Gleichgewicht des Schreckens

07.06.09 23:11
Die Vorgeschichte zu den Ereignissen des Bürgerkriegs. Die Friedensgespräche Präsident Hirschmanns gefährden die Pläne der Rüstungsindustrie und stoßen auch bei Politikern und Militärs nicht nur auf Gegenliebe. Ein Überläufer aus Asien könnte die Verhandlungen zum Kippen bringen, aber was weiß er wirklich?
Mark Brandis Drama P16 Slash In Arbeit

Lebenspläne

Eisiger Novemberregen klatschte gegen die riesigen Fensterscheiben, als der General am frühen Vormittag das Büro der Verteidigungsministerin betrat. Das miserable Wetter hielt sich jetzt seit einer Woche, genau seit dem Ausfall des Wetterkontrollsystems, das die Servicetechniker noch immer nicht in den Griff bekommen hatten. Kein Bürger der Hauptstadt war mehr auf diese durchdringenden Regenschauer eingestellt. Es ging das Gerücht, dass in den Geschäften von Metropolis kein einziger Regenschirm mehr zu kaufen sei. Die Parks und Grünanlagen der Stadt lagen bis auf ein paar unverdrossene Bürger vollkommen ausgestorben da. Niemand hatte mehr Lust, sich im Freien aufzuhalten. Metropolis, das oft das Venedig des 21. Jahrhunderts genannt wurde, verwandelte sich bald tatsächlich in eine Kopie der Lagunenstadt, so sehr standen alle öffentlichen Wege unter Wasser. Die Zeitungen waren voll mit entsprechenden Karikaturen.
Die Laune des Generals entsprach dem Wetter, sie war trüb und kurz davor in ein Gewitter umzuschlagen. Seine Schuhe hatten auf dem kurzen Weg von seinem Dienstwagen auf dem unüberdachten Parkdeck bis hin zum Eingang des Gebäudes bereits eine ordentliche Menge Regen abbekommen, der bis zu den Füßen vorgedrungen war. Leise fluchend war er durch die Gänge des Ministeriums geeilt, immer darauf bedacht, dass sie kein quietschendes Geräusch machten. Er hasste es, derart derangiert zu einem wichtigen Gespräch zu erscheinen. Zwar hatte er wie üblich der Vorzimmerdame der Ministerin ein paar charmante Komplimente zu ihrem neuen Kostüm – das sie, wie er wusste, schon seit mindestens zwei Monaten besaß - gemacht, um seinen Ruf als freundlicher Offizier nicht zu gefährden, aber ganz bei der Sache war er nicht gewesen. So hatte er sich auch nicht lange dort aufgehalten und nur mit kurzem Dank seinen regennassen Mantel bei ihr abgegeben. Dann war er sofort durch die Tür geeilt. Jean Habersham erwartete ihn bereits in der Mitte ihres geräumigen Arbeitszimmers.
„Gordon, wie schön Sie zu sehen!“ Sie ging auf ihn zu, eine elegante Erscheinung in einem dunkelroten Kostüm. Das lange blonde Haar hatte sie zu einem lockeren Knoten im Nacken gewunden, den eine schwarze Samtspange zierte. Sie fasste den General bei den Schultern und deutete einen Wangenkuss auf jeder Seite an. Dazu musste sie im Gegensatz zu den meisten Frauen noch nicht einmal auf die Zehenspitzen gehen. Ihr dezentes, teures Parfüm wehte dabei sanft zu ihm hinüber. Sie war eine attraktive Frau Anfang Vierzig, das ansehnlichste Mitglied des Kabinetts, wie die Presse gern schrieb. Zu Beginn ihrer Amtszeit hatten einige Journalisten deshalb den Fehler begangen, sie politisch zu unterschätzen, waren aber schnell eines besseren belehrt worden. Mit Jean Habersham war trotz des freundlichen Tonfalls, in dem sie meist sprach, nicht zu spaßen. Eine Gemeinsamkeit zwischen ihr und dem General, eine von vielen. Nicht umsonst arbeiteten sie so gut zusammen. Jeder wusste, was er von seinem Gegenüber zu halten hatte.
Der General erwiderte die angedeuteten Küsse – was er nicht ungern tat – und folgte Habersham zu einer kleinen Sitzgruppe aus dunklem Leder an der Seite des Arbeitsraumes. Auf einem kleinem Beistelltisch brannte eine antike Tiffanylampe, die angenehmes, warmes Licht verströmte. Hier stand auch schon eine Kanne starken Kaffees für den General bereit, genau so, wie er ihn mochte. Dunkel und heiß. Gerne ließ er sich eine Tasse von der Ministerin servieren und trank rasch ein paar Schlucke.
„Verdammtes Wetter“, meinte er, um sein Gespräch nicht gleich mit den ihm wichtigen Themen zu beginnen. Habersham schätzte es nicht, wenn man mit der Tür ins Haus fiel. Er sah auf seine feuchten Schuhe hinunter. „Die sind einfach nicht mehr für Regen gemacht.“
„Die Techniker tun sich diesmal wohl besonders schwer“, erwiderte Habersham und wippte mit einem Fuß ihrer grazil übereinander geschlagenen Beine. Sie trug zarte Seidenstrümpfe, ein Luxus, den sich nur noch wenige Frauen gönnten. Auch seine Frau gab Unsummen dafür aus, aber er duldete diese Laune, weil es hübsch an ihr aussah. „Es heißt, dass nicht genügend Ersatzteile zur Verfügung stehen. Und die mobile Wetterkontrolle kann diese Wassermassen nicht bewältigen.“
„Wenn das so weitergeht, wächst sich das noch zur Regierungskrise aus“, sagte der General und näherte sich damit nun vorsichtig an sein eigentliches Gesprächsinteresse an. „Es scheint mir fast symptomatisch für die Entropie unseres Systems zu sein. Nichts funktioniert mehr so, wie es sollte.“
„Das hört sich jetzt aber sehr nach allgemeinem Weltschmerz an, Gordon“, scherzte die Ministerin und berührte mit den Fingerspitzen leicht den Ärmel seiner Uniformjacke. „Oder wollen Sie auf etwas Bestimmtes hinaus?“
