The Children of Ice

vor 10 Mon.
Mitra ist siebzehn als sie für die Hungerspiele ausgelost wird. Obwohl sie bessere Aussichten haben kann als ihr Mittribut Jazzper, malt sie sich keine großen Chancen für den Sieg aus. Doch in den Spielen ist alles anders als gedacht: die Arena ist ein einziger Alptraum aus Eis und plötzlich müssen die Tribute zusammenhalten, damit sie nicht..
Die Tribute von Panem Drama P12 Abenteuer In Arbeit
Inhaltsverzeichnis
  • Der Geschichtenerzähler

Der Geschichtenerzähler

Schnee und Eis. Besser hätte es eigentlich kaum kommen können. Wir Tribute standen auf kleinen runden Plattformen, die kreisförmig auf einem zugefrorenen See angebracht waren. Das Füllhorn befand sich in der Mitte des Sees. Ich blickte mich um. Der See war von schneebedeckten Bäumen und Büschen umgeben, es erstreckte sich eine weiße weite Waldlandschaft rund um den See soweit ich blicken konnte. Auf der anderen Seite konnte ich in der Ferne große, bedrohlich gezackte Felsen erkennen, die teilweise von tief hängenden Wolken verborgen waren. Der Himmel war weißgrau und es fing an, leicht zu schneien.

Gespannt beobachtete ich die Reaktion der anderen Tribute. Der schwarzhaarige Junge aus Distrikt Sechs, der auf der Plattform rechts neben mir stand starrte den Schnee mit einer Mischung aus Bewunderung und Furcht an. Kein Wunder. Distrikt Sechs lag ganz im Süden Panems und der arme Junge sah Schnee wahrscheinlich zum allerersten Mal. Auch das Mädchen aus Distrikt 4 stieß einen Schrei vor Überraschung und Entsetzen aus, als sie nach einem perplexen Moment endlich merkte, wo sie hier eigentlich war. Ich lächelte in mich hinein. In meinem Distrikt, in Distrikt 7, dem Distrikt des Holzes, lag von Ende Oktober bis Anfang April Dauerschnee, ich kannte und liebte also Schnee und Eis. Einen größeren Vorteil gegenüber den Karrieros konnte es kaum geben.

Auf der Plattform links neben mir stand Jazzper, mein Mittribut. In seinen halblangen hellblonden Locken hatten sich bereits erste Schneeflocken verfangen und seine goldbraunen Augen, die tief in seinem blassen, markanten Gesicht lagen, huschten angstvoll hin und her. Sein schmächtiger Körper war angespannt, jederzeit bereit loszurennen. Ich hatte in der Schule nichts mit Jazzper zu tun gehabt, hatte ihn aber gekannt. Jeder an unserer Schule kannte Jazzper. Jazzper, der Geschichtenerzähler. Jazzper, der intelligente Junge mit den Augen wie ein Fuchs und einer Stimme wie Honig. Jeden Tag nach der Schule hatte sich Jazzper auf den kleinen Felsen neben dem Schulgebäude gesetzt und eine Geschichte erzählt. Niemand konnte so fesselnde, spannende und lebhafte Geschichten erzählen wie Jazzper. Alle Schüler und sogar einige Lehrer hatten sich jeden Nachmittag auf die bloße Erde vor dem Felsen gesetzt und Jazzper zugehört, zugehört, wie er von fernen Ländern, Heldentaten und magischen Geschöpfen erzählte. Alle Schüler, außer ich. Ich hatte außer aus Erzählungen von Freunden noch nie eine Geschichte von Jazzper gehört, war noch nie nach der Schule noch dageblieben um ihm zu lauschen. Ich hielt nichts von Geschichten. Die Realität war das einzige, was zählte.

