Minoru.

vor 3 Mon.
Haruki ist ein introvertierter, menschenscheuer Junge, der zur Uni geht und abends in einem 24-Stunden-Supermarkt arbeitet. Er wünscht sich nichts weiter als ein ruhiges Leben und meidet außerhalb der Arbeit den Kontakt mit Menschen. In einer verregneten Nacht begegnet er einem jungen Mann, der ohne Schirm an einer Kreuzung steht und ins Leere ..
Liebe/Romantik Drama P12-M+M Übernatürlich In Arbeit
Bemerkung des Authors: Vielen Dank, dass du meine Geschichte angeklickt hast. Ich hoffe, dass du viel Freude beim Lesen haben wirst. Da ich diese Geschichte erst kürzlich begonnen habe und mich somit noch in einer frühen Schreibphase befinde, möchte ich Kritiker bitten, sich vorerst mit Detailkritik und ausführlichen Anmerkungen zurückzuhalten. Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich vor allem Reaktionen von Lesern zur Wirkung der Geschichte bekommen. Die ausführliche Überarbeitung der Geschichte erfolgt nach deren Fertigstellung. Selbstverständlich bin ich über jede Anmerkung und das Einfangen von verirrten Fehlerteufeln dankbar und werde kleinere sinnvolle Änderungen kurzfristig umsetzen.

Kapitel 1 – Haruki. | Erster Teil.

Klappentext

Haruki ist ein introvertierter, menschenscheuer Junge, der zur Uni geht und abends in einem 24-Stunden-Supermarkt arbeitet. Er wünscht sich nichts weiter als ein ruhiges Leben und meidet außerhalb der Arbeit den Kontakt mit Menschen.
In einer verregneten Nacht begegnet er einem jungen Mann, der ohne Schirm an einer Kreuzung steht und ins Leere starrt. Als der Fremde trotz roter Ampel einen Schritt auf die Straße macht, hält Haruki ihn zurück und rettet ihn so. Er stellt sich als Minoru vor und hebt fortan Harukis ruhige Welt aus den Angeln. Nach und nach bringt er sogar ein Versprechen, das Haruki vor Jahren gegeben hat, ins Wanken. Und dann ist da noch das Geheimnis, das Minoru selbst wie ein undurchdringlicher Regenschleier zu umgeben scheint …


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Kapitel 1 – Haruki. | Erster Teil.


War es richtig?

War es die richtige Entscheidung gewesen, die er vor langer Zeit getroffen, das Versprechen, das er sich selbst im Stillen gegeben hatte? Manchmal zweifelte Haruki, ob dies der einzige Weg gewesen wäre. Andererseits … so blieben ihm und den Menschen in seiner Umgebung viele Schmerzen erspart. Es war sicher das Beste, an dem Versprechen festzuhalten.

So war es gut.

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Haruki hatte keine hohen Ziele im Leben. Überhaupt war er vollkommen durchschnittlich. Schwarzes Haar, eine typische Kurzhaarfrisur, blasse Haut, braune Augen, schmächtige Gestalt. Zu Hause trug er ab und an eine Brille, beim Lernen oder Malen. Sein Job in der Spätschicht des 24-Stunden-Supermarktes in Ikebukuro war ebenfalls vollkommen durchschnittlich und wie viele andere hatte er sich an einer privaten Uni für Betriebswirtschaft eingeschrieben, weil die Aufnahmeprüfung dort nicht allzu schwierig gewesen war.

Aufgewachsen war er in einer Kleinstadt am Pazifik, bei seiner Großmutter, die direkt neben einem Schrein gewohnt hatte. Nach ihrem Tod vor zwei Jahren, war Haruki nach Tokyo gezogen, hatte sich einen Job gesucht und die Aufnahmeprüfung für die Uni abgelegt. Dank einer netten älteren Dame, die in der Nähe des Campus ein Gebäude besaß, hatte er für eine geringe Miete ein kleines Zimmer in Laufentfernung zur Universität ergattert. Das Haus war alt und bedurfte längst einer Renovierung, doch Haruki mochte es. Die Geräusche des Windes, der durch die Ritzen an den Fenstern pfiff, und das Knarzen des Gebälks erinnerten ihn an das Haus seiner Großmutter.

Seitdem verlief sein Alltag ruhig und nach dem immer gleichen Muster: Uni, Arbeit, lernen, malen, schlafen. Haruki strebte nach nichts Bestimmtem und war froh, wenn nichts Aufregendes passierte. Ein ruhiges Leben ohne Höhen und Tiefen – damit war er glücklich.

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»Haru, kommst du noch mit was trin...?« – »Tut mir leid«, unterbrach er Sakaguchi leise und schloss seinen Spind. »Ein andermal.« Haruki verstaute schnell die angebrochene Wasserflasche in seiner Tasche, wünschte seinen Kollegen einen schönen Feierabend und lief gerade noch langsam genug aus dem Aufenthaltsraum, um es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Bevor die Tür ins Schloss fiel, hörte er noch Tanaka seufzen: »Da wirst du kein Glück haben. Haru ist noch nie mitgekommen.«

Haruki wusste, dass seine Kollegen es nur gut meinten. Sie wirkten nie verärgert, wenn er ihre Einladungen ausschlug, die Enttäuschung war jedoch unüberhörbar gewesen. Überhaupt wunderte er sich, dass sie ihn so freundschaftlich behandelten, ihn sogar mit seinem Vornamen ansprachen – einem Spitznamen, um genau zu sein. Das machte ihm Tag für Tag bewusst, dass er der einzige im Team des 24-Stunden-Supermarktes war, der die anderen noch konsequent mit ihren Nachnamen ansprach. Haruki mochte die Distanz, die er so schaffen konnte. Ohnehin empfand er sich selbst als wenig sozial und umgänglich. Er kam nie mit zu Trinkfesten – und das nicht nur, weil er keinen Alkohol mochte –, ging nicht an seinen freien Tagen aus – weder mit Kollegen noch mit seinen Kommilitonen von der Uni –, redete nur das Nötigste und gab wenig über sich preis. Meistens gaben seine Mitmenschen nach kurzer Zeit auf und ließen ihn in Ruhe. Ihn störte das nicht, er war gern für sich. Sich zu sehr mit Menschen einzulassen, lag ihm nicht.

