Pastways - Far North (2)

vor 11 Mon.
Dies ist der zweite Teil der Pastways Reihe. Nachdem Penelope in Rom Schmerz und Leid erfahren hat, legt sie sich schlafen und wird wieder erweckt. Sie erkundet die Welt und sieht die Jahrhunderte an sich vorbeiziehen. 793 n. Chr. befindet sie sich in England und bereist das Land. Im Kloster Lindisfarne findet sie und ihr Begleiter Jaron ein Dac..
The Vampire Diaries Vikings Fantasy P18 Romanze Beendet
Bemerkung des Authors: Das war's mit den Wikingern, weiter gehts mit Teil 3, der schon einige Elemente von The Vampire Diaries enthalten wird und deswegen vorsichtshalber schon in der Kategorie gepostet wird. Vielen Dank fürs Lesen und hoffentlich gefällt es euch <3 _________________________________________ Music: Eric Serra – Protect Life [i]Das Leben ist ein kurzer Augenblick zwischen zwei Ewigkeiten.[/i] Skandinavisches Sprichwort

30. Skilnathr - Parting

Wie schwer es mir fiel mich loszureißen, merkte ich daran, dass ich blieb. Ich blieb noch ein ganzes Jahr, bevor Ragnar dem Drängen von Jarl Heriksson nachgab und um Lagerthas Hand anhielt. Je mehr Zeit ich mit Ragnar verbrachte, desto weniger wollte ich mich von ihm trennen. Die Stimmen der Dorfbewohner waren irgendwann nicht mehr überhörbar, so sehr ich mich auch anstrengte, sie einfach auszublenden. Sie tuschelten über mich, über meine Eigenarten, über meine Unfähigkeit einen Erben zu gebären und darüber, dass Ragnar womöglich von den Göttern verflucht wäre. Mit der Nachricht, dass Ragnar bald eine andere Frau heiraten würde, kochte die Gerüchteküche über und ich packte meine Sachen fast schon fluchtartig, um all dem zu entkommen. Wenn ich noch einmal einen höhnenden Kommentar über mich durch die zu dünnen Wände des Hauses hören würde, wäre mein Herz endgültig entzweit. Ein sauberer Schnitt, kurz nach dem Gespräch vor einem Jahr, wäre sinnvoller gewesen, doch hielt mich alles zurück, was in mir menschlich war. Der Wunsch nach Sterblichkeit, nach Vollkommenheit. Wie kann man ewig leben, wenn etwas ewig fehlt?
„Du packst?!“, es war eine Mischung aus Frage und Entsetzen, die in seiner, Ragnars, Stimme mitschwang. Kaum hatte ich ihn gehört, verharrte ich in der Bewegung, traute mich aber nicht mich umzudrehen. Ihm in seine hellen blauen Augen zu sehen, würde mich umbringen.
„Es ist schon lange Zeit für mich zu gehen, das weißt du.“, murmelte ich, versteckte die Traurigkeit in meiner Stimme so gut es ging und spielte zur Ablenkung mit der Kordel meines Bündels.
„Warum verweilst du nicht hier? Du kannst bei Jaron und Athelstan auf dem Hof bleiben und wir können uns weiterhin sehen…“, schlug er hoffnungsvoll vor, aber das Angebot, so verlockend es war, würde mich zerstören. Ein kurzes Schnauben verließ meine Lippen, bevor ich mich umdrehte und die Arme verschränkte. Ablehnend. Ich versuchte all seinen Einfluss auf mich abzuwehren, damit er mir nichts mehr bedeuten konnte.
„Wenn ich bleibe, dann werde ich dich sehen. Mit ihr. Ich werde erkennen, was ich dir nicht geben konnte und du wirst deine neue Familie zerstören, wenn du mir hinterherschleichst, Ragnar.“, sagte ich präzise diese Version der Zukunft voraus, drehte mich um und umschloss entschieden den Riemen des Bündels.
„Blicke mir wenigstens in die Augen, wenn ich dich nur noch ein Mal sehen darf!“, er trat auf mich zu, ich konnte seine Schuhe auf dem Boden sehen, auf den ich seit geraumer Zeit starrte.