„Jean, Sie wissen, dass es nicht nur das Wetter ist, das mir die Laune verdirbt. Heute morgen rief mich der Vorstandschef von Ammotec an – wohlgemerkt um sechs Uhr früh – um mir ganz aufgeregt mitzuteilen, dass er die Information erhalten hätte, eine Fortsetzung des Forschungsauftrages der Regierung sei gefährdet. Ein Vertreter des Präsidenten hat ihm das ganz offiziell mitgeteilt. Als Jordan mich anrief, kam er gerade aus einer Krisensitzung, die wohl die ganze Nacht angedauert hat – bei Ammotec hat man Angst, dass dort bald die Lichter ausgehen. Die Firma ist von dem Regierungsauftrag abhängig, es stehen also auch Arbeitsplätze auf dem Spiel!“ Der General lehnte sich mit einem resignierten Seufzer in seinem Sessel zurück. „Was für mich daran hängt, können Sie sich wahrscheinlich lebhaft ausmalen.“
„Es hätte mich auch gewundert, wenn Sie sich nur um die Arbeitsplätze sorgen würden.“ Die Ministerin lächelte breit und schenkte ihm noch einen Schluck Kaffee nach. „Natürlich ist mir das Problem bekannt, aber ich habe im Moment noch keine Lösung dafür. Der Vertrag mit Ammotec wird zur Zeit in Zusammenarbeit mit dem Forschungsministerium finanziert, wie Sie wissen, und die würden ihn lieber heute als morgen kündigen. Zivile Raumfahrt heißt die neue Devise, jetzt, da Präsident Hirschmann erste erfolgreiche Gespräche in Peking geführt hat. Man würde es vorziehen, die VEGA bei der Entwicklung der neuen Delta-Reihe zu unterstützen.“
„Wogegen ich noch nicht einmal etwas einzuwenden hätte.“ Der General rief sich schnell ins Gedächtnis, was er über das revolutionäre neue Antriebssystem wusste, das bei der zivilen Venus-Erde, Gesellschaft für Astronautik – kurz VEGA – gerade entwickelt wurde. Ein Erfolg hierbei würde sich auch positiv für die strategische Raumflotte auswirken, das neue Triebwerk sollte die Schiffe der westlichen Allianz weitaus schneller machen als bisher. In der Raumfahrttechnik hatten die Asiaten immer ein wenig hinterher gehinkt, aber der Delta-Reihe hatten sie erst Recht nichts entgegenzusetzen. Wenn VEGA denn bald Erfolge zu verbuchen hatte… „Die Delta-Reihe ist für mich ein Beispiel dafür, wie man zivile und militärische Interessen in Einklang bringen kann. Das ändert aber nichts daran, dass es vollkommen sinnlos wäre, die Unterstützung für Ammotec jetzt zu streichen! Bei unserem letzten Strategietreffen bestätigte mir Professor Segovia, dass es nur noch ein paar Versuchsreihen braucht, um die Waffe für den Einsatz in der Praxis fertig zu stellen. Gibt es denn keine Möglichkeit, weitere Gelder des Verteidigungsministeriums bereitzustellen?“
„Gordon, Sie wissen genau, dass ich in diesem Quartal keine neuen Gelder mehr für das Projekt freimachen kann.“ Jean Habersham verschränkte ihre gepflegten Hände. „Der Präsident wird schon misstrauisch, Sie wissen, er setzt andere Prioritäten als sein Vorgänger.“
General Smith warf einen kurzen Blick auf die perfekt manikürten Fingernägel der Verteidigungsministerin und den beeindruckenden diamantbesetzten Ring, der am Ringfinger ihrer rechten Hand steckte. Ein Geschenk ihres Mannes wahrscheinlich, um sein schlechtes Gewissen wegen seiner vielen Affären zu beruhigen. Dann sah er Habersham direkt in die Augen. „Sie wissen, dass wir gerade in einer entscheidenden Entwicklungsphase stecken. Wenn wir Ammotec jetzt den Geldhahn zudrehen…“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach ihn Habersham. „Dann haben wir ein paar Milliarden in den Sand gesetzt. Aber Hirschmann scheint lieber das in Kauf zu nehmen, als noch weitere Entwicklungskosten zu finanzieren. Seine humanitären Aktionen sind ihm eben wichtiger, mir gefällt das ebenso wenig wie Ihnen.“
„Verdammt, und dabei stehen wir kurz vor dem Durchbruch!“ Der General schlug mit der Faust auf den Tisch, wobei seine Kaffeetasse gefährlich ins Wanken geriet. Schließlich blieb sie mit einem leisen Klirren doch noch auf der Untertasse stehen. „Wir hätten endlich etwas in der Hand, um uns einen enormen strategischen Vorteil zu verschaffen. Aber der alte Mann schickt ja lieber Friedenstauben nach Peking!“
Von Anfang an hatte Smith tiefe Abneigung gegen den idealistischen Samuel Hirschmann gehegt, der kaum im Amt, begonnen hatte, sich mit hochrangigen asiatischen Politikern zu treffen. Einen dauerhaften Frieden wollte er aushandeln, wie lächerlich! Abrüstungsgespräche führen und der Armee die Mittel streichen! Bestenfalls konnte man das als Naivität betrachten, Smith zog es aber eher vor, von Verrat zu sprechen.
Verrat an den Grundfesten der EAAU.
Der General stammte aus einer Familie, die seit Generationen der Armee angehörte, erst jener der Vereinigten Staaten von Amerika, später, als die Nationalstaaten zu einer großen westlichen Union zusammengeschlossen wurden, den Streitkräften des neuen Bündnisses. Kaum jemand unter seinen Vorfahren hatte keine Militärakademie besucht, selbst ihre Ehepartner kamen vorwiegend aus Armeekreisen. Diese Tradition verpflichtete. Und sie bestimmte auch das Denken des Generals. Die Friedensbemühungen des neuen Präsidenten empfand er geradezu als Angriff auf seine persönliche Existenz. Auf das Leben, das er gewohnt war.