Als die Schiebetüren des Supermarktes vor Haruki zurückglitten, empfingen ihn das Rauschen des Regens und die erste Ahnung des Geruchs des Sommers. Die Luft war feucht und schwer, nach der Spätschicht im klimatisierten Markt musste er einmal tief durchatmen, bevor er seinen Schirm aufspannte und den Weg zu seiner Wohnung einschlug.

Im Gegensatz zu den meisten Menschen in Tokyo mochte Haruki die Regenzeit, obwohl es unangenehm schwül war, selbst nachts. Dennoch hatte diese Zeit einen eigenartigen Zauber. Die Erinnerungen an den sanften Frühlingswind und die von Kirschblüten rosa gefärbten Flüsse wurden fort gewaschen, während der Sommer mit seinem gleißenden Sonnenlicht und den vor Hitze flirrenden Straßen wie ein Raubtier hinter dem dichten Regenschleier des Junis auf der Lauer lag. Ein ungeduldiges Warten schien über die Stadt gespannt zu sein, deren Bewohner sich unter ihre Schirme duckten und über die vom Regen glänzenden Bürgersteige hetzten. Auch unter der Woche waren die Straßen am Abend voll, besonders jetzt, kurz vor der letzten Bahn. Gruppen von angetrunkenen Salarymen oder jugendlichen Nachtschwärmern schwankten Haruki entgegen, eine Frau im Kostüm, die gerade von einem Meeting oder einem Kundentermin kommen musste, überholte ihn und stöckelte in ihren viel zu großen Absatzschuhen in Richtung des Bahnhofes. Haruki umklammerte den Griff seines Schirmes und ging langsam weiter. Ließ die bunten Flüsse, in die die vielen Reklametafeln die Straßen verwandelten, die drückende Schwere der Juninachtluft, das Rauschen des Regens, die Diamanten, die die Nacht wie zufällig auf seinen transparenten Schirm gestreut hatte und die nun im Licht der Straßenlaternen verschwörerisch glitzerten, den Geruch nach nassem Asphalt und dem Versprechen eines neuen Tages tief in sein Bewusstsein sinken. Vielleicht konnte er heute Nacht nach dem Lernen noch malen. Farben hatte er noch, ein Stück Leinwand auch.

Der große Platz vor dem verwinkelten Bahnhofsgebäude schien aus zähflüssigem Silber zu bestehen, in das sich bunte Reklameschlieren mischten, durchschnitten von den Silhouetten der vorbei hastenden Menschen im Regen, der sich allmählich in einen Wolkenbruch verwandelte. In Gedanken versunken übersah Haruki einen entgegenkommenden Geschäftsmann mit seiner Aktentasche unter dem Arm und kollidierte mit ihm. Der ältere Herr strauchelte, konnte sich im letzten Moment fangen, doch seine Tasche landete mit einem Platschen auf dem Boden. Erschrocken stammelte Haruki eine Entschuldigung, der Mann grunzte ihn nur ungehalten an. Haruki bückte sich, um die Aktentasche aufzuheben; da er kein Tuch bei sich hatte, wischte er die Tasche hektisch an seiner Stoffjacke ab, an der ein hässlicher, dunkler Fleck kleben blieb, und hielt sie dem Mann mit einer erneuten Entschuldigung entgegen. Seine Hände bebten. Der Salaryman musterte Haruki intensiv – so, als müsste er sich genau auf ihn konzentrieren oder um abzuschätzen, ob er von solch einem Menschen etwas entgegen nehmen konnte. Schließlich schnappte er sich seine Tasche und tappte murmelnd von dannen. Haruki brauchte noch ein paar Sekunden, um sich zu beruhigen, machte dann aber, dass er nach Hause kam.

Als er die Straße, die zu seinem Haus führte, einschlagen wollte, fand er sich vor einer Baustelle wieder, die fast über die gesamte Breite der Einbahnstraße reichte. Haruki erinnerte sich dunkel an einen Aushang am schwarzen Brett seines Wohnhauses, der eine Einschränkung der Zufahrtsstraße für die nächsten zwei Wochen ankündigte. Der Bauarbeiter, der mit leuchtender Kelle und Weste vor der Absperrung stand, winkte energisch in Richtung der Parallelstraße. Seufzend machte Haruki kehrt. An der Kreuzung ein paar Meter weiter wartete ein Pulk Menschen darauf, dass die Ampel auf Grün sprang. Im Näherkommen bemerkte Haruki einen jungen Mann, der ganz vorn am Bordstein stand.

Warum zog er Harukis Blick auf sich?

Lag es an seinen hellbraun gefärbten Haaren, die nass an seinen Wangen klebten? An seinem gedankenverlorenen Blick und den traurigen Augen? Oder einfach an der Tatsache, dass er der einzige war, der ohne Schirm im Regen stand?

Als der junge Mann trotz roter Ampel einen Schritt auf die Straße trat, dachte Haruki nicht nach.

»Halt, das ist gefährlich!«, rief er laut und lief auf ihn zu. Der junge Mann stoppte, wandte sich um. Auch andere Passanten blickten in Harukis Richtung. Die Scheinwerfer eines vorbei rasenden Autos erhellten für eine Sekunde das Gesicht des Fremden, zeigten deutliche Spuren auf seinen Wangen, die nicht vom Regen herrühren konnten. Tränen. Das Rauschen des Regens verschluckte alle anderen Geräusche und für diesen einen Moment war es, als seien der Fremde und er allein an dieser Kreuzung. Dann wurde Haruki bewusst, dass alle ihn anstarrten. Hastig wandte er sich ab, die Fußgängerampel sprang auf Grün und er war schon halb über die Straße gelaufen, bis alle anderen sich ebenfalls in Bewegung gesetzt hatten. Haruki spürte deutlich ihre Blicke im Rücken. Und einer davon schien ganz besonders zu brennen.