„Du wusstest, dass es so ausgeht, du wusstest es doch…“, brachte ich erstickt heraus und konnte die Traurigkeit nicht in Wut umwandeln. Ich hätte ihn lieber angeschrien, als angeschwiegen. Daran hätte er sich wenigstens in zehn Jahren noch erinnert.
„Du ebenso und doch bist du immer noch hier, ich habe dich niemals gezwungen zu bleiben.“, entgegnete er, packte mich gröber, als ich es von ihm gewohnt war und zwang mich ihn anzusehen. Blaue Augen verschwammen vor meinen, doch schaffte ich ein Lächeln zustande zu bringen.
„Im Grunde hast du es zu Anfang schon, ich war doch deine Sklavin...“, erinnerte ich ihn, wie alles begonnen hatte und sein unvergessliches Schmunzeln brannte sich in mein Gedächtnis.
„Dann sei es wieder, dann zwinge ich dich zu bleiben.“
„Zu bleiben und mir das Herz aus der Brust reißen lassen?“, erwiderte ich und Tränen liefen von meinen Augenwinkeln auf seine Hände, die mein Gesicht umfassten.
„Was ist mit Jaron, Athelstan… Ekko? Willst du sie einfach verlassen?“, alle Namen versetzten mir einen Stich, vor allem der Letzte. Ich hatte lange mit Jaron gesprochen, nächtelang mit ihm an einem Feuer gesessen und abgewogen, was es abzuwägen gab. Mein Zögling war zwar hier im Norden aufgeblüht und schien das erste Mal in seinem unsterblichen Leben einen Platz gefunden zu haben, den er mit einem Zuhause gleichstellte, dennoch hatte er immer noch wenig übrig für meine Gefühlsduseleien. Er verstand nicht im Geringsten, warum meine Unfähigkeit Kinder zu gebären für mich bedeutete gehen zu müssen. Athelstan benahm sich ebenso merkwürdig, ich hatte von ihm erwartet, dass er mit mir kommen wollte. Auch wenn ich ihn niemals mit mir genommen hätte, wunderte es mich, dass er mir überschwänglich für alles dankte, vor allem für die neuen Einflüsse in seinem Leben, die er ohne mein Zutun niemals entdeckt hätte.
„Jaron und Athelstan haben hier ein neues Leben begonnen, sie werden ohne mich zweifelsohne bestehen können.“, sagte ich mit so viel Überzeugung, dass ich es selber glauben konnte.
„Und Ekko?“, warum Ragnar es mir noch schwerer machen wollte, als es ohnehin schon war, verstand ich. Er wollte mir zeigen, was ich alles erreicht hatte, für mich und die anderen. Für uns. All das, was ich nun aufgab.
„Er ist fast erwachsen. Er wird ein stattlicher junger Mann, ein hübscher Junge und irgendwann eine Frau heiraten und Kinder bekommen und seine Kinder werden dasselbe tun.“, es war eher eine Floskel, etwas was man sagte, aber nicht wirklich meinte. Ich hoffte, dass meine Worte wahr wurden, von ganzem Herzen.
„Und was ist mit mir? Mein Herz gehört dir und wenn du gehst, wirst du es mitnehmen.“, ich hatte für alles eine Begründung, nur nicht dafür. Dem konnte ich nicht ausweichen.
„Du musst mich loslassen. Lass mich gehen, Ragnar. Alle Macht auf dieser Welt wird es nicht ändern können.“, flehte ich tränengewaltig. Eine dramatische Szene, die mich noch heute in meine Träume verfolgt und in mir eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit hervorruft. Es war nicht mehr zu leugnen, dass es mich zerriss. Doch anstatt mich loszulassen, schloss er mich in seine Arme und hielt mich fest, ein letztes Mal.

„Irgendwann werden wir uns wiedersehen…“, hatte er zum Abschied gesagt, mich fest an sich gezogen und geküsst. Sein Kuss bewies, dass es ihm beinahe genauso weh tat wie mir. In seinen Augen schimmerten Tränen, als er sich abwandte und ich mich von den anderen verabschieden konnte. Alle, die mir so lieb geworden waren, standen dort in Reih‘ und Glied. Jaron hielt das Pferd fest, welches Ragnar mir überlassen hatte, damit ich meinen neuen Weg finden konnte. Wo auch immer er hinführen würde, ich wusste schon in diesem Moment, dass die nächste Zeit kalt und einsam werden würde.