„Gordon, ich kann Ihnen nur raten, sich nicht öffentlich derart aus dem Fenster zu lehnen“, meinte Habersham warnend. „Wir beide verstehen uns, und ich stehe auf Ihrer Seite. Ich verspreche Ihnen auch, dass alles, was Sie mir anvertrauen, diesen Raum nicht verlässt. Aber Sie müssen vorsichtig sein, ich kann nicht immer die Hand über Sie halten, dazu steht zu viel auf dem Spiel.“
„Jean, ich verstehe ja, dass Sie auch auf den Erhalt Ihrer eigenen Position achten“, erwiderte Smith um Selbstbeherrschung bemüht. „Aber Sie haben vollkommen Recht – es steht viel auf dem Spiel. Und gerade deshalb dürfen wir jetzt nicht nachgeben, sonst ist alles verloren, wofür wir uns eingesetzt haben.“
„Sie waren noch nie ein Freund diplomatischen Vorgehens, ich weiß.“ Habersham lächelte und sah dabei ziemlich attraktiv aus. Um ihre braunen Augen bildeten sich kleine Lachfältchen, die ihr ganzes Gesicht sympathisch wirken ließen. Viele ihrer Gesprächspartner ließen sich davon darüber hinwegtäuschen, dass sie eine knallharte Verhandlungspartnerin war, aber Smith kannte sie zu lange, um noch darauf hereinzufallen. „Aber wenn Sie mir versprechen, sich in den nächsten Monaten ein wenig zurückzuhalten, könnte ich bei Hirschmann vielleicht noch eine Verlängerung des alten Vertrages mit Ammotec herausschlagen. Wenn wir dann noch dem
Aufsichtsrat ein wenig Druck machen…“
„Zurückhaltung gehört nicht gerade zu meinen Stärken“, gab Smith unumwunden zu. „Und auch die Piloten draußen an der Front halten nicht viel davon, vor allem, wenn Hirschmanns Friedenspolitik sie zwingt, die Provokationen der VOR-Piloten ignorieren zu müssen. Wie soll ich den Männern und Frauen da draußen erklären, dass sie tatenlos zusehen müssen, wenn die Chinesen ständig unsere Patrouillenrouten verletzen? Ich selbst würde oft gern den Feuerbefehl erteilen, wenn solche Meldungen hereinkommen.“
„Gordon, dabei vergessen Sie nur leider, dass auch Sie oft Ihre Piloten zu solchen Aktionen anstacheln.“ Habersham lächelte noch breiter. Sie lehnte diese Vorge-hensweise des Generals durchaus nicht rundheraus ab. Seit Jahren galt Smith als ihr Protegé, gerade weil er zu den Hardlinern zählte. Sie selbst sympathisierte deutlich mit den Gegnern der Friedensverhandlungen, musste sich aber in der Öffentlichkeit mit ihren Bemerkungen zurückhalten. Die EAAU wurde von einer zerbrechlichen Koalition zweier Parteien regiert, die im Parlament mit beinahe gleich vielen Sitzen vertreten waren. Präsident Hirschmanns linksliberale Partei hatte den Konservativen bei der letzten Wahl viele Stimmen abgenommen, was sie vor allem dem Charisma des alten Mannes verdankte. Die Bevölkerung vertraute auf seine Friedensbemühungen, hoffte auf politisches Tauwetter, nachdem Jahre des kalten Krieges auch der EAAU ihren Tribut abverlangt hatten. Obwohl sich die beiden Machtblöcke nie den Krieg erklärt hatten, gab es doch immer wieder militärische Zwischenfälle, bei denen viele Familien Angehörige verloren hatten. Hinzu kam der wirtschaftliche Schaden, den der kalte Krieg anrichtete, der Außenhandel war so gut wie zum Erliegen gekommen. Dabei hatten die Firmen der EAAU einmal gute Geschäfte mit den Asiaten gemacht, dort mangelte es wegen der Überbevölkerung an vielem, was der Westen zu bieten hatte. Vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln und alltäglichen Gebrauchsgütern stellte ein allgegenwärtiges Problem dar, ähnlich wie es im 20. Jahrhundert in den Staaten des Ostblocks der Fall gewesen war. Angeblich stand auch heute noch nicht in jedem chinesischen Haushalt eine Waschmaschine, von modernen Haushaltscomputern ganz zu schweigen. Genau wusste es aber niemand, noch nicht einmal die seit einigen Monaten in Peking ansässigen Diplomaten, denn die Regierung ließ sich nur ungern in die Karten schauen. Die Unterversorgung der Bevölkerung galt als Tabuthema, auch jetzt noch, obwohl Hirschmann auch hier Hilfe zugesagt hatte.
Der General hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was er von solchen Hilfsangeboten hielt. Man solle den Hund nicht noch füttern, der einen beißen wolle, hatte er einmal zum Präsidenten gesagt. Der hatte daraufhin erwidert, dass gerade hungrige Hunde aggressiv würden. Smith hatte sich nur mit Mühe einer wütenden Entgegnung enthalten können, bissige Hunde würden gewöhnlich eingeschläfert.
So geriet jedes Treffen des Generalstabes mit dem Präsidenten für ihn zu einer Geduldsprobe, zumal er als Stellvertreter des Chefs unter besonderer Beobachtung stand. Habersham hatte ihn schon einmal gewarnt, Hirschmann habe angedeutet, er wolle ihm das Oberkommando über die strategische Raumflotte entziehen, wenn er so fortfuhr wie bisher. Damit waren auch die kleinen Zwischenfälle im All gemeint, auf welche die Ministerin angespielt hatte. Der General testete gerne einmal seine Grenzen aus und ließ seine Piloten dichter an den Raumstationen der VOR vorbeifliegen, als das Waffenstillstandsabkommen von 2054 es vorsah. Nie nah genug, um daraus einen kriegerischen Akt herauslesen zu können, aber genug, um zu provozieren. Und da es auch unter den Asiaten Hitzköpfe seines Schlages gab, entstanden daraus nur zu oft brenzlige Situationen. Es hieß, Smith bereite manchem Diplomaten schlaflose Nächte mit seinen aggressiven Aktionen.
„Könnten Sie Ihre Piloten nicht in den nächsten Monaten zu etwas defensiverem Verhalten anhalten?“ Wieder legte sie ihm die Fingerspitzen auf den Ärmel. Er fragte sich, ob dies aus echter Sympathie entsprang oder aus Raffinesse – vielleicht auch aus beidem. Zusammen mit ihrem leicht schräg gehaltenem Kopf sah es fast aus, als wolle sie mit ihm flirten. Wäre ihm nicht das Gesprächsthema so auf die Laune geschlagen, wäre er durchaus nicht abgeneigt gewesen. „Nur, um ein wenig Ruhe einkehren zu lassen? Ich will Hirschmann vermitteln, dass wir das Projekt nur durchziehen wollen, um notfalls ein Drohmittel in der Hand zu haben. Er soll nicht denken, dass Sie damit gleich nach Fertigstellung Peking in Schutt und Asche legen wollen.“
Smith dachte bei sich, dass letzteres seinen Wünschen ziemlich nahe kam, behielt es aber für sich. So radikal dachte selbst Habersham nicht. Ihr kam es hauptsächlich darauf an, die Asiaten in Schach zu halten. „Sie wollen also Hirschmann in Sicherheit wiegen? Einen Versuch ist das sicherlich wert. Wenn ich meinen Piloten sage, dass die Order von ihm kommt, werden sie wissen, was sie davon zu halten haben. Der Präsident ist dabei, es sich mit seiner eigenen Armee zu verderben. Ich hoffe, er weiß, was er da tut.“
„Gordon, Sie spielen doch nicht etwa mit dem Gedanken an einen Militärputsch?“ Jean Habersham lachte amüsiert. „Nein! Dazu sind Sie zu intelligent, Sie wissen, dass die EAAU dafür ein zu demokratisches Pflaster ist!“
Sie sprach es fast aus wie eine Hoffnung und sah ihn dabei prüfend an.
„Natürlich würde ich nichts dergleichen planen, Jean.“ Der General lächelte charmant. Tatsächlich spielte er beinahe jeden Tag mit diesem Gedanken, aber die Aussicht auf Erfolg erschien ihm zu gering. Jedenfalls derzeit. „Sie können vollkommen unbesorgt sein. Wenn, dann wäre es tatsächlich nur ein Gedankenspiel…“
„Meine Güte, Sie können einen ja wirklich erschrecken!“ Sie gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm. „Also verbleiben wir doch so und schließen einen kleinen Deal ab. Sie halten still und ich versuche, Hirschmann zu überzeugen.“
„Das wird wohl für den Moment das Beste sein.“
Von plötzlicher Unruhe erfasst, rutschte er in seinem Sessel hin und her. Habersham bemerkte es und stand auf, ein sicheres Zeichen, dass das Gespräch nun für sie beendet war. Smith war froh darum, bevor sie noch weitere Zugeständnisse von ihm fordern konnte. Er erhob sich ebenfalls und rückte seine Uniformjacke gerade.
