Wir waren hier – Egal wohin es uns führt

19.02.18 21:59
3.. 2.. 1.. ABI! Zukunft. Erwachsen werden. Verantwortung. Große Worte und große Herausforderungen. Die unschuldigen und einfachen Zeiten sind nun in mehr als einer Hinsicht langsam vorbei. Doch keiner muss sich dem alleine stellen. Denn sie haben ja sich. Ella, Chrissy und Nicki. Und die Jungs. Kaum einer von ihnen weiß so genau wohin das Leb..
Nevada Tan - Panik - Zorkkk Romanze P16 Drama In Arbeit

Comin' home.

"Oh I can't believe that it's so simple, it feels so natural to me. If this is love then love is easy, it's the easiest thing to do." - McFly

Christina:

"Chrissyyyyyyy.", mit einem strahlenden Grinsen kam ein kleiner blonder Wirbelwind in Form meiner kleinen Schwester auf mich zu gerannt, als ich die Räumlichkeiten ihrer Kindergartengruppe betreten hatte. "Lenaaaa.", lachte ich ihr entgegen, nahm sie in den Arm und wirbelte sie einmal durch die Luft. Mein Schuljahr hatte damit angefangen, dass Mathe (leider, leider) ausgefallen war und ich deshalb nur vier Stunden gehabt hatte, woraufhin ich mit Mum ausgemacht hatte, dass ich Lena aus dem Kindergarten abholen würde. "Christina, schön dich mal wieder zu sehen.", lächelte mich Corinna, eine von Lenas Erzieherinnen, an, als ich Lena wieder absetzte, die sofort los rannte, um ihre Klamotten zusammenzupacken. Als Antwort brachte ich ihr ebenfalls ein freundliches Lächeln entgegen. "Lena meinte, dass du verreist warst? Sie hat in den letzten beiden Wochen jeden Tag erwähnt, dass du ja ganz weit weg bist, und heute ununterbrochen von dir geredet, allerdings konnte sie uns nicht sagen wo du warst.", schmunzelte sie dann. "Ich war in Schottland, Abschlussfahrt vom Abi.", grinste ich. "Das ist in der Tat ganz schön weit weg. War bestimmt interessant, oder?", hakte Corinna weiter nach. Ich schaute mich kurz um, um sicherzugehen, dass Lena nicht mal wieder vom Thema abgekommen war, ehe ich ihr antwortete: "Oh ja, unfassbar! Schottland ist ein Traum, wirklich!" Bei dem Gedanken an die letzten beiden Wochen legte sich ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht. Kurze Zeit später kam Lena mit ihrem Rucksack auf dem Arm angeschlurft, schmiss mir diesen vor die Füße und lief dann zu ihrem Haken an der Garderobe der Kinder im Flur. In Windeseile schlüpfte sie in ihre Jacke, stopfte ihre Hausschuhe in den kleinen Jutebeutel, der unter ihrem Namen hing, und lies sich auf dem Boden fallen, um sich ihren Schuhen zu widmen. Da meine Kleine für ihr Alter sehr selbstständig war, so wie auch Lukas und ich es in ihrem Alter gewesen waren, hatte sie ihre kleinen Schühchen schnell angezogen und den Klettverschluss ordnungsgemäß befestigt. Selbst wenn sie es nicht geschafft hätte, dann hätte sie es auch nicht zugelassen, dass ihr jemand half, eher wäre die Welt untergegangen. "Soll ich deinen Rucksack tragen?", fragte ich eher rhetorisch, denn ich kannte die Antwort nur zu gut: "Nein, ich mach das!" Natürlich trotzten mir die üblichen Worte entgegen und so machten wir uns, nach einer kurzen Verabschiedung von ihren Freundinnen und Corinna, auf den Weg nachhause.