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——— weiter geht es im nächsten Teil des Kapitels ———

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freakontour 16. Jan 2019

Kapitel 5

So, da sind sie also nun bei Haruki zu Hause angekommen - mal wieder irgendwie. Ich weiß nicht, diese ganze beklemmende Stimmung des zweiten Mal, das sich für Minoru ja aber wie das erste Mal anfühlt, wird zwar angesprochen und kommt stellenweise auch wirklich gut rüber. Insgesamt reißt mich dieses Kapitel aber tatsächlich nicht ganz so sehr mit wie die vorherigen. Einen genauen Auslöser dafür kann ich noch nicht finden - vielleicht, weil die Situation einer vorangegangenen zu ähnlich ist? Oder ich zu viel Zeit zwischen den Kapiteln hatte?
Keine Ahnung. Jedenfalls fällt es mir schwerer in das Kapitel reinzufinden.
Allerdings würde ich ja schon liebend gern wissen, woher Haruki den Geruch kennt, der von Minoru ausgeht.
Als sie dann beide so in merkwürdiger Stille einander gegenüber sitzen, da bin ich dann wirklich im Geschehen angekommen.
Und Haruki fühlt sich unerwartet wohl in Minorus Nähe. Ich meine, klar, er hat den Vorteil, dass er sich an einiges mehr erinnert als sein Gegenüber, aber das muss ja prinzipiell nicht heißen, dass er mit der Anwesenheit des Mannes gut zurecht kommt. Tut er aber offensichtlich - zumindest den Umständen entsprechend und für seine Verhältnisse und das lässt mich dann doch überlegen, woran es liegt.
An der Stelle müsste ich wahrscheinlich wirklich nochmal alles von vorn lesen, um konkrete Theorien aufstellen zu können, aber was jetzt so in meinem Hirn herumspukt ist die Möglichkeit, dass sie sich tatsächlich bereits vorher begegnet sind - wenn auch vielleicht unbewusst, ohne sich wirklich zu sehen sozusagen und er den Geruch damals aus irgendeinem Grund intensiv wahrgenommen hat. Er kann den Geruch natürlich auch mit etwas ganz Anderem verbinden und es ist reiner Zufall. Oder es sind Drogen im Spiel - oder bestimmte Krankheiten, die lösen auch manchmal einen gewissen Körpergeruch aus. Und wenn er das dann schon irgendwo mal so gerochen hat...
Ja, ich hänge mich daran ein bisschen auf. Aber um unwichtig zu sein, wird es auch zu häufig erwähnt.

Ich bin voll auf Harukis Seite! Kaffee ist absolut nicht mein Getränk. Ich bleibe lieber bei Tee. Den dann allerdings prinzipiell ungesüßt :D Schön finde ich hier auch Anspannung, die auf Haruki liegt, weil er partout nicht einschätzen kann, wie er mit Minoru umgehen soll, der aber relativ entspannt ist und unglaublich offen. So wie man ihn eigentlich überhaupt nicht erwartet. Da verteilt er Komplimente - und ich kann hier tatsächlich beide gut verstehen. Haruki sieht in seiner kleinen Wohnung all die Nachteile, die eben zu einer günstigeren Wohngegend gehören, während Minoru all die Kleinigkeiten zu einem Gesamtbild zusammenfasst, dass offensichtlich einen Kontrast zu seinem eigenen Zuhause ergibt. Bedeutet Minoru oder seine Eltern bzw. Familie allgemein haben Geld, mehr als Haruki zumindest. Und er mag die Bodenständigkeit und Echtheit der Wohnung, die simple Ordnung und alles, was dazu gehört. Der Charakter, den sie hat, weil es eben nicht irgendeine Wohnung ist, sondern Harukis. Und er fühlt sich dort wohl. Eigentlich ein super niedliches Kompliment - aber Konversation ist nicht so Harukis Stärke.
Da redet sein Gast eben einfach weiter und spricht direkt einem Punkt an, den er das letzte Mal ebenfalls bemerkt hat. Und dann auch noch im selben Wortlaut. Ich meine klar, ist ja derselbe Mensch, aber...das macht beiden nochmal bewusst, dass irgendetwas an dieser Situation völlig falsch ist. Dass irgendwas mit Minoru nicht stimmt und diese Begegnung keine alltägliche oberflächliche Freundschaft ist, sondern trotz ihrer Flüchtigkeit bereits tiefer gewurzelt hat.

Ach Mann. Mich interessiert wirklich brennend, warum Haruki der Meinung ist, dass er unsichtbar für alle und jeden bleiben sollte, sich nicht einmischen, nennt er es. Keine Spuren hinterlassen. Aber hinterlassen wir nicht immer irgendwie Spuren, auch wenn es nur kleine sind? Niemand geheim leben an allem vorbei, und selbst wenn, beeinflusst man damit den Lauf der Dinge - indem man eben nichts tut. Trotzdem fühle ich mit ihm. Den Gedanken, dass Minoru in seinem Unterbewusstsein vielleicht besser weiß, was gut für ihn ist, als an der Oberfläche - der wäre mir an Harukis stelle wohl auch gekommen.

Ein Neuanfang also.
Tja, was das mit der Wahrheit auf sich hat, wird sich wohl noch zeigen. Was aber direkt auffällt, ist, dass Minoru seinen Nachnamen nicht nennt, obwohl Haruki seinen preisgegeben hat und auch sofort das Thema wechselt, als es um ihn als Person geht und Haruki in Gedanken zu versinken droht. Immerhin könnte Minoru ihn auch die ganze Zeit anlügen...so ein Versteckspiel wäre zwar ziemlich mies, aber auch aufregend.
Egal wie: Minoru quetscht Haruki aus, verpasst ihm auch direkt einen Spitznamen, ist allgemein sehr frei und fröhlich und so...anders, dass es auf mich schrecklich aufgesetzt wirkt. Auch Haruki ist damit ja ein bisschen überfordert...irgendwie stimmt da was überhaupt und gar nicht.

Mann, Haruki. Zweifle doch nicht immer alles an, was du sagst, sonst schweigst du nur noch - schlimm mit ihm. Er hat ein Recht darauf neugierig zu sein und Minoru kann ihm immer noch sagen, wenn er zu weit geht. Auch wenn ich weiß, dass die japanische Höflichkeit solche ‚Try and Error‘ Methoden nicht begrüßt. Aber was soll’s?

