Die Tochter des Brauers

vor 6 Std.
Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochter des Brauers... Eine Geschichte über Liebe, Blut und .... Bier.
Historie Romanze P18 Abenteuer In Arbeit

Kapitel 1

Die Tochter des Brauers


Die breite, staubige Landstraße lag im blendenden Licht der tiefstehenden Spätsommersonne vor ihnen. Es war vollkommen windstill und die Hitze schien überhaupt nicht nachzulassen, obwohl Mittag längst vorbei war. Gertraud wünschte sich die schattigen Reihen der hohen Pappeln zurück, an denen vorbei sie am frühen Morgen in Richtung der Stadt aufgebrochen waren. Dieselben Gedanken schienen auch ihrem jüngeren Bruder Paul durch den Kopf zu gehen, der blinzelnd und verschwitzt neben ihr auf dem Bock des einfachen Karrens saß. Paul bemerkte ihren Blick und grinste sie träge an.
Beide hatten dunkelblondes, gelocktes Haar und graublaue Augen. Die Verwandtschaft war nicht zu übersehen. Paul war mit seinen vierzehn Jahren hochgewachsen und kräftig und mit der schweren Arbeit in der Brauerei und Schenke seines Vaters vertraut. Während also seine drei Jahre ältere Schwester das Handeln und Abrechnen übernahm, rollte er die schweren Fässer in die Keller der Wirtshäuser, meist unter dem Gelächter der Küchenmädchen und Mägde, die stets Zeit für einen Schwatz mit dem jungen Mann fanden.
Gertraud erwiderte Pauls Grinsen und griff mit einem Seufzen nach hinten zum Wasserkrug, der zwischen zwei Sparren festgeklemmt war. Sie nahm einen Schluck und bot Paul zu trinken an.
Sie war gerne mit ihrem Bruder unterwegs. Beide verstanden sich ohne viele Worte. Ihrem Vater wäre es lieber gewesen, wenn einer der älteren Gesellen die Lieferungen begleitet hätte, aber wie so manches Mal setzte sich Gertraud mit ihrem Willen durch. Einmal im Monat fuhren sie so zwei Wirtschaften vor der Stadtgrenze an. Die meisten der Schenken im Umkreis versorgte zwar die Klosterbrauerei mit dem begehrten flüssigen Brot, aber auch Meister Kerner, Gertrauds Vater, hatte sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Sein Großvater hatte noch mit Grut, einer stark riechenden Kräutermixtur, gebraut, die zum Würzen des Bieres verwendet wurde. Heute aber konnte er dank des neuentdeckten Hopfens ein besseres und vor allem besonders haltbares Bier brauen, das sehr gerne getrunken und gekauft wurde. Zwar wurde nach wie vor in vielen Haushalten für den Eigenbedarf gebraut, doch deckte das bei weitem nicht den riesigen Bedarf der Städte und Dörfer. Neben Getreidebrei und Brot war Bier ein wichtiges Grundnahrungsmittel und gerade in der Fastenzeit beliebt, da Flüssiges das Fasten nicht brach.

Der Handel war heute rascher als sonst vonstatten gegangen, denn es mehrten sich die Gerüchte um die baldige Rückkehr des Heeres. Vor zwei Monaten war der Landesherr mit einem Teil der Streitmacht aufgebrochen, nachdem wiederholt von Überfällen im östlichen Grenzgebiet berichtet worden war. Er hatte den Grenzfluss, die Wote, überquert, um die herumziehenden Banden aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Sollten sich die Gerüchte um ihren Rückmarsch bestätigen, würde jeder Wirt gerne noch ein paar Fässer zusätzlich im Keller haben.

