The rationality of love

01.06.15 14:20
AU! Jim Moriarty ist ein frischgebackener Mathematik-Professor aus Dublin, als seine beste Freundin Irene Adler ihn nach London einlädt, um zusammen mit ihren besten Freunden ihren Geburtstag zu feiern. ONESHOT
Sherlock Holmes Allgemein P12-M+M Humor Beendet
Inhaltsverzeichnis
  • The rationality of love
Bemerkung des Authors: Das hier ist ein AU in dem Jim kein Consulting Criminal ist. Dieser Oneshot beinhaltet nur leicht angedeutet Johnlock, das Hauptpairing ist allerdings Sheriarty. Weitere Pairings sind Irene/Moran, Molly/Mycroft, John/Mary und angedeutet Moriarty/Moran. No hate, please. Manche Charaktere sind leider ein wenig OOC geraten, das hier ist meine erste BBC-Sherlock Story, ich bin mit den Figuren also noch nicht so vertraut. Ich würde mich über Rückmeldung freuen und viel Spaß beim Lesen :)

The rationality of love

Flughäfen. Horden von Menschen, Familien, Paaren, Geschäftsleuten, die in Handys redend oder miteinander plappernd ihre Koffer über den weißen Boden zogen und sich auf ihre Reise vorbereiteten.
Jim mochte keine Flughäfen. Er war nicht sonderlich gern unter Menschen und all ihr nutzloses Gerede ging ihm lediglich auf die Nerven und langweilte ihn.
Mit einem tiefen Seufzen zog er sein Handy aus der Tasche seines Anzugs – Vivienne Westwood selbstverständlich – und rief die neu empfangene Nachricht auf.

Parkplatz, schwarzer BMW, Schätzchen. Du wirst ihn nicht übersehen ;) –IA

Jim rollte die Augen. Irene war der einzige Grund, warum er tatsächlich von Dublin nach London geflogen war, obwohl er Flughäfen über die Maßen verabscheute. Sie hatte vor, ihren bevorstehenden Geburtstag nur mit ihren engsten Freunden in London zu feiern und Jim gehörte nun einmal dazu.