Selbst der verschrobene Floki blieb für einen Moment ernst, als ich ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange gab und ihm alles Gute wünschte.
„Loki wird immer über dich wachen, du bist von ihm geküsst worden.“, waren seine letzten Worte und ein schelmisches Funkeln stahl sich dann doch in seine Augen.
„Dieses Mal lasse ich dich willens gehen.“, lächelte Jaron, strich mir über die Haare und küsste meine Stirn. „Du weißt, dass ich dich immer finden werde.“, erwiderte ich und wandte mich ab. Athelstan war an der Reihe, legte etwas in meine ausgestreckte Hand und umschloss meine Finger. Es war sein Rosenkranz. Meine Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten und so schluchzte ich leise auf.
„Danke für alles, Penelope. Dies mag nicht das Leben sein, welches ich wählte, aber womöglich ist es das, was der Herr für mich ersonnen hat.“, von Athelstans Wandlung war ich so gerührt, dass ich ihn einfach in meine Arme schloss und kurz an meine Brust drückte. Es war ihm denkbar unangenehm, allerdings konnte er sich ebenso wenig ein Schniefen verkneifen.
Ekkos Augen machten es für mich am Schwersten. Er blickte mich an, wie ein Hund, dessen Herrchen für einige Stunden das Heim verlässt. Große traurige Kulleraugen wie eh und je, doch war aus dem frechen Blondschopf ein großer frecher Blondschopf geworden.
„Du wirst es irgendwann verstehen und dann wirst du aufhören mich zu verfluchen, dass ich dich verließ. Ich werde dich niemals vergessen.“, sagte ich, als er mich nur vorwurfsvoll anschwieg.
„Ich liebe dich, Großer.“, ein zweites Mal in meinem langen Leben verlor ich einen Sohn und es fühlte sich an, als hätte ich persönlich ein Messer in seine Brust gerammt.
„Warum kannst du nicht bleiben?“, Ekko hielt mich an der Schulter fest, seine Finger krallten sich richtig in mein Fleisch.
„Verschließe niemals deine Augen vor der Schönheit des Lebens, werde nie ungerecht und sei nett zu deinem Onkel.“, bläute ich ihm mit ernstem Ton ein, ohne seine Frage zu beantworten. Ihm zu erklären, warum ich gehen musste, überstieg meine Kapazität und ich war mir sicher, dass er es eines Tages verstehen würde. Ich gab ihm einen Kniff in die Wange und dann einen Kuss auf die Nasenspitze.
„Ich werde mich nach euch sehnen. Für immer.“, die letzten Worte flüsternd, übernahm ich die Zügel von Jaron, zog mir meine Kapuze über den Kopf und blickte ein letztes Mal in stechend blaue Augen, die nicht einmal versuchten die Tränen zu verbergen. Mit Schritten, die mir so schwer fielen, als würde das gesamte Gewicht der Erde nur auf mich einwirken, ging ich. Erwartungsvoll sah ich kurz über meine Schulter, doch er ließ mich gehen. So wie ich es von ihm verlangt hatte, war er stark genug mich loszulassen. Ich lauschte kurz, hörte seine Stimme ein letztes Mal.
„Lebewohl.“, mir lief ein Schauer den Rücken hinab, denn dieses Wort beherbergte mehr Gefühl, als das schönste Gedicht. Mit einem energischen Schwung ließ ich mich auf dem Sattel nieder, hielt das Pferd an und blickte einmal zurück zu der Gruppe, die mich immer noch anstarrte. Es kostete mich Kraft zu lächeln, doch ich tat es und hob die Hand, bevor ich das Pferd antrieb und mich die Dunkelheit von dunkelgrünen Tannen verschluckte.