Während Gertraud so ihren Gedanken nachhing, waren sie in ein Dorf gekommen. Ein kleiner Hund lief kläffend neben ihnen her. Paul ließ das stämmige Pferd im Schatten einer ausladenden Kastanie auf dem Dorfplatz halten. Die Geschwister stiegen vom Wagen, tränkten das Tier am Dorfbrunnen und füllten auch ihren Krug aufs neue. Es dauerte nicht lange, bis sie von einer Schar Neugieriger umringt waren. Ein buckliger alter Mann fragte sie nach dem Woher und Wohin und bald war man vertieft in den neuesten Klatsch. Eine Frau erzählte, dass ihr Vetter, der als Tagelöhner beim hiesigen Gutsherr in Arbeit sei, berichtet habe, dass sich das Heer bereits auf dem Rückmarsch befände.
"Der Neffe unseres Herrn ist nämlich schon vor drei Tagen verletzt von seinem Burschen zurückgebracht worden. Das räuberische Pack ist diesmal bis auf den letzten Mann aufgerieben, hat er gesagt. Keinen hat der Markgraf verschont. Und für die drei unserer Dörfer, die diese Teufel überfallen haben, sind zehn der ihren im Osten in Flammen aufgegangen. Man kann ja vom Herrn von Aven halten, was man will, aber vom Kriegführen versteht er was!", schloss sie bestimmt ihren Bericht.
"Nur weil er selbst mit dem Teufel im Bunde ist! Ich hab ihn selber gesehen. Nie nimmt er den Helm vom Kopf, nicht mal in der Messe. Man sagt, dass ihm darunter Hörner wachsen!", warf der Bucklige ein und bekreuzigte sich rasch.
Jeder der Umstehenden hatte weitere Gerüchte zu ihrem Landesherrn zum Besten zu geben und so gingen die alten Geschichten hin und her.
"Er verwandelt sich bei Vollmond in einen riesigen Wolf und frisst gefangene Jungfrauen!", wusste einer.
"Seinen Vormund, Gott hab ihn selig, hat er mit einer Hand erwürgt, um mit siebzehn Jahren vorzeitig sein Erbe anzutreten. Das ist gewiss, so wahr ich hier stehe!", sagte ein dicker Bauer mit Nachdruck.
Gertraud hatte dergleichen schon oft in der Schenke ihres Vaters gehört, wann immer die Sprache auf den Ritter kam.

Hardrich von Aven war innerhalb weniger Jahre zu einem der mächtigsten Ritter und Lehnsmänner des Königs aufgestiegen. Seine Mark, weit an den östlichen Grenzen des Königreiches gelegen, war seit jeher das Bollwerk gegen die Stämme des Slawenreiches und der Kumanen im Südosten. Erfolgreich hatte er allen Herausforderungen getrotzt und das christliche Königreich verteidigt. Seine Streitmacht war vorbildlich ausgestattet und wurde bevorzugt versorgt. Immer war er selber in der vordersten Reihe der Kämpfenden zu finden. Gut sechs Fuß groß, stets den eisernen Helm auf dem Kopf, über und über blutbesudelt, mähte seine schwere Klinge alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. Die Männer standen zu ihm und in ihrer Gegenwart getraute sich niemand, Schauergeschichten über ihren Ritter zu erzählen, obwohl sich auch in ihre Verehrung stets die Furcht vor seinem Jähzorn mischte.

Endlich konnte Gertraud Paul, der von vier jungen Mädchen umringt war, zur Weiterfahrt bewegen. Zwei Stunden später bogen sie von der Landstraße ab. Dieser Weg führte nach weiteren zehn Meilen direkt in ihr Dorf. Paul trieb das schwerfällige Pferd an. Zu beiden Seiten breiteten sich jetzt dichte Wälder aus und obwohl diese Strecke seit Jahren als sicher galt, waren sie froh, als Wiesen und Felder das Dickicht ablösten und die Nähe des Dorfes ankündigten. Es dämmerte schon, als der Wagen von der Pappelallee auf den heimatlichen Hof rumpelte.