Die Tatsache, dass er als Tribut ausgelost worden war, hatte in Distrikt 7 große Trauer ausgelöst. Auch andere Bewohner von Distrikt 7 kannten Jazzper, da er sich an Sonntagen und Feiertagen gerne auf den Marktplatz stellte um eine Geschichte von Besten zu geben. Dennoch wusste ich, dass Jazzper keine Konkurrenz für mich darstellen würde. Er war ein schmächtiger Junge ohne große Kraft, war im Holzfällen eine absolute Niete. Er hatte keine Koordination und verabscheute die Natur. Natürlich, er war sehr intelligent, allerdings nicht in einem Sinne, in dem es in der Arena verlangt wurde. Er wusste die lateinischen Namen sämtlicher Bäume und Pflanzen, doch er konnte sie im Wald nicht erkennen. Er konnte die chemische Formel für die Entstehung von Feuer aufstellen, doch er konnte kein Feuer machen. Er konnte die gewandtesten Wortspiele aufsagen, die komplizierteste mathematische Formel ausrechnen, die schönsten Reime dichten, doch was bringt das einem, wenn man überleben will?

Noch fünfzehn Sekunden bis zum Start. Ich spannte jede Muskel an und konzentrierte mich auf das Füllhorn. Ich wollte dort nicht unbedingt kämpfen, aber in einer solchen Landschaft mit solch kalten Bedingungen war es fast schon der Tod, keine Ausrüstung zu haben. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein kleiner Junge aus Distrikt 10 seine Plattform eine Sekunde vor dem Ablauf des Countdowns verließ. Eine laute Explosion sprengte ein Loch in das Eis des Sees und tötete den Jungen sofort. Während die Explosion noch im Gange war, lief der Countdown ab. Andere Tribute starrten entsetzt und überrascht auf die in der Luft herumschwirrenden Organe des Jungen, ich jedoch nicht. Ich war bereit. Mit einem gezielten und flinken Satz sprang ich von der Plattform und schlitterte schnell über das Eis auf das Füllhorn zu. Belustigt beobachtete ich, wie einige Karrieros sofort auf dem Eis ausrutschten und auf die Nase fielen. Ich hatte alles unter Kontrolle, erreichte das Füllhorn als erste und hatte somit freie Auswahl. Schnell schnappte ich mir einen großen Rucksack voller Dinge, und stopfte noch einen Pelzmantel und einen Schlafsack dazu. Dann setzte ich mir ihn auf und schnallte mir dazu noch eine Axt auf den Rücken. Ich kam aus dem Holzfällerdistrikt, ich konnte mit Äxten umgehen. Zu guter Letzt schnappte ich mir noch ein Beutel mit scharfen Messern.

Doch wohin sollte ich jetzt fliehen? Ich war bewaffnet, das war gut, aber immer noch von Tributen umringt, die dem Füllhorn schon gefährlich nahe kamen. Ein athletisches rothaariges Mädchen, welches wie ich wusste aus Distrikt 1 kam und Yazmin hieß, hob ein Beil auf und schwenkte es in der Luft. Einige Meter weiter war ein anderer großer muskulöser Junge mit Haaren wie Schlamm und irre blitzenden Augen an ein Messer gekommen und warf es nach mir, wobei er jedoch ausrutschte und das Messer sein Ziel um ein Weites verfehlte. Etwas zu hektisch nahm ich selbst ein Messer in die Hand und versuchte, so schnell wie möglich vom Füllhorn weg zum Rand des Sees zu rutschen. Das waren ungefähr dreißig Meter. Ich schwankte und verlor fast das Gleichgewicht. Yazmin hatte sich auf eine herumliegende Decke gestellt um besseren Halt auf dem Eis zu haben, und konzentrierte sich voll darauf, mir mit ihrem Beil den Garaus zu machen. Das Beil streifte mich an der Schulter, brachte mich zu Fall, ich schlitterte aber zum Glück auch einige Meter von dem Füllhorn weg. Keuchend vor Anstrengung und Schmerz schleuderte ich das Messer in meiner Hand in die ungefähre Richtung, in der ich Yazmin vermutete. Das Messer verfehlte sein Ziel, traf jedoch irgendeinen Gegenstand aus Glas, welcher klirrend zerbrach und Yazmin für einen kurzen Moment ablenkte. Ich nutzte die Gelegenheit und gleitete weiter auf meinen Knien, bis ich wieder an meiner Plattform angelangt war. Dort rappelte ich mich etwas unbeholfen auf, schlitterte bis zum Rand des Sees und warf mich dort in das tiefe Gebüsch.