So persönliche Grenzen muss man manchmal überwinden. Auch wenn es wirklich spannend ist, warum Minoru hier recht deutlich macht, dass er keine klaren antworten zu dieser Thematik liefern wird. Zwar empfinde ich sein Verhalten als nicht ganz so extrem abweisend, wie Haruki das sieht, aber es ist doch klar, dass er darüber nicht reden möchte. Die Gründe für diese offensichtliche Distanzierung an der Stelle wären für mich jetzt recht vielschichtig. Vielleicht weiß er es einfach selbst nicht mehr und wüsste nicht, was er weiter sagen soll. Oder er kann/darf es aus bestimmten Gründen nicht sagen, weil er erpresst wird, weil er einen Auftrag hat, weil etwas ihn treibt, was er nur bedingt kontrollieren kann - was auch immer.
Und als müsste er das ausgleichen und seine Fassade aufrecht erhalten, deklariert er eine Freundschaft zwischen sich und Haruki..einfach so. Der arme Kerl ist vollkommen überrumpelt - immerhin kennen sie sich eigentlich nicht. Hm.
Mich beschäftigt gerade irgendwie auch die Tatsache, dass Minoru so einfach entscheidet, dass er sich ab jetzt an Haruki erinnern wird. Ich kann das natürlich auch vollkommen überbewerten, aber...wenn er das kann, dann hat Haruki mit seinen zweifeln ja nicht ganz unrecht. Bzw. hat er in gewissem Maße einen Einfluss darauf, was er sich merkt und was nicht. Kann eine banale Entscheidung sein, von der er nur hofft, dass sie fruchtet. Oder aber er gibt damit unabsichtlich zu, dass das alles nicht halb so zufällig und durcheinander ist, wie es sich für Haruki anfühlt. Irgendwie sind beide immer noch verloren in diesem Teil, aber Minoru zeigt einen Teil seiner Persönlichkeit, der alles im Griff hat, sich nicht unterkriegen lässt und so gar nicht zum bis jetzt gesehenen Bild passen will. Es ist wie eine Maske. Aber wofür genau? Nur für den verlorenen Minoru? Oder für einen Minoru, der die Fäden in Händen hält, vielleicht bewusst - vielleicht unbewusst.

Okay - das war Teil eins der Rezension. Für heute gehe ich jetzt ins Bett, weil mein Kopf mich umbringt. Morgen kümmere ich mich dann um den zweiten Teil des Kapitels und dann kannst du deinen Kommentar bewundern und ich mich ans Beantworten deiner Nachricht machen *rollt sich auf einem Kissen zu deinen Füßen zusammen*

*streckt sich und gähnt*
Da bin ich wieder. Und weiter geht’s mit dem Kommentar.

Zusammen kochen ist etwas, was in Serien und Filmen immer als so harmonisch und bindend dargestellt wird. Ich selbst muss sagen, dass es mir zwar Spaß macht mit den Menschen zu kochen, die ich kenne, aber es ist nichts, was ich wirklich als Aktivität für ein Treffen vorschlagen würde. Keine Ahnung wieso.
Trotzdem kann man dadurch die andere Person vielleicht ganz gut kennenlernen. Haruki findet hier nämlich so ganz nebenbei raus, dass Minoru entweder noch zu Hause bei der Familie wohnt oder zumindest häufiger dort isst, wenn er erwähnt, wie dort gekocht wird. Diese ganze Höflichkeit zwecks der Schärfe ist dann allerdings wieder eine Sache, wo man merkt, dass Minoru sich zu sehr anpasst, nicht zu viel von sich preisgeben will. Zwar tut er es, vielleicht unabsichtlich innerhalb ihrer Gespräche ab und an, aber sobald man ihm eine aktive Möglichkeit lässt sich zu entscheiden, hält er sich und seine Hintergründe verborgen.
Haruki ja allerdings auch, nur dass man hier zumindest zum Teil die Begründung mitgeliefert bekommt. Er ist neugierig auf den Reis, er will sich nicht zu sehr öffnen und an jemanden binden, weil er der Meinung ist, dass sowas nicht gut ausgeht - und so weiter. Minorus Beweggründe bleiben dafür im Dunkeln. Und ich bin immer noch der Meinung, dass dieses Lächeln und fröhliche Auftreten eine Art Maske sind. Nicht komplett - aber zumindest in Teilen.
Minoru fühlt sich in Harukis nahe wohl, auch in dessen Wohnung. Und Haruki, der das so nicht kennt, sich wie selbstverständlich im Haushalt eines anderen zu bewegen, ist davon fasziniert.
Ich muss sagen - ich habe ähnliche Erfahrungen. Also, wenn ich früher bei Freunden zu Hause war, gab es durchaus Menschen, bei denen ich recht frei war und mir keine Gedanken über die Privatsphäre gemacht habe, aber bei vielen Anderen war ich immer gehemmt. Ist heute auch noch so. Die Leute, bei denen ich in die Wohnung komme und mich direkt angenommen und zu Hause fühle, sind sehr selten - aber es gibt sie. Vielleicht hat Minorus Unterbewusstsein also entschieden, Haruki zu vertrauen. Oder die beiden kennen einander wirklich von früher irgendwoher und es ist Minoru deshalb so vertraut...hm. Spannend.

Die Sache mit den Teebechern ist übrigens ein unglaublich sympathisches Detail über Haruki. Ein bisschen Heimat sollte man immer bei sich haben und da geht es überhaupt nicht um Ästhetik, sondern bloß um das Gefühl, welches vermittelt wird. Ich habe an jeder Ecke in meiner Wohnung solcherlei Sachen - Überbleibsel meiner Kindheit, Erinnerungen, Momente, die mich immer wieder einholen. Auf gute Weise, die meisten.

Ich möchte Haru knuddeln. Weil ja offensichtlich ist, warum ihn die Kritzelei mehr rührt als manch anderes Bild. Einfach, weil sie zeigt, dass er Minoru wichtig ist, dass er Einfluss hat auf jemanden und dass er nicht alleine ist. Freunde. Freundschaft. Das ist etwas, über das er sich zu viel und doch zu selten Gedanken macht und Minoru überfährt ihn einfach damit, sodass er gar keine Chance bekommt seine üblichen Abwehrmechanismen zum Einsatz zu bringen.
Gleichzeitig deutet Minorus Aussage an der Stelle allerdings das Gegenteil dessen an, was ich zum ersten Teil des Kapitels gesagt hatte. Es wirkt hier wieder eher so, als hätte er tatsächlich keinerlei Kontrolle darüber, was er vergisst und was er behält. Das spricht dafür, dass er diese Entscheidung zwar sehr selbstbewusst getroffen hat vorher, nun aber doch unsicher ist, weil er nicht beeinflussen kann, was passiert. So eine Zeichnung als Erinnerung ist da ja schon hilfreich.