Direkt an der Straße lag rechter Hand die Schenke selber, mit der großen Küche und Speisekammer. Dahinter das Wohngebäude mit Gemüsegarten, Ställen und Wagenschuppen. Links, noch vor den Gesindekammern, erstreckte sich der Obstgarten mit einer kleinen Weidefläche. Sie waren kaum vor dem Haus zum Halten gekommen, da kam die Jüngste der Familie, die vierjährige Frederike, aus der Tür gelaufen. Kurz hinter ihr erschienen auch Adam und Lukas, die beiden jüngeren Brüder. Paul sprang vom Wagen und fing die Kleine mit beiden Armen auf.
"Hast du mir was mitgebracht?", fragte sie mit leuchtenden Augen.
Paul griff in seinen Beutel und zog ein kleines Paket Zuckerzeug heraus, welches er zwischen den jüngeren Geschwistern verteilte. Inzwischen war auch Henning, der Knecht und Gehilfe des Mälzers herangekommen, hatte Gertraud vom Wagen geholfen und ihr den schweren Korb abgenommen. Sie dankte ihm erleichtert, was genügte, ihm die Röte in die Wangen schießen zu lassen. Die junge Frau hatte wohl bemerkt, wie sehr der schüchterne, dürre Neunzehnjährige sie anhimmelte. Aber mit seinem Silberblick und den schiefen Zähnen traute er sich kaum, ihr offen ins Gesicht zu schauen.
Henning begleitete sie in die große Küche der Schenke, stellte den Korb auf den Küchentisch und verschwand wieder nach draußen, um das müde Pferd auszuschirren und zu versorgen. Gertraud hörte ihn draußen ärgerlich nach dem zweiten Knecht Dietrich rufen, der sich anscheinend wieder irgendwo verkrochen hatte, um sich vor der Arbeit zu drücken. In der Küche herrschte bereits emsiges Treiben, denn erste Gäste hatten sich schon eingefunden, und auch die Familie aß um diese Zeit. Sine, die neue Magd, schnitt dicke Scheiben vom frisch gebackenen Brot und die dicke Grete rührte in einem großen Topf mit Speckbohnen. Sie schnaufte Gertraud einen Gruß entgegen und fragte: "Hast du an das Salz gedacht, Mädchen?".
"Ja, ja", antwortete Gertraud, "Ist alles im Korb. Wo ist der Vater?".
Grete wies nur mit dem Kopf in Richtung des neuerbauten Brauhauses und sagte: "Hinten. Kannst ihn gleich zum Essen holen".
Dann schalt sie die Magd, sich mit dem Brot zu beeilen und den Tisch zu decken. Paul kam mit Rike auf dem Arm und umringt von den beiden Brüdern eben zur Tür herein. Er hatte sich Gesicht und Hände am Brunnen gewaschen und war hungrig.
Gertraud lief rasch am Haus und Stall vorbei und betrat das große Brauhaus, das auf der rechten hinteren Seite des Kernerschen Grund und Bodens errichtet worden war. Sie sah ihren Vater mit dem Altgesellen Friedrich an der kupfernen Braupfanne stehen. Der zweite Geselle Gunther kam gerade vom Malzlager herein. Er grüßte Gertraud fröhlich, und Meister Josef Kerner blickte auf. Er war ein kräftiger Mann von 49 Jahren, und sein schwarzes Haar war bereits mit feinem Grau durchzogen. Er hatte die kleine Gaststube zu einem bekannten Wirtshaus geführt, und auch die anfangs für den eigenen Bedarf bestimmte kleine Brauerei, war ausgebaut worden. Ein Dutzend Leute gehörten heute zum Haushalt. Neben den beiden Gesellen und den Gehilfen Henning und Dietrich, stand auch der Mälzer Jakob Karow bei Kerner in Lohn und Brot. Grete und Sine kochten und bewirteten die Gäste, und auch die jüngeren Kinder halfen hier, wo sie konnten. Paul ging voll und ganz in der Arbeit an Braupfanne und Gärbottich auf, wenn sich nicht gerade die Möglichkeit bot, mit Gertraud in die Stadt zu fahren. Die Älteste selber hatte schreiben und rechnen gelernt. Sie kümmerte sich um den Handel, die Einkäufe für die Küche und hatte mit Haus und Garten des Hausstands alle Hände voll zu tun.
Die Mutter, Ruth Kerner, war nach der Geburt des jüngsten Kindes nicht wieder zu Kräften gekommen und im darauffolgenden Winter an einer Lungenentzündung gestorben. Josef Kerner hatte sich danach in seine Arbeit gestürzt und war froh, dass seine Tochter sich ohne Aufhebens daran machte, die Aufgaben der Mutter zu übernehmen. Einige Monate nach der Beerdigung, nachdem sie die Geschwister ins Bett gebracht und mit Grete die morgige Mahlzeit abgesprochen hatte, saß Gertraud mit einer Näharbeit am Feuer. Es war still im Haus. Die letzten Gäste waren gegangen.
Da setzte sich der Vater zu ihr und es dauerte eine Weile bis er das Schweigen brach: "Die letzte Zeit war für uns alle eine schwere Prüfung. Du hast dich um die Familie verdient gemacht und dafür möchte ich dir von Herzen danken, Kind. Gibt es etwas, womit ich dir eine Freude machen kann?".
Gertraud blickte ihn erstaunt an und überlegte eine Weile.
Dann sagte sie ernst: "Das einzige, worum ich dich bitte, ist, dass ich mir selber denjenigen wählen darf, den ich zum Mann nehmen will".
Das Versprechen, das ihr der Vater daraufhin gab, war etwas, was er seitdem des öfteren bereut hatte.

