst.“, versuchte sie abrupt den Mann in Schutz zu nehmen und blieb in einem der Gänge stehen. Tatsächlich hatte Keras sich kaum Gedanken darum gemacht, was er von Cobura halten sollte. Er war immer noch überwältigt von der Szene.
„Ehrlich gesagt...“, fing er an doch sie unterbrach ihn fast augenblicklich.
„Er ist ein guter Mann. Nur etwas zu ehrgeizig und manchmal übertreibt er es. Damals kamen er und Terbal gleichzeitig in den Orden. Als Terbal dann zum Ordensmeister berufen wurde, hat ihn das ein wenig verbittert, seitdem ist er wohl etwas schwierig, aber innerlich ist er ein guter Mann.“
Keras wusste nicht was er sagen sollte. Ihr Blick hatte sich an seine Augen geheftet und es schien fast als würde sie betteln, dass er ihn so sehen konnte, wie sie es tat. Er brachte es nicht übers Herz zu sagen, was seine ersten Gedanken in diesem Moment waren.
„Du sagtest, sie kamen gemeinsam in den Orden?“, versuchte er nach einigen Momenten des Schweigens das Thema zu wechseln. Seine Überraschung über diese Information brachte ein leichtes Grinsen auf ihr Gesicht.
„Das hätte ich wohl sagen sollen.“, kicherte sie kurz, ehe sie sich gleichzeitig in Bewegung setzten, zurück zu seinem Zimmer, „Cobura und Terbal sind gleich alt. Im Orden wurden sie Freunde und wurden vom gleichen Meister unterwiesen.“
Als sich seine Überraschung nicht legte, schien ihr wieder einzufallen, dass er von all den Dingen wie Magie nichts wusste, die für sie so selbstverständlich waren. Erneut lachte sie und auf eine eigenartige Art machte es ihn glücklich sie so zu sehen.
„In jedem Orden gibt es einen Raum, der nur dem Ordensmeister und seinem Nachfolger zur Verfügung steht. In diesem Raum gibt ein neuer Meister einen Großteil seiner physischen Kräfte auf, um seinen Geist zu erweitern und sich an etwas zu binden, das wir die große Bibliothek nennen. Ein magisches Netzwerk aus Informationen, in dem uraltes und heiliges Wissen gelagert wird.“, erklärte sie ihm das Prinzip, doch wirklich verstehen konnte er es nicht. Kurz sorgte er sich bereits darum, wie dümmlich er aussehen musste, sein Kopf leicht schräg gelegt und den Blick starr in die Leere gehaftet.
„Habe ich dir schon einmal gesagt, dass du wirklich süß aussiehst, wenn du so guckst?“, brach sie abrupt seinen Gedankengang und zerrte ihn den restlichen Weg zurück in sein Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen.

Keras wusste nicht, wieso ihm ausgerechnet jetzt diese Erinnerung so präsent war, doch sie gab ihm die Kraft, sich die letzten Meter empor zu ziehen, ehe er seine Füße wieder auf festen Boden setzen konnte. Selbst Jahre später bewunderte er immer noch, wie Cecilia mit Leichtigkeit den Gang hinaufgeklettert war, obwohl sie ihn zusätzlich noch hatte tragen müssen.
Er stand unmittelbar vor dem Weltenschrein. Das orange Licht der Seelensteine, spiegelte sich in der bodenlosen, mit Wasser gefüllten, Kuhle. Unzählige Male war er hier gewesen um sich aus der Festung hinaus zu schleichen und ein einziges Mal um das zu werden, was er heute war. Danach war er nicht mehr oft hierhergekommen, er war zu einem Mitglied der Assassinen geworden und hatte auf Cecilias Wunsch unter Cobura trainiert. Danach hatte er wie jeder andere die Festung einfach durch das gewaltige Eingangsportal verlassen können und Cecilia hatte man in einen hohen Rang im Orden berufen, weshalb sie nicht mehr so oft in Raserio war, wie zuvor.
Mit weiten Schritten umrundete er das Podest, nicht ohne kurz einen Blick auf das tiefschwarze Wasser zu werfen. Mittlerweile war es fast sieben Jahre her, seit er seinen Vertrag in den Dämonenpfad geschickt hatte und zu einem Magier geworden war. Bitterlich gedachte er seiner ersten Lektion in Sachen Kampf zwischen Magiern, eine vernichtende Niederlage gegen Cobura. Kurz danach hatte Terbal seinen alten Freund zu Keras Lehrmeister ernannt und ihn dazu gebracht auch ihn mit der Magie der Schatten vertraut zu machen.
Mit einem kraftvollen Sprung beförderte sich Keras an die Kante über ihm und zog sich in einen weiteren Gang empor. Als Kind war es deutlich leichter gewesen, sich durch die schmalen Durchgänge zu quetschen, mittlerweile hingegen rissen ihm die scharfen Kanten nahezu jede Stelle auf. Sie schnitten durch seine Kleidung, rissen die Verbände auf, die an seinem Körper noch geblieben waren.
Es weckte eine gewisse Melancholie in ihm die dunklen Gänge der Ruine zu durchkriechen. Er hatte vor langer Zeit die Angst vor den Schatten verloren, er hatte gelernt sie zu seinen Freunden zu machen. Für einen Assassinen gab es keinen größeren Verbündeten, als die Dunkelheit, die ihn während seiner Aufträge umgab.
Ein weiteres Mal drückte er auf einen der versteckten Schalter und die letzte Tür schwang auf. Mit einem Satz löste er sich aus dem engen Gang und landete leichtfüßig auf allen Vieren. Er riss den leuchtenden Seelenstein aus seiner Tasche und beschwor seine, in die Decke eingewickelten, Gegenstände.
Einige schnelle Griffe befestigten sämtliche Bomben und Tränke an seinem Gürtel, ehe er sich wieder erhob und seinen Blick durch die dunklen Gänge schleifen ließ. Zu seiner Seite befand sich eine kleine Nische, in die er sich hineinquetschte. Jetzt war es an der Zeit zu warten.

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Ridergirl 19. Aug 2017

Richtig cool

Puma-D-Ace 19. Aug 2017
Vielen Dank :)
Ridergirl 19. Aug 2017
Na klar ;)