Dort kauerte ich mich schwer atmend auf den Boden und beobachtete die Karrieros. Yazmin schien das Interesse an mir verloren zu haben. Sie hob das Beil wieder auf und schwang es mit Leichtigkeit durch die Luft um einen anderen Tribut zu töten. Yazmin war groß, athletisch und muskulös, jede ihrer Bewegungen hatte eine gewisse Eleganz an sich. Ihr Gesicht hatte ausgeprägte Konturen und war an sich makellos, doch verlieh ihr ihr grimmiger Gesichtsausdruck und ihre erbitterten Augen etwas Hässliches, als könne man in einen tiefen, menschlichen Abgrund sehen. Sie konnte durchaus auch anders. In ihrem Interview vor den Spielen hatte sie durchgehend mit dem Moderator geflirtet, die Männerwelt des Kapitols lag ihr zu Füßen. Sie war im Fernsehen des Kapitols immer mit einer Löwin verglichen worden: elegant, kraftvoll und mutig und natürlich nicht zu vergessen: ihre Löwenmähne bestehend aus langen, roten Locken. Gerüchte besagten, sie habe ihren Mentor durch sehr zweideutige Angebote dazu gebracht, sie über ihrem Mittribut zu favorisieren. Doch wenn Yazmin tötete, hatte sie nichts Attraktives mehr an sich. Sie wirkte kalt und abstoßend.

Der Junge mit den schlammfarbenen Haaren und den irren blitzenden Augen hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und war gerade dabei, sich Schneeschuhe anzuziehen, mit denen er auf dem Eis laufen konnte. Er war ein Muskelprotz aus Distrikt 2, ein typischer Karriero. Noch andere Karrieros hatten sich zu den beiden gesellt. Es waren, wenn ich richtig zählte, sieben an der Zahl. Wie üblich alle Tribute aus den Distrikten 1, 2 und 4, jedoch auch der Junge aus Distrikt 6. Er schien nicht besonders muskulös, wirkte etwas verloren auf dem Eis und kämpfte etwas halbherzig mit den Karrieros gegen die anderen Tribute. Ich fragte mich, wie er wohl zu der Ehre gekommen war.

Der Kampf um das Füllhorn war jetzt schon beinahe vorbei. Auch wenn es lebenswichtig war, in dieser Winterlandschaft eine Ausrüstung zu haben, hatten es nur wenige Tribute gewagt, Material vom Füllhorn einsammeln zu wollen. Das rutschige Eis des Sees und der frühe Tod des armen Jungen aus Distrikt 10 hatte die meisten wohl abgeschreckt. Ich konnte gerademal sechs Kanonenschüsse zählen. Sechs tote Tribute nach dem Kampf um das Füllhorn. Achtzehn Tribute noch in der Arena. Kein toter Karriero. Vielleicht sollte ich meine anfängliche Euphorie über den Schnee und das Eis hier nocheinmal revidieren.

Yazmin schien unter den Karrieros eine Art Führungsrolle übernommen zu haben. Sie gab Anweisungen, wie die anderen Karrieros die Ausrüstung sortieren sollten und bellte den Jungen mit den schlammfarbenen Haaren wütend an, als er über die Fäden eines Zeltes stolperte. Dieser kam aus Distrikt 2 und schien Skander zu heißen. Skander schien nicht besonders intelligent und machte zu meiner Überraschung immer genau das, was Yazmin ihm sagte. Im Gegensatz zu Skanders grobem, breitschlächtigem Gesicht, wirkte der Junge aus Distrikt 6 mit seinen eisblauen Augen und seinem rabenschwarzem Haar regelrecht gutaussehend. Er wurde von den anderen Adair genannt, hielt sich allerdings ein wenig im Hintergrund.