Jetzt aber begrüßte er seine Tochter, fragte nach dem Verlauf der Reise und freute sich, dass beide vor dem Einbruch der Nacht zuhause waren. Gertraud umriss kurz die Erlebnisse des Tages und rief dann jedermann zum Abendessen in die Küche. Abrechnen würde sie mit dem Vater in Ruhe heute Abend.

Das gemeinsame Essen war im Hause des Brauers immer eine laute und fröhliche Angelegenheit. Alle saßen an einem langen Tisch in der Gaststube, und nachdem Josef Kerner, der an der Stirnseite saß, das Tischgebet gesprochen hatte, nahm das allgemeine Erzählen, Lachen und Streiten seinen Lauf. Grete bediente den Braumeister, und dann machte die Schüssel die Runde und Brot und Butter wurden herumgereicht. Gertraud ließ Paul von den Erlebnissen des Tages erzählen. Sie selbst war schweigsam und müde. Nach dem Essen brachte Gertraud eine kleine Schale Brühe und Brot in die Kammer ihrer Großmutter. Sie und der Großvater hatten einige Meilen entfernt auf einem kleinen Gehöft gelebt, bis der alte Mann gestorben war. Vor gut zwei Jahren hatte Josef Kerner seine Mutter dann zu sich geholt. Die alte Frau half anfangs noch mit in der Küche. Aber je weiter dieses Jahr ins Land ging, um so hinfälliger wurde sie. Vor vier Wochen hatte sie zumindest noch mit ihnen zusammen essen können und mit ihren 71 Jahren auf der Bank im Hof die Sonne genossen. Aber das Atmen fiel ihr jetzt zunehmend schwerer, und ihr Geist war verwirrt. Als Gertraud ins Zimmer kam und sich zu ihr ans Bett setzte, wachte sie auf und fragte mit unüberhörbarem Vorwurf in der Stimme:
"Ruth, hast du die Enten schon gefüttert?".
"Ja, die Enten sind gefüttert. Alles ist in bester Ordnung. Nun musst du auch etwas essen", antwortete sie bestimmt.
Sie schob ihrer Großmutter das dicke Kissen in den Rücken, damit sie aufrecht sitzen konnte, krümelte etwas Brot in die Brühe und begann, sie zu füttern. Dabei erzählte sie vom vergangenen Tag, um die bedrückende Stille zu brechen. Doch nach ein paar Löffeln schlief die alte Frau wieder ein. Ihr Atem ging pfeifend. Die Tür öffnete sich und Rike schaute ängstlich herein. Gertraud stellte das Schälchen neben das Bett und streckte Rike ihre Hand entgegen.
"Komm", sagte sie, "Großmutter ist eingeschlafen".
Rike kletterte auf ihre Knie und betrachtete stumm das graue Gesicht, den faltigen Hals und die dürren Hände der Alten. Sie schmiegte sich an die große Schwester und fragte:
"Legen wir die Großmutter auch in die Erde?".
Gertraud überlegte einen Moment und sagte: "Ja, eines Tages wird jeder in die Erde gelegt".
Sie wiegte die Schwester noch eine Weile in ihrem Arm, aber die Großmutter war tief eingeschlafen und würde wohl heute nichts mehr essen. Sie ließ den Teller stehen und brachte Rike in ihrer gemeinsamen Kammer zu Bett.

