Das Leben ist nicht immer fair

vor 10 Tagen
Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn man mit wildfremden Menschen auf der Straße lebt, treffen verschiedene Schicksale aufeinander, doch alle haben ein gemeinsames Ziel: Überleben. Wie schwer dies ist, erfährt Gwendolyn hautnah.
Edelstein-Trilogie Drama P12 Abenteuer In Arbeit

Wiedersehen

Ich schaute in den Himmel. Bald wird es schneien. Mist. Besorgt schlenderte ich durch die Londoner Innenstadt und rieb mir über die Arme. Ja, bald wird es wirklich scheinen. Ich muss mir dringend warme Klamotten besorgen und nicht nur das. Ich brauche noch mehr, sonst überlebe ich den Winter nicht. Na ja, eigentlich könnte ich Jake mal einen Besuch abstatten... Ja, das mache ich.
Entschlossen bog ich in die nächste Gasse ein und verschwand in einem Seiteneingang. Hier war es dunkel, es roch nach Jahrhunderte altem Abfall – und hier schläft Jake. Im hintersten Winkel der schmalen Gasse sah ich den riesigen Berg alter Decken und Lumpen und darunter lag mein alter Freund. „Hey, Jake.“, rief ich.
Der riesige Berg bewegte sich plötzlich und zum Vorschein kam ein vor Dreck starrender Kopf. Seine blonden Haare standen zu allen Himmelsrichtungen ab. „Gwen? Was machst du denn hier?“
Ich trat näher und setzte mich gegenüber von ihm an die Wand. „Ich dachte, ich sag mal Hallo.“
Jake setzte sich auf und legte die unzähligen Decken auf seine abgemagerten Beine. „Hast dir aber lange Zeit gelassen.“, murrte er.
„Ja, tut mir leid. Ich war ein bisschen unterwegs. Mal hier, mal da.“ Ich kramte in meiner löchrigen Jackentasche. „Hier, ich habe dir sogar etwas mitgebracht.“ Ich reichte ihm meine geschlossene Hand und entleerte den Inhalt in seiner.
Verblüfft guckte Jake seine dreckige Hand an. „Du hast geklaut.“ Vorwurfsvoll guckte er mich an, doch ich grinste nur und zuckte die Achseln. „Wurdest du erwischt?“
Ich fing an zu lachen. „Dann wäre ich doch wohl nicht hier, oder?“
Jake seufzte. „Du musst aufpassen. Die Bullen waren letzte Woche schon hier. Sie haben nach dir gefragt, aber da ich ja sowieso nicht wusste, wo du bist, habe ich sie nicht angelogen. Wo warst du überhaupt?“ Er spielte mit dem schwarzen Handy.
„Ach... ich musste einfach mal raus aus London...“ Gedankenverloren kratzte ich mit meinen abgebrochenen Fingernägeln in den Ritzen der Pflastersteine.
„Na ja, ist ja auch egal. Hauptsache dir geht’s gut.“
„Hast du vielleicht was zu Essen da? Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen.“
Jake lachte. „Wie, denkst du, ist meine Antwort? Guck mich an.“ Er hob die Decken an und zeigte auf seine dünnen Beine. „Drei Tage? Gwen, ich esse vielleicht ein Mal in der Woche, höchstens drei Mal. Wenn wir das Telefon verticken, sind ein paar Mahlzeiten drin.“
„Aber verticke es erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.“, gab ich zu denken. „Es war harte Arbeit. Ich wurde erwischt, aber ich konnte fliehen.“
Er lachte. „Danke.“
„Hier, ich habe noch etwas. Ist zwar nicht so wertvoll wie ein Handy, aber davon können wir uns vielleicht heute was kaufen.“ Ich reichte ihm die Geldmünzen. „Die sind nicht geklaut, sondern erbettelt.“
Jake nahm das Geld mit zitternden Fingern an. „Das reicht bestimmt für eine kleine Mahlzeit.“ Er betrachtete die kleinen Münzen. „Wie kann ich das wieder gut machen?“
„Ach... das hast du doch schon.“ Ich erinnerte mich an die erste Nacht auf der Straße, als Jake mich gefunden hat und mich hier, bei sich wohnen ließ. Ich schaute Jake an. „Du bräuchtest auch mal wieder eine Dusche“
Jake lachte. „Du musst dich mal angucken.“
„Jake, ich denke, wir haben bald ein viel größeres Problem. Es schneit bald.“
„Ich weiß.“ Er schmiss eine Münze in die Luft und fing sie wieder auf.
„Was machen wir?“
„Ach... keine Ahnung. Wir suchen uns einfach eine Bleibe, wie ich es jedes Jahr tue.“
„Nein.“, jammerte ich. „Ich will nicht wieder in einem Obdachlosenheim schlafen.“
„Warum nicht? So schlimm ist das doch gar nicht.“
„Nicht so schlimm?“, fragte ich fassungslos. „Es war eklig, hat gestunken und einfach nur... nein, lieber bleibe ich auf Londons Straßen.“
Wieder seufzte Jake und stand auf. „Jede Nacht wird es kälter, Gwen. Irgendwann werden wir erfrieren.“
„Pfh... meinetwegen schlafe ich unter einer Brücke oder am Flughafen, aber nicht in einem Obdachlosenheim.“