„Ach, bevor ich es vergesse“, Habersham legte die Hand an die Schläfe, „am Wochenende laden mein Mann und ich zu einem kleinen Empfang ein. Haben Sie und Clara nicht auch Lust zu kommen? Es sind ein paar interessante Leute da.“
„Ihren Pool werden wir beidem Wetter leider nicht nutzen können“, scherzte er. „Aber ja, ich werde mir frei nehmen, und Clara freut sich bestimmt ebenfalls.“ Seine Frau würde sogar ganz aus dem Häuschen sein. Eine private Einladung der Ministerin, das war doch etwas besonders! Zudem würde sie ihre Neugier befriedigen können, wie man mit einem Ministergehalt leben konnte. Vor allem wo. Ihr Ehrgeiz bestand vor allem Dingen darin, ihn eines Tages als Habershams Nachfolger zu sehen.
Die Zeremonie der Luftküsse wiederholte sich, damit war er entlassen. Habershams Assistentin reichte ihm seinen getrockneten Mantel und verabschiedete ihn mit einem kurzen, freundlichen Winken. Auf dem Weg zu seinem Wagen würde er ohnehin wieder nass werden, aber er bedankte sich dennoch für die kleine Aufmerksamkeit. Nachdenklich schlenderte er die Gänge zum Fahrzeugdeck entlang, nun hatte er keine Eile mehr. Die Verwaltungsaufgaben, die für heute noch anstanden, konnte er ebenso gut zu Hause in seinem Büro erledigen.
So viel stand fest, die Ministerin würde sich für ihn nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Sie hatte Angst davor, als Unterstützerin eines der Hardliner im Generalstab zu gelten, auch wenn diese Hardliner genau dafür den Kopf hinhielten, was sie politisch propagierte. Der harte Kurs gegenüber den VOR ließ sich nun einmal nicht ohne Opfer durchsetzen. Die wollte aber niemand bringen. Im Gegensatz zu Smith würde Habersham ihre Karriere nicht gefährden, um zu ihrem Kurs zu stehen. Wenn er doch nur schon Chef des Generalstabes wäre! Aber General Albini, ein in Ehren ergrauter Stratege, würde erst in zwei Jahren in Pension gehen, und selbst dann war es fraglich, ob man ihm, der noch nicht einmal vierzig Jahre zählte, diesen Posten antragen würde. Der derzeitige Präsident würde es gewiss nicht tun.
An der Tür zum Parkdeck schlug der General seinen Mantelkragen hoch, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen, der vom Atlantik herüberwehte. Den Regenschirm aufzuspannen, würde auch nichts bringen, der würde ihm nur aus der Hand gerissen, so sehr stürmte es. Er sah auf seine Uhr, es war früher Nachmittag, nun würde auch noch das totale Verkehrschaos in Metropolis herrschen. Der öffentliche Personenverkehr war zwar unter die Erde verlegt worden, aber beinahe jeder konnte eine Sondergenehmigung für ein Privatfahrzeug bekommen. Das hatte zur Folge, dass zu Stoßzeiten das Verkehrsleitsystem oft kurz vor dem Kollaps stand.
Auch das noch! Irgendein Idiot mit einem klapprigen alten Wagen hatte ihn an der Fahrerseite fast zugeparkt. Es wunderte ihn, das dieses angerostete blaue Ding überhaupt noch für den Verkehr zugelassen war. Leise fluchend überprüfte er, ob er überhaupt noch in sein Fahrzeug einsteigen konnte, es blieben kaum dreißig Zentimeter Platz, vielleicht, wenn er die Tür ganz vorsichtig öffnete, würde es ihm gelingen. Seinen Mantel würde er sich aber auf jeden Fall schmutzig machen, denn der andere Wagen war nicht nur schrottreif, sondern auch ziemlich verdreckt. Im Geiste diktierte er seiner Assistentin schon ein wütendes Memo, in dem der schlechte Erhaltungszustand der Armeedienstwagen angeprangert wurde. Zudem würde er den Fahrer des Wagens ermitteln lassen und dafür sorgen, dass er eine ordentliche Abreibung von seinem Vorgesetzten erhielt. Seine Laune steuerte einem neuerlichen Tiefpunkt entgegen. Die Disziplinlosigkeit in manchen Teilen des Ministeriums nahm Ausmaße an, die er nicht mehr für möglich hielt. Am liebsten hätte er dem rostigen Wagen einen Tritt verpasst und ihn abschleppen lassen. Aber bis das Räumungsteam das Deck erreichte, würde er noch nasser sein, als er es ohnehin schon war. Vielleicht war es besser, sich über die Beifahrertür auf den Fahrersitz zu hangeln, was bei seinen langen Beinen aber ebenfalls ein Problem darstellen dürfte.
Plötzlich hörte er hinter sich Schritte über das Deck eilen, mit dem klappernden Geräusch von Damenschuhen. Er drehte sich wütend um, der Eile nach war das bestimmt die Fahrerin des Wagens. Innerlich bereitete er sich darauf vor, den Ankömmling mit der gesamten Autorität seiner Stellung zusammenzustauchen. Was er aber sah, reizte ihn mehr zum Lachen als zum Schreien und er fühlte sogar so etwas wie Mitleid in sich aufsteigen.
Ein weiblicher Lieutenant in vollkommen durchnässter Uniform kam auf ihn zu, bis unter die Nasenspitze mit Büchern und einem Notebook beladen. Über der Schulter der jungen Frau hing eine große, ausgebeulte Damentasche, aus der ebenfalls Bücher sowie eine Wasserflasche herausragten. Trotz des Wetters trug sie den Uniformrock, der ihr um die Hüften ein wenig zu eng war – sie war dort ein wenig mollig gebaut. Ihre Strumpfhosen waren vollkommen mit Schmutzwasser bespritzt. Die dunklen Haare hatte die junge Frau im Nacken mit einer Spange zusammen gehalten, aber ein paar durchnässte Strähnen hingen ihr in das sympathische Gesicht. Sie wirkte sehr gestresst, versuchte aber, ein entschuldigendes Lächeln zustande zu bringen.
„Verzeihen Sie bitte, Sir“, begann sie unter dem Bücherstapel, „ich wollte wirklich nur ganz kurz ins Gebäude, aber dann bin ich aufgehalten worden… ich fahre sofort weg.“ Sie lächelte nervös. „Wenn mein Auto anspringt.“
Smith war sich nicht sicher, ob die junge Offizierin ihn erkannt hatte, zumindest musste sie aber wissen, dass sie einen General vor sich hatte. Vollkommen verblüfft über ihr respektloses Verhalten warf er einen Blick auf ihre Kragenspiegel. Medizinisches Korps, natürlich. Und auf ihrem Arm Bücher über Psychologie, noch schlimmer. Eine von den Beratungstanten, die unter Colonel Denners Dienst taten, wenn man ihre Tätigkeit so bezeichnen konnte.