"Wie war's im Kindergarten?", fragte ich und schaute kurz zu ihr herunter als wir nebeneinander herliefen. "Gut! Endlich glauben mir alle, dass du soooo weit weg warst! Selbst Thorben, der Blödian!", erzählte sie stolz. Über den kleinen Kraftausdruck sah ich ausnahmsweise hinweg. "Ella hat schöne Bilder gemacht, nicht wahr?" - noch in Inverness hatte ich ein paar Bilder ausdrucken lassen, um sie Lena schenken zu können. Es waren nur drei Stück, vom Loch Ness, von Ella, Nicki und mir und eins aus dem Flugzeug, aber sie hatte sich so sehr darüber gefreut und sofort wild angefangen davon zu erzählen, dass sie die ja unbedingt ihren Freunden zeigen müsse. Sie liebte Fotos und jedes Foto, das sie bisher geschenkt bekommen hatte, war sorgfältig in ihr kleines lilafarbenes Album einsortiert worden.
Den restlichen Weg über bekam ich jede einzelne ihrer Taten des heutigen Tages erzählt, wo zwischen wenig Platz für eigene Worte war. Wenn sie einmal in einen enthusiastischen Redeschwall ausgebrochen war, dann war sie kaum zu stoppen.
"Ich hab Hungerrrrrr!", jammerte Lena sobald wir das Haus betreten hatten. "Du hast ja nicht mal dein Frühstück aufgegessen.", schmunzelte ich als ich ihren Rucksack ausgeräumt hatte und ihre Brotdose, in der sich noch drei kleine Tomaten und ein Stück Gurke befanden, auf die Ablage in der Küche stellte. "Die schmeckten nicht!", schmollte sie. "Achja?", amüsiert stopfte ich mir das Gemüse in den Mund und kaute genüsslich darauf herum. "Schmeckt ganz wunderbar.", offenbarte ich ihr dann und schaute sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Leicht beschämt wich sie meinem Blick aus. Ich wusste genau, dass irgendein anderes Kind aus ihrer Gruppe ihr mal wieder eingeredet hatte, wie ekelig Gemüse doch sei, denn eigentlich liebte sie Tomaten und auch Gurken aß sie gerne. "Es gibt jedenfalls Nudeln mit Tomatensauce. Magst du mir beim kochen helfen?", wechselte ich schnell das Thema während ich die Dose mit einem geschickten Handgriff in der Spülmaschine verschwinden lies.
Als Antwort holte sie voller Enthusiasmus den Nudeltopf aus dem Schrank und reichte ihn mir, damit ich ihn mit Wasser füllen konnte. Dann kramte sie flink eine Tüte Nudeln und zwei Dosen Tomaten aus der Vorratsschublade. Letztere konnte ich noch so grade eben fangen, bevor sie ihr vom Arm auf den Boden fielen. Auf den Armen einer Vierjährigen war eben nur sehr begrenzt Platz. "Mensch, du könntest ja schon fast allein kochen.", grinste ich. Eifrig zog Lena sich ihren Tritt neben dem Kühlschrank hervor und schob ihn vor den Herd, ehe sie darauf Platz nahm und ungeduldig darauf wartete, dass das Nudelwasser endlich kochte. "Sollen wir Musik hören?", ich fischte mein Handy aus meiner Hosentasche und öffnete Spotify. "Auja! König der Löwen!", japste sie mit glänzenden Augen. Ihre Liebe dafür hatte sich also in den letzten beiden Wochen nicht geändert. In den Ferien und der Kindergarten- freien Zeit hatte ich beide Filme mit ihr zusammen geschaut und seitdem war sie hin und weg. Ich stellte die Bluetoothverbindung zu der Musikbox, die immer in unserer Küche stand, her und stellte die 'König der Löwen'- Playlist an, die ich für Lena zusammengestellt hatte. Zu Liedern, wie 'Hakuna Matata' und 'Ich will jetzt gleich König sein', trällernd, widmeten wir uns dann den Nudeln, als das Wasser kochte, und schließlich der Tomatensauce, die Lena eifrig zu Tode rührte.

