Buried

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Man sagt, zu erfrieren sei ein schöner Tod. Es wäre wie ein Schlummer in den man sanft hinübergleitet. Eine endgültige, friedliebende Ruhe, die Körper und Geist mit einem zarten, ahnungsvollen Kuss betäubt und langsam erstarren lässt. Es ist wie träumen ohne Traum. Ein Himmel ohne Sonne. Eine Nacht ohne Sterne. Ein Bild ohne Farben. Nur w..
Thor (Marvel) Drama P16 Beendet
Inhaltsverzeichnis
  • Begraben

Begraben

'Man sagt, zu erfrieren sei ein schöner Tod.

Es wäre wie ein Schlummer in den man sanft hinübergleitet.
Eine endgültige, friedliebende Ruhe, die Körper und Geist mit einem zarten, ahnungsvollen Kuss betäubt und langsam erstarren lässt.
Es ist wie träumen ohne Traum. Ein Himmel ohne Sonne. Eine Nacht ohne Sterne. Ein Bild ohne Farben. Nur weiß. Weiß ist die Welt, ein leuchtender Schemen, während an den Rändern deiner Sicht bereits die Schatten lecken.
Und du liegst schweigend da, die Lippen festgefroren, das Lid versteinert, den Blick in die Leere gerichtet.

Du liegst da.Schläfst inmitten der Ewigkeit.

Begraben im Schnee.'

Loki‘s nackte Füße tauchen in das kristallklare Pulver, bis sich die glatte Haut bis zum Knöchel darin versenkt.

Seine Augen sind streng nach vorne gerichtet und eisig wie der Winter, der ihn unrettbar von allen Seiten einkesselt. Ein scharfer Wind wirbelt in seinem Haar, lässt es zitternd auf den Schultern kräuseln.
Unbeirrt geht er weiter, wandelt wie ein Geist durch die knöchernen Eingeweide des Waldes.
Feine Flocken schweben vom Himmelszelt und bedecken seine einfache Kleidung aus Hanf und Wolle.
(Satin ist etwas für Prinzen. Und er ist kein Prinz. Nicht hier. Nicht mehr.)
Ziellos streift er umher, er sieht alles, sieht die Äste, die tückisch ihre hölzernen Krallen nach ihm strecken und seine Haut ritzen, dass sich Blutperlen in den Schnee graben.
Purpurne Schlieren auf makelloser Fläche. Als hätten die Wölfe eine Beute an der Flanke gerissen.

Auf der Suche.
Er ist auf der Suche, aber wonach, das hat er längst vergessen.
Nur weiter. Immer und immer weiter. Nach vorne. Denn es gibt keinen Weg zurück. Gab es ihn je? Oder war er nur eine seiner Illusionen…

Loki denkt nicht darüber nach. Er hat aufgegeben. Vergangen ist vergangen und Ragnarök gewährt keinem von ihnen eine Zukunft. Drum bleibt bloß die Gegenwart.
Doch Loki hat schon vor Jahren vergessen wie es ist, in der Gegenwart zu Hause zu sein. Zu leben. Oft glaubt er, sogar das vergessen zu haben. Das Leben. Sein Leben. Wie man es lebt ohne den faulenden Beigeschmack von Reue, Wut, Schuld, Verrat.

Und Lüge.
Lüge über Lüge.
Er ist nicht ihr Meister, sie ist der seine.
Und sie ist gut, so gut zu ihm. So gütig. Sie schützt ihn vor sich selbst. Hält ihn davon ab, einzustürzen und ihn in tausend winzige Splitter zu brechen. Lenkt seine Gedanken aus den düsteren Gefilden. Erstickt seine Zweifel bevor sie ihn an der Kehle packen. Sie ist wie die, die er einst Mutter nannte und es im Geheimen immer noch tut. Sie lässt ihn nicht im Stich. Sie lässt ihn gehen.
Die Lüge, oh, die Lüge ist alles was er noch hat. Und die Lüge sagt ihm, dass er durch den Eisenwald ziehen muss. Er muss, denn die Bäume dort reihen sich derart dicht beieinander, dass sogar Heimdall für ein paar kostbare Sekunden blind ist. Und Loki muss jede einzelne davon nutzen.
Sonst ist dies sein Untergang. Erneut.

Flink huscht er durch das Unterholz, scheut kein einziges Hindernis, bemüht sich nicht der Natur auszuweichen.
Warum auch? Es ist egal. Er spürt keinen Schmerz. Keine Kälte. Seine Gliedmaßen sind taub. Die Finger klamm und unbeweglich. Nichts schmerzt. Nichts ist mehr von Bedeutung.