Entgegen meiner Erwartungen war es kein Abschied für immer. Sicher, mein Weg führte mich weit weg aus dem Land, welches heute als Norwegen bezeichnet wird und damals noch aus mehreren zerstreuten Stämmen bestand. Ich floh vor meinen eigenen Gefühlen, die mich jedoch nicht losließen. Es war seltsam zu wissen, dass man sein Glück in greifbarer Nähe gehabt hatte und es doch nicht besitzen durfte. Ich hatte es aus freien Stücken zurückgelassen, um eine Zukunft zu wahren, die nicht mich betraf, sondern andere. Alle anderen, wie ich ein paar Jahre später feststellen sollte. Die Wikinger, so wurden sie aus erschrockenen Mündern genannt, hatten dank Ragnars neuer Route ganze Arbeit geleistet und binnen kürzester Zeit sechs der sieben Königreiche von England eingenommen, mit wenigen Männern, dafür mit beeindruckender Taktik und Geschick zählte viel Land zu ihrem neuen Besitz. Es wurden Handelsrouten erschlossen, die vorher nicht einmal in Betracht gezogen wurden, selbst im tiefsten Süden bekam ich die Unruhen mit, die vom Norden ausgingen. Auch hierher verschlug es einige Boote, die in mir eine bekannte Empfindung auslösten. Es waren lange Boote, mit viereckigen Segeln und Drachenköpfen als Galionsfigur. Lange Zeit hatte es in mir Trauer ausgelöst, um ein Leben, dass ich nicht haben durfte. Nach ein paar Jahren, in denen ich sporadisch Botschaften von Jaron erhielt, der inzwischen wieder auf englischem Boden gelandet war und dort die Wikinger bei ihren Verhandlungen unterstützte, musste ich lächeln, wenn ich ein solches Boot vorüberziehen sah. Von meinem Schützling erfuhr ich nichts über Ragnar, er wollte mich offensichtlich nicht mit verletzenden Details quälen, nur eins…er lebte und war zufrieden mit der Entwicklung seines Stammes. Von Ekko erzählte mir mein Abkömmling jedoch viel, vor allem, dass er ihn und Ragnar mit einem Kopf überragte und im Alter von achtzehn Jahren, wie ich prophezeit hatte eine junge Damen zu seiner Frau machte. Es machte mir bewusst, wie schnell die Zeit für mich verging, aus meinem kleinen frechen Blondschopf wurde ein Ehemann, ein Familienoberhaupt. Ragnar verschwamm ebenso im Sog der Zeit und ich befürchtete für einige lange Nächte, für immer alleine auf der Erde wandeln zu müssen.

Eines Tages jedoch, fast zwanzig Jahre nach meinem Abschied, sah ich ihn wieder, meinen Ragnar…es waren wohl wieder die Fäden des Schicksals gewesen, die mich wohlwollend am rechten Ort, zur rechten Zeit erscheinen ließen. Womöglich war es ein Instinkt, ein stiller Lockruf. Als ich Jaron im Norden Englands besuchte, ereilte uns eine Nachricht.
„Ragnar war beim dänischen König und…“, ich saß gerade vor dem Kamin und wartete auf meinen Schützling, der mir noch eine Runde Schach schuldig war, als ich nur bei dem Namen aus Jarons Mund aus den Gedanken gerissen wurde. Ich wusste, um die Unruhen zwischen Vestfold und Dänemark. Vestfold gehörte zu norwegischem Territorium, während die Dänen seit Jahren versuchten die günstige Position für Schiffs- und Handelswege zu ergattern, hatten die Stämme Vestfolds sich vehement gewehrt.
„Was ist passiert?“, ich war aufgeregt vom Stuhl gefahren und auf Jaron zugestürmt. Dieser hielt ein Pergament mit beiden Händen fest. Ich erkannte die Schrift von Athelstan, der sich als engster Berater von Ragnar gemausert hatte. Doch waren die Buchstaben fahrig und hektisch auf das Papier gebracht worden.
„Etwas schlimmes.“, murmelte Jaron bestürzt und wagte nicht mir direkt in die Augen zu blicken.
„WAS?“, fuhr ich ihn an, war bereit ihm das Pergament aus den Händen zu reißen und mir selbst ein Bild zu machen.
„Er ist verletzt.“
„Wo ist er?“, auch wenn sich unsere Wege getrennt hatten, spürte ich unmittelbar die brodelnden Gefühle in mir hochsteigen, wenn ich auch nur daran dachte, dass Ragnar etwas zugestoßen sein könnte.
„Er ist auf dem Weg hierher, übers Meer.“, betonte Jaron leise die letzten Worte und ließ sich geschockt auf den Stuhl fallen.