Immer noch ein Faible für Luxuswagen? –JM

Manche Dinge ändern sich eben nicht –IA

Jim verstaute das Handy wieder in der Hosentasche und setzte seinen Weg aus dem Flughafengebäude fort. Er würde für eine Woche in London bleiben, in seiner kleinen Wohnung in Westminster, die er sonst nie aufsuchte, da sie nicht seinen Standards entsprach. Nun ja. Was man nicht alles für die beste Freundin tat.
Die Kälte des Londoner Herbstes schlug ihm unbarmherzig ins Gesicht, als Jim aus dem geheizten Gebäude trat.
Natürlich war Irenes Wagen nicht zu übersehen: eine glänzend schwarze BMW-Limousine so weit vorne wie möglich und das Geburtstagskind persönlich in einem engen weißen Kleid mit schwarzen High Heels direkt daran lehnend.
Mit einem schiefen Grinsen ging er auf Irene zu und ließ sich von ihr umarmen. „Hallo Irene.“
„Hey Schätzchen“, antwortete Irene und ließ ihr makellos weißes Lächeln aufblitzen. „Na, was sagst du?“
Sie nickte zu ihrem Wagen.
„Ein guter Fang, fast so, wie dein Fahrer“, sagte Jim und zwinkerte Sebastian Moran, Irenes Freund, der hinter dem Steuer saß, verschwörerisch zu.
„Keine Flirts mit meinem Loverboy, Schätzchen“, sagte Irene und hob tadelnd einen Finger. „Eure Zeit ist schon längst vorbei. Und jetzt rein in den Wagen und kein Gemecker, ich bin das Geburtstagskind.“
„Aber erst morgen.“
Irene machte nur einen „Tsk“-Laut und glitt auf die Rückbank neben Jim. „Unwichtige Details. Sebastian, wir fahren in die 221e Baker Street, Jim möchte sich vor dem großen Tag bestimmt noch einmal frisch machen.“
Jim verdrehte ein weiteres Mal die Augen und zog sein Handy hervor, um einem gewissen Carl Powers zu texten.
„Ein neuer Freund?“, fragte Irene probehalber.
„Es gehört sich nicht, anderen Leuten ungefragt aufs Display zu starren, Miss Adler“, erwiderte Jim blitzschnell und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Aber guter Gott, nicht doch, Carl Powers ist das absolut unerträglichste Wesen dieses Planeten, eine Beziehung mit ihm wäre mein sicherer Untergang.“
„Ein Kommilitone?“
„Schon lange nicht mehr.“
„Ach, richtig. Professor der Mathematik, James Moriarty“, sagte Irene und schenkte ihm ein Tausend-Watt-Strahlen. „Herzlichen Glückwunsch. Ich hatte nicht erwartet, dass ein so brillanter Kopf wie du etwas minderes erreicht.“
„Es war sooo einfach“, murmelte Jim und schickte ein in Caps Lock geschriebenes NEIN an Carl Powers. „Die Prüfungen sind ein Witz und die Thesis ohnehin.“
Diesmal war es an Irene, die Augen zu verdrehen. „Sicher doch.“
Für einen Moment herrschte Stille zwischen den Freunden.
„Wer genau wird morgen anwesend sein?“, fragte Jim schließlich.
„Nur ein paar Freunde.“
„Die da wären?“
Irene seufzte. „Sebastian natürlich, dann die Pathologin Molly Holmes und ihr Ehemann Mycroft – Molly ist hochschwanger, also bitte benimm dich…“
Jim schnaubte. Er hatte die besten Manieren Großbritanniens, also wirklich. Tsk.
„… John Watson, ein ehemaliger Army-Doktor, seine Frau Mary und ihre zweijährige Tochter Gwen…“
„Warte“, rief Jim aus und hob eine Hand. „Ein Kind? Kinder können mich nicht leiden und ich kann Kinder nicht leiden, Irene!“
„Gwen ist wirklich ein Herzchen, Jim!“, sagte Irene heftig. „Selbst Sherlock mag sie und der ist ein hochfunktionaler Soziopath.“
„Sherlock?“, fragte Jim und zog die Augenbrauen zusammen.
„Würdest du mich nicht ständig unterbrechen, wüsstest du schon längst, wer Sherlock ist“, erwiderte Irene spitz. „Sherlock Holmes ist Diplom-Chemiker und Consulting Detective und das größte Genie Europas, du wirst ihn mögen, Jim. Er ist ziemlich arrogant, aber nun ja. So ist Sherlock nun mal.“
Jim runzelte die Stirn. Niemand war intelligenter als er. Er war das größte Genie Europas und kein britischer Chemiker-Detektiv würde ihm diesen Titel abluchsen. Niemals.
„Und dann kommt noch Greg Lestrade, er ist Detective Inspector bei Scotland Yard und kennt die besten Pubs in London.“
„Spricht sehr für die Qualität von Scotland Yard“, sagte Jim trocken.
„Hey, vorsichtig Schätzchen, du beleidigst hier einen meiner besten Freunde“, sagte Irene und ihre Augen blitzten warnend auf.
Jim hob abwehrend die Hände. „Schon gut, heute sind wir also bissig.“
Irene ignorierte diese Aussage und blickte auf ihr Handy. „Molly und Mycroft sind bei Sherlock zu Besuch. Er schickt einen Hilferuf. Was meinst du, Sebastian?“
„Lassen wir ihn doch ein bisschen schmoren“, antwortete Sebastian mit einem bösen Grinsen.
„Sadist“, sagte Irene und lachte. „Gefällt mir.“
„Ich weiß“. Sebastian blickte mit anzüglich wackelnden Augenbrauen in den Rückspiegel.
„Ugh“, machte Jim und schnitt eine Grimasse. „Kommt schon. Ich bin auch noch anwesend.“
„Jimmy, das letzte Mal, als wir miteinander geredet haben, warst du nicht so pingelig über diese Thematik“, sagte Sebastian und bog in die Baker Street.
„Halt die Klappe, Sebastian!“, schnappte Jim und öffnete die Tür, als sie vor 221e Baker Street hielten. „Die Vermieterin ist immer noch Mrs Hudson, oder?“
„Ja“, erwiderte Irene mit einem breiten Lächeln. „Sie ist übrigens auch Sherlocks Vermieterin.“
„Was?!“. Jims Kopf schoss nach oben. „Mrs Hudson vermietet doch nur Wohnungen in 221 Baker Street.“
„Yup“, sagte Sebastian. „Sherlock wohnt in 221b.“
„Ach, dann sind wir also für eine Woche lang Nachbarn?“, fragte Jim trocken nach und hievte seinen Trolley aus dem Kofferraum.
„So sieht’s aus!“
Jim seufzte und pfriemelte den Schlüssel ins Schlüsselloch. Sein Apartment in Dublin ließ sich mit einer Key-Card öffnen, das war so viel einfacher und weniger umständlich.
„Wehe du drückst dich morgen, Schätzchen!“, rief Irene und Sebastian fuhr den Wagen zurück auf die Hauptstraße.
„Und sowas nennt sich also Freunde“, murmelte Jim und drückte auf die Klingel. Sein verdammter Schlüssel passte nicht.
„Oh, Jim!“, rief Mrs Hudson freudig aus und schloss den vollkommen überrumpelten Mathe-Professor in die Arme. „Lange habe ich Sie schon nicht mehr gesehen, mein Lieber! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!“
„Ah… ja, natürlich“. Hastig richtete Jim seinen Anzug und trat in den Flur. „Mein Schlüssel passt nicht mehr, deswegen habe ich geklingelt.“
„Oh, ich habe das Schloss vor einer Weile austauschen lassen“, sagte Mrs Hudson. „Sie waren schon so lange nicht mehr hier.“
Ein Schlag der Schuld traf Jim völlig unvermittelt. „Ich hatte viele Prüfungen und die Thesis musste ebenfalls vorbereitet werden.“
„Wie wundervoll!“. Mrs Hudson schlug die Hände mit einem breiten Lächeln zusammen. „Dann sind Sie jetzt also ein Professor?“
Jim konnte nicht anders, als zu lächeln. Die gute Mrs Hudson. „Das ist richtig.“
„Herzlichen Glückwunsch, Jim! Allerdings gibt es hier ein kleines Problem…“
Jim runzelte die Stirn.
„221e hat ein starkes Schimmelproblem“, sagte Mrs Hudson mit Bedauern. „Ich fürchte, Sie wollen darin nicht wohnen.“
‚Großartig, Jim‘, dachte er nur.
„Allerdings ist John Watson vor kurzem ausgezogen, das obere Schlafzimmer von 221b ist also frei… allerdings müsste ich Sherlock vorher um Erlaubnis bitten…“
„Sie sind die Vermieterin, Mrs Hudson!“
„Offiziell mietet er das Zimmer noch. Es tut mir leid, Jim, ich werde ihn wirklich fragen müssen.“
Jim seufzte zum gefühlt einhundertsten Mal heute. Auf der einen Seite konnte er es nicht erwarten, Sherlock Holmes kennenzulernen, aber auf der anderen wollte er es nie.
Was würde er denn tun, wenn er wirklich besser als er selbst war?
„Was werden Sie mich fragen müssen, Mrs Hudson?“, ertönte eine tiefe Bariton-Stimme vom oberen Ende der Treppe.
Jim blickte auf und wollte einen schnippischen Kommentar abgeben, aber der Mann, der gesprochen hatte, sah ihn so durchdringend an, dass ihm die Zunge gefesselt war.
Der Mann – offenkundig Sherlock Holmes, der Bewohner von 221b – kam langsam die leicht knarzenden Stufen hinab, seine eisig blauen Augen schweiften dabei nie von Jim ab. Sie huschten hin und her, als würde er lesen.
‚Nein, nicht lesen‘, dachte Jim und ohrfeigte sich innerlich für seine Dummheit. Wie konnte er das nur denken, er kannte diese Augenbewegung nur zu gut von sich selbst. ‚Er deduziert.‘
„Sind Sie fündig geworden, Mr Holmes?“, fragte Jim und warf einen gelangweilten Blick auf sein Handy. „Oder hat die Tatsache, dass Mrs Hudson jemanden kennt, den Sie noch nie zuvor gesehen haben, Sie zu sehr von Ihren Deduktionen abgelenkt?“
Ein kurzes Lächeln der Anerkennung zuckte an Sherlock Holmes‘ Mundwinkeln, aber es währte nicht sonderlich lang. „Ich nehme an, Sie sind ebenfalls auf Irene Adlers Feier eingeladen?“
Jim fragte nicht, woher er das wissen konnte. Ein kurzes Einatmen bestätigte seine stumme Theorie: das Parfum. Irenes typisches Yves Saint Laurent haftete noch leicht von ihrer Umarmung an ihm und vermischte sich mit seinem teuren Paco Rabanne.
„Oh, Sherlock!“. Mrs Hudson legte eine Hand auf Sherlocks Schulter. „Das ist Jim Moriarty, er mietet 221e…“
„… die er für die Woche, die er geplant hat zu bleiben, der Größe seines Koffers nach zu urteilen, nicht bewohnen kann, da sie ein Schimmelproblem hat. Da Sie uns so enthusiastisch vorstellen und das Erwähnen meines geschätzten Namens in Ihrem Gespräch, Mrs Hudson, gehe ich davon aus, dass Sie Mr Moriarty…“
„Oh bitte, nennen Sie mich Jim, Sherlock“, sagte Jim in leichtem Sing Sang und zwinkerte Sherlock flirtend zu. Er konnte das Pang im Kopf des Detektives förmlich hören, als dieser (blitzschnell) begriff, dass Jim vom anderen Ufer war.
„… wo war ich, Mrs Hudson?“, fragte Sherlock, sein Blick auf Jim nun noch intensiver. „Ach ja. Ich gehe also davon aus, dass Sie James Johns ehemaliges Zimmer für diese Woche zuweisen wollen, hierfür benötigen Sie jedoch meine Erlaubnis, nicht wahr? Allerdings wüsste ich nicht, warum ich meine Wohnung mit einem Fremden teilen sollte.“
„Ich bin wohl kaum ein Fremder, Sherlock“, sagte Jim und seine dunklen Augen blitzten mit einem Ausdruck der Herausforderung auf. „Sie wissen bereits alles über mich und ich über Sie, schließlich sind wir beide Genies mit der Fähigkeit zur akkuraten Deduktion.“
Da war es erneut, das Zucken der Mundwinkel, eine Art Lächeln. „Ich spiele nachts oft Violine, ein Schädel steht auf meinem Kamin und habe mehrere menschliche Körperteile in meinem Kühlschrank.“
Jim zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll daran ein Problem darstellen?“
Dieses Mal zogen sich Sherlocks Mundwinkel tatsächlich zu einem vollständigen Lächeln in die Höhe, auch wenn es nicht lange andauerte.
„Sie haben kein Problem damit?“
„Ich habe den größten Teil meiner Universitätszeit mit einem amerikanischen Ex-Army Scharfschützen in einer Wohnung gelebt, glauben Sie mir, Sherlock, es gibt wenig, was mich noch schockt“, antwortete Jim wahrheitsgetreu. „Danke.“
„Wofür?“
„Dass ich das Zimmer bekomme.“
„Ich habe nie zugesagt.“
„Sherlock, wir wissen beide, dass Sie sich in Gedanken schon längst dazu entschlossen haben.“
Erneut schlich sich ein Lächeln auf die Züge des Chemikers und er trat zur Seite, um Jim mit seinem Gepäck durchzulassen.