„Sagen Sie, hat man Ihnen nicht beigebracht, wie man Haltung annimmt?“ fragte er unwirsch. „Eigentlich sollte ich eine Beschwerde über Sie einreichen! Ihr Auto parkt unmöglich!“
„Wie?“ fragte sie.
„Wie was?“
„Wie soll ich mit all diesen Büchern auf dem Arm Haltung annehmen?“
Es klang irgendwie kläglich, und in ihm regte sich so etwas wie Beschützerinstinkt. Sie versuchte vergeblich, sich ihre Last unter den Arm zu klemmen und nach ihrer Schlüsselkarte zu suchen. Irgendwie imponierte ihm ihr seltsames Verhalten.
„Sie haben ja recht“, sagte er etwas versöhnlicher. „Kommen Sie, ich nehme Ihnen etwas ab, damit Sie Ihren Wagen aufschließen können. Sonst kommen Sie ja nie vom Fleck.“
„Das ist wirklich nett von Ihnen, Sir.“ Sie schenkte ihm ein verlegenes Lächeln und lud den Stapel auf seinem Arm ab. Inzwischen fühlte er, wie die Nässe bis auf seine Haut durchdrang. Wenn er nicht bald ins Trockene kam, würde er sich sicherlich eine ordentliche Erkältung holen.
Die junge Frau suchte eine Weile in ihrer Umhängetasche herum, bis sie ihre Schlüsselkarte gefunden hatte. Sie öffnete die Fahrertür ihrer Schrottkarre und begann, die Bücher von seinem Arm auf den Beifahrersitz umzuladen. Dabei streckte sie ihm unfreiwillig ihr üppiges Hinterteil entgegen. Der Rock rutschte ein wenig hoch und er konnte einen Blick auf ihre Beine werfen. Sie trug Schuhe mit mittelhohen Absätzen, die schon ein wenig abgetreten waren und an ihrer linken Ferse zog sich eine riesige Laufmasche nach oben. Meine Güte, wahrscheinlich hatte sie auch keinen guten Tag hinter sich. Eigentlich hatte er wenig Verständnis für undiszipliniertes Auftreten, egal ob bei männlichen oder weiblichen Soldaten oder aus welchem Grund, aber ihr sah er es nach. Zudem hatte sie wirklich hübsche braune Augen, mit ein paar grünen Sprenkeln darin.
Seit dem seine Ehe mit Clara nicht mehr so funktionierte wie er es sich wünschte, war er wieder empfänglicher für die Vorzüge anderer Frauen geworden. Zwar hatte er seine Frau nie betrogen – umgekehrt war er sich nicht so sicher – aber er war nicht abgeneigt, sich sein Ego hin und wieder durch einen kleinen Flirt ein wenig aufpolieren zu lassen. Der junge Lieutenant war zwar eigentlich gar nicht sein Typ, aber sie machte einen netten Eindruck. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sie zu fragen, ob sie mit ihm einen Tee zum Aufwärmen trinken ginge, verwarf diesen aber schnell wieder. So etwas brachte im allgemeinen nichts Gutes, nur dumme Gerüchte und Scherereien.
„Brauchen Sie Hilfe beim Anlassen des Wagens?“ fragte er, als sie das letzte Buch auf dem Sitz verlud.
„Oh, es geht schon, bisher hat er mich noch nie wirklich im Stich gelassen.“ Sie lächelte schief. „Also drücken Sie mir die Daumen, dass er es jetzt auch nicht tut.“
„Ich habe ein wenig Angst, Sie damit in den Straßenverkehr zu lassen.“ Ob er ihr anbieten sollte, sie heimzufahren? Aber auch das verwarf er. Eigentlich hatte er Beschwerde gegen sie einlegen wollen, und nun machte er sich auch noch Gedanken über ihren Heimweg.
„Es passiert schon nichts.“ Sie lächelte ihm noch einmal zu. „Also, dann, vielen Dank noch einmal, Sir. Und entschuldigen Sie nochmals, dass ich Sie zugeparkt habe.“ Mit diesen Worten kletterte sie in ihren Wagen und machte sich bereit, loszufahren.
„Wie heißen Sie Lieutenant?“ fragte er schnell.
„Wollen Sie doch noch Beschwerde einlegen?“ Ihre Stimme klang nervös. „Es tut mir wirklich Leid...“
„Nein, nein“, wehrte er ab. „Ich wollte es einfach nur wissen.“
„Emma Rodriguez, Sir. Lieutenant Emma Rodriguez.“
„Also dann, Lieutenant Rodriguez, kommen Sie gut nach Hause und kochen Sie sich einen heißen Tee.“
„Werde ich tun, Sir.“ Sie winkte noch einmal kurz und schloß dann die Tür. Einige Sekunden später sprang der Wagen mit einem gefährlichen Röhren an. Der Motor hatte seine besten Tage schon lange hinter sich, dennoch brachte er es zustande, das Antigravitationsaggregat zum Arbeiten zu bewegen. Mit einem leichten Ruckeln hob sich das Fahrzeug vom Boden.
Smith trat beiseite, um Lieutenant Rodriguez ausparken zu lassen. Bei ihrem Geschick schaffte sie es bestimmt noch, ihm über die Füße zu fahren.
Wider Erwarten gelang es ihr aber recht zügig, den Wagen zurückzusetzen und auszuparken. Sie hupte noch einmal kurz und schwebte dann mit gurgelndem Motor davon. Smith stieg in seinen eigenen Wagen und stellte als erstes die Heizung auf volle Kraft. Das Gebläse nahm sofort seine Arbeit auf, aber er fror dennoch weiterhin. Seine Kleidung war vollkommen durchweicht, er freute sich nur noch darauf, nach Hause zu kommen. Mit der im Armaturenbrett des Wagens eingelassenen Fernbedienung seiner Wohnung wählte er das Badezimmer an und prüfte, ob die Badewanne frei war. Sie war es tatsächlich, Clara hielt sich wohl noch in der Stadt oder bei einer Freundin auf. Mit einem weiteren Fingerzeig auf das Display suchte er sein liebstes Schaumbad heraus und wies den Hauscomputer an, ihm ein heißes Bad einlaufen zu lassen.
Nachdem er seinen Wagen gestartet hatte, übernahm das automatische Navigationssystem die Steuerung und wies ihn auf den Leitstrahl ein, der ihn nach Hause führen würde. Wie immer um diese Zeit litt das Verkehrssystem der Stadt an Überlastung und es dauerte ein paar Minuten, bis der Wagen sich in den Strom der dahin gleitenden Fahrzeuge einreihen konnte. Die Wolken hingen so tief, dass sie fast über dem Wagendach zu schweben schienen. In den oberen Stockwerken der Büro und Verwaltungsgebäude hatte man wahrscheinlich so gut wie keine Aussicht mehr.