Später am Abend saß sie mit ihrem Vater in dessen Schreibstube am hinteren Ende der Brauerei und übergab ihm die schwere Börse, die sie versteckt unter ihren Röcken getragen hatte.
"Wir werden wohl die nächsten Tage noch ein paar Lieferungen ausfahren. Wenn sich die Rückkehr des Herrn von Aven herumspricht, wird wohl jeder Wirt noch ein paar Fässer zusätzlich einlagern wollen. Das soll uns recht sein", sagte ihr Vater gutgelaunt.
Sie schlossen die Börse in der eisenbeschlagenen Eichentruhe ein und kehrten zusammen zur Schenke zurück. Die meisten Gäste dieses Abends waren Nachbarn, die auf einen Schwatz hereinschauten. Paul stand mit Freunden vor der offenen Tür, und Gertraud vermutete richtig, dass er über die Bekanntschaften des Tages berichtete.
Herein kam der Gutsherr der Gegend, der alter Herr von Trettin.
"Guten Abend alle miteinander", begrüßte er die Anwesenden.
Diese erwiderten den Gruß freundlich, wenn auch nicht übermäßig respektvoll, denn der alte Mann war nicht gerade das, was man einen strengen Herrn nennen konnte. Ohne Frau und kinderlos, verbrachte er kaum einen Abend allein im großen Gutshof. Meist saß der hagere, kleine Mann gedankenversunken an seinem Stammplatz bei Kerners, trank sein Bier und besah sich das Treiben. Auch mit dem Zehnten der Leute und der Biergelte nahm er es nicht allzu genau. Und keine Kindstaufe und kein Erntefest verlief, ohne dass er ein Schwein oder ein Fass Butter dazu gegeben hätte.
Er war weit in der Welt herumgekommen, und der Dachboden seines Hauses war voller Zeugnisse davon. Speere und Schilde der Mohren, kumanische Degen und ausgestopfte Tiere, Panzer von großen Meeresschildkröten, Truhen voller bunter Stoffe, zartes Geschirr und prunkvolle Pokale, fremdartiges Schuhwerk, reich verzierte Tischchen und Hocker und vieles andere. Und Bücher gab es. Ein ganzer Raum voller Fächer und Regale war angefüllt mit Pergamenten, verstaubten Schriftrollen und dicken Folianten. Der Herr von Trettin hatte Interesse an vielen Dingen und so gab es Abhandlungen über Astrologie und Rhetorik genauso wie über Pflanzen und Tiere. Er las religiöse Aufsätze und Liebesgedichte, Heldensagen und Komödien.
Als die Mutter noch lebte, hatte sich Gertraud wann immer sie konnte ins Gutshaus geschlichen.
Der alte Mann freute sich, seine Schätze mit jemandem teilen zu können und hatte ihr bald Lesen und Schreiben beigebracht. Oft saß Gertraud Stunden mit ihm über einem Buch und fragte bald nach diesem, bald nach jenem Unbekannten. Er antwortete ihr stets ausführlich, froh über soviel kindliche Neugier und Beharrlichkeit. Auch übersetzte er mit ihr lateinische Schriften und zeigte ihr die verschlungenen Zeichen des Arabischen. Manchmal nahm er sie mit auf den Dachboden und erzählte ihr die Geschichte des einen oder anderen Stückes seiner Sammlung.