Nichts ist so einnehmend wie der Frost auf seiner Seele.
Er ist es, der jedes andere Gefühl in Loki abtötet. Für den Moment.
Und Loki ist dankbar dafür. Sehr, sehr dankbar.

Sein Organismus gebietet es ihm nach Sauerstoff zu ringen und er realisiert kaum die Wölkchen in der Luft, die sein warmer Atem formt.
Frei ist er. Frei! Entkommen aus dem elenden Kerker, getürmt aus der beengten Zelle.
Frei.
Das ist alles, was zählt. Alles, was kümmert. Sonst hat nichts eine Bedeutung. Nicht mehr.

Er ist FREI.

...

Aber wohin soll er jetzt gehen?

Zum ersten Mal seit Stunden bleibt Loki wie angewurzelt stehen und verharrt an Ort und Stelle.
Der Wind weht stärker, verkeilt sich brutal in seinem Fleisch und beißt mit eiserner Schärfe in die Schnitte und Schürfwunden, die sich der Gefangene bei seinem waghalsigen Ausbruch zugezogen hat.
Ja... wo soll er überhaupt hin? Wohin führt ihn sein Weg?
Es gibt neun Welten in diesem Universum und keine ist ihm willkommen, die eine weniger als die andere. Vom Blute her ist er ein Eisriese und dem Geschlecht der Jötunn unterworfen. (Aber er hasst die Eisriesen.). Vom Geiste her gehört er den Asen an und doch haben sie ihn hinter pulsierende Gitter gesperrt. (Er hasst die Asen. Und die Asen hassen ihn.).

Wohin also? Wohin...

Loki setzt sich wieder in Bewegung.
Er weiß sonst nichts mit sich anzufangen, agiert wie in Trance. Kein Platz. Es gibt keinen Platz für ihn. Er besitzt kein zu Hause, keine Bleibe. Und was er einst sein Heim nannte, war nur geliehen.
Er ist rastlos, ein Vagabund der Welten, ein Ausgestoßener auf der Flucht. Gebannt in seinen Überlegungen gelangt zu einer kleinen Lichtung, in welcher sich die Schneemassen besonders hoch schichten.

Loki hebt den Kopf und schaut.

Die weiße Weite glänzt in funkelnder, unbefleckter Pracht. Rein und schuldlos. Frisch und jung. Ohne Sünde.
Ohne -
Loki stapft in die ungefähre Mitte der offenen Fläche, geht dann in die Hocke.
Er streckt die Hand aus, greift in den Kristallpuder und drückt zu, ganz fest zu. Nichts. Keine Kälte. Nur weiß. Wie gerne wäre er wie dieser Schnee.
In diesem Moment überrollt ihn die Erschöpfung des langen Marsches wie eine Lawine und setzt sich schwerfällig in seine Knochen, lässt ihn leicht zurücksacken. Die Himmelsflocken schmelzen in seinem Haar und rinnen über seine Stirn, doch er merkt es nicht.

Er merkt es nicht, denn die Lüge hält ihm bloß seine Müdigkeit vor Augen. Unendliche, gefräßige Müdigkeit.
'Ruh' dich aus', flüstert es in seinem Kopf und egal wem diese Stimme gehört, sie ist süß wie Honig und scharf wie ein Schlangenzahn, ' Leg' dich schlafen. Du bist schwach. Zu schwach für heute. Morgen wirst du weiterreisen. Morgen.'.
Und Loki, dem die Jahre gelehrt haben, dass es nicht klug ist dem Rat körperloser Stimmen zu folgen, gehorcht ohne jeglichen Protest.
Sachte bettet er sich in den Schnee, seine Knie knicken weg.

Er ist kaum mehr Herr über seine Sinne. Ein Sklave seiner unbenannten Sehnsüchte.
Der Wald verschwimmt ihm vor Augen und ist bloß noch ein schmutziger Nebel in seiner Wahrnehmung.
Sein Atem geht schwer.

Und er denkt an Thor.
Er denkt daran, wie es ihm wohl ergeht. Ohne ihn.
Denkt daran, ob er, wenn er den Thron Asgard's besteigt, die Last des königlichen Amtes wird tragen, gar ertragen können. Ohne ihn.
Ob er ein glückliches Leben führen wird. Ohne ihn.

Loki verschränkt die Hände auf seinem Brustkorb und sieht an den grau melierten Horizont.

