Der Junge im Bus

vor 3 Mon.
San Francisco im Oktober. Es ist ein kalte Vollmondnacht, Derek ist müde und will bloß noch schnellstmöglich nachhause! Natürlich verreckt ihm gerade jetzt seine blöde Karre. Also gut, dann muss er wohl den verdammten Bus nehmen. Und irgendetwas an dem Typ, der ihm gegenüber sitzt, lässt ihn aufmerksam werden. Honigaugen! Sterek, Pesaac, A..
Teen Wolf Romanze P16-M+M Drama In Arbeit

Der Pfad der Erkenntnis

Stiles brauchte einen Moment, um sich darüber klar zu werden, wo er sich überhaupt befand.
Dies war nicht Dereks Apartment.
Und... Moment mal! Wieso zum Teufel war er nackt?

Irgendetwas war mit seinem Kopf nicht in Ordnung. Ganz offensichtlich war in der Nacht jemand vorbeigekommen, hatte ihm den Schädel aufgesägt, sein Hirn entnommen und den entstandenen Hohlraum mit schmutzigen Sportsocken gefüllt.
So zumindest fühlte es sich an.
Stiles kramte also tief in den Windungen der müffelnden Fußbekleidung, bis es ihm nach und nach wieder einfiel: Ethan, Jeff Stryker, Peter, Bruce Willis und ein Spiel ohne Zigarren!

F U C K!

Er drehte sich ruckartig herum, nur um festzustellen, dass er allein im Bett lag.

Ein Blick auf einen Radiowecker auf dem Nachttisch zeigte ihm, dass es bereits nach elf war; spät, aber immer noch reichlich Zeit, bis er zu seiner Spätschicht im Café musste.

Stiles wälzte sich schwerfällig aus dem Bett und sein Kopf puckerte lustig vor sich hin, als hätte ihm jemand eins mit einer Keule drübergezogen. Er schlüpfte mühsam in Boxershort und T-Shirt und machte sich auf die Suche nach Peter.

Der saß seelenruhig am Küchentisch; frühstückend, Zeitung lesend und Kaffee trinkend. Als er Stiles erblickte, welcher zweifelsohne so aussehen musste, als sei er qualvoll einer Fischvergiftung erlegen, rief der Ältere lachend aus:
„Keine Macht den Drogen, was Prinzessin?“

„Ich wünschte, ich wäre tot!“ krächzte Stiles und rubbelte sich durch das ohnehin schon zerzauste Haar:

„Dagegen hilft Kaffee!“ behauptete Peter und reichte ihm eine Tasse.

Stiles trank erst einmal, während er fieberhaft überlegte, was er nach so einer verrückten Nacht zu Peter sagen konnte, das nicht total dämlich gewesen wäre.
Als er den Boden der Tasse sehen konnte, wusste er schließlich, was es war:
„Entschuldige Peter!“ murmelte er kleinlaut.

Der Ältere grinste:
„Wofür entschuldigst du dich?“

„Zwingst du mich wirklich, das laut auszusprechen?“ fragte Stiles unbehaglich:

Peter zuckte mit den Schultern:
„Ein bisschen mehr Kontext wäre jedenfalls hilfreich, wenn du willst, dass ich dich verstehe. Aus meiner Sicht gibt es nämlich nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.“

„Aus meiner aber schon!“ gab der Junge zurück:„ Zum Beispiel dafür, dass ich mitten in der Nacht hier hereingeplatzt bin, oder dafür, dass ich dir ein schmutziges Angebot gemacht und dich dann ziemlich plump begrapscht habe.“

Der Ältere kicherte in seine Kaffeetasse:
„Ich LIEBE schmutzige Angebote UND ich liebe es, plump begrapscht zu werden! Ich habe mich also bestens amüsiert! Dein kleiner Auftritt hat mich vor einer sehr langweiligen Nacht gerettet, Stiles.“