Und Haruki träumt wieder ein bisschen vor sich hin. Er denkt zu viel, aber das wissen wir ja schon. Trotzdem rührt es mich, und ich kann seine Beruhigung verstehen, als er Minoru beobachtet. So anders wie Minoru plötzlich zu sein scheint, wie viel Kontrast zwischen dem traurigen jungen Mann an der Straße und dem fröhlichen Gast auch liegen mag, der da in seiner Küche steht - es ist derselbe Mensch. Er mag immer noch das Gewitterbild am liebsten, er ist immer noch begeistert von Harukis Malkünsten. Und natürlich tut es ihm leid, dass er Minoru als Phantom betrachtet hat, aber im Grunde hat er das nur getan, um sich selbst zu schützen. Um nicht darüber nachdenken zu müssen, was es sonst bedeuten könnte. Es ist nichts Verwerfliches daran - und irgendwie scheint es ja etwas zwischen den beiden zu geben, was sie beide nicht benennen können, was aber da ist und sie immer wieder zueinander bringt. Unbewusst vielleicht. Das legt den Verdacht ja nah, dass man verfolgt wird, ob von Phantom oder nicht. Dass Minoru einfach nicht mehr wusste, wer er ist, konnte Haruki ja nicht ahnen. Und dass seine Anwesenheit ihm jetzt erst auffällt, nachdem Minoru das erste Mal bei ihm war, ist auch klar. Vorher wusste er ja nie, nach wem er hätte Ausschau halten sollen. Und am Ende ist es vielleicht auch genau das gewesen. Unbewusst zum Teil, am Anfang jedenfalls. Naja. Wir werden sehen. Jetzt gibt’s erstmal Tee!

Im Prinzip gebe ich Minoru recht. Haruki denkt zu viel nach und zerdenkt viele Dinge, sodass Möglichkeiten an ihm vorbeiziehen, aber ich kann die Situation auch gut aus Harukis Sicht sehen. Fragen stellen ist auch nie meine Stärke gewesen - obwohl ich darin trotzdem besser bin als darin welche zu beantworten. Zwar fürchte ich weniger, mein Gegenüber vor den Kopf zu stoßen, wie Haruki das tut, aber sich zu sehr zu verstricken, sich abhängig und verletzlich zu machen, das schon. Und wenn man fragen stellt, öffnet man auch sich selbst ein Stück weit.
Allerdings macht dieser kleine Nebensatz mich doch noch einmal neugieriger was in der Vergangenheit passiert ist, dass Haruki so überzeugt davon sein kann, schlecht für seine Mitmenschen zu sein. Unverfängliche Fragen mögen da vielleicht ein Weg an der Sache vorbei sein, aber trotzdem besser als gar kein Gespräch.

Kleiner Einwurf an der Stelle: Ich habe es gehasst und geliebt gleichermaßen im Sommer Geburtstag zu haben, als ich noch zur Schule ging. Solange ich feiern wollte - mit Schulfreunden, war es grausam. Die waren nie da. Und später habe ich genau das genossen. Wenige Menschen bedeutete, dass ich mit den wenigen Leuten, mit denen ich meinen Geburtstag wirklich verbringen wollte, coolere Sachen machen konnte. Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Geburtstag mitten im Sommer gemacht - immerhin habe ich diesen Tag dadurch schon in vier verschiedenen Ländern begehen können :D

Maaan. Haruki, hak nach! Ich will es wissen. Und ja, Kirschblüten sind schön, aber auch die schönsten Dinge können schlechte Erinnerungen hervorrufen. Und ich möchte wirklich wissen, was allein die Erwähnung bei Minoru auslöst, dass er seine Fassade wirklich kurz zu verlieren scheint - wobei es Haruki ihm auch recht einfach macht, indem er eine - tendenziell merkwürdige - Frage hinterherstellt.
Sonnenblumen sind, solange sie auf einem Feld stehen, auch meine liebsten Blumen. Zu Hause habe ich Freesien echt gern - auch wenn ich es mir meist verkneife, weil ich so gar keinen grünen Daumen habe. Aber ich will nicht ablenken.

Da haben wir’s! Haruki kommt ein bisschen aus sich heraus, wenn auch ungewollt. Minoru lockt ihn aus seinem Panzer und gibt ihm Sicherheit, einfach weil er selbst so überhaupt keine Zweifel zu haben scheint. In diesem Moment. Und Haruki kommt das zu Gute. Ich fühle mich ein bisschen daran erinnert, dass ich in den letzten Kapiteln das Gefühl hatte, die beiden brauchen einander, um zu heilen, um sich zu retten. Was auch immer Minoru genau hat - Haruki wird es heraus finden. Und in der Zwischenzeit schafft Minoru es vielleicht Harukis Selbstbewusstsein aufzubauen und ihm wieder zu zeigen wie man lebt. Das wäre schön.
Ich mochte den abschließenden Satz übrigens sehr. Nicht zuletzt, weil er so schrecklich wahr ist. Kein Licht scheint ohne Dunkelheit. Wo Licht ist, wird es immer einen Schatten geben. Und nicht allzu selten muss man der Finsternis etwas oder jemanden entreißen, was eigentlich ins Licht gehört, sich aber im Dunkeln verloren hat.

Thihi, so schnell hat man eine neue Nummer. Damit liegt der Ball jetzt definitiv bei Minoru, denn Haruki hat seine Nummer ja noch nicht.
Dieses Gefühl, wenn besucht gegangen ist, mit dem sich das Leben auf einmal anders anfühlt als sonst, ist beklemmend. Deswegen bevorzuge ich es, diejenige zu sein, die besucht, nicht umgekehrt. Ich hasse es, wenn einem danach bewusst wird, wie leer es sich um einen herum anfühlt, man die hinterlassene Unordnung sieht und weiß, dass derjenige schon fort ist, aber eben doch noch da war. Grausam. Bittersüß irgendwie. Egal für wie lang der Abschied sein mag.

Minorus Nachrichten sind wirklich...wow. So viele Smileys und dann auch noch welche, die ich so noch nie gesehen habe. Ich musste erstmal ganz genau hinschauen, bevor ich erkannt habe, was dieser Haufen an Zeichen darstellen sollte. Aber ich bin auch noch nie gut darin gewesen Smileys zu machen. Ich beschränke mich immer wieder auf dieselben.
Es unterstreicht aber die offene und fröhliche Seite, die Minoru der Welt zeigt.
Harukis Antwort ist eher pragmatisch - und irgendwie hinterlässt sie eine Vorahnung. Ich meine, pass auf und komm gut nach Hause, das sagt man so und dann bekommt man natürlich eine Beschwichtigung zurück, aber...hm. Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Heimfahrt nicht ganz so glimpflich angeht wie erwartet. Aber vielleicht male ich auch nur den Teufel an die Wand.