Die Flocken fallen und fallen, umkränzen bald seine baren Füße, seine Beinkleider, schmücken Saum und Kragen seines Hemdes. Der Schnee deckt ihn zu. Liebevoll. Mit tödlicher Zärtlichkeit.
Eine seltene Ruhe überkommt Loki. Frieden. Eine ungekannte Wärme breitet sich in seinem Inneren aus, hangelt sich bis in seine Fingerspitzen.
Er fühlt. Er fühlt wieder. Und es tut weh.

Er fragt sich, ob Thor ihn vermissen wird.
Irgendwann. Überhaupt. Oder hat er ihn bereits vergessen?

Loki nimmt einen tiefen Atemzug und spürt wie sich etwas in seinem Brustkorb zusammenkrampft. Rasselnd atmet er wieder aus. Es ähnelt einem Röcheln.
'Nur Einbildung', beschwört ihm die Lüge, 'Dir geht es gut. Er ist froh, dass du fort bist. Glaub' mir.'.
Und er glaubt ihr.
Die Wärme kriecht in seine Eingeweide, erobert jeden Millimeter seines Fleisches.
Heiß. Ihm ist so unsäglich heiß. Als würde er fiebern, in Flammen stehen. Er fängt Feuer, liegt brennend im Schnee und atmet.
Atmet. Atmet. At...

Und er liegt schweigend da und rührt sich nicht, die Lippen festgefroren, das Lid versteinert, den Blick in die Leere gerichtet.

Er liegt da. Schläft inmitten der Ewigkeit.

Begraben im Schnee.

Loki blinzelt träge, als sich ein hünenhafter Schatten über seine gekrümmte Gestalt wirft.

Er hört wie Hände in den Schnee fassen, ihn grob von seinem Körper schaben wie unerwünschtes Beiwerk. Er sieht nach oben. Sein Nacken schmerzt. Vage realisiert er, dass die Flocken aufgehört haben zu fallen.
Der Himmel ist blutfarben. Es ist still. So still... Wie lange hat er geschlafen?

Eine ihm wohlbekannte Stimme stößt Flüche aus. Der Klang des zürnenden Basses erschüttert jede Faser seines Leibes. Geht ihm durch Mark und Bein.
Warum er? Warum immer er?

¨Warum bist du hier?¨ fragt Loki und sein Satz ist kaum mehr ein Hauch, der kläglich durch seine gespaltenen Lippen pfeift. Seine Haut schimmert blau und ist wie Leder.
Sie hat sich mit der Kälte gewandelt. Der Jötunn in ihm hat ihn vor dem Tod bewahrt.
Loki's Sicht klärt sich mit der Zeit. Thor's Gesicht erscheint ihm, erhält Form und Leben.
Jener sieht ihn an. Einfach an.
In seinen Augen zucken Blitze und sein Blick ist umwölkt von Empfindungen und Gefühlen, die Loki nicht einordnen kann. Seine Sinne schwinden mit jedem weiteren Herzschlag, der sich innerhalb des Schneeteppichs tätigt. Es ist ein Wunder, dass er noch atmet.

¨Weil du hier bist.¨ antwortet er knapp.
Mehr sagt er nicht. Sein Brustkorb hebt und senkt sich behäbig, die Metallplatten seiner Rüstung glänzen matt im sterbenden Sonnenlicht. Diese Erklärung muss wohl reichen.
Loki hätte wahrscheinlich aufgrund der kargen Wortwahl amüsiert aufgelacht, wäre er denn zu mehr denn einem Flüstern fähig gewesen.
¨Wie hast du mich gefunden?¨ will er wissen.

Thor geht in die Hocke und beugt sich zu ihm vor, greift nach seinem Handgelenk.
Eisern umfasst er es, drängt es aus dem Pulver und wischt mit dem Daumen die letzten Eiskristalle von der blassen Haut (die Sonne vertreibt das Jötunnblut aus dem Körper). Er tippt auf die Stellen, an denen einst Kratzer weilten, nun aber kaum sichtbare Rötungen durchscheinen.
¨Du hast mir eine Spur gelegt.¨ meint er ernst.
Loki's Wahrnehmung ist zwar eingeschränkt, aber er kann den Widerwillen und den Schrecken in Thor's Antlitz allzu deutlich erkennen.

¨Das war nicht meine Absicht.¨erwidert er leise, ringt sich ein entzweigeteiltes Lächeln ab.
Thor schüttelt den Kopf.
¨Doch.¨ sagt er.
Dann beugt er sich tiefer hinab.

Loki keucht überrascht auf, als ihn die Präsenz seines Bruders ähnlich einem Kokon einhüllt.