„Ich lebe um zu dienen!“ behauptete der Jüngere zunächst großmäulig, doch dann errötete er ein wenig: „Und was ist mit dem, was danach in deinem Schlafzimmer passiert ist? Ich meine... bedeutet das etwas?“

Peter lachte:
„Was sollte es denn schon bedeuten? Etwa, dass wir jetzt verlobt sind, oder wie? Perversionen DIESER Art kannst du gern mit meinem Neffen ausleben. So etwas ist mir zu kinky!“

„Kann ich eben nicht! Das ist ja genau das Problem!“
Unzufrieden rutschte Stiles so tief in seinen Stuhl, dass er beinahe unter dem Küchentisch verschwunden wäre.

„Glaub´ mir einfach, Kleiner: Dieses ganze Tamtam um die große Liebe ist die reinste Zeitverschwendung: Du projizierst deine Hoffnungen und Sehnsüchte in ihn, er tut dasselbe mit dir, doch irgendwann holt euch die Realität ein und dafür gebt ihr euch dann gegenseitig die Schuld. Mehr ist es doch nicht! Es beginnt im Himmel und endet in der Hölle!“ behauptete Peter, ignorierte Stiles traurigen Babykätzchenblick und fuhr fort: „Der Einzige auf der Welt, auf den du dich halbwegs verlassen kannst, das bist du selbst, Stiles! Merk´ dir meine Worte!“

„Was hat dich denn eigentlich so zynisch werden lassen?“ wollte Stiles wissen: „Hat dir vielleicht jemand das Herz gebrochen?“

„Pfft!“ machte Peter verächtlich. Sein Gesicht verfinsterte sich: „Ich habe gar kein Herz! Und was du Zynismus nennst, nenne ich gesunden Menschenverstand!“

Die ungewohnte Schärfe in Peters Stimme verriet Stiles, dass er auf dünnem Eis unterwegs war, also ließ er das Thema fallen und wollte stattdessen wissen:
„Darf ich mir bei dir noch schnell die Sünden der letzten Nacht abspülen, ehe ich gehe?“

Peter grinste schief:
„Das Bad ist am Ende des Flurs. Ruf´ mich, wenn dir die Seife runterfällt, oder ich dir irgendwie zur Hand gehen soll, oder so!“

Stiles schenkte ihm das verschämte kleine Lächeln einer errötenden Jungfrau und versicherte:
„Ich schätze, ich kriege das ohne deine Hilfe hin, aber danke!“


Weil Stiles Zeit zum vertrödeln hatte, fuhr er mit dem Bus zum Bakers Beach, hockte sich auf einen Felsen, blickte hinaus auf die Bucht und die Golden Gate Bridge und wartete auf die große Eingebung.
Er hatte keine Ahnung, wie sein Leben nun weitergehen sollte. Sicherlich könnte er noch eine Weile die Zähne zusammenbeißen und so weitermachen wie bisher, aber das machte ihn traurig und müde.

Stiles beobachtete das Meer und das ewige Hin und Her zwischen dem Anbranden und dem Rückzug des Wassers war ein ziemlich gutes Bild für die Situation, in der Derek und er steckten!

Der Wind zerzauste Stiles das Haar und drang durch seine viel zu dünne Kleidung.

Und irgendwann erhob er sich wieder; nicht nur weil ihm kalt wurde, sondern auch, weil er endlich die überfällige Entscheidung getroffen hatte.

Er nahm sein Handy zur Hand und stellte fest, dass es sich abgeschaltet hatte, weil der Akku schwach gewesen war. Als er es wieder anstellte, entdeckte er, dass er fünf verpasste Anrufe von Derek hatte. Er ignorierte diese für´s Erste und führte, mit dem kleinen, verbliebenen Reststrom ein Telefonat mit Mason.
Dann machte er sich auf den Weg zu Derek, in der Hoffnung, dass dieser Zuhause wäre.


Das Apartment war leer, als Stiles eintraf und er machte sich ein weiteres Mal daran, seine Sachen zusammen zu packen, um zu gehen.