Und plötzlich ist da Inspiration. Sie liegt meist in den Dingen, von denen wir es nicht erwarten. Gerüche, Worte, Melodien, eine Farbe, ein Lächeln...es gibt so viel, was dafür sorgen kann, dass der Funke überspringt und man spürt regelrecht die Begeisterung, die Haruki für das Malen empfindet. Die Leidenschaft, die ihn treibt und in der er sich verlieren kann. Auch das Bild an sich klingt wirklich schön - irgendwie hätte ich ganz gern so eins. Nimmt Haruki Aufträge entgegen? :D
Nein - ehrlich.

Ich habe dieses Kapitel sehr genossen und auch wenn die stimmig so ganz anders war als in den vorigen und ich ein wenig Zeit gebraucht habe um mich zu akklimatisieren, ist es wirklich toll und ich freue mich schon riesig darauf mehr von dir zu lesen!

Liebe Grüße und bis bald
das Löwenkind

freakontour 26. Sep 2018

*räuspert sich*
Hey Yumeji,

Schande über mein Haupt. Ich schreibe erst jetzt, dabei wollte ich doch schon viel eher kommentieren. Phantome. Wer kennt sie nicht? Auf die ein oder andere Weise begleiten sie uns alle, sind Teil unseres Selbst. Ein Phantom kann alles sein, von der geliebten Person (verloren oder bloß weit entfernt spielt dabei keine Rolle) bis hin zu einem fixen Gedanken, der sich manifestiert. Manchmal sind auch wir selbst unser eigenes Phantom, wenn wir nicht akzeptieren können, wer wir wirklich sind oder auf welchem Weg wir uns befinden. Allein das Wort löst schon so viele Assoziationen aus, dass ich komplett abschweife. Fällt das auf?
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Deine Kapitel mit ebendiesem Namen. Phantome.
Dieses Gefühl, sich in der Zeit zu verlieren, wenn man etwas tut, was man liebt, kenne ich. Es hat bei mir zwar nichts mit dem Zeichnen oder Malen zu tun, dazu bin ich einfach nicht talentiert, aber ich weiß, wie es sich anfühlt um zwei Uhr nachmittags anzufangen an einem Text zu schreiben und mit einem Mal ist es tiefste Nacht. Berauschend – und nicht sonderlich gut für den eigenen Biorhythmus. Dementsprechend hätte ich gern Harukis Vernunft, mir dann einen Wecker zu stellen. Das würde mein Leben um einiges erleichtern und wieder in „normale“ Bahnen lenken. Aber vielleicht will ich das auch gar nicht, denn das Korsett aus Normalität, in das er sich zwingt, ist auch nicht unbedingt wünschenswert.
Lernpläne. Haruki ist wirklich ekelhaft akkurat und ehrgeizig und strukturiert. Das typische Bild eines Japaners, der sein Leben voll und ganz im Griff hat und weiß, was er will. Irgendwie bezweifle ich das bei ihm allerdings. Nicht zuletzt, weil er Geheimnisse mit sich herumträgt und Phantome malt, deren Gestalt sich ihm noch nicht erschließt (übrigens ein wirklich tolles Bild, wie er durch das Gewitter zurück denkt und ich vergöttere diesen Satz „bis der Wind, der ihm entgegen wehte, nach Salz und Ferne schmeckte“. Gänsehautmoment, weil wahr. Wunderschön und poetisch – ich schwärme, entschuldige :D
Dieser Wille an der eigenen Routine festzuhalten, jede mögliche Freizeit der Arbeit zu opfern und sich selbst komplett hintenanzustellen, obwohl es doch gar keine Warteschlange gibt, bei der er sich einreihen müsste, in seinem eigenen Leben, ist faszinierend und so niederschmetternd. Haruki ist sich viel zu wenig wert, sieht nichts in sich und will auch nichts in sich sehen und…ich möchte ihn am liebsten so lange mit größtmöglichem Körperkontakt in den Arm nehmen, bis er die Nähe akzeptieren und die Wärme zulassen kann. Und dann bekommt er eine Standpauke, warum er es sich nicht gestattet zu träumen, der kleine Blödkopf. So. Er erinnert mich einfach viel zu sehr an mich, in solchen Momenten, tragisch und trotzdem kann ich nicht aufhören zu lesen. Yumeji, was machst du mit mir? *verkriecht sich hinter dir und rollt sich schniefend zusammen*
Übrigens: Ich hasse solche Aktionen auch. Diese Menschen, die auf Partys gehen wollen und einen für komplett minderbemittelt halten, nur weil man es nicht feiert besoffen in einer Ecke zu liegen oder zu völlig hirnlosen Beats in aufgeheizter, stickiger, schwitziger und klebriger Atmosphäre zu tanzen. Nein, danke. Oh, und ich vergaß – sie müssen auch mit ihrem überaus regen Sexualleben angeben. Wer’s braucht. Ich meine, klar, Freunde und soziale Kontakte sind wichtig und Haruki zieht sich eindeutig zu sehr zurück, aber selbst wenn nicht, so ein Angebot hätte ich an seiner Stelle trotzdem abgelehnt. „Wir brauchen noch Jungs“ – Wozu? Damit alles dicht gedrängt steht? Damit die Jungs-Mädchen Quote ausgeglichener ist und die Party möglichst intim wird? Tz. Sowas braucht Haruki echt nicht. Einfach nein. Sollen die ihn ruhig ignorieren *knurrt tief und ausdauernd* Meldet euch wieder, wenn ihr ihn wirklich kennen lernen wollt und nicht bloß pseudo-freundlich zu einer Aktion auffordert, die oberflächlicher nicht sein könnte. Haruki ist sensibel, zu sensibel für One-Night-Stands, ja sogar zu sensibel, um auch nur jemandes Hand zu halten im Moment, glaube ich. Ich glaube, er braucht ein Löwenjunges, das ihn beschützt bis Minoru sich auskäst :D