„Worauf wartest du…schicke alle Männer nach ihm, die du entbehren kannst. Tu irgendetwas.“, fauchte ich ihn an, warf vor lauter Unbehagen das Schachbrett mit einem Wisch vom Hocker und starrte Fäuste ballend in die Flammen.

Jaron tat alles, was in seiner Macht stand. Er schickte Reiter, ein Boot, welches den verletzten König der Wikinger an Land holen konnte und nach zwei Tagen, in denen ich mir vor Nervosität beinahe alle Haare einzeln ausriss, ertönte von weitem eine Trompete, die hohen Besuch ankündigte. Schnell saß ich auf einem Pferd, ritt der Schar entgegen, die mit betrübten Gesichtern näher kam. Athelstan saß hoch zu Ross und traute seinen Augen kaum, als er mich sah. Es waren neunzehn Jahre vergangen und ich war um keinen Tag gealtert.
„Penelope, bist das wahrhaftig du? Haben dich die Götter gesegnet?“, ich lächelte ihn an. Der Mann, der einst ein Mönch mit festem Glauben gewesen war, trug eine volle Haarpracht und einen Bart. Er sprach von Göttern und an seinem Gürtel steckte ein Tod bringendes Schwert. Er hatte sich wahrlich verändert. Zum Positiven. Er hatte die Welt gesehen und gelernt, wie sie funktionierte. Keine Furcht zeigte er mir, obwohl er mich immer noch erstaunt beäugte.
„Deine Augen trügen nicht, Bruder Athelstan.“, letzteres sprach ich mit nötiger Ironie aus, die ihn beschämt erröten ließ.
„Deine Zunge ist dieselbe wie Penelopes, nur kann ich nicht glauben, dass die Jahre derart gnädig waren.“, erwiderte er und umfasste den Arm, den ich ihm zu Begrüßung entgegenstreckte.
„Was ist passiert?“, fragte ich, als ich besorgt die Kutsche sah, deren Fenster mit Vorhängen sichtgeschützt waren. Ehe Athelstan antworten konnte, erblickte ich eine blonde Frau, welche einige Jahre gealtert war, aber unverkennbar schön. Lagertha, nahm ich an. Nebst ihr ritt ein blonder großer Jüngling, etwa achtzehn. Seine Augen beantworteten meine unausgesprochene Frage. Er war Ragnars Sohn, diese Augen würde ich noch heute wiedererkennen. Vergeblich suchte ich Ekko, er war nicht dabei und das betrübte mich. Ebenso konnte ich Floki nirgends entdecken.
„Lasst uns erst einmal einkehren, dann erkläre ich, was passierte.“, versuchte Athelstan wissend meine Aufmerksamkeit abzulenken.

Ragnar war für Verhandlungsgespräche, die vielversprechend nach Frieden und Bündnissen geklungen hatten, mit seiner Familie zum Festessen nach Dänemark gereist. Als ehrbarer Mann bekannt, war er in die Falle getappt, hatte mit Mühe seine Familie retten können, als diese beim Festessen festgehalten worden war und er selbst von dänischen Kriegern angegriffen wurde. Athelstan berichtete, wie Ragnar gekämpft hatte, bis zum letzten Mann. Tatsächlich hatte er es schwerverwundet geschafft, sich und seine Familie zum Lager zu bringen und dort war er zusammengebrochen. Er hatte danach verlangt, Jaron zu benachrichtigen und hierher an die Küste Englands gebracht zu werden. Floki war derweil damit beschäftigt Truppen aufzustellen, die den Dänen zahlenmäßig weit überlegen waren. Ein Vergeltungsschlag sollte bald verübt werden. Ich lauschte Athelstans Erzählungen gebannt, starrte immer wieder zu Lagertha, die zitternd vor dem Kamin hockte und mich misstrauisch beäugte.
„Es tut mir sehr leid, Lagertha.“, sagte ich, doch irritiert verzog sie die Augenbrauen.
„Verzeiht, Herrin. Doch mein Name lautet Aslaug.“
Ich war mehr als verwirrt, taxierte dann Athelstan, der sich vergeblich versuchte aus der Affäre zu ziehen.
„Lagertha starb bei der Geburt von Angar, Ragnar heiratete Aslaug drei Jahre später. Sie ist die Tochter des schwedischen Königs.“, fasste er knapp zusammen.