Er war gerade damit fertig, als sich der Schlüssel im Schloss herumdrehte und plötzlich Derek vor ihm stand:
„Verdammt! Wo warst du denn die ganze Nacht? Ich habe mir Sorgen gemacht! Dein Telefon war aus und ich war auf der Suche nach dir!“ schimpfte Derek.
Da erst entdeckte er die gepackten Taschen:
„Was wird das denn jetzt? Verlässt du mich schon wieder? Wird das denn nicht langsam langweilig?“

Mit ernster Miene trat Stiles auf Derek zu, nahm ihn bei der Hand und hieß ihn, sich neben ihn auf das Sofa zu setzen. Derek Hand ließ er indes nicht los.
Im Gegenteil! Er bedeckte sie sogar noch mit seiner anderen:
„Ich würde es dir gerne erklären, Derek.“ begann er: „Nein, ich `verlasse´ dich nicht, weil das ja bedeuten würde, wir wären ein Paar und das sind wir nicht. Aber das ist genau mein Problem! Keine Sorge, ich versuche diesmal nicht, einfach so auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, denn das kann ich gar nicht, weil du mir viel zu viel bedeutest. Aber unser lustiges WG-Leben funktioniert für mich nicht! Ich halte es einfach nicht aus, hier allein zu sitzen und dich zu vermissen, wohl wissend, wo du bist und was du machst.“

An dieser Stelle wurde er von Derek unterbrochen:
„Meinst du nicht, dass du es noch für zwei weitere Wochen aushältst? Dann ist Braeden wieder weg; für mindestens ein halbes Jahr, denn sie wurde nach Europa abberufen. Komm´ schon Stiles! Das mit uns klappt doch gut. Ich finde es schön, wenn du da bist.“

Stiles schüttelte den Kopf:
„Es ändert nichts, ob Braeden nun hier ist, oder nicht, denn ich will nun einmal so viel mehr von dir, als du mir geben kannst. Was ich für dich empfinde, ist nicht einfach bloß so eine kleine Verliebtheit. Ich LIEBE dich, Derek! Ich meine, so richtig! Ich habe so ein Glück, dass du und ich Freunde geworden sind und ich möchte dich auch weiterhin in meinem Leben haben. Wir können uns jederzeit verabreden. Vielleicht einmal in der Woche, oder so? Ich kann zu dir kommen, ich koche für dich und wir schauen einen dieser alten Schinken, die du so liebst. Aber hier bei dir zu wohnen schaffe ich nicht mehr! Ich mache mir sonst immer wieder Illusionen über das, was zwischen uns sein könnte. Ich muss endlich anfangen, der Realität in die Augen zu sehen. Es tut sonst einfach zu sehr weh!“

Dereks Miene stand im krassen Kontrast zu den markanten Zügen seines Gesichts. Er sah jung und irgendwie verletzt aus, als er sagte:
„Aber mit dir ist dies hier ein Zuhause!“

Stiles schluckte.
Dereks Offenheit traf ihn, wie eine Faust im Magen.
Er legte ihm sanft und entschuldigend eine Hand an die Wange und erwiderte:
„Ich weiß! Tut mir leid!“

Derek wirkte unzufrieden, vielleicht sogar unglücklich und er schien über etwas nachzugrübeln. Nach einer Weile wiederholte er seine Frage von zuvor:
„Und wo warst du nun vergangene Nacht?“

Stiles war sich nicht ganz sicher, was geschehen würde, wenn er die Wahrheit sagte, doch er ahnte auch, dass Derek mitbekommen würde, wenn er log und so gestand er:
„Ich bin bei deinem Onkel gewesen!“

Derek gab ein leises Knurren von sich und wollte dann wissen:
„Hast du mit ihm geschlafen? Wirst du jetzt etwa zu IHM ziehen?“

„Also zu Frage eins: Nein, nicht so richtig! Und zu Frage zwei: NEIN, auf gar keinen Fall! Ich bin doch kein Idiot!“ antwortete der Junge.