Jim wurde am nächsten Morgen eine Stunde vor seinem auf 9 Uhr gestellten Wecker von Geigenmusik aus dem Schlaf geholt.
Groggy rollte er an den Bettrand und zog sich Jogginghosen und einen Hoodie über sein übliches Schlafoutfit bestehend aus Boxershorts und einem alten T-Shirt.
Jim sah rein gar nichts, seine Kontaktlinsen lagen in Sherlocks Badezimmer, also setzte er seine stylische Brille mit dem breiten, schwarzen Rahmen auf und tapste gähnend die Stufen hinunter.
„Guten Morgen, James.“
Blinzelnd schob Jim seine Brille die Nase hinauf, aber es war nicht mehr der Schlaf, der in seinen Augen haftete. Sherlock Holmes trug nichts weiter, als seine Bettdecke.
„Ah… guten Morgen, Sherlock“, erwiderte Jim und beschloss, diesem Fakt keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken (wobei er kläglich versagte, denn der Detektiv war wirklich gut gebaut) und sich seinen morgendlichen Tee zu machen.
„Machen Sie mir auch einen Tee? Mit Milch, zweimal Zucker.“
Jim runzelte die Stirn und setzte das Teewasser auf. „Wie haben Sie Irene kennengelernt, Sherlock?“
„Wissen Sie das nicht schon? Erleuchten Sie mich, James.“
Jim verdrehte die Augen, schaltete den Wasserkocher aus und goss den Tee auf. „Sie beide waren durch ihre Berufe involviert, aber ich bezweifle, dass Irene eine Klientin war… ich vermute viel mehr, dass sie Ihnen das Leben schwer gemacht hat.“
„So kann man es ausdrücken“, murmelte Sherlock, die Geigenmusik verstummte abrupt und der Detektiv marschierte, immer noch nur in seine Decke gewickelt, in die Küche und nahm sich seinen Tee. „Was hat Moran nach England verschlagen?“
„Sollten Sie mich nicht eigentlich fragen, wie ich Irene kennengelernt habe?“
„Oh bitte“, sagte Sherlock und schnaubte, „Sie haben sich eindeutig über Moran kennengelernt, der mit Ihnen gemeinsam studiert hat, auch wenn Moran sein Studium abgebrochen hat und nach London gezogen ist. Sie haben die Wohnung, die Sie sich mit ihm geteilt haben, behalten und Ihr Studium fortgesetzt. Sie haben erst vor kurzem den Professorentitel erlangt und sind eindeutig noch nicht ganz über Ihre letzte Beziehung hinweg. Weiterhin deduziere ich, dass Moran Ihre letzte Beziehung war. Dieser hat Irene in London getroffen, nun stellt sich lediglich die Frage, was Moran nach England verschlagen hat.“
Jim nahm nur einen Schluck von seinem Tee und stellte die Tasse schnell ab, als der heiße Dampf seine Brille beschlagen ließ. Deswegen trug er lieber Kontaktlinsen. „Kommen Sie schon, Sherlock. Darauf kommen Sie auch so, wenn Sie sogar deduzieren konnten, dass Sebastian mein letzter Freund war.“
„Ein Schuss ins Blaue, aber danke für Ihre Bestätigung. Ich habe zwei Theorien über Moran: als Ex-Army Scharfschütze aus den Vereinigten Staaten ist er entweder im Ruhestand zufolge posttraumatischer Belastungsstörungen oder, was ich als logischer erachte, er wurde unehrenhaft entlassen.“
Sherlock sprach all das ohne einmal zum Atmen innezuhalten aus und Jims Lippen zogen sich zu einem Lächeln in die Höhe.
„Es ist letzteres“, antwortete Jim und lehnte sich an die Anrichte. „Sie gefallen mir, Sherlock Holmes.“
Sherlock erwiderte hierauf nichts und nippte nur ein weiteres Mal an seinem Tee, bevor er sich an den mit Reagenzgläsern und Mikroskopen vollgestellten Küchentisch setzte und mit einem Experiment mit Menschenaugen begann.
Jim zuckte mit den Schultern, stellte seine nun leere Tasse ab und machte sich auf den Weg ins Badezimmer, um zu duschen.


„Irenes Geburtstag, James, keine Hochzeit.“
Jim runzelte die Stirn und blickte an sich herunter. Vivienne Westwood, wie sonst auch immer. „Was ist an meiner Kleidung verkehrt?“
„Wollen Sie irgendwen beeindrucken?“, fragte Sherlock, ohne den Blick von dem Taxifenster abzuwenden, aus dem er seit ihrer Abfahrt aus der Baker Street starrte. „Paco Rabanne One Million. Gestern war es Paco Rabanne Invictus, weniger teuer als One Million. Ihr Anzug ist wieder von Vivienne Westwood, allerdings wieder teurer als ihr gestriger. Also – wen wollen Sie beeindrucken?“
Jim warf dem Detektiv einen Blick des Ärgers zu. „Ich trage grundsätzlich Westwood, Sherlock, und Paco Rabanne ist mein bevorzugtes Parfum. One Million trage ich für gehobenere Anlässe auf, Invictus ist mein Alltagsduft. Da Sie anstelle Ihres gestrigen Hugo Boss Anzuges heute Dolce & Gabbana tragen und ihr Parfum BVLGARI Man in Black ebenfalls nicht sonderlich günstig ist, sollte ich wohl eher Sie fragen, ob Sie jemanden beeindrucken wollen.“
Sherlock wandte sich seinem kurzfristigen Mitbewohner mit einem anerkennenden Lächeln zu. „Sie gefallen mir, James Moriarty.“
Jim lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln wieder an die Fensterscheibe, als sein Handy vibrierte.