„Komm, wir holen uns erst einmal etwas zu Essen.“
„Okay.“ Auch ich stand auf und zusammen gingen wir durch die Straßen. Die Leute guckten uns hinterher, aber das waren wir gewöhnt. Es sah wirklich komisch aus, wenn zwei verdreckte Teenager durch die Innenstadt schlenderten. Vor einer Pizzeria blieben wir stehen. Der Geruch von Pizza wehte nach draußen und mir knurrte plötzlich der Magen. Ich holte meine restlichen Münzen aus der Jackentasche und seufzte. Das Geld würde nicht mal für ein Getränk reichen. Trotzdem gingen wir in den Laden und stellten uns in die Reihe der Wartenden. Mein Blick schweifte durch das kleine Restaurant. Hier drinnen war es warm und gemütlich, ganz im Gegenteil zu den kalten Straßen, auf denen wir lebten.
„Was wollt ihr schon wieder hier?“, knurrte jemand.
Ich guckte zu Jake rüber, der eine Münze lässig in die Luft schmiss und wieder auffing. „Habt ihr etwas zu Essen für uns? Wir haben zwar nicht so viel, aber können Sie nicht eine Ausnahme machen?“
„Raus mit euch, ihr dreckigen Köter! Straßenmenschen... raus!“ Der Mann fuchtelte mit einem Küchenmesser in der Luft herum. „Raus oder ich rufe die Polizei.“
Ich seufzte tief und murmelte: „Das war ja klar.“
„Schon gut, Mann. Wir gehen ja schon.“, sagte Jake und wir verließen den Laden. „Dann fragen wir eben weiter oder wir müssen eben im Müll nach etwas Essbarem suchen.“
„Ja.“ Hauptsache ich kriege bald etwas zwischen die Zähne.
Wir gingen in acht weitere Geschäfte. Die einzigen Ausbeutungen, die wir machen konnten, waren: ein Brötchen und etwas Ketchup. „Wenigstens etwas.“, sagte ich, riss das Brötchen in zwei Teile und übergab eines Jake.
Er biss sofort rein und sagte mit vollem Mund: „Die Leute werden immer geiziger. Siehst du, wie viel Essen jeden Tag in den Müll geschmissen wird?“
Ich zuckte mit den Achseln und tauchte mein halbes Brötchen in den Ketchup. Wir gingen wieder zurück zu unserer Gasse und setzten uns an die kalten Wände.
„Wo ist Dylan eigentlich?“, fragte ich nach einer Weile.
„Er wollte bald kommen. Keine Ahnung.“ Jake platzierte die Decken wieder über seine Beine.
„Hast du schon was von Sarah gehört?“
„Nein, wieso?“
„Ich habe gehört, dass sie vor drei Wochen überfallen wurden. Sarah, Dylan und so haben die Räuber einfach abgestochen.“
„Was?!“ Er setzte sich überrascht auf. „Woher hatten sie denn die Messer?“
„Jake?! Hallo?! Sarah, Dylan und der Rest haben Menschen getötet und du fragst, wo sie die Messer her haben?“ Fassungslos schüttelte ich den Kopf.
„Dylan und Sarah wissen schon, was sie tun. Wenn es angebracht war, stellen wir ihre Taten nicht infrage.“
„Ich weiß.“, flüsterte ich.
In der Gasse hörte ich plötzlich sich nähernde Schritte. Sofort waren wir auf den Beinen und pressten uns an die Wände. Ein leises Pfeifen... ein Mal kurz, zwei Mal lang... die Anspannung fiel abrupt von mir ab. Im nächsten Moment tauchten die blauen Haare von Dylan auf. „Na Leute...“
„Hey.“, rief Jake und sprang auf. „Wir dachten schon, wir müssten deine neuen Kampfkünste anwenden.“
Dylan lachte. Er hatte ein hustendes, rauchiges Lachen. Zweifelsfrei war er krank, aber das war so ziemlich jeder, der mit uns auf der Straße lebte. „Ihr hättet gegen mich nicht mal im Geringsten eine Chance.“
Auch ich stand auf und stellte mich zu Dylan und Jake. „Hi.“ Eine kurze Begrüßung. Bei Dylan war man immer vorsichtig – respektvoll, unterwürfig.
„Na, kleine Gwen. Wie geht’s?“
Ich seufzte. „Super.“
Der Blauhaarige grinste schief und entblößte zwei lückenhafte Zahnreihen. In seinem Gesicht prangte eine tiefe Narbe, senkrecht über seiner linken Wange. ''Das Straßenleben.'', hatte er eines Morgens gesagt, als ich eine Woche dabei war. Es ist Monate her, doch wie lange weiß ich nicht. „Habt ihr genug zu Essen? Braucht ihr Geld?“ Ohne auf unsere Antworten zu warten, kramte er in seiner dünnen Jacke und holte ein paar Scheine heraus. „Hier, kauft euch etwas Schönes.“
Jake nahm die Geldscheine an und steckte sie sich in die Tasche. „Wo sind die Anderen?“
Dylan lehnte seine Schulter gegen die Mauer. „Auf dem Weg hier her. Wir treffen uns alle in zwei Tagen am Tower.“
„Okay.“, sagte Jake und holte seine Sachen. „Dann wird es Zeit, dass wir aufbrechen.“ Mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken und einigen Decken in den Armen, rannte er wieder auf uns zu und wir verließen die dunkle, dreckige Gasse.