"Wieso guckst du die ganze Zeit auf die Uhr?", fragte Lena neugierig als wir schließlich am Tisch saßen und zu Mittag aßen. Leicht erschrocken löste ich meinen Blick von der großen Uhr, die neben dem Kühlschrank hing, und schaute sie ertappt an. "Wir bekommen gleich noch Besuch.", erklärte ich und füllte meinen Mund mit einer weiteren Gabel voll Nudeln. Es war mittlerweile zwanzig nach eins, das hieß, dass David bald hier aufkreuzen musste. Ich hatte es tatsächlich sehr eilig damit, dass er meine Familie kennen lernte. Da Mum und Hannes noch arbeiten waren und Lukas lange Schule und danach Fußballtraining hatte, was mir morgen auch wieder bevor stand, lernte er zwar erstmal nur Lena kennen, bis sie kamen, aber die Kleine allein war ja auch schon ein Highlight. "Wer kommt denn? Nicki und Ella?", jetzt hatte ich die Neugier meiner kleinen Schwester erst recht geweckt. "Nein, du wirst ihn gleich kennen lernen.", lächelte ich. Von dem Moment an musste ich jede einzelne Nudel förmlich in sie reinstopfen, damit sie zwischen den ganzen Fragen, die sie mir stellte, überhaupt noch etwas aß.
Wir hatten gerade den Tisch abgeräumt als es dann an der Tür schellte. Ich konnte so schnell gar nicht gucken, da war Lena mit den Worten: "Ich mach auf, ich mach auf, ich mach auf!" in Richtung Tür gerannt. Glücklicherweise hatte sie die Türklinke auf Grund ihrer geringen Körpergröße noch nicht erreicht als ich es geschafft hatte sie einzuholen und sie sachte zurück zog. "Benimm dich, bitte!", flüsterte ich ihr zu. Als Antwort bekam ich nur einen Blick Marke: "Als täte ich je etwas anderes." und so öffnete ich die Haustür, vor der ich sofort meinen Freund erblickte. Lena stand für einen Moment stocksteif vor ihm und schaute ihn mit großen Augen an. David biss sich verlegen auf die Unterlippe als sie ihn nach einigen Sekunden von unten bis oben musterte. "Ich würde sagen wir lassen David erstmal reinkommen.", löste ich die Situation auf und schob sie vorsichtig zu Seite, sodass er eintreten konnte. "David, aha.", hörte man nur ein leises Murmeln aus Lenas Richtung. "Hey.", lächelte ich und küsste ihn kurz, was Lena wiederum ein leises 'Pfui' entlockte. Amüsiert piekste ich ihr in die Seite und scheuchte sie, mit dem Wortzusatz: "Dein Tritt steht noch vor dem Herd!", wieder in Richtung Küche, damit sie ihn hoffentlich wieder an seinen Platz zurück schob. "Hallo schöne Frau.", fand David seine Stimme schließlich auch wieder und mit diesen Worten legte sich auch auf sein Gesicht ein Grinsen. Nachdem wir uns kurz umarmt hatten und er mir noch einen Kuss aufgedrückt hatte, den ich liebend gerne entgegennahm, begaben wir uns ebenfalls in die Küche. Zu meiner Zufriedenheit hatte Lena ihren Tritt tatsächlich weggeräumt und saß nun auf einem der Stühle. Mit meinem Handy in der Hand. Schnell schnappte ich es ihr aus den winzigen Händen. "Darfst du das, ohne zu fragen?", mahnte ich sie und nahm aus dem Augenwinkel nur wahr wie David zu schmunzeln begann. "Aber.. ich wollte nur ein anderes Lied.", schmollte sie. Ein Blick auf den Display meines Handys verriet mit, dass ihr Plan nicht geglückt war, denn stattdessen hatte sie mir einen Wecker für heute Nacht um zwei Uhr dreißig gestellt. "Was möchtest du denn hören?", fragte ich nachdem ich den Wecker wieder ausgestellt hatte. "Tata!" - "Wie heißt das Lied?" - "Hakuna Matata." - "Geht doch." Nach wie vor belustigt verfolgte David stumm unsere Konversation bis wir uns schließlich ebenfalls am Tisch niederließen. "So, jetzt kannst du David alle Fragen stellen, die du mir vorhin über ihn gestellt hast.", grinste ich. Die Angesprochene riss die Augen auf und schüttelte vehement den Kopf, was mich zum lachen brachte. "Schön dich kennen zulernen, Lena.", lächelte David ihr freundlich entgegen. Weil sie ihm nicht antwortete schaute ich sie tadelnd an bis sie schließlich doch ein kurzes 'Hallo David' herausbrachte. Da hatte es der kleinen, doch so selbstbewussten und meistens eher frechen Lena doch glatt die Sprache verschlagen.
"Sag mal, Leni, hast du mir eigentlich schon vorgeführt was du in den letzten beiden Wochen beim Klavieruntericht gelernt hast?", fragte ich meine kleine Schwester, deren blaue Äuglein sofort wieder zu leuchten begannen. Seit einigen Monaten schon lernte sie mit einem unglaublichen Spaß das Klavier spielen und konnte es für gewöhnlich kaum erwarten uns zu zeigen was sie Neues gelernt hatte oder uns einfach nur das eine oder andere Ständchen zu spielen. "Zeigst du's uns? Wir würden uns wirklich freuen.", hakte ich nach als ihr unsicherer Blick an David hängen geblieben war. "Vielleicht können wir ja auch etwas zusammen spielen. Kannst du 'Alle meine Entchen' spielen?", fügte David lächelnd hinzu, wodurch mir erst bewusst wurde, dass ich dadurch nicht nur für Lena, sondern gleich für beide eine sinnvolle Beschäftigung gefunden hatte. "Du kannst das?", strahlte sie ihn an und ich wusste in dem Moment genau, dass das Eis gebrochen war. "Ja, bestimmt nicht so gut wie du, aber auch ganz gut.", antwortete mein Freund schmunzelnd. Lena sprang enthusiastisch von ihrem Stuhl, rannte zu ihm rüber, schnappte sich seine Hand und zog ihn in Richtung Wohnzimmer. Auf mein Gesicht legte sich ein zufriedenes Lächeln als er mir noch schulterzuckend ein Grinsen zuwarf.
"Chrissy, komm auch!", hörte ich nach einigen Sekunden, die ich demonstrativ sitzen geblieben war, beide zusammen rufen. "Ich glaube sie hat uns nicht gehört, da müssen wir wohl noch mal rufen.", hörte ich David sagen als ich mich auch danach nicht gerührt hatte. Wenige Augenblicke später ertönte erneut mein Name, woraufhin ich mich gnädigerweise erhob und zu den beiden ins Wohnzimmer lief.
"Das bist du ja endlich!", freute Lena sich. Sie saß mit ihrem kleinen Keyboard zusammen auf Davids Schoss auf der Couch und alleine dieser Anblick bescherte mir ein wirklich warmes Gefühl in der Herzgegend. Von meinem Liebsten durfte ich ebenfalls ein erfreutes Lächeln entgegen nehmen, woraufhin ich ihm eine Kusshand zuwarf. Nachdem ich mich zu ihnen auf das Sofa gesellt hatte, widmeten die beiden sich voll und ganz ihrem Lieblingsinstrument und ließen sich bis auf kurze glückerfüllte Blicke auch nicht davon abbringen. David erklärte Lena liebevoll und mit Engelszungen was sie spielen würden und nahm zu gerne ihre kleinen Vorschläge entgegen. Ich konnte wirklich nicht in Worte fassen wie glücklich mich die ganze Situation machte.