Ihre Mutter sah die Besuche des Mädchen bei dem Alten alles andere als gern und auch Vater Kerner war es lieber, wenn das Kind im Hof spielte oder in der Küche half. Aber hartnäckig wie sie war, ließ die Kleine Schelte, Schläge und Vorwürfe über sich ergehen, um drei Tage später wieder den Weg zum Gut entlangzulaufen. Bald gaben die Eltern es auf, sie vom Herrenhaus fernhalten zu wollen und hofften, dass der alter Mann für seine Mühe nicht eines Tages mehr verlangen würde als ein Lächeln des Mädchens. Seit dem Tod der Mutter waren die Besuche im Gut aber auf einige wenige zurückgegangen, denn Gertrauds Tag war mit Arbeit von früh bis spät ausgefüllt. Der alte Herr, der die Gesellschaft des Mädchens vermisste, hatte es sich damals mehr und mehr zur Gewohnheit gemacht, am Abend die Schenke aufzusuchen um der Stille des alten Hauses zu entfliehen. Anfangs hatte seine Anwesenheit jedermann etwas verunsichert, immerhin war er der Herr. Er aber lächelte höchstens, wenn im Rausch irgendwo ein falsches Wort fiel und zahlte eine Runde. So war er bald ein gerngesehener Gast. Und manches Mal trug er ein, in feines Tuch gewickeltes, ledergebundenes Buch mit sich, das er Gertraud zusteckte, damit sie es in einer freien Stunde zuhause lesen konnte.
Gertraud freute sich, ihn zu sehen und lief, um das Übliche zu bringen: Einen großen irdenen Becher frisches Helles. Und da gerade nichts weiter zu tun war, setzte sie sich eine Weile zu ihm.
"Nun, Gertraud, was liegt dir auf der Seele? Ich sehe doch, dass du eine Frage auf dem Herzen hast, Kind", sagte er schmunzelnd.
"Ihr lest in meinen Gedanken! Ich werde aufpassen müssen, Euch nicht zu viel lesen zu lassen", sagte sie leicht verlegen und fuhr fort: "Es ist der Ritter. Der Herr von Aven. Wie ist er so? Nimmt er wirklich in der Kirche nicht den Helm ab? Ist er so ein Schlächter, wie die Leute sagen? Dem Land geht es doch gut, oder nicht? Warum scheint ihn jedermann zu hassen? Ihr müsst ihn doch kennen".
Ihr Gegenüber nahm noch einen Schluck aus dem Becher, lehnte sich seufzend zurück und sagte leise:
"Kennen tut wohl niemand ihn wirklich. Aber begegnet bin ich ihm schon".
Es folgte eine Pause, in der von Trettin seine Gedanken sammelte und dann begann er zu erzählen.
"Hardrich war gerade fünf Jahre alt, als er miterleben musste, wie sein Vater Otto von Aven, seine Mutter Hilda und die Zwillingsschwestern grausam ermordet wurden. Die Verräter glaubten auch ihn tot, aber er überlebte den Anschlag um Haaresbreite. Nur dem Heilkundigen des Klosters verdankt er, dass er heute noch am Leben ist. Die Meuchelmörder entkamen. Sein Onkel wurde als Vormund eingesetzt und sollte das Land bis zu Hardrichs Volljährigkeit regieren. Seit diesen Tagen wurde der Knabe, wenn man ihn überhaupt zu Gesicht bekam, nur noch mit eisernem Helm auf dem Kopf gesehen.
Karl von Aven, der Onkel, war ein herrschsüchtiger, verschwenderischer Dummkopf. Es stand damals schlecht um das Land. Viele Leute vermuteten hinter vorgehaltener Hand, dass er den Anschlag auf seinen Bruder zu verantworten hatte, aber die Untersuchungen verliefen im Sande und das Verbrechen konnte nie endgültig aufgeklärt werden.
Und je älter Hardrich wurde, desto mehr trat sein unbändiges, wildes Wesen hervor, und immer öfter hörte man, dass es zum Streit zwischen ihm und seinem Oheim kam. Hardrich lernte früh den Umgang mit dem Schwerte und wuchs zu einem Hünen heran. Als er eben siebzehn war, kam es erneut zu einem heftigen Disput zwischen ihnen und sein Onkel kam dabei ums Leben. Was sich an jenem Tage aber wirklich zugetragen hat, wissen wohl nur die beiden.
Dem König oblag nun die Entscheidung, was weiter geschehen sollte: Entweder würde Hardrich für dieses Vergehen sein Leben im Verlies enden oder aber der Tod seines Vormundes würde zu einem Unfall erklärt werden.