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Moisl 24. Jun 2017

Wo ich mich vorhin über das neue Kapitel noch gefreut hab, bin ich jetzt hier heulend, weil das Kapitel so herzzerreisend war.
Danke, dass du mir Tränen in die Augen getrieben hast und Dylan noch so einen schönen Lebensabend ermöglichst.
Still the best <3
LG Moisl

Zira 10. Aug 2017
Danke für dein Feedback <3 ja er hat es verdient :) LG Zira
Gelöschter Kommentar
Moisl 07. Mar 2016

Oh mein gott! Du hast weiter geschrieben :DD
Und OH MEIN GOTT! Das kann nicht wirklich dein ernst sein! Wie kannst du nur so fies sein! Der arme!
Btw trotzdem toll dass du wieder weiter geschrieben hast, ich freu mich so :D
Was die jetzt nur machen werden, nach dieser Schocknachricht O.o
Bin gespannt und hoffe es geht bald weiter ^^ *Suchtkrüppel sein*

Bis dann *dir Kekse hin stell*
^^

Zira 08. Mar 2016
Jap endlich geht es weiter. :D Ich freue mich auch, dass es endlich weiter geht :P Jap... Dylan ist leider zum Tode verdammt :'( das macht mich auch sehr traurig, aber ich hoffe, er macht das beste draus *Hoffnung* er ist ja auch so noch jung :/ Danke für die Kekse *.*