Die knapp anderthalb Stunden, in denen die beiden ausdauernd vor sich hin musizierten und ich ihnen begeistert zuhörte, vergingen wie im Flug. Ich erschrak tatsächlich ein wenig als ich wahrnahm wie die Haustür aufgeschlossene wurde, was bedeutete, dass es bereits fünfzehn Uhr war und Mum Feierabend und Hannes Mittagspause hatte. Darauf bedacht die beiden Profimusiker nicht zu stören stand ich auf und verließ das Wohnzimmer, woraufhin ich im Flur direkt auf Mum traf. "Maaaaaami.", lächelte ich und umarmte sie. "Geht's dir gut? Wo ist mein Kind?", fragte sie als sie mich mit einer hochgezogenen Augenbraue anschaute. "Bin ich etwa nicht dein Kind?", empört stemmte ich die Hände an die Hüften. "Da bin ich mir grade nicht so sicher. Was ist passiert?", ihr Versuch ernst zu bleiben scheiterte und ein Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. "Wer spielt da eigentlich Klavier? Ich habe Lenas Spiel etwas anders in Erinnerung.", meldete sich nun auch Hannes zu Wort, der aus der Küche gelaufen kam und augenscheinlich von den Nudeln genascht hatte, die Lena und ich gekocht hatten. "Es gibt da einen netten Menschen, den ich euch gerne vorstellen möchte, allerdings wäre es wirklich herzzerreißend Lena und ihn einfach so auseinander zu reißen.", erklärte ich mit dem Blick in Richtung Wohnzimmer. "Ihn?", hakte Hannes nach. "Der Mensch, ja.", antwortete ich scherzhaft, allerdings war sowohl Mum als auch ihm sofort klar gewesen worauf ich hinaus wollte, dem Blick, den sie sich zuwarfen, nach zu urteilen. Langsam setzten sie sich im Bewegung in Richtung Wohnzimmer, in dem das Keyboard soeben verstummt war. Ich hatte David nicht angelogen als ich ihm gesagt hatte, dass sie bisher keinen meiner Freunde nicht gemocht hatten, aber aufgeregt war ich trotzdem. Leicht nervös folgte ich ihnen also und erwartete gespannt ihre Reaktion.

