Fragmente

vor 4 Mon.
Fragmente - alle zusammen könnten etwas Großes ergeben, doch nicht immer tun sie's. Wie Fragmente sind auch diese Texte. Die Zeit läuft weiter und mit der Zeit kommen neue Fragmente. Doch mit der Anzahl steigt die Gefahr sie zu verlieren, denn Dinge, die so klein sind, verliert man schnell. Und da keins der Fragmente verloren gehen soll, habe ..
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Mädchen im Regen

Ein einsamer Regentropfen fiel vom Himmel und ließ sich kurz darauf auf einem Blatt nieder. Immer mehr Wolken zogen auf und es dauerte nicht lange, da war der Regentropfen umgeben von tausenden seiner Art. Ein kleines Vögelchen, welches Zuflucht in einem Baum gesucht hatte, sah mit aufgeplustertem Federkleid den Regentropfen hinterher. Plötzlich öffnete sich eine Tür und ein junges Mädchen trat hinaus in den Regen. Der Balkon, auf dem das Mädchen stand, war nur ein paar Meter vom Baum des Vogels entfernt und so sah das Vögelchen neugierig zu dem Mädchen hinüber.


Der Regen durchnässte alles um mich herum und ich war froh, dass ich schnell genug einen trockenen Platz gefunden hatte. Ich rückte noch ein Stück näher an den Baumstamm und plusterte meine Federn auf, um nicht zu frieren. Dann beobachtete ich eine Weile lang die grauen Wolken, die bedrohlich am Himmel vorbeizogen und kalten Regen mit sich brachten. Plötzlich hörte ich ein Geräusch und sah in die Richtung, aus der es gekommen war.
Und was ich sah, überraschte mich.
Erst dachte ich, dass es nur eine Einbildung gewesen sei, aber das war es nicht. Ein junges Mädchen mit blonden Haaren hatte ihr schützendes Haus verlassen und stand nun mitten im Regen. Diese Menschenkinder überraschten mich immer wieder, noch nie hatte ich einen Menschen freiwillig in den Regen gehen sehen. Sobald es zu regnen anfing, flüchteten die meisten Menschen in ihr Haus und nur die, die draußen etwas zu erledigen hatten, liefen draußen herum. Und auch wenn sie im Regen herumliefen, so beeilten sie sich meist und liefen entweder hastig umher oder trugen bunte Regenschirme mit sich. Natürlich gab es auch Menschen, die gerne im Regen herumliefen und sich einen Spaß daraus machten, in die vielen Pfützen zu springen, doch das waren meistens kleine Kinder. Aber das Mädchen, das soeben ihr Haus verlassen hatte, trug keinen Regenschirm bei sich, sie lief auch nicht hastig umher und sprang nicht in Pfützen. Sie stand einfach nur da und sah dem Regen beim regnen zu.

Dort stand sie also, nur mit einer schwarzen Regenjacke bekleidet und ohne Schuhe an den Füßen. Nicht einmal die Kapuze ihrer Regenjacke hatte sie aufgesetzt, so waren ihr langen, blonden Haare schon bald völlig durchnässt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mir solch ein Anblick nicht jeden Tag geboten wurde. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Durch ihren seltsamen Aufzug neugierig gemacht, entschloss ich mich, sie zu beobachten. Ein paar Minuten sah ich ihr zu, doch nichts geschah. Sie stand einfach nur da, die Hände auf's Geländer des Balkons gestützt, und sah schweigend zu einer Pfütze, deren Wasser durch die vielen Regentropfen aufgewühlt wurde. Ihr Gesicht wirkte emotionslos, die Augen starrten stur nach vorn und auch ihr Mund verriet nichts. Das Wasser lief in den Kragen ihrer Jacke, schien direkt an ihrem Körper hinunter zu laufen - es störte sie nicht. Regentropfen liefen an ihrem Gesicht hinunter und es sah fast so aus, als würde sie weinen. Doch ihr Blick blieb starr, verriet nichts, sah abwesend zu der Pfütze und schien sich auf nichts anderes als den Regen konzentrieren zu wollen. Da ließ der Regen nach, die Tropfen, die vom Himmel fielen, wurden immer weniger, bis sie ganz wegblieben. Das Mädchen, das bis zum Schluss dort gestanden hatte, blickte nun hinauf in den Himmel. Sonnenstrahlen fielen durch die dichte Wolkendecke und ein sanftes Lächeln schlich sich auf die Lippen des jungen Mädchens. Sie schien glücklich zu sein - irgendwie.