Was hatte ich erwartet? Dass er nachdem er in Angar einen Erben gefunden hatte, nach mir sucht und mich zurücknimmt? Es wäre ebenso hoffnungslos gewesen und diesem Mann wollte ich nach seinen Taten, mit denen er die Zeitgeschichte maßgeblich verändert hat, nicht vorwurfsvoll entgegentreten. Mit solch eine Verbindung hatte er sicherlich diplomatische Vorteile erwirkt.
„Dann verzeiht mir Aslaug, es ist lange her, dass ich Ragnar das letzte Mal sah.“, versuchte ich so emotionslos wie möglich zu sagen. Gerade wollte sie etwas entgegnen, da betrat Jaron durch eine knarzende Holztür den Raum.
„Er will dich sehen.“, zuerst wollte Aslaug sich erheben, doch dann merkte sie so erstaunt wie ich, dass Jaron auf mich deutete. An der Miene meines Schützlings merkte ich, dass die Lage äußerst ernst war.
Mulmig erhob ich mich, strich mein Gewand glatt, fuhr mir durch die Haare und warf Aslaug einen entschuldigenden Blick zu, den sie betrübt hinnahm. Ich folgte Jaron, wir sprachen kein Wort miteinander, auch nicht, als er mir eine Tür öffnete und mit leichtem Vorwurf in meine Augen sah.
Ich wusste hingegen nicht, wie ich mich fühlen sollte. Im Grunde regierte mich die Furcht vor dem Wiedersehen, welches sich so unverkennbar nach Abschied anfühlte.
Das Zimmer war abgedunkelt, doch war noch ein Streifen blauer Himmel durch die dichten Stoffe auszumachen. Selbst in der Düsternis fand ich sofort den Weg. Es roch so untrüglich nach ihm. Nach Meer, nach Tannen, nach seinem Schmunzeln. Sofort waren zwanzig Jahre vergessen, den süßlichen Duft von Blut ignorierte ich, als ich aufs Bett zu stürzte und seine ausgestreckte Hand ergriff. Ich liebkoste zuerst sie, dann erst konnte ich ihn ansehen. Er war alt geworden. Graue Haare, seine Haut von Wind und Wetter geformt und doch blitzten mir die gleichen hellen Augen entgegen.
„Genauso schön wie damals. Du hast dich nicht verändert.“, flüsterte er mit schwächelnder Stimme und streichelte durch mein Haare. Er ließ bewundernd eine Strähne durch seine Finger rinnen und sah dann in meine Augen.
„Was tust du nur…!“, tadelte ich ihn mit Tränen in den Augen, denn sein Anblick brach mir das Herz. Er war blass, Fieberschweiß perlte von seiner Stirn und seine Schwäche zwang ihn schnell zu atmen.
„Ich stelle sicher, dass ich mein Versprechen halte.“, meinte er. Seine Augen wanderten an mir auf und ab, als könnte er sich nicht satt sehen.
„Ich habe dich jeden Tag vermisst, Penelope. Und ich werde dich ebenso in Walhalla vermissen.“
Ich fragte nicht nach Lagertha, nicht nach Aslaug oder Angar. Es war unser Moment. Unser kleiner Ort, an dem sich unsere Schicksale ein letztes Mal kreuzten und niemanden anderen zuließen. Ich küsste seine kalten Lippen und kurz erfreute ich mich daran, dass es sich nicht verändert hatte ihn zu lieben. Es fühlte sich genauso an, wie damals vor zwanzig Jahren. Er mochte auf dem Weg ins Jenseits sein und mein Inneres ebenso, aber alles, was wir hatten, war geblieben. Eine Ewigkeit, die natürlich war, die ein Recht hatte zu existieren, wenn auch nur noch für einen kleinen Moment, war es mehr wert, als jedes Glück.

Ragnar Lodbrok starb an jenem Tag. Und das letzte Wort, welches seine kalten Lippen verließ, war mein Name. Er hielt, was er versprach. Der ehrlichste Mann, den ich jemals kennen lernen durfte. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich eisblaue Augen sehe oder ein verschmitztes Grinsen, welches ein gerolltes R wiedergibt. Sein Erbe ist geblieben und für mich so wertvoll, dass es die Trauer um seinen Tod lindert. Denn oft vermisse ich ihn noch heute, den wackeren Wikinger…
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