"Mama, Papa!", rief Lena freudig als sie die beiden in der Tür stehen sah. Sie sprang von Davids Schoß, stürmte auf die beiden zu und versuchte sie mit ihren kurzen Ärmchen gleichzeitig zu umarmen. David legte das Keyboard zur Seite, fuhr sich nervös durch die Haare und stand dann ebenfalls auf. Ich schenkte ihm ein optimistisches Lächeln, das er erwiderte ehe er den neugierigen Blicken meiner Mum und Hannes entgegen trat und sich vorstellte. "Freut mich auch, David.", lächelte Mum. Ein Lächeln war immer gut. Wenn sie jemanden nicht mochte, dann zeigte sie das auch, das hatte ich von ihr geerbt. Wir waren immer ehrlich darin, wie wir Leuten gegenüber traten. Zwar auch respektvoll und meistens leider freundlich gegenüber denen, die wir nicht mochten, aber den Unterschied merkte man in der Regel trotzdem sehr deutlich. Da ich Mum natürlich kannte, sah ich, dass sie ihn sympathisch fand. "Hannes.", stellte mein Stiefvater sich dann vor und reichte David die Hand. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus einem sehr sparsamen Lächeln und gesundem Misstrauen. Genauso war er auch Florian und Jonas schon gegenübergetreten, weshalb ich als positivste Reaktion diese erwartet hatte. Als Oberarzt in einem Krankenhaus war er eine Autoritätsperson, was er manchmal zu gerne zeigte. Trotzdem war er ein sehr humorvoller und eigentlich wirklich lockerer Mensch. Der seine (Stief-) Vaterrolle manchmal auch einfach etwas zu ernst nahm. Die Tatsache, dass er David sofort seinen Vornamen anbot, war allerdings auch ein Pluspunkt. "Ach genau, nenn mich doch Susi.", fügte Mum schnell hinzu. Mein Freund schien die Reaktionen der beiden ebenfalls eher positiv einzuordnen und war gefühlt um ein paar Zentimeter gewachsen vor Freude. Ich lächelte glücklich vor mich hin, sodass ich erst gar nicht mitbekam, dass Mum mit mir redete. "Erde an Chrissy, hast du gekocht?", sie schnipste mir grinsend vor der Nase herum. "Äh.. Lena und ich haben Nudeln gemacht. Aber frag doch deinen Mann, der war schon naschen.", antwortete ich ebenfalls grinsend. "Mit roter Sauce!", fügte Lena hinzu. Sie hatte den Zusammenhang zwischen normalen Tomaten und denen aus der Dose noch nicht so recht verinnerlicht, weshalb Tomatensauce in jeglicher Hinsicht immer 'rote Sauce' gegebenenfalls mit irgendwas drin war. Hannes lächelte meine Mutter unschuldig an, was bei einem Mann mit einer Körpergröße von ein Meter neunzig immer wieder lustig aussah. Autoritätsperson hin oder her, Mum hatte das Sagen in diesem Haus, was er so natürlich nie zugeben würde, aber sein Respekt einflößendes Verhalten gegenüber anderen nur verstärkte. Irgendwem musste er ja weiß machen, dass er ein wahrer Mann war. "Dann ist der Rest ja für mich, ich hab nen Bärenhunger!", beschloss Mum scherzhaft und wandte sich um, um in die Küche zu gehen. "Bären essen Honig!", protestierte Lena, was David, Hannes und mich zum lachen brachte. "Und Nudeln mit roter Sauce!", korrigierte Mum. Lena rannte Mum schnell hinterher und auch Hannes begab sich dann auf den Weg in Richtung Essen, was David und mich im Wohnzimmer zurück lies.
"Lief doch gar nicht so schlecht, oder?", fragte mein Freund zaghaft, nachdem die Anspannung deutlich von ihm abgefallen war. "Sie mögen dich.", lächelte ich, nachdem ich seine Hände mit meinen verschränkt hatte. "Meinst du?", seine Wangen hatten vor Aufregung einen rötlichen Ton angenommen, was ziemlich süß aussah. Ehe ich antwortete verband ich unsere Lippen zu einem kurzen Kuss. "Ja, mein ich. Ich hatte keine anderen Reaktionen erwartet.", erklärte ich freudig und küsste ihn noch einmal, woraufhin er mich zufrieden anlächelte.
Nach einem weiteren entspannten Gespräch mit Mum und Hannes, in dem David natürlich ein wenig über sich erzählen musste, hatten wir uns in mein Zimmer verzogen, um das erste Mal seitdem wir zusammen waren wirkliche Zweisamkeit zu genießen, ohne befürchten zu müssen, dass jemand in das Zimmer platzen würde. Jedoch hatte seine Mutter nach kurzer Zeit angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie länger arbeiten und er deshalb mit dem Hund raus gehen müsste, sodass diese nicht allzu lange angehalten hatte. Leider hatte er Lukas so auch noch nicht kennen lernen können, der montags für gewöhnlich erst gegen neunzehn Uhr nachhause kam. Auf der anderen Seite hatte ich so sofort genug Zeit für ein Skype-Date mit Nicki und Ella gehabt, die natürlich den Verlauf der letzten Stunden in jedem Detail hatten wissen wollen.