Wo wir gerade von dem Herren reden, da ist er ja auch schon. Verflochtene Schicksalsfäden, nun ja. Das redet man sich gern ein, oder? Ich will nicht behaupten, dass es nicht stimmt. Es kommt mir selbst häufig genug so vor, aber ich weiß nicht. Schicksal. Das klingt irgendwie beinahe zu sehr nach einer anzubetenden höheren Macht für mich. Ich denke, es ist eher so, dass wir unser Schicksal selbst bestimmen. Es gibt Entscheidungen, die wir treffen müssen, immer wieder. Und diese Entscheidungen eröffnen und unterschiedliche Wege – manchmal überkreuzen diese sich mit anderen Personen. Personen, die in ihrem Leben ebenfalls Entscheidungen getroffen haben. Und aufgrund dieser findet man sich, wie durch Zufall. Dabei ist es kein Zufall – man hat sich unbewusst für etwas entschieden, von dem man nicht geahnt hat, dass es passieren würde. Klingt komisch, oder?
Zurück zum Café und dem vergesslichen Minoru. Mal abgesehen von der schrecklichen Erfahrung in einem Café, bei dem nichts mehr wirklich nach Kaffee klang, wenn man es bestellt hat, ist die Situation zwischen den beiden so hoffnungsvoll und beängstigend und mit einem Schlag so erdrückend, dass man schreien möchte. Man möchte Minoru schütteln, ihm alles erzählen und kann es doch nicht. Und wahrscheinlich ist es auch richtig so, ihn nicht mit den Erinnerungen zu bombardieren, die man selbst hat und er nicht, zumal sich Haruki ja auch noch nicht sicher ist, was seine Ahnung betrifft bis Minoru ihn für jemanden hält, den er vor Jahren irgendwann mal flüchtig kannte. Aber trotzdem. Dieser Satz an sich. „Nicht Minoru war das Phantom. Er war es.“ Dieses Gefühl von leerer Erkenntnis, dass man mit den eigenen negativen Gedanken über sich selbst Recht gehabt hat. Man ist unwichtig, ersetzbar, klein und unbedeutend. Einer Erinnerung nicht wert. Grausam, so unglaublich grausam. Ein Messer ins Herz wäre weniger schmerzhaft, da bin ich mir sicher. Mit einer Endgültigkeit, die ihn eigentlich in die Knie zwingen würde, wenn er nicht sofort flüchten müsste, versteht Haruki in diesem Augenblick vermutlich gar nichts mehr. Am allerwenigsten wieso es so weh tut, dass ein eigentlich Fremder ihn nicht erkennt. Es ist doch genau das, was er wollte – auf Distanz bleiben, seiner Routine treu bleiben, dieses elendige Versprechen halten, was ich jetzt schon verabscheue, obwohl ich es noch nicht einmal kenne. Und doch ist es bedeutsam für ihn. Minoru zählt in seiner kleinen Welt, auch wenn er den Grund nicht kennt. Sie beide sind Phantome füreinander. Minoru, weil Haruki durch ihn aus seinem Trott gerissen wird, gezwungen wird nachzudenken, loszulassen, zu leben, zu hinterfragen, zu entdecken, wer er ist. Und Haruki, weil Minoru ihn nicht erkennt, weil er trotzdem wissen will, was sie verbindet, weil auch er gezwungen wird zu hinterfragen, zu entdecken wer Haruki ist und wer er selbst ist. Nein, lieber Haruki, die Schicksalsfäden haben sich nicht aufgelöst, die Entscheidungen, die ihr beide getroffen habt, führten euch an diesen Punkt, an dem ihr beide verloren seid und euch aus völlig übereilten, unvorstellbar verwirrenden und zu keinem Zeitpunkt auch nur für einen von euch wirklich benennbaren Gründen, aneinander festhaltet, weil ihr sonst in euch selbst versinkt. Haruki in der Selbstgeißelung. Und Minoru im Vergessen. Irgendwie so.
Okay, ich denke, es ist klar, dass ich dieses Kapitel sehr mag. Es ist verzweifelt, es spricht von dem unbändigen Wunsch nach Freiheit, den keiner auszusprechen wagt und ist so schrecklich alltäglich, dass dieser letzte Moment, der die Welt aus den Angeln hebt, für beide, umso besser gesetzt ist. Ich verliebe mich mit jedem Absatz mehr in diese Geschichte. Du fesselst mich mit deinen Worten – immer wieder *richtet sich ein kleines Löwenbett unter deinem Schreibtisch ein* Ich bleibe jetzt einfach so lange hier, bis Minoru fertig gestellt ist. Und danach, wenn du mich noch loswerden willst, denn ich bin ein fantastischer Fußwärmer, frag den Chef, danach kannst du mich rausschmeißen. Dann bin ich entweder glücklich weggetreten oder verzweifelt heulend irgendwo anzutreffen, vielleicht auch irgendwas dazwischen. Wir werden sehen.
Ich bin jedenfalls begeistert, mal wieder.