Der General schaltete den kleinen Fernsehmonitor neben der Steuerung ein und sah sich die neuesten Nachrichten an. Der Moderator berichtete wie üblich von Hirschmanns Verhandlungserfolgen mit der Außenministerin der VOR, einer Japanerin mittleren Alters, die als gemäßigte Kraft innerhalb der Spitze der Einheitspartei galt. Es hieß, das Verhältnis der beiden Politiker sei auch über die politischen Angelegenheiten hinaus gut, man habe eine gemeinsame Sprache gefunden. Sofort fühlte Smith wieder den alten Zorn in sich aufsteigen. Für ein paar Minuten hatte ihn die Begegnung mit Lieutenant Rodriguez davon abgelenkt, aber nun galten seine Gedanken augenblicklich wieder Hirschmann und seinen Friedensbemühungen. Unglaublich, wie eine gesamte Nation angesichts ein paar netter Worte seitens dieser Japanerin in einen regelrechten Taumel geraten konnte! Dabei gab es noch keinerlei Beweise dafür, dass ihre Ankündigungen auch nur im mindesten in die Tat umgesetzt werden würden. Die Bedrohung aus dem asiatischen Raum bestand unvermindert fort, nur wollte das niemand mehr sehen. Die Kamera zeigte Aufnahmen vom Platz des himmlischen Friedens in Peking, wo sich einige Tausend Demonstranten versammelt hatten, um Plakate hochzuhalten, die von der neuen Völkerfreundschaft kündeten. Bestelltes Jubelpublikum, dachte Smith verächtlich. Als wenn es in den VOR erlaubt wäre, frei zu demonstrieren, und schon erst recht nicht, auch noch Aufnahmen davon zu machen. Hirschmann jedoch würde begeistert sein.
Sein Wagen zog an Werbetafeln und Informationsdisplays vorbei, welche die neuesten Waren anpriesen. Sogar die Werbung wurde von dem neuen asiatischen Taumel erfasst, Lebensmittel aus China, Möbel aus Japan oder Stoffe aus Indien erlebten einen neuen Boom. Auch seine Frau war schon davon angesteckt, gerade vor wenigen Tagen hatte sie ihn überreden wollen, eine kleine japanische Kommode im gemeinsamen Schlafzimmer aufzustellen. Wütend hatte er erklärt, von dem Ding Albträume zu bekommen und sie genötigt, es zurückzugeben. Clara hatte ihn einen verbohrten Fanatiker genannt und ihm den ganzen Tag gegrollt. Sie hatte erst wieder mit ihm gesprochen, als er ihr stattdessen das sündhaft teure Plaid für das Wohnzimmersofa schenkte, das sie sich schon so lange wünschte. Aber besser eine überteuerte italienische Sofadecke im Wohnzimmer als dieser asiatische Lackkasten direkt vor seinem Bett, wo er jeden Morgen nach dem Aufstehen hinsehen musste! Noch schlimmer wäre nur ein Bild des Präsidenten gewesen, das direkt an seinem Rasierspiegel befestigt war.
Smith war davon überzeugt, dass man gerade hier in Metropolis fest zu den kulturellen Werten des Westens stehen müsse. Die Stadt atmete geradezu eine Aura von Macht und Einfluss, hier befanden sich die wichtigsten Banken, die Ministerien und die Verwaltungssitze der bedeutendsten Konzerne. In Metropolis einen guten Posten zu bekleiden, bedeutete, auf dem Weg nach oben zu sein. Wie stolz er gewesen war, als man ihn von seinem Stützpunkt in Amerika, wo er seinen ersten Stern errungen hatte, in die Hauptstadt versetzt hatte. Und damit ging es auch für ihn nach oben. Er war der jüngste General, der je die strategische Raumflotte kommandiert hatte. Auch Clara war begeistert gewesen, von der öden Militärbasis wegzukommen, auf der es nur Reihenhäuser wie vom Reißbrett gab und kaum Abwechslung für eine gelangweilte Ehefrau, die nur halbtags arbeitete und ansonsten auf die manchmal stattfindenden Wohltätigkeitsbasare der Armee angewiesen war. Sie hatte sich in der Hauptstadt noch schneller eingewöhnt als er und rasch neue Freunde gefunden. Oft, wenn er abends nach Hause kam, fand er die gemeinsame Wohnung von Gästen bevölkert vor, die von seiner Frau bekocht wurden und seinen Whisky tranken. Erst als er sich mehr Ruhe ausgebeten hatte, hatte sie diese abendlichen Veranstaltungen beschränkt und war stattdessen nun oft selbst noch unterwegs, wenn er nach Hause kam.
Das Navigationsgerät zeigte an, dass der Wagen sich seinem Ziel näherte, eine sanfte weibliche Computerstimme kündigte die Ankunft in zwei Minuten an. Von weitem sah Smith bereits das exklusive Hochhaus, in dem Clara und er eine großzügige Penthousewohnung besaßen. Es gab sogar ein eigenes kleines Parkdeck, in das sein Dienstwagen nach der vom Computer angegeben Zeit sanft einschwebte. Es war schon fast ungewohnt, den Regen plötzlich nicht mehr auf das Wagendach prasseln zu hören.
Über eine Seitentür gelangte der General in den Vorraum der Wohnung. Dank der automatischen Klimasteuerung war es hier angenehm warm, dennoch fröstelte er in seiner nassen Kleidung. In allen Zimmern brannte Licht, aber das konnte sich auch automatisch eingeschaltet haben. Von Clara war nichts zu hören, also rief er zweimal ihren Namen. Keine Antwort. Sie war noch unterwegs.
Schulterzuckend hängte er seinen feuchten Mantel zum Trocknen an die Garderobe. Auch der Mantel seiner Frau war nicht da, aber das war nicht weiter verwunderlich. Erleichtert, endlich zu Hause zu sein, begab er sich ins Badezimmer und warf seine feuchten Kleider in den Wäscheautomat. Aus der breiten Badewanne stieg angenehm duftender Dampf auf, der sich schon an den Spiegeln niedergeschlagen hatte. Auch vorgewärmte Handtücher hatte der Hauscomputer schon auf der Ablage neben der Wanne bereitgestellt. Seufzend ließ sich Smith in das heiße Wasser sinken und genoss es, wie die Kälte aus seinen Gliedern wich. Über das Display neben an der Wand wählte er einen Sender aus, der Jazzmusik aus dem 20. Jahrhundert spielte und erfreute sich daran, einmal nicht an Hirschmann zu denken.
Er verbrachte eine halbe Stunde im Bad, ließ immer wieder heißes Wasser nachlaufen. Erst als seine Haut an den Fingerspitzen schon ganz schrumpelig geworden war kletterte er hinaus und trocknete sich ab. Er schlüpfte in einen Jogginganzug und ging hinüber in das geräumige Wohnzimmer. Heute Abend wäre sicherlich eine gute Gelegenheit, um den offenen Kamin anzuzünden. Holz lag dazu immer bereit. Eine gute Flasche Wein fand sich bestimmt auch noch im Wandschrank, die er mit Clara leeren konnte. Vielleicht war sie ja sogar endlich einmal wieder bereit, ein wenig mit ihm zu schmusen, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatten. Zu seinem Bedauern, denn er fand Clara noch immer sehr attraktiv und feminin.