König Heinrich kam und sprach die halbe Nacht über unter vier Augen mit dem jungen Mann. Anderntags beschloss er wohl, dass man einen Recken wie den jungen von Aven, besser für als wider sich hatte. Jedenfalls sprach der König ihn frei und Hardrich dankt ihm diese Entscheidung bis heute mit großer Treue und der siegreichen Verteidigung der Ostmark. Er wurde also der jüngste Ritter des Königs und wieder musste er sich gegen den Unwillen und Argwohn Anderer durchsetzen, denn man begegnete ihm mit Misstrauen, wohin er auch kam. Es war anlässlich seiner Erhebung in den Ritterstand im Sommer vor fünf Jahren, dass alle Adeligen, Geistlichen und Gutsherrn der Ostmark in den weißen Palast geladen wurden, um der feierlichen Zeremonie durch unseren allergnädigsten König beizuwohnen. Ich war auch dabei, denn obwohl mir diese Anlässe sonst verhasst sind, war ich dieses Mal doch neugierig, wie du dir denken kannst".
Zwei Gäste verlangten nach frischem Bier und Gertraud lief, um das Bestellte zu bringen und brachte auch dem alten Gutsherrn einen zweiten Becher mit. Der trank, wischte sich den Schaum aus dem grauen Bart und fuhr fort.
"Also, ich war mit meinem Knecht Rupert nach der anstrengenden Reise endlich am weißen Palast angekommen. Von Weinbergen umgeben lag er, herrlich anzuschauen, hoch über dem Flusstal im goldenen Schein der Morgensonne. Es ist ein wunderbarer Landstrich! Es ist, als ob schon die Luft und das Sonnenlicht von anderer Güte wären, als hierzulande. Alles ist irgendwie weicher, samtiger. Nun, wie dem auch sei. Wir wurden gut bewirtet und bequem untergebracht. Am nächsten Abend schon sollte die Schwertleihe stattfinden. Am Nachmittag dieses Tages war ich vertieft in ein Gespräch mit einem Gelehrten aus dem Bergischen, den ich Jahre nicht gesehen hatte und so spazierten wir gemeinsam durch die duftenden Gärten, froh, dem Trubel entronnen zu sein und einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Du musst wissen, die Gärten des Palastes sind in Terrassen am Berghang angelegt, eine schöner als die nächste. Und je weiter wir kamen, desto stiller wurden wir vor Staunen und bald schritten wir wortlos nebeneinander her und genossen die prächtige Natur. Die oberste Terrasse ist mit mächtigen alten Bäumen und kunstvollen Wasserspielen gestaltet, die darunter liegende wurde mit blau blühenden Blumen und Büschen bepflanzt, die nächste ganz in Weiß, die dritte in strahlendem Gelb und die Unterste! Die unterste ist übervoll mit den prachtvollsten Rosen in allen nur denkbaren Tönen von Rot. Überall in den Nischen und Gängen stehen marmorne Bänke und laden zum Verweilen ein. Am südlichen Ende des Rosengartens nun steht direkt am steil abfallenden Hang ein schlichtes weißes Holzkreuz mit einem kleinen Altar davor. Von dort hat man einen weiten Blick bis hinüber zur anderen Seite des Tales. Ein wunderschöner Platz der Einkehr und des Friedens“.
Hier unterbrach der Alte seine Rede, blickte sich um und sah sie plötzlich ernst an. "Was ich dir nun erzähle, ist noch nie über meine Lippen gekommen. Ich weiß, dass du kein geschwätziges Weib bist, aber versprich mir, dass du dies nie jemandem erzählen wirst“.
Gertraud schluckte, entgegnete dann aber: "Versprochen“.