Liebe Grüße
das Löwenkind

PS. DAS ist die PC-Version eines Kommentars von mir :D

Yumeji 29. Sep 2018
Hallo Löwenkind, erst mal: Ich bin ganz platt von deinem langen Kommentar! Also, im positiven Sinne. Vielen herzlichen Dank für deine ausführliche Rückmeldung. Ich werde mal versuchen, auf alles so weit einzugehen. Da es hier ja keine Absätze geben wird nach dem Abschicken der Antwort, versuche ich trotzdem mal irgendwie eine Trennung reinzubringen, damit du durchsiehst ... Übrigens: Es gibt ja weder eine Kommentarpflicht noch irgendwelche Termine, bis wann man etwas gelesen und/oder kommentiert haben sollte. Daher: Mach dir keine Vorwürfe oder Sorgen, wenn du "erst jetzt" schreibst. Ich freue mich so oder so :) ----- Ja, Phantome können alles sein, aber vor allem sind sie substanzlos. Nur um sich wenig später zu manifestieren, die eigene Welt durcheinander zu wirbeln und dann wieder zu verschwinden, als seien sie niemals existent gewesen. Du hast recht: Ein Phantom kann alles sein. Ich mag das Wort und die Assoziationen, die es hervorruft. Bei dir hat das ja augenscheinlich ganz gut geklappt. :) ----- Du hast recht, Haruki zwingt sich in ein Korsett der Normalität, aber gleichzeitig nimmt er sich selbst auch möglichst aus dem heraus, was »Normalität« bedeutet. Aber ja, er nimmt sein Studium sehr ernst (was längst nicht jeder in Japan tut, einige genießen während der Studienzeit erst einmal ihre Freiheit nach den harten Jahren der Nachhilfeschulen und Aufnahmeprüfungen). Deswegen will er es sich nicht leisten, völlig übermüdet in der Uni aufzutauchen. Und er will sich eigentlich nicht so sehr verlieren in dem, was er tut. Vielleicht ja aus Angst, nicht wieder zurückzufinden. --- Die Lernpläne sind ja auch etwas, das nicht jeder Student macht (oder Highschool-Schüler), aber ein paar gibt es schon. Haruki will halt einen guten Abschluss und dafür gibt er sich alle Mühe. Und während er lernt, muss er nicht so viel nachdenken bzw. kann seine Gedanken auf etwas anderes konzentrieren, nicht wahr? ;) Auch wenn Haruki am Anfang behauptet, er strebe nach nichts Bestimmtem und er habe keine Träume, muss das ja nicht der Realität entsprechen. Ob er sein Leben im Griff hat oder es eher ihn im Griff hat, darüber lässt sich ja streiten. (Nein, eigentlich nicht *gg*) Schauen wir mal, wo ihn das hinbringt. ----- Es freut mich, dass dir der Satz mit dem Wind, der nach Salz und Ferne schmeckte, gefällt. Ich mag solche sprachlichen Bilder auch gern, deswegen bringe ich sie gern selbst in meine Geschichten ein :) Kann aber auch Leute verstehen, denen das vielleicht ein bisschen too much ist. --- Übrigens mag ich diesen Teil aus deinem Kommentar sehr gerne: »... und sich selbst komplett hintenanzustellen, obwohl es doch gar keine Warteschlange gibt ...« Das hat mich nachdenklich gemacht. Und wer weiß, vielleicht findest du das in ähnlicher Form ja irgendwann in der Geschichte wieder ;) Deine Einschätzung von Haruki kommt seiner Selbstwahrnehmung schon recht nahe. Da gibt es aber noch einen entscheidenden Faktor, von dem du noch nichts wissen kannst, der Harukis Persönlichkeit sehr prägt. Das wird im Verlauf der Geschichte dann klarer. Ich glaube aber übrigens nicht, dass größtmöglicher Körperkontakt Haruki helfen würde – da wäre eher das Gegenteil der Fall. Und wer weiß, vielleicht träumt er ja? Tief in seinem Inneren? Stille Wasser ......... ;) *reicht dir mal ein Taschentuch* ----- Übrigens war diese Party, zu der Haruki eingeladen werden sollte, nicht so ein Ausflug in einen heißen, stickigen Club. In Japan ist es auch durchaus üblich, sich einfach mit ein paar Leuten in einem Restaurant bzw. einer Bar/einem Izakaya zu treffen und dort zu trinken, zu reden und überhaupt. Das Ganze heißt »Gokon« und wird genutzt, damit Pärchen sich finden (und eventuell sogar an diesem Abend noch in ein Love Hotel gehen). Kann als »Kuppeltreffen« übersetzt werden. Dabei werden natürlich immer eine gleiche Anzahl an Jungs und Mädchen benötigt, deswegen sagt Harukis Kommilitone auch, dass ihnen noch Jungs fehlen. Bei Wikipedia ist das ganz gut erklärt :) https://de.wikipedia.org/wiki/GC5 8Dkon Ich werde in meinem Dokument diese Stelle noch einmal überarbeiten und sowohl das Wort »Gokon« einbinden (das kennen einige Japan-affine Menschen) und eine Minierklärung in Harukis Kopf hinterher schieben ;) Harukis Kommilitonen sind zwar Lebemänner, aber einen gar so falschen Eindruck kann ich natürlich nicht stehenlassen. :) Auch wenn ich diese Gokon-Sitten selbst nicht mag. Aber es gehört zur Kultur. ----- Ich bin übrigens auch niemand, der an Schicksal glaubt. Haruki tut das aber. Vielleicht liegt das auch ein bisschen an seiner japanischen Seele. Er glaubt an höhere Mächte, an Schicksal und daran, dass böse Gedanken sich manifestieren können in schrecklichen Ereignissen. Ansonsten bin ich auch ganz bei dir und glaube nicht an Schicksal und höhere Mächte. Wir sind die Summe unserer Entscheidungen in Zusammenspiel mit unserer Persönlichkeit. ----- Das Café ist eines der ganz normalen modernen Cafés, wie es sie überall gibt. Ich mag kleine gemütliche Cafés übrigens lieber ;) Wenn die Situation erst hoffnungsvoll anfängt und dann ins Erdrückende kippt, hab ich ja alles richtig gemacht. Haruki sieht auch ein, dass es sinnlos ist, wenn Minoru sich nicht erinnert, ihn mit irgendetwas »erinnern zu wollen«. Und für ihn ist es so ein Schlag, dass er – wie üblich – sein Heil in der Flucht sucht. Die Endgültigkeit ist also spürbar geworden. Aber wär wäre ich denn, die Geschichte nach vier Kapiteln enden zu lassen, nur weil Minoru nun mal ... nun ja, eben Minoru ist. Du hast recht, sie beide sind Phantome füreinander. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das ja? ----- Klar hab ich gemerkt, dass du das Kapitel sehr magst und das freut mich wirklich. Und es ist wunderbar zu wissen, dass die Geschichte dich so in ihren Bann zu ziehen versteht. Wenn ich auch nur einen einzigen Leser wie dich habe, wächst in mir der unbändige Wunsch, diese Geschichte zu Ende zu schreiben und in die Welt hinaus zu entlassen. Und wer weiß, am Ende gibt es vielleicht wirklich Tränen. Aus welchen Gründen, weiß ich natürlich. Aber ich verrate nichts. Es gibt ja so viele Anlässe, um Tränen zu vergießen. Sein wir also gespannt. Ich hoffe, du begleitest die beiden auch weiterhin auf ihrem Weg. Aus der Regenzeit in den Sommer und alles, was danach kam. ----- LG Yumeji
freakontour 29. Sep 2018
Nur so viel als Antwort darauf: Tränen am Ende sind in Ordnung. Offene Enden sind in Ordnung. Es gibt nur wenig, was ich bei einem Ende so gar nicht mag - aber das wirst du herausfinden, sobald ich ein Ende lesen darf *schnieft ins Taschentuch und quetscht sich dann auf dem Stuhl hinter dich* --- Oh und..die Sache mit dem Körperkontakt. Ich glaube auch nicht, dass Haruki das sonderlich viel helfen würde, eher im Gegenteil. Zumindest kurzfristig. Und ich freue mich darauf, mehr von ihm und Minoru und...allem zu entdecken :)
14. Sep 2018

Wow, ich bin echt überrascht! Die Story gefällt mir richtig gut! ;*
LG Mimi_BTS <3

Yumeji 14. Sep 2018
Hallo Mimi, danke sehr für deine Rückmeldung, das freut mich sehr! Ich hoffe, ich kann dich auch weiterhin begeistern. LG Yumeji