Der Regen klopfte sanft an mein Fenster und ich konnte nicht anders, als hinaus zu gehen. Über meine Unterwäsche zog ich mir schnell die Regenjacke und lief hinaus. Ich legte meine Hände auf das nasse Geländer des Balkons und sah den Regentropfen zu. Nicht lange, da waren meine Haare komplett durchnässt, aber es war mir egal. Vereinzelte Regentropfen schlichen sich unter meine Jacke, krochen durch den Kragen und liefen direkt an meinem Körper hinunter. Das Wasser war kalt, eiskalt, doch dieses Gefühl, als es an mir herunterlief und mich zittern ließ, es fühlte sich gut an. Ich überlegte, was andere wohl bei meinem Anblick denken würden. Wahrscheinlich sah ich recht seltsam aus, in meiner großen, schwarzen Regenjacke, mitten im Regen. Doch eigentlich war es mir egal. Sollten sie mich doch für seltsam halten, das taten die meisten sowieso. Die meisten Menschen hielten mich für seltsam, wieso auch immer. Wenn ich es mir recht überlegte, wollte ich auch gar nicht wissen, wieso sie mich für seltsam hielten. Ich war, wie ich nun mal war. Das passte wohl nicht jedem, aber solange ich mit mir selbst zufrieden war, genügte das. Sicher, ich hätte mich ändern können, damit ich nicht mehr für seltsam gehalten würde, aber ich wollte nicht. Wollte keine von diesen Marionetten werden, die versuchen jedem alles recht zu machen.
Das war mir viel zu anstrengend.

Versteht mich nicht falsch, so seltsam war ich eigentlich gar nicht. Ich war bloß .... ich. Ich trug keine Schminke, wozu auch? Ich ließ meine Haut auch nicht von der Sonne bräunen. Und ich stand gerne im Regen. Seltsam, nicht wahr? Während andere sich über die sanften Sonnenstrahlen freuten, freute ich mich über den kühlen Regen. Ich konnte nichts dafür, es war einfach so. Ich liebte das Gefühl, wenn der Regen über mein Gesicht lief. Wenn er durch den Kragen meiner Jacke schlüpfte und mich zittern ließ. Dann fühlte ich mich frei. Im Regen musste ich mich nicht verstellen, denn kaum jemand sah bei Regen aus dem Fenster. Kaum jemand hätte mich sehen können. Und so stand ich auf dem Balkon und beobachtete die Regentropfen, die eine kleine Pfütze aufwühlten. Es hört sich zwar komisch an, aber ich denke, in diesem Moment war ich glücklich. Ja, das ist es wohl, was die meisten als "Glück" bezeichnen würden.
Und da fragte ich mich: "Wenn du wirklich glücklich bist, wieso lächelst du dann nicht? Wieso ist dein Gesicht wie aus Eis, ohne jegliche Emotion?"
Ich dachte eine Weile darüber nach, doch die Antwort war eigentlich ganz einfach. Ich musste nicht lächeln. Wozu sollte ich auch? Es war doch niemand da, dem ich zeigen musste, wie froh ich war. Ich konnte glücklich sein, ganz für mich alleine. Da musste ich nicht lächeln, ich war auch ohne ein Lächeln froh. Und während ich so darüber nachdachte, ließ der Regen nach. Ein paar vereinzelte Tropfen fielen noch, dann hörte es auf zu regnen und Sonnenstrahlen schienen durch die Wolken hindurch.
Ich sah hinauf in den Himmel und dachte: "Nun hat es aufgehört, schade. Aber er wird wiederkommen. Ja, der Regen kommt wieder und dann werde auch ich wieder hier sein."
Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht und ich wusste, dass ich schon bald wieder im Regen stehen würde.

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blue-rider 18. Jan 2017

*lach* Die Sockengeschichte ist sehr schön geworden. Vielleicht sollte ich dem Mann einen Gefallen tun und meine Single-Socken auch mal wegwerfen ...

aeffle 18. Jan 2017

Oh, das ist wunderschön flauschig. :-) Danke für diese schöne Gans.
Ich mag diese Geschichte deiner Kuschelsocken und freue mich, dass es für die zwei ein Happy End gegeben hat .Ich habe doch auch ein paar kleine Gewissensbisse bekommen, denn ähnlich wie Haserl lasse ich einsame Socken in meinem Schrank und hoffe, dass die zweite doch noch irgendwann auftaucht. ;-)

wolkenloch 15. Jan 2017

Was für ein kleines Meisterwerk! Eine Idee von Haserl reichte und Yume zauberte. Abrakadabra: Schon war eine Geschichte über Kuschelsocken geboren, die jedes Leserherz nur zutiefst berühren kann. Dankeschön