Er fragte den Hauscomputer ab, ob sie eine Nachricht für ihn hinterlassen hatte, aber es gab keine. Sonst gab sie ihm auf diesem Wege wenigstens immer kurz Bescheid, wo sie sich aufhielt, falls er ihr etwas mitzuteilen hatte. Er hasste es, wenn sie für ihn unerreichbar war.
Mit einem kleinen Anflug von Ungeduld wählte er ihre Mobilnummer an, aber das System teilte ihm mit, dass das Telefon derzeit nicht erreichbar sei. Sogar die Mailbox war abgeschaltet, noch nicht einmal eine Nachricht konnte er ihr hinterlassen. Wütend ging er in die offene Küche hinüber und ließ sich vom Kaffeeautomaten einen heißen Cappuccino bereiten. Er gehörte gewiss nicht zu den Männern, die ihre Frauen am liebsten an die Leine legen würden, aber für ihn gehörte es zur Verlässlichkeit zwischen Ehepartnern, füreinander erreichbar zu sein. Wo mochte sie stecken? Er hoffte nur, dass ihr nichts geschehen war.
Zwei Stunden später wartete er immer noch vergebens. In der Zwischenzeit hatte er einige verhasste Büroarbeiten erledigt, die nun einmal auch zu seinem Aufgabenbereich gehörten und einige Telefonate geführt. Darunter auch eines mit Professor Juan Segovia, dem Leiter der Entwicklungsabteilung bei Ammotec, den er seit Jahren gut kannte. Das Gespräch war über eine verschlüsselte Leitung geführt worden, um jede Gefahr der Industriespionage auszuschließen. Segovia hatte ihn über den neuesten Stand der Dinge informiert, es sah tatsächlich düster für die Finanzierung des gemeinsamen Projektes aus. Wenn nicht ein Wunder geschah, dann würde es bald keine weiteren Versuche mehr geben. Hirschmann hatte Angst, dass vor allem die Tests in der Praxis, die auf einem verlassenen Armeegelände in der Sahara durchgeführt wurden, seine Verhandlungen mit den VOR ernstlich gefährdeten. Natürlich war dem Geheimdienst der Asiaten nicht entgangen, was sich da unter den Augen ihrer Satelliten abspielte, aber die Funktionsweise der neuen Waffe blieb ihnen ein Rätsel. Andererseits ließ sie sich auch noch nicht genügend kontrollieren, um gezielt eingesetzt zu werden. Und dafür brauchte Segovia noch mehr Zeit und vor allem eine Menge Geld.
Vielleicht wurde es Zeit, einige Kontakte zu aktivieren, die Smith offiziell gar nicht hatte, die sich aber nun als nützlich erweisen konnten. Geldgeber aus Wirtschaft und Politik, die seine Ansichten bezüglich der Friedensverhandlungen mit den VOR teilten und auf seinen Rat hörten. Diese Menschen sahen in ihm eine Art Vollstrecker für ihre politischen Träume, auch wenn er sich im klaren darüber war, dass sie auch froh darüber waren, selbst im Hintergrund bleiben zu können, bis ihre große Stunde kam.
Er versuchte es nochmals bei Clara, aber sie ging immer noch nicht ans Telefon. Inzwischen schwankte er zwischen Wut und Sorge. Eigentlich war es nicht ihre Art, ihn so im Ungewissen zu lassen. Er hatte sogar auf den Tischen in der Küche und im Esszimmer nachgesehen, ob sie ihm eine handschriftliche Botschaft hinterlassen hatte, aber nichts dergleichen gefunden. Wenn sie nach Hause kam, würde er ein ernstes Wort mit ihr reden müssen. Sie durfte ihn einfach nicht so behandeln!
Um sich abzulenken, fuhr er mit seiner Verwaltungsarbeit fort und machte sich nur kurz zwischendurch ein kleines Abendessen. Mit ein paar belegten Broten und einer Flasche Bier setzte er sich an seinen Schreibtisch. Jean Habersham schickte ihm die Einladung zu ihrem kleinen Empfang gerade noch einmal per Mail. Es wurde festliche Kleidung erwartet, also würde er seine Ausgehuniform aufbügeln lassen müssen.
Endlich, um halb neun abends, hörte er Claras Wagen auf dem Parkdeck ankommen. Er war gespannt, was sie ihm zu sagen hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder einmal mit ein paar Freundinnen verplaudert und die Zeit vergessen. Aber sie hätte ihn doch wenigstens benachrichtigen können! Wenig später hörte er, wie die Seitentür geöffnet wurde und jemand den Vorraum betrat. Clara unterhielt sich mit gedämpfter Stimme mit irgend einem Begleiter, so dass Smith nicht verstehen konnte, was sie sagte. Er beschloss aufzustehen und ihr entgegen zu gehen.
Neben ihr stand ihre Freundin Helen Marks, die sich bei ihr untergehakt hatte. Clara hatte noch ihren dunkelroten Mantel an und sah bedrückt und ernst aus. Hatte sie geweint? Ihre Augen waren ein wenig rotgerändert, das Make Up verschmiert. Er wunderte sich, was das zu bedeuten hatte und trat auf die beiden Frauen zu.
„Guten Abend, Helen“, meinte er freundlich und streckte der Frau die Hand entgegen. „Liebling, wo warst du bloß? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“
Helen übersah seine ausgestreckte Hand. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es zwischen den Frauen eine ihm unverständliche Übereinkunft gab, die irgendwie mit seiner Person zu tun hatte. „Was ist denn los?“ hakte er nach.