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Mel-One 22. Sep 2017

Oh ha. Welch schönes aufeinander treffen. Nun haben wir Gertraud ja schon kennen gelernt. Und Danke, dass wir auch Hardrich in dieeem Kapitel in die Seele blicken durften. Doch... das hast du gut gemacht!! Wir kennen beide Protagonisten nun ziemlich gut. Ihre Umstände und Probleme. Zwei unterschiedliche Leute treffen aufeinander. Und ich erwarte nun eine schöne tragische Liebesgeschichte:-D

custor13 22. Sep 2017
Ach ja... *seufz* So muss das sein. ;)
Mel-One 22. Sep 2017

Hallo hallo!
Nun komme ich doch dazu Kapitel drei kurz zu würdigen. Nach dem Einstieg mit Gertraud und ihrem Entschluss schwenkst du gleich zu den Rittern und Herren um. Ich muss sagen ich war hin und her gerissen, ob ich Wichard oder Hardrich in der Rolle des Freiers sehen würde. Am Ende war mir dann klar, dass Hardrich wohl derjenige sein wird, den es Gertraud gilt zu knacken ;-) ich bin schon gespannt wie sie auf einander treffen und Hardrich irgendwie vertrauen zu ihr fasst. Liebe grüße Mel (mit einem Bein im Urlaub)

custor13 22. Sep 2017
Ja, ich schätze der Markgraf wird da wohl nicht zurückstecken. Das ist sicher nicht so seins... :D Gute Reise und schöne Urlaubstage! Liebe Grüße! custor
Osterhaserl 20. Sep 2017

Hallo Custor,

ich finde es schön, wie du die Entwicklung in Getrauds und Hadrichs Beziehung sich entwickeln lässt, auch, dass er dabei einen Teil seiner harten Schale fallen lässt, ist sehr sympatisch.

Dass deine Hauptfigur letzten Endes die Entscheidung über ihrer beider Zusammensein fällt, bevor sie ein Gespräch mit ihm hatte, ist mir dabei nur bedingt verständlich, ändert aber auch am Ende des Ablaufs nichts.

custor13 21. Sep 2017
Moin Osterhaserl, vielen Dank für Dein Review! Schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast und noch dabei bist. Ich denke, ohne Gertrauds außergewöhnliche Empathie wäre die Beziehung von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Sie muss mit dem wenigen, was er wirklich in Worte fassen kann und will, auskommen. Das wird sicherlich nicht leicht. Aber sie entscheidet sich dafür, das Wagnis einzugehen. Zum einen, weil sie sich wirklich von Anfang an stark zu ihm hingezogen fühlt und dies Gefühl mit jedem Tag wächst. Zum anderen, weil sie diese Begegnung als etwas schicksalhaftes, von Gott gewolltes, erlebt. So meine krausen Gedanken dazu. :) Liebe Grüße! Custor
Osterhaserl 21. Sep 2017
Hallo Custor, ich hatte Kapitel 14 noch nicht gelesen, als ich meine Rezension schrieb und muss sagen, ich bin froh, wie du es strukturiert hast! In Kapitel 13 kam mir Gertraud wie ein liebestoller Vogel vor und eigentlich schätze ich sie dafür nach allem, was du geschrieben hast, zu intelligent ein. Das merkt man ihr in Kapitel 14 auch wieder an. Sie hegt weiterhin Zweifel und ist klug genug, auch Bedingungen für ihre Ehe zu stellen, selbst wenn sie sich dann Kopf hinüber hinein stürzt. Von Trettin ist gut als ihr geistiger Vater gewählt. Seine Intelligenz und seinen Entdeckergeist seh ich in Gertraud wiedergespiegelt und ich hoffe, sie wird auch einiges seines Einfallsreichtums in Zukunft präsentieren können. Wer weiß...vielleicht sogar beim kommenden Festessen? ;D
custor13 22. Sep 2017
Danke! Schauen wir mal... ;)