Und, wie läuft es so mit Sherlock?;) –IA

Jim legte die Stirn in Falten. Die Nachricht an sich wäre ja in Ordnung, ihn störte der zwinkernde Smiley.

Gut. Er ist intelligent und deduziert mindestens genauso gut wie ich. –JM

Die Antwort traf beinahe sofort ein.

Und ziemlich schnuckelig ist er auch, oder? ^^ -IA

Jim spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen kroch.

Irene! –JM

Komm schon, Schätzchen. Sherlock ist mindestens beidseitig orientiert. –IA

Ich kenne ihn erst seit gestern. Und ich bin glücklicher Single. –JM

Eine Beziehung täte dir aber gut, Schätzchen. –IA

Diese Diskussion ist jetzt zu Ende, Irene. –JM

Ja, Dad :P –IA

Das Taxi hielt und Jim verstaute sein Handy wieder in der Tasche seines Jacketts, auf einen Mantel hatte er heute verzichtet.
Sherlock schlug seinen Kragen hoch und Jim schnaubte.
„Was?“, fragte Sherlock, als er aus dem Taxi stieg.
„Der Kragen, der Schal, die Wangenknochen…“, sagte Jim und machte eine umfassende Geste. „Sie lassen sich selbst wie einen mysteriösen Rätsellöser dastehen.“
„Die Wangenknochen sind wohl kaum meine Schuld“, murmelte Sherlock und drückte auf die Klingel an Irenes Haus. „Und ich bin ein mysteriöser Rätsellöser.“
„Klar doch.“
Sherlock wollte zu einem Kommentar ansetzen, aber in diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Jim atmete das Parfüm tief ein. Yves Saint Laurent, Black Opium.
„Jim, Sherlock!“, rief Irene aus und drückte ihren beiden Gästen je einen Kuss auf die Wange. „Schön, dann sind wir ja jetzt komplett! Kommt rein, der Regen hier draußen ruiniert mein Make Up.“
Jim folgte ihr ins Haus und ließ seinen Blick über die Runde im Wohnzimmer streifen. Auf dem Sessel vor dem Kamin saß eine Frau mit großem Babybauch, also wohl Molly Holmes, die Ehefrau von Sherlocks älterem Bruder, daneben lehnte die Britische Regierung höchstpersönlich im dreiteiligen Anzug und nippte am Wein in seinem Glas. Ebenfalls mit einem Glas Wein in der Hand lehnte ein Mann mittleren Alters, Jims Deduktionen zufolge ein Polizeibeamter, also wohl Detective Inspector Greg Lestrade, an einem Bücherregal.
„ONKEL SHERLOCK!“
Jim sprang zur Seite, als ein kleines Mädchen mit großen braunen Augen und zwei blonden Zöpfen an ihm vorbei raste und Sherlock in die Arme sprang.
„Guten Abend, Sherly“, sagte Sherlock und setzte das aufgedrehte Mädchen auf seiner Hüfte ab.
„Gwen? Gwen, wo-?“. Ein blonder Mann betrat das Wohnzimmer, John Watson, und seufzte, als er seine Tochter in den Armen seines besten Freundes sah. „Hi Sherlock. Gwen, du solltest doch bei Mummy bleiben.“
Gwen zog einen Schmollmund und Sherlock imitierte dieses Gesicht, was Jim lächeln ließ.
„Wirklich, John“, sagte der Detektiv und grinste sein Patenkind an. „Sherly findet mich so viel interessanter als die Küche.“
„Erstens: setz meiner Tochter keine Flausen in den Kopf“. John streckte die Arme nach seiner Tochter aus, aber diese kuschelte sich nur noch mehr an die Schulter ihres Patenonkels. „Und zweitens: Sherly ist nur ihr zweiter Vorname, sie heißt Gwen.“
„Alle Welt nennt sie Gwen, ich werde sie Sherly nennen“, erwiderte Sherlock und setzte sein Patenkind ab. „Oh nein, John, sag jetzt nichts, es ist ohnehin unwichtig und nicht sehr intelligent.“
„Charmant wie eh und je“, murmelte John und streckte Jim die Hand hin. „Sie müssen Jim Moriarty sein. Ich bin John Watson.“
„Sehr erfreut“, erwiderte Jim höflich und deduzierte schnell sein Gegenüber. Kein besonders herausstechender Verstand wie Sherlock oder er selbst, ehemaliger Soldat seinem Gang nach zu urteilen, Irak oder Afghanistan, soweit man das an der Bräunungsgrenze erkennen konnte.
„Jimmy-Boy!“
Bevor Jim sich wehren konnte, wurde er in eine knochenbrechende Umarmung geschlossen, die ihm die Luft aus den Lungen presste.
„Sebastian“, würgte er hervor. „Luft… Atmen…“
Der amerikanische Ex-Soldat ließ Jim wieder herunter und grinste ihn breit an. „Dachte schon, du kriegst kalte Füße. Sherlock hat dich also noch nicht in den Wahnsinn getrieben?“
„Ich kann dich hören, Moran!“, ertönte Sherlocks Stimme aus dem Flur.
Jim rückte ein Stück von seinem Ex-Freund und dem Partner seiner besten Freundin weg und ignorierte das kleine, unangenehme Pieken des Kummers. „Weißt du, Seb, endlich habe ich mal jemanden getroffen, der dasselbe intellektuelle Niveau wie ich besitzt. Nachdem ich mich jahrelang mit dir herumgeplagt habe, ist das doch recht angenehm.“
„Autsch“. Sebastian verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Das hat wehgetan, Jimmy. Oh, hallo mein Geburtstagskind!“
Mit einem breiten Grinsen zog Sebastian seine Freundin an seine Seite und küsste sie auf die Lippen. „Auf geht’s, eins, zwei, drei!“
Im Chor begannen sie Happy Birthday zu singen und Irene strahlte über das ganze Gesicht, als sie nacheinander von ihren engsten Freunden umarmt wurde.
„Ugh, Mycroft“, sagte Molly, als sie sich alle auf die zahlreichen Sofas und Sessel um den Kamin herum gesetzt hatten und ihre Getränke nippten. „Was ist das denn?!“
„Das frage ich mich schon, seit du es dir gewünscht hast“, erwiderte Mycroft trocken. „Das ist Kabeljau mit Apfelsoße und Curry.“
„Igitt!“. Molly verzog das Gesicht. „Wie konnte ich das nur mögen?! Oh…“
Ihre braunen Augen leuchteten voller Enthusiasmus auf.
Mycroft legte in böser Vorahnung eine Hand über die Augen. „Oh Gott…“
„Erdbeeren mit Balsamico und Schlagsahne mit Salz“, sagte Molly und legte eine Hand auf ihren wohlgerundeten Bauch. „Mycroft…?“
Mycroft stieß langsam Luft aus und tippte eine Nachricht an seine Assistentin Anthea, während er immer wieder „Erdbeeren mit Balsamico und Schlagsahne mit Salz… wo soll ich denn jetzt Erdbeeren herbekommen…“ murmelte.
Jim stellte seinen Wein ab. „Wissen Sie schon, was es wird, Mrs Holmes?“
Molly lachte nervös und rückte sich in ihrem Sessel zurecht. „Molly, bitte. Mrs Holmes klingt so förmlich. Es wird voraussichtlich ein Junge und Mycroft besteht darauf, ihn Callum Jayden zu nennen.“
„Das ist ein ehrenvoller, besonderer Name“, sagte Mycroft und verdrehte die Augen, als habe er diese Diskussion schon mehrere hundert Male geführt, was vermutlich auch der Fall war.
„Mit Jayden wäre ich ja noch einverstanden, aber Callum?“, erwiderte Molly und schüttelte den Kopf.
„Zugegeben, Mycroft“, sagte nun Greg Lestrade, der Detective Inspector, der Jims Deduktionen zufolge kurz vor der Scheidung von seiner fremdgehenden Frau stand. „Callum ist doch ein ziemlich seltsamer Name.“