¨Warm.¨ presst er hervor.

Es ist das erste Wort, das Loki's Mund verlässt, als Thor's breite, raue Hände ihn wenige Zentimeter unterhalb der Hüfte packen und ihn vorsichtig auf seine Arme hieven.
Für ihn ist er leicht wie eine Feder. Loki weiß das. Er kennt die Macht seines Bruders. Besser als die meisten. Er war immer der Stärkere von ihnen beiden. Doch diesmal schwingt kein Groll mit, während er diese Tatsache in Gedanken memoriert.

¨Du bist der Einzige, der mich jemals warm halten konnte, weißt du das?¨, wispert er tonlos, während er Thor's heißen Leib gegen seinen eigenen prallen fühlt, ¨Damals, als wir Kinder waren - keine Decke, kein Fell hat mich gewärmt. Erst als du in mein Bett gekrochen kamst, konnte ich schlafen.¨.
Sein Ton ist von Leichtsinn getrieben, seine Zunge gelockert.
Es ist sowieso alles egal. Er hat verloren. Warum dann nicht ein einziges Mal ehrlich sein? Täuschung verbraucht zu viel Energie, mit der er jetzt nicht aufwarten kann.
Thor schnaubt. Er scheint belustigt. Oder ärgerlich. Oder beides?
Das kann Loki nicht unterscheiden. Vielleicht will er es auch nicht.

¨Du kamst in mein Bett gekrochen, Loki. Nicht ich in das deine.¨ widerspricht ihm Thor in einem Anflug von Trotz und Loki schließt die Augen. Er ist die Diskussionen leid. Und doch halten sie ihn am Leben. Es ist eine fruchtbare Beziehung.

¨Wirst du mich wieder in den Kerker bringen?¨ murmelt er schließlich und Furcht gärt in seinen Silben.
Er hasst den Kerker. Er hasst seine Zelle. Er will frei sein. Frei bleiben.

¨Und riskieren, dass du ein weiteres Mal ausbrichst?¨, gibt Thor sarkastisch zurück, drückt den Körper seines Bruders fester an sich, dass er ihm nicht versehentlich entgleitet, ¨Vergiss' es.¨.

¨Aber was hast du dann mit mir vor?¨

¨Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich das nie wieder sehen will.¨
Loki hebt eine Braue. Er ist immer noch geschwächt, er kommt nur langsam zu Kräften.

¨Was?¨ fragt er zaghaft. Er ist neugierig. Ein Zeichen der Besserung.
Thor mahlt mit dem Kiefer.
¨Deinen Scheintod im Eis.¨, erläutert er zögerlich, ¨Für einen Moment dachte ich wirklich du wärest -¨.

Er spricht es nicht aus. Loki weiß, warum.
Und er bohrt nicht nach. Aus gutem Grunde.

¨Wo soll ich schlafen?¨, meint er stattdessen und lehnt seine Wange an die glatte Brustplatte der Rüstung, ¨Meine Zelle werde ich keinesfalls mehr beziehen.¨betont er härter.
Sollte das geschehen, wird er erneut ausbrechen. Es wäre ein Teufelskreis. Bis sie die Suche aufgäben. Bis Thor die Suche aufgäbe. Wenigstens einer würde sterben müssen um den Reigen zu beenden. Und Loki kann sich nicht entscheiden ob er der Erste oder der Zweite sein will, der das tut.

Thor's Mundwinkel heben sich sporadisch. Es ist kein ausgewachsenes Lächeln. Aber es ist ein Anfang.

¨Am sichersten Ort ganz Asgards, natürlich.¨ sagt er und grinst Loki schelmisch an. (Wie in Kindertagen.) ¨In meinem Bett. Bis wir eine andere Lösung gefunden haben. Ich rede mit Vater.¨

¨Wie früher, also.¨, murmelt Loki schläfrig, überhört die letzten Versprechungen des Donnergottes absichtlich. Er wirft ihm einen scheelen Seitenblick zu, ¨Sentimental wie eh und je.¨

Thor hüllt sich darauf in Schweigen. Und Loki ist ausnahmsweise nicht erpicht darauf, es zu brechen.
Sie verlassen die Lichtung ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Schließlich flattern Loki's Lider und er nickt ein. In Thor's Armen.
Ihm ist endlich warm.

Die Lüge, die ihn sonst quälte und bezirzte, bleibt einsam im Schnee begraben.
Er vermisst sie nicht.

Und während sie vergeblich um Hilfe schreit, Erbarmen erbittet, beginnt der Frost auf seiner Seele zu tauen.

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