„Na Mitra, findest du die Karrieros interessant?“ Eine sanfte und klare Stimme riss mich aus meiner Konzentration. Abrupt fuhr ich hoch, sodass eine Ladung Schnee auf mich herabrieselte. Einige Meter schräg hinter mir, unter einem Baum hinter dem Busch, in dem ich mich versteckte, saß Jazzper, der Geschichtenerzähler, im Schneidersitz. Er saß dort ganz entspannt, als wölle er jetzt eine Geschichte erzählen. Sein Gesichtsausdruck war freundlich, etwas amüsiert. Ich trat etwas aus dem Busch heraus und hielt ein Messer im Anschlag.
„Hast du mich wirklich nicht bemerkt? So unaufmerksam zu sein, das passt doch eigentlich gar nicht zu dir, Mitra“
Ich hob das Messer noch ein wenig höher und zischte mit zusammengebissenen Zähnen: „Der Geschichtenerzähler wie er leibt und lebt. Sag mal hat dir eigentlich der kalte Wind das Hirn aus dem Schädel gepustet?“
Der Geschichtenerzähler schien wenig beeindruckt von der Tatsache, dass ein scharfes, tödliches Messer auf ihn gerichtet war. Er machte auch keine Anstalten aufzustehen, sondern fuhr in dem gleichen sanften Plauderton fort: „Reife Leistung, dass du etwas vom Füllhorn ergattert hast. Die meisten anderen Tribute waren da nicht so erfolgreich.“
Meine Verärgerung wurde zu blanker Wut und ich zischte: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich jetzt lebend davonkommen lasse. Wir sind hier in der Arena, Freundchen. Hier gelten andere Regeln. Nur weil wir zufällig aus dem gleichen Distrikt kommen, heißt dass nicht, dass ich dich anders behandele als jeden anderen Tribut auch.“
„Ich dachte wir könnten uns vielleicht verbünden.“
Vielleicht etwas zu hysterisch lachte ich künstlich auf: „Du und ich? Niemals, ich lass mich durch dich nicht runterziehen. Im Gegensatz zu dir habe ich eine klitzekleine Chance. Man kommt nicht durch den Winter wenn man nur Geschichten erzählt.“
Jazzpers Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Er starrte mich immer noch mit dieser Mischung aus Spott und einem leichten Lächeln an, eine Mischung, die mich wahnsinnig machte. „Doch, das ist genau das, was man im Winter tun sollte. Du weißt, ich habe alleine hier im Schnee keine Chance. Und du bist auch besser dran zu zweit als alleine. Du bist doch vernünftig, oder Mitra?“

Ich holte aus und lies das Messer kraftvoll durch die Luft schwirren. Es blieb zehn Zentimeter vor Jazzper im Schnee stecken. Etwas harscher als es eigentlich gemeint war fauchte ich: „Wir werden uns niemals verbünden, Geschichtenerzähler. Und dieses Messer gebe ich dir nur, damit du ein paar Karrieros erledigen kannst, wenn du sonst für nichts gut bist.“
Mit diesen Worten stapfte ich weiter in den Wald hinein und lies einen wissend lächelnden Jazzper zurück.

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Think_Again 08. Apr 2015

Ich würde auch sehr gern weiter lesen :)

TributClove 31. Dec 2014

Diese Geschichte ist voll cool.Bitte schreib weiterr!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

22. Dec 2014

Wow! Toll geschrieben! ;D

21. Dec 2014

Hört sich gut an ;-)
Bin mal gespannt, wie es mit Mithra weitergeht...