Mycroft schnaubte nur und nickte zu Irene und Sebastian, die nebeneinander auf der Couch saßen, Jim neben ihnen und neben ihm Sherlock, der sein Patenkind auf dem Schoß hatte.
„Jetzt wäre ein guter Augenblick, um eure Bekanntmachung zu verkünden“, sagte er trocken und sowohl Molly, als auch Mary und Irene warfen ihm warnende Blicke zu.
„Onkel Myc“, sagte die kleine Gwen in ihrer Baby-Sprache. „Du machst es kaputt.“
„Genau, Onkel Myc“, sagte Sherlock mit teuflisch blitzenden Augen. „Sherly hat recht, du machst es kaputt.“
Das Mädchen zeigte ein breites Grinsen voller Milchzähnchen.
„Da Mycroft schon wieder die ganze Überraschung zerstört hat, obwohl das ja normalerweise Sherlocks Job ist“, sagte Irene und stand mit Sebastian zusammen auf, „wir haben tatsächlich eine Ankündigung zu machen.“
Jim sah zu Sherlock, der nur mit den Schultern zuckte.
„In sechs Monaten“, sagte Sebastian und lächelte Irene verliebt an.
„Werden wir heiraten!“, vollendete Irene den Satz ihres Freundes – oder eher Verlobten?
Applaus brach aus und Irene und Sebastian wurden in feste Umarmungen geschlossen.
Jim schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter und umarmte seine beste Freundin. „Herzlichen Glückwunsch, Irene“, sagte er ehrlich und schenkte ihr ein Lächeln. „Wann…?“
„Heute Morgen, es war ziemlich überraschend“, antwortete Irene und sah verliebt zu ihrem Verlobten hinüber. „Aber… oh, ich freue mich ja so, Jim, das glaubst du gar nicht.“
Jim schloss sie noch einmal in die Arme und spürte den eisig blauen Blick seines neuen Mitbewohners in seinem Rücken.
Als die erste Attacke von Gratulationen und Glückwünschen zu Ende war, verzog sich Jim in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen.
„Eine lahme Ausrede, James“, ertönte Sherlocks Stimme hinter ihm und Jim verschluckte sich beinahe an seinem Wasser.
Hustend klopfte er sich vorne auf die Brust und holte rasselnd Atem. „Ausrede?“
„Ihre Meinung über Irenes Verlobung ist offenkundig zweigespalten“, sagte Sherlock und drehte eines der Gläser in seinen großen Händen.
Jim legte den Kopf leicht schief. ‚Rechtshänder, Musiker, Violine. Spielt häufig.‘
„Ich denke, dass Sie sich hier nicht einmischen sollten“, erwiderte Jim höflich, aber kühl und seine Augen blitzten mit einer stummen Warnung.
„Und ich denke, dass ich das längst habe“, sagte Sherlock schnell und erneut begannen seine eisig blauen Blicke deduzierend über Jims Körper zu rasen.
„Ich habe keinen Moment angezweifelt, dass Sie ein Genie sind, Sherlock Holmes“, sagte Jim in leichtem Sing Sang und lächelte, aber seine dunklen Augen hielten keine Nuance des Lächelns, „aber es gibt manche Dinge, die Sie zwar deduzieren, aber nicht nachvollziehen können, denn Sie sind, wie Sie selbst behaupten, ein hochfunktionaler Soziopath. Sagen Sie mir, Sherlock, hat man Ihnen schon einmal etwas weg genommen, was Sie wirklich geliebt haben?“
„Liebe ist eine boshafte Motivation und Mitgefühl ist ein gefährlicher Nachteil.“
Die Worte schossen wie ein Mantra von Sherlocks Lippen und Jim zog die Mundwinkel in ein undefinierbares Lächeln.
„Sprechen Sie aus Erfahrung, Sherlock? Was ist mit John Watson?“
Sherlocks Miene wurde hart und unleserlich wie Stein. „Ich denke, dass Sie sich hier nicht einmischen sollten, James.“
„Und ich denke, dass ich das längst habe!“, erwiderte Jim scharf, füllte sein Wasserglas auf und marschierte ohne einen weiteren Blick über die Schulter zurück ins Wohnzimmer.
„Fühlen Sie sich nicht wohl, Mr Moriarty?“, fragte Mycroft in seinem üblichen, sachlich-distanzierten Tonfall. „Hat mein lieber Bruder es doch noch geschafft, Sie aus der Haut fahren zu lassen?“
Jim warf dem älteren Holmes nur einen säuerlichen Blick zu und wollte einen Schluck Wasser trinken, als ihm Sebastian kräftig zwischen die Schulterblätter schlug und er sich daraufhin heftig verschluckte.
Nachdem er seine Lungen von Wasser befreit hatte, wandte Jim sich keuchend an seinen Ex-Freund und sah ihn böse an. „Willst du mich umbringen, Sebastian?!“
„Nicht doch“, antwortete Sebastian kopfschüttelnd und grinste ihn breit an. „Eigentlich wollte ich dich vielmehr etwas fragen…“
„Dann schieß los, bevor ich es mir anders überlege und dir eine Kugel in den Kopf jage“, murmelte Jim trocken und rutschte in einen der Sessel.
„Du bist mein bester Freund, Jimmy, das weißt du doch?“
Jim schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und machte eine auffordernde Geste. „Weiter.“
„Und du bist auch Irenes bester Freund.“
„Mhh…“
„Daher ist es für uns beide eigentlich glasklar, dass…“, sagte Sebastian, brach ab und rieb sich einmal über den Nacken. „Na ja, dass du unser Best Man wirst.“
Zum dritten Mal heute verschluckte Jim sich so sehr, dass er das Gefühl hatte, jede Sekunde an den paar Tröpfchen Wasser, die er getrunken hatte, zu ersticken.
„Komm schon, Boss“, sagte Sebastian und klopfte ihm auf den Rücken, bis seine Lungen wieder frei wurden. Dass er seinen alten Spitznamen für Jim, der noch aus ihrer gemeinsamen Uni-Zeit stammte, benutzte, fiel ihm dabei kaum auf. „Wäre ganz nett, wenn du es bis zur Hochzeit schaffst, dich nicht selbst zu ertränken.“
Jim holte keuchend Luft und blickte zu Irene, die mit Mary und Molly auf einem der Sofas saß und mit ihr über Hochzeitsthemen diskutierte.
Sie sah glücklich aus.
Um nichts in der Welt würde er diesen Ausdruck vom Gesicht seiner besten Freundin verschwinden sehen wollen, und wenn das bedeutete, dass er Sebastian loslassen musste, dann würde er es tun.
‚Lieber Himmel, das klingt wie aus einem schlechten Film‘, dachte Jim über sich selbst verärgert und lächelte Sebastian an. „Ihr seid euch sicher, dass ihr einen leicht psychopathischen, mathematikbesessenen, arroganten Einsiedlerkrebs mit einem Aufmerksamkeitsdefizit als euren Best Man haben wollt?“
Sebastian grinste breit. „Absolut.“
„Dann kann ich euch ja schlecht enttäuschen, oder?“
„Du könntest schon und du würdest auch, wenn ich dir dann nicht die Kugel in den Kopf jagen würde, Boss, nachdem Irene dir mit ihrer Gerte zuleibe gerückt wäre.“
Jim verdrehte die Augen und hob sein mittlerweile leeres Glas in Anerkennung zu Sebastians Jim-typischen Konter. „Du lernst dazu, Seb.“
„Das war mit Abstand das netteste, was du je zu mir gesagt hast“, erwiderte Sebastian und grinste breit, als Sherlock mit einer Flasche Champagner aus der Küche kam. „Perfektes Timing, Sherlock!“
Sherlock rollte lediglich die Augen und drückte Sebastian die Flasche in die Hand. „Ja, natürlich.“