"Wieso musste David so früh schon gehen?", schmollte Lena traurig, als sie fast fertig auf ihrem Bett saß. Lukas, der sich zur üblichen Geschwister-Schlafenszeit-Zeremonie ebenfalls in ihrem kleinen Zimmer eingefunden hatte, schaute mich empört an: "Wer ist David und wieso hab ich ihn nicht kennengelernt?" - "Was schaust du mich so an? Vielleicht ist es ein Freund von Lena aus dem Kindergarten?", fragte ich scherzhaft. "Schwesterherzchen, Lena hat erstens keinen David bei sich im Kindergarten und zweitens hätte sie dich dann nicht mit genau diesem Blick angeschaut. Erzähl mir sofort alles!", forderte er grinsend. Ich streckte ihm vorerst nur die Zunge raus. "Ich werde es sowieso herausfinden.", meinte er trotzig und widmete sich dann wieder unserer kleinen Schwester. Während ich die gewünschte Gute Nacht- Geschichte heraussuchte, sorgte er dafür, dass sie ihren Schlafanzug anzog und flocht ihr dann die fast schulterlangen Haare zu zwei Zöpfen. Schon lange waren primär Lukas und ich dafür zuständig Lena abends mit allem, was dazu gehörte, ins Bett zu bringen, sodass Mum nur die Qual hatte uns drei morgens aus dem Bett zu scheuchen. In der Regel wechselten wir uns ab wer die Gute Nacht- Geschichte vorlas und wer das Kind ins Bett steckte und die Tage, an denen ich vorlesen durfte gefielen mir wohl am besten. Lena war kein anstrengendes Kind, was die Bettzeit anging, was mit Sicherheit auch daran lag, dass sie unsere Dreier-Zeremonie mochte, aber ich fand es einfach schön Lukas dabei zu beobachten, wie er sich um Lena kümmerte. Er war ein typischer pubertierender Vierzehnjähriger was eigentlich sein komplettes Verhalten anging, aber ihr gegenüber war er wirklich zuckersüß. Und mal ganz ehrlich, seine spätere Frau wird ihn noch mehr lieben wenn sie herausfindet wie gut er Haare flechten kann, der kleinen Schwester sei Dank.
Als er fertig war wünschte er ihr schon mal eine gute Nacht und lies mich dann mit ihr allein. "Du Chrissy?", fragte Lena und ich blickte vom Inhaltsverzeichnis des Märchenbuches, das ich soeben aufgeschlagen hatte, auf. "Was ist?", lächelte ich sie an. Sie schaute mich mit großen Augen an und stellte mir dann die Frage die ihr offensichtlich sehr auf dem Herzen lag: "Darf ich den David heiraten?" Ich musste mich wirklich zusammenreißen nicht in lautes Lachen auszubrechen. "Nein, Schatz.", schmunzelte ich. Sie setzte sich auf und schaute mich erneut schmollend an: "Wieso nicht?" Ich seufzte und legte ein liebevolles Lächeln auf. "Weil das mein Freund ist. Wenn du einen Freund haben willst musst du dir selbst einen suchen.", erklärte ich ihr. Sie ließ sich wieder in ihr Kissen fallen und es folgte ein Moment der Stille, in dem sie angestrengt zu überlegen schien. "Aber wenn du tot bist, dann darf ich ihn heiraten?", fragte sie. "Lena!", quietschte ich empört und piekte ihr in die Seite. "Sowas sagt man nicht.", tadelte ich, auch wenn ich ihre Aussage in keinster Weise ernst nahm. "Tut mir leid.", murmelte sie verlegen und kuschelte sich an meinen Arm, bevor sie hinzufügte: "Ich will auch gar nicht, dass du tot bist."