„Clara wird erst einmal ein paar Tage bei mir bleiben“, meinte Helen an ihrer Stelle. „Wir sind hier, um einige ihrer Sachen zu packen, sie zieht in mein Gästezimmer.“
„Du planst also einen Kurzurlaub bei deiner Freundin?“ fragte er mühsam beherrscht. Er wollte sie vor Helen nicht fragen, was das denn nun wieder für eine Laune sei. „Warum hast du mir davon heute morgen denn nichts gesagt?“
„Du verstehst wohl nicht ganz, was los ist, Gordon“, erwiderte Clara und fing augenblicklich wieder zu weinen an. Helen reichte ihr ein Taschentuch und sah ihn böse an. „Es geht nicht um einen Urlaub. Ich will etwas Abstand zwischen uns bringen, vorübergehend zumindest. Du wirst ja sicherlich selbst gemerkt haben, dass zwischen uns nicht mehr alles zum Besten ist.“
Natürlich hatte er das ebenfalls bemerkt, aber immer geglaubt, das gehöre nun einmal zu einer Ehe dazu. Irgendwann hätte sich das schon wieder eingerenkt. „Aber Schatz, das ist doch noch lange kein Grund, einfach auszuziehen! Warum reden wir nicht einfach darüber? Uns wird schon eine Lösung einfallen.“
„Das Problem ist, dass man mit dir einfach nicht reden kann“, erwiderte sie trotzig. „Du bist der starrsinnigste Mensch, der mir je in meinem Leben begegnet ist. Ich ersticke ja fast in deiner Nähe!“
Ihre Worte trafen ihn wie ein Faustschlag in den Magen. „Das ist doch jetzt wohl nicht dein Ernst! Ich wüsste nicht, dass ich dir je Grund gegeben hätte, dich ernsthaft zu beklagen. Natürlich haben wir unsere Höhen und Tiefen erlebt, aber das ist doch in jeder Ehe mal so! Ich beschwöre dich, denke noch einmal über deinen Entschluss nach.“ Plötzlich kam ihm ein Verdacht. „Oder hat deine Freundin dich dazu überredet?“ Nun war es an ihm, Helen einen kritischen Blick zuzuwerfen. „Haben Sie sich etwa einmal wieder in unsere Ehe eingemischt?“
Es wäre nicht das erste Mal. Ständig redete Helen seiner Frau zu, selbständiger zu werden, sich mehr gegen ihn zu behaupten. Sie hielt ihm vor, ein rückständiger Ehemann zu sein, dessen Ansichten gewiss nicht mehr in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts passten. Er sei ein unglaublicher Chauvinist. Auch seine Gegenargumente richteten nichts aus, wenn er etwa betonte, dass in den Streitkräften, die er befehligte, Männer und Frauen absolut gleich behandelt wurden. Nur daheim, in seinen vier Wänden wolle er keine Soldatin, sondern eine Gefährtin, die ihn in seinem Amt unterstützte. Helen nannte das pure Heuchelei.
„Ihre Frau ist ja wohl erwachsen genug, um eigene Entscheidungen zu treffen“, sagte Helen Marks kalt. „Vielleicht hat sie es einfach satt, mit einem Fanatiker verheiratet zu sein, der die Zeichen der Zeit nicht erkennen will. Oder in einer gottverdammten Kommode schon das Vorrücken der gelben Horden in seinen Vorgarten sieht!“
„Ach darum geht es also!“ Er lachte spöttisch auf und stemmte die Arme in die Seiten. Am liebsten hätte er Helen am Arm gepackt und aus der Wohnung geschleift. Aber das hätte Clara nur noch in ihrem Entschluss bestärkt. Mein Gott, und sie waren am Samstag gemeinsam eingeladen! „Nun, wenn dir dieser dämliche Kasten so viel bedeutet, dann kaufen wir ihn eben, egal, was ich davon halte. Wenn es dich glücklich macht!“
„Es geht nicht um die Kommode, verdammt!“ Clara wischte sich die Nase ab. „Dein Hass und dein Fanatismus machen mir Sorgen. Und in mein Leben redest du mir auch mehr und mehr hinein. Wenn etwas nicht genau so läuft, wie du es dir vorstellst, bekomme ich sofort deinen Zorn zu spüren. Ich habe Angst vor dir, Gordon, und zwar schreckliche Angst. Das halte ich nicht länger aus!“
„Liebling, bleib doch wenigstens noch bis zum Wochenende“, versuchte er es nochmals. „Wir haben eine Einladung zu den Habershams, du wolltest doch immer mal deren Haus sehen. Dann kannst du dir immer noch überlegen, was du tun willst.“
Er sah ein kurzes Zögern in ihrem Gesicht. Vielleicht lockte sie die Einladung, aber wahrscheinlicher erschien es ihm, dass sie einfach über den Kompromiss erstaunt war, den er ihr vorschlug. Helen erfasste die Situation ebenfalls sofort und legte den Arm um Clara.
„Lass dich bloß nicht weich klopfen, Clara“, meinte sie. „Dein Mann ist im Stande und sperrt dich noch zu Hause ein. Komm, wir sollten jetzt nicht länger diskutieren, sondern deine Sachen packen, damit wir hier rauskommen!“
Smith machte einen weiteren Schritt nach vorn und griff nach Claras Unterarm. „Bitte“, verlegte er sich aufs Schmeicheln. „Lass uns unter vier Augen darüber sprechen! Diese Frau macht dich ja ganz verrückt. Wir bestellen uns etwas schönes zu Essen und reden. Vielleicht hätten wir da schon lange einmal tun sollen.“
Sie schüttelte energisch seine Hand ab. . „Das erste wahre Wort von dir! Aber jetzt ist es zu spät dafür.“
„Clara!“ Erneut griff er nach ihrem Arm und fasste diesmal fester zu. Er hatte sie gewiss nicht verletzen wollen, aber im Eifer des Gefechts hatte er wohl heftiger zugegriffen als beabsichtigt. Sie stieß einen leisen Schmerzenschrei aus und wand sich los.
„Wenn du willst, rufe ich die Polizei an, Clara“, sagte Helen grimmig. „Vielleicht bringt das deinen Mann zur Raison. Das wäre doch bestimmt eine schöne Schlagzeile in den Medien – General Smith misshandelt seine Ehefrau. Wie wirkt sich das wohl auf Ihre Karriere aus, General?“
„Das werden Sie nicht wagen“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen, trat aber einen Schritt zurück. „Aber seien Sie versichert, dass ich Ihren Auftritt hier im Gedächtnis behalten werde!“
„Das will ich doch sehr hoffen!“
Resigniert lehnte er sich an die Wand und sah zu, wie die beiden Frauen in Richtung des Schlafzimmers verschwanden. Wie konnte seine Frau nur so selbstsüchtig sein und ihm sogar ein Gespräch verweigern! Wütend ballte er die Fäuste und schlug gegen die Wand hinter sich. Aber im Moment war er machtlos, wenn er nicht tatsächlich Gewalt anwenden wollte. Aber das widerstrebte ihm dann doch, vor allem, was Clara betraf. Schließlich war er einmal sehr verliebt in sie gewesen. Helen jedoch hätte er am liebsten den Hals umgedreht. Diese furchtbare Frau hatte bestimmt den ganzen Nachmittag auf Clara eingeredet, ihn endlich zu verlassen. Dieses Miststück! Wenn er nur gewusst hätte, wie er ihr diese Aktion heimzahlen konnte!
Zehn Minuten später verschwanden die beiden Frauen mit zwei Reisetaschen beladen aus der Wohnung, während er schon auf dem Wohnzimmersofa saß und sich einen großzügigen Whisky genehmigte. Clara hatte sich noch einmal zu ihm umgedreht und gesagt, sie überlege es sich wegen Samstag, schon um den Schein zu wahren, aber Helen hatte sie zur Tür hinausgezogen. Verdammt, dieser Tag war wirklich furchtbar gelaufen.
Warum nur hatte er Lieutenant Rodriguez nicht doch auf einen Tee eingeladen? Vielleicht wäre wenigstens das ein angenehmer Moment geworden.

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