Es war schon weit nach Mitternacht, als die Gäste sich schließlich verabschiedeten.
Sherlock hatte es sich nicht nehmen lassen, die schlafende Gwen zum Auto der Watsons zu tragen und Molly, die ebenfalls schon halb schlief, stützte sich auf ihren Ehemann.
„Danke, Sherlock“, flüsterte John und nahm seine Tochter aus den Armen seines besten Freundes.
Sherlock nickte nur und drehte sich zu seinem Bruder um. „Ach, Bruderherz?“
„Was ist?“, fragte Mycroft und wandte sich mit einem Ausdruck der Gereiztheit seinem Bruder zu.
„Ich schlage vor, dass du Molly ins Krankenhaus bringst und nicht nach Hause.“
Mycrofts Stirn legte sich in Falten. „Weshalb…?“
Er stellte die Frage nicht zu Ende und ließ seinen deduzierenden Blick über seine Frau rasen, bis seine Augen sich weiteten und er dem Fahrer seines Wagens die Adresse des nächsten Krankenhauses nannte, Molly in den Wagen half und ebenfalls einstieg.
Jim vergrub die Hände in den Taschen seines Westwoods und winkte ein Taxi heran.
„221b Baker Street“, sagte er dem Fahrer und rutschte auf die Rückbank.
„Ebenso“, ertönte Sherlocks Stimme und der Detektiv glitt auf den freien Platz neben Jim.
„Das ist mein Taxi, Sherlock.“
„Und Sie schlafen in meiner Wohnung.“
Jim zuckte mit den Schultern. „Touché. Punkt für Sie.“
Sherlock lächelte erneut dieses kleine Lächeln und lehnte sich zurück.
Für einige Minuten herrschte Schweigen zwischen den beiden Genies.
„Sie hatten recht, James.“
Jim schreckte aus seinen Gedanken auf. „Entschuldigung, wie bitte?“
„Sie hatten recht.“
„Natürlich hatte ich das. Ich habe immer recht“, sagte Jim beleidigt und rümpfte die Nase. „Und… womit noch gleich?“
Sherlocks ganzer Körper versteifte sich. Er ähnelte mehr einer Statue als einem Mensch, als ein einzelnes Wort von seinen Lippen sprang: „John.“
Jim war versucht, einige Worte des Verständnisses zu sagen, aber da er in dergleichen nicht sonderlich begabt war und man sich so bei Sherlock gleich auf die Naughty List schrieb, ließ er es bleiben.
„Es ist schon lange her und ich bin darüber hinweg, aber ich verstehe, was Sie fühlen, James.“
Jim lächelte traurig und sagte leise: „Weil wir genau gleich sind, Sie und ich.“
Sherlock drehte den Kopf zu ihm und zog die Augenbrauen zusammen.
„Nur Sie sind langweilig.“
Der Detektiv lachte in sich hinein und Jim spürte ein Lachen ebenfalls in seiner Brust aufsteigen und binnen weniger Sekunden saßen Sherlock Holmes und James Moriarty kichernd auf der Rückbank des Taxis.
„Wieso haben Sie ihrem Bruder geraten, seine Frau ins Krankenhaus zu bringen, Sherlock?“, fragte Jim, nachdem er einigermaßen wieder zu Atem gekommen war.
„Mein Bruder ist ein brillanter Kopf, aber andererseits auch ein Idiot. Er deduziert alles und jeden, aber er konnte nicht bemerken, dass bei Molly die Senkwehen eingesetzt haben. Zu seiner Verteidigung – das tue ich recht selten, aber Ausnahmen bestätigen die Regeln – muss ich jedoch zugeben, dass Molly selbst es nicht erkannt und für normale Bauchschmerzen gehalten hat“, antwortete Sherlock und blickte auf sein Handy.

1 neue Nachricht.
Mycroft Holmes:
Danke. –MH

„Haben Sie schon über eine Karriere als Hebamme nachgedacht?“, fragte Jim amüsiert.
Sherlock lachte tief auf und bezahlte den Taxifahrer, als sie vor 221b hielten.
„Danke, ich bin zufrieden mit meiner Position als Consulting Detective und Diplom-Chemiker. Tee?“, erwiderte Sherlock, während er die Tür zu 221b aufsperrte.
„Mit Milch, einmal Zucker.“


Jim wachte am nächsten Morgen mit einem steifen Nacken und schrecklichen Rückenschmerzen von dem Pling eines Handys, wenn es eine SMS empfang, auf.
„Oh, Scheiße“, murmelte er und sah sich blinzelnd um. Er hatte seine Kontaktlinsen noch drinnen (nun ja, eine zumindest), er lag auf einem Sofa und sein Kopf hatte offenbar die ganze Zeit auf der Schulter eines ebenfalls schlafenden Sherlocks gelegen.
Jim blinzelte ein weiteres Mal und erinnerte sich langsam. Richtig… sie hatten Tee getrunken und noch sehr lange geredet… über Chemie, über Mathematik, über Deduktionen… und irgendwann mussten sie eingeschlafen sein. Jim vermutete, dass er den Anfang gemacht hatte.
Müde tastete Jim nach dem Wecker und hielt Sherlocks Handy in der Hand.