Nur anderthalb Märchen später betrachtete ich zufrieden meine schlafende kleine Schwester ehe ich aufstand und so leise wie möglich aus dem nur mit einem Nachtlicht beleuchteten Zimmer schlich. Ich hatte gerade die Tür hinter mir geschlossen, da sah ich schon in das grinsende Gesicht meines anderen kleinen Geschwisterchens. "Du hast mir noch was zu erzählen.", forderte er. "Ich wüsste nicht was.", antwortete ich unschuldig und lief an ihm vorbei den Flur entlang. "David? Haste nen Neuen? Kennt man ihn?", fragte er unbeirrt nach während er mir folgte. "Mum, Hannes und Lena kennen ihn.", grinste ich. Lukas griff nach meinem Arm und brachte mich damit dazu stehen zu bleiben, sein Gesicht zierte immer noch ein Grinsen. "Na gut, er ist Timos bester Freund und wir sind seit Anfang der Kursfahrt zusammen.", erklärte ich. "Ach der David.", es schien ihm wie Schuppen von den Augen zu fallen. "Mit dem bist du zusammen? Ich dachte das sind alles Idioten?", hakte er weiter nach und schien immer amüsierter. "Ich hab mich wohl geirrt.", antwortete ich Schulter zuckend. "Hört, hört, die Christina die Große gibt einen Irrglauben zu, das hat es noch nie gegeben.", stichelte mein kleiner Bruder, der mittlerweile gut einen Kopf größer war als ich. "Hör mal, Schätzelein, finde du erstmal ne Freundin, dann unterhalten wir uns weiter.", konterte ich grinsend. "In deinem Alter hatte ich das erste Mal Sex, da bist du scheinbar noch Jahrzehnte von entfernt.", fügte ich noch schnell hinzu, bevor er hatte antworten können. Er lachte empört auf und ich schaute ihn nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Du kleine, miese..", setzte er an, doch ich unterbrach ihn: "Pscht, Lena schläft." Dann überbrückte ich schnell die letzten Meter zu meinem Zimmer, huschte hinein und schloss die Tür hinter mir. Ich hörte ihn noch das Schimpfwort, das er hatte sagen wollen, murmeln, bevor er mit leisen Schritten ebenfalls in seinem Zimmer verschwand. Amüsiert schüttelte ich den Kopf. Mein Kommentar war vielleicht etwas fies gewesen, doch der Umgangston war Gang und Gebe zwischen uns beiden, weshalb ihm das absolut nichts ausmachte. Außerdem wusste ich eigentlich doch zu gut, was die Frauenwelt so von ihm hielt, die Blicke der Mädchen aus seiner Stufe und denen darunter in der Schule entgingen dem wachsamen Auge einer großen Schwester nicht. Es war also nur noch eine Frage der Zeit bis er mit seiner ersten Freundin hier antanzte und den Moment erwartete ich zugegebenermaßen sehr gespannt.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Hades 20. Feb 2018

Im ersten Kapitel bitte unbedingt noch den Interpreten hinters Songitat. Danke!

Jana-Ricarda 20. Feb 2018
Danke für das nette Feeback.