Fünf entgangene Anrufe:
Mycroft Holmes

Zwei neue Nachrichten:
Mycroft Holmes:
Geh an dein Telefon, Sherlock. –MH
William Sherlock Scott Holmes, wenn du mich nicht sofort zurückrufst, schicke ich dir eine Horde Agenten auf den Hals, die dafür sorgen! –MH

Die zweite SMS war erst vor wenigen Sekunden eingegangen.
Ohne groß darüber nachzudenken, drückte Jim auf Nummer wählen und hob das Handy an sein Ohr.
Es klingelte nur einmal, bis Sherlocks älterer Bruder abhob.
„Na endlich, was treibst du denn schon wieder?!“
„Morgen, Mr Holmes“, murmelte Jim schläfrig in schleppendem, irischen Englisch und blickte auf die Uhr, die elf Uhr dreißig anzeigte. „Oder eher guten Mittag? Sherlock schläft noch. Soll ich ihm was ausrichten?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
„Mr Moriarty. Wie kommen Sie an das Handy meines Bruders?!“
Jim gluckste. „Keine Sorge, Mr Holmes, Sherlock und ich haben beide noch unsere Klamotten an. Kein Grund, den Großen Bruder raushängen zu lassen.“
„Beantworten Sie meine Frage.“
Jim unterdrückte ein Gähnen. „Es lag auf dem Tisch und ich dachte, bevor hier eine Horde Agenten reinkommt, rufe ich Sie mal zurück.“
„Ah, natürlich. Wenn Sie nun die Güte hätten, mir meinen Bruder zu geben? Es ist mir egal, ob er schläft oder nicht. Wecken Sie ihn.“
Jim zuckte mit den Schultern und kniff Sherlock kräftig in die Nase, was diesen sofort aufschrecken ließ.
Mit wildem Blick sah der Detektiv sich um und Jim hielt ihm lediglich gähnend sein Handy hin. „Ihr Bruder, Sherlock.“
Sherlock runzelte die Stirn und nahm das Handy. „Was verschafft mir die Ehre nun schon deine Stimme zu hören, Bruderherz?“
„Die Ehre trägt den Namen Jayden Sherlock Holmes und ist dein neugeborener Neffe.“
Sherlock zog eine Augenbraue in die Höhe. „Ich nehme an, es sind Glückwünsche angebracht, Mycroft?“
„Normalerweise schon, ja.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke, Sherlock. Molly wünscht sich, dich zu sehen. Ich teile diesen Wunsch zwar nur zu mindestens einem Fünftel, aber nun ja. Sie wünscht es sich. Wirst du kommen?“
Sherlock legte den Kopf schief. „Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Mycroft.“
„So viel beschäftigt, dass du bis halb zwölf schlafen kannst. Der Wagen steht vor der Tür, Sherlock, ich erwarte dich in einer halben Stunde.“
Mit diesen Worten legte Mycroft auf und Sherlock rieb sich müde das Gesicht.
„Sooo…“, sagte Jim gedehnt und streckte sich, woraufhin alle seine Wirbel knacksten. „Ihr Bruder ist nun also Vater geworden, Sherlock?“
„Offensichtlich, ja“, erwiderte Sherlock und schnippte etwas von seiner Schulter.
„Oh Gott.“ Jims Augen weiteten sich und er sprang in die Richtung, in die Sherlock das Etwas geschnippt hatte. „Das war meine zweite Kontaktlinse, Holmes!“
„Oh“, machte Sherlock nur mit einem Schulterzucken. „Sie besitzen doch eine Brille.“
„Für Notfälle!“
Verärgert richtete Jim sich auf und seine braunen Augen weiteten sich noch mehr, als er an sich herunter blickte. „Oh nein.“
„Was?“
„Mein Anzug.“
„Hm?“
„Mein Anzug, Sherlock, mein Anzug! Sehen Sie sich ihn an! Verknittert! Voller Falten! Das ist Vivienne Westwood!“, rief Jim hysterisch aus. Immerhin hatte er sein Jackett ausgezogen.
„Bügeln“, murmelte Sherlock, während er ohne zu zögern sein Hemd aufknöpfte, von seinen Schultern zog und ins Badezimmer marschierte.
„Bügeln?!“, rief Jim entsetzt und stapfte leise vor sich hin fluchend hinauf in sein temporäres Schlafzimmer, um sich in Jeans und Hoodie umzuziehen. Wenn das verknitterte, hätte er kein Problem damit.
„Kommen Sie schon, James!“, rief Sherlock von unten herauf. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“
„Sherlock, ich kenne Ihren Bruder und seine Frau erst seit gestern, ich werde Sie nicht ins Krankenhaus begleiten!“, erwiderte Jim laut, Sherlocks Absichten erahnend.
„Oh doch, werden Sie!“
„Werde ich nicht- oh, verdammt noch mal“, murmelte Jim, schob sich seine Brille auf die Nase, checkte seine Haare im Spiegel und polterte die Treppen hinunter. „In Ordnung.“
Sherlock warf ihm mit einem wissenden Grinsen einen Belstaff zu.
Jim fing den Mantel auf und beäugte ihn skeptisch. „Ich werde sicher nicht als kleines Duplikat von Ihnen herumlaufen, Sherlock.“
„Sie können auch sehr gerne Ihren verknitterten Anzug wieder anziehen.“
Jim funkelte Sherlock an und schlüpfte in den Mantel. „Sie spielen mit unfairen Mitteln, Mr Holmes.“
Sherlock öffnete nur schwungvoll die Tür. „Das Spiel, James, hat begonnen!“
Jim verdrehte lediglich die Augen und kletterte hinter Sherlock in den schwarzen Wagen mit den getönten Scheiben, der, genau wie Mycroft gesagt hatte, vor der Haustür stand.
„Macht Ihr Bruder das immer?“, fragte Jim und atmete unbewusst den Geruch des Mantels ein: ein wenig Aftershave, sein Parfum und etwas, das er pauschal nur als Sherlock-Duft bezeichnen konnte. „Mit Agenten drohen und mysteriöse Wagen vorfahren? Entführt er Leute auch, wenn er sie nur etwas fragen will?“
„Ja, natürlich“, erwiderte Sherlock, der offenbar sogar die letzte, im Scherz gemeinte Frage, ernst genommen hatte. „Er ist die Britische Regierung.“
Jim zuckte nur die Achseln und schob seine Brille die Nase hoch.
„Mycroft Holmes steht also auf Machtspielchen?“
„Selbstverständlich. Er ist ein Holmes.“
Jim gluckste. „Oh ja, definitiv.“


Jayden Sherlock Holmes sah wirklich aus wie ein Holmes. Bohrende, eisig blaue Augen, von denen alle annahmen, dass er sie behalten würde, und einen Mopp von Locken auf seinem Kopf. So gesehen ähnelte das Baby Sherlock ziemlich, aber es hatte den leichten Rotstich seines Vaters im Haar.
„Ich verstehe nicht, warum er mich mitgebracht hat, Mr Holmes, und es tut mir leid, diesen familiären Moment zu stören“, murmelte Jim und vergrub die Hände tief in den Taschen seines geborgten Mantels, der wirklich sehr schön warm war.
„Mit Sherlock gibt es keine familiären Momente, Mr Moriarty“, erwiderte Mycroft kühl, aber sein Blick war erstaunlich warm, als er auf das schlafende Kind in der Wiege fiel. „Aber ich bin zugegebenermaßen enttäuscht, dass Sie, mit einem brillanten Verstand gesegnet, seine Beweggründe nicht erkennen.“
„Verzeihung?“
„Strengen Sie Ihren Kopf an, Mr Moriarty“, sagte Mycroft scharf. „Einen Tipp habe ich für Sie: dergleichen hat er lediglich mit zwei anderen Menschen getan – Doktor John Watson und Irene Adler. Denken Sie nach.“
Mit diesen Worten schritt Mycroft Holmes an das Bett seiner Frau und blickte in die Wiege, in der sein Sohn schlief.
„Jayden wird wohl die Laufbahn eines Topagenten der Regierung oder die eines Meisterkriminellen einschlagen“, ertönte Sherlocks Stimme neben Jim, der erschrocken zusammenzuckte.
„Das ist ein Neugeborenes, Sherlock, Deduktionen sind so früh unmöglich.“
„Oh bitte, hierzu sind keine Deduktionen vonnöten.“
„Wirklich? Die Laufbahn eines Meisterkriminellen halte ich doch für fragwürdig, denken Sie daran Sherlock, hier wirken nicht nur Holmes-Gene mit“, erwiderte Jim trocken und grinste unter Sherlocks verdutztem Blick. „Fühlen Sie sich nicht geehrt, dass Ihr Neffe nach Ihnen benannt wurde?“
„Es hat meinem Selbstbewusstsein einen angenehmen Boost verpasst.“
„Genauso wie der Zweitname Ihres Patenkindes?“
„Ja, natürlich. Ich werde sowohl Sherly als auch Sherlock alles über die Wissenschaft der Deduktion beibringen.“
Mycroft wandte sich seinem Bruder zu. „Oh nein, Bruderherz, du wirst meinen Sohn nicht mit seinem zweiten Vornamen ansprechen.“
„Duh“, machte Sherlock und verdrehte die Augen, wobei er wie ein kleines Kind wirkte.
Jim gluckste ein weiteres Mal und wollte etwas sagen, als plötzlich Bee Gees Stayin‘ alive aus seiner Manteltasche ertönte.
„Entschuldigung“, murmelte er und er runzelte die Stirn, als er die ID des Anrufers sah. Es war sein Neffe, Andrew, der mit Jims Schwester eigentlich in Chicago lebte. „Hallo?“
„Onkel James, wo bist du?“
Jim machte eine entschuldigende Geste in Richtung der Holmes‘ und verließ das Krankenzimmer, um auf dem Flur weiter zu telefonieren. „Drew, wo zum Teufel bist du?
„221 Baker Street… deine Vermieterin serviert mir Tee. Wo bist du?“
Jim erstarrte. Sein Neffe war so ein Idiot. „Warum bist du in London?!“
„Mom…“
Jim rieb sich die Stirn, sein Verstand ratterte und lief auf Hochtouren. Natürlich. Liz hatte es schon wieder verbockt. Mit ihrer Alkoholsucht machte sie ihrem Sohn das Leben schwer und es war nicht das erste Mal, das Andrew in den nächsten Flieger über den Atlantik gestiegen und zu seinem Onkel geflüchtet war. „Okay. Bleib wo du bist. Ich bin gleich da.“
„Danke, Onkel James.“
Jim legte auf und öffnete die Tür zu Mollys Krankenzimmer. „Es tut mir leid, aber es gibt einen Notfall. Ich muss zurück in die Baker Street und-“
„Ah, wundervoll!“, rief Sherlock aus und Mycroft seufzte. „Eine große Familienkrise, die sind doch immer so unterhaltend, nicht war, Mycroft?“
„Tu der Welt einen Gefallen, Sherlock, und halt den Mund“, erwiderte dieser nur und Molly grinste.
Jim würde Sherlock ja zustimmen, es machte wirklich Spaß, Mitglieder einer Familienkrise zu deduzieren, aber wenn es ihn selbst betraf, was oft der Fall war, war es ganz und gar nicht unterhaltend.
„Dann kommen Sie mit und deduzieren mir meinen Neffen“, sagte Jim neutral und schenkte Molly und Mycroft ein höfliches Lächeln. „Herzlichen Glückwunsch, Mr und Mrs Holmes.“
Mit diesen Worten eilten die beiden Genies die Treppen des St. Bart’s hinunter und nahmen sich das nächste Taxi.
„Also“, fragte Sherlock, sobald sich das Auto in Bewegung gesetzt hatte. „Was haben Sie am Tag von Irenes und Sebastians Hochzeit vor?“
Jim runzelte die Stirn. „Ich… werde auf ihre Hochzeit gehen. Duh.“
„Nein, nein, Sie verstehen das falsch. Was haben Sie vor?“
Jim schob seine Brille hoch und ließ seinen Blick deduzierend über Sherlocks Gesicht rasen. „Fragen Sie mich gerade, ob ich Sie als Ihr Date auf die Adler-Moran Hochzeit begleite?“, fragte er mit einem anzüglichen Grinsen nach und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Möglich.“
„Sherlock, Sherlock, Sherlock“, murmelte Jim und lachte auf. „Mein Neffe ist soeben aus den Vereinigten Staaten nach London geflogen, ich stecke mitten in einer familiären Krise und Sie fragen mich nach einem Date?“
Sherlock zuckte mit den Schultern. „Ja, natürlich.“
Jim schüttelte lachend den Kopf. „Sie gefallen mir, Sherlock Holmes.“
Sherlock drehte sich ihm zu und fragte: „War das eine Zusage?“
„Ah-ah“, machte Jim und wackelte mahnend mit dem Zeigefinger. „Familienkrise, schon vergessen? Lösen Sie den Fall, Detective, und dann werde ich Ihre Frage beantworten.“
Sherlock legte die Fingerspitzen aneinander. „Sie spielen mit mir, James.“
„Natürlich“, erwiderte Jim in leichtem Sing Sang. „Und nun sagen Sie nicht, dass es Ihnen nicht gefällt, Sherlock.“
Sherlock lächelte. „Das Spiel, James, hat begonnen.“

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Armara 05. Jun 2015

Du hast eine klasse Schreibweise. Schreib weiter ich bin gespannt, was für Storys du noch zu bieten hast ;)

StellaCruz 05. Jun 2015
Vielen lieben Dank!:) LG, Stella