Derek blickte ihn prüfend an. Vermutlich weil er überlegte, was er von der Antwort `Nicht so richtig“ zu halten hatte, doch er hakte nicht weiter nach.
Stattdessen wollte er wissen:
„Aber wo wirst du denn dann bleiben? Du willst doch wohl nicht wieder ohne einen Plan auf die Straße gehen, oder?“

Stiles lächelte:
„Nein, diesmal nicht! Ich habe dazugelernt. Ich kann vorübergehend in Masons Zimmer wohnen, weil der sowieso die meiste Zeit bei seinem Freund ist. Und wenn er doch mal zuhause schlafen will, dann rücken wir eben ein bisschen zusammen.“

„Und du bist dir wirklich ganz sicher?“ fragte Derek noch einmal missmutig.
Stiles verschränkte ihre Finger miteinander und nickte:
„Ja, Derek, das bin ich! Ich bin dir wirklich wahnsinnig dankbar für alles, was du in den letzten Monaten für mich getan hast; du bist echt mein Held, aber ich muss einfach etwas ändern, sonst gehe ich noch kaputt! Tu mir einen Gefallen und bitte mich nicht noch einmal, wieder zu dir zurück zu kommen, denn höchstwahrscheinlich würde ich es immer wieder tun, auch wenn es mich umbringt. Aber der einzigen guten Grund für mich, hierher zurückzukehren wäre, dass du eines Tages vor mir stehst und sagst: `Ich liebe dich! Komm´ nachhause!´, aber weil das nun einmal nicht passieren wird und mir von mehreren Seiten nahegelegt wurde, aufzuhören mich wie ein kleines Mädchen zu benehmen und mich von meinen schwachsinnigen, romantischen Phantasien zu verabschieden, versuchen wir es wohl besser doch lieber mit ein bisschen mehr Distanz und einer echten, raubeinigen, total un-schwulen Männerfreundschaft. Was sagst du dazu?“

„Und was heißt das nun? Wann sehen wir uns wieder?“ frage Derek und klang, wie ein unzufriedenes Kind:

„Ich habe übermorgen frei. Ich mache dir ein mächtiges T-Bone-Steak, um dieses Männerding zu besiegeln und du suchst den Film aus, einverstanden? Vielleicht was mit John Wayne, oder Marlon Brando?“ schlug Stiles mit einem kleinen Lächeln vor.

„Einverstanden!“ bestätigte Derek knapp und verschränkte die Arme vor der Brust.

Nun griff Stiles sich seine Taschen und wollte einfach so verschwinden, doch an der Tür hatte der Ältere ihn bereits eingeholt, zog ihn fest in die Arme und flüsterte:
„Du wirst mir fehlen!“

„Du mir auch!“ versicherte Stiles, machte sich geschwind los und verschwand, ehe er doch noch einknickte.

Und draußen, auf dem Weg zur Bushaltestelle erlaubte er es sich, ein wenig zu heulen.


Derek war überhaupt nicht glücklich!
Jemand würde nun dafür büßen und es war ja wohl klar, wo er den Schuldigen zu suchen hatte.

Kaum hatte Peter die Tür geöffnet, hatte sein Alpha ihn auch schon im Schwitzkasten:
„Was hast du zu ihm gesagt, hm? Was hast du ihm da eingeredet? Warum passiert immer irgendeine Scheiße, wenn du in der Nähe bist!“ brüllte Derek.

Peter kämpfte darum, frei zu kommen und japste:
„Lass´ mich los und wir reden wie Erwachsene über alles, okay“

Derek ließ ihn zwar los, schleuderte ihn aber im selben Zug grob gegen eine der Wände und funkelte ihn böse an.

Peter rappelte sich wieder auf, richtete seine Kleidung und klopfte sich grinsend imaginären Staub ab:
„Ich nehme mal an, wenn du so... erregt bist, dann redest du von unserem süßen, kleinen Stiles, richtig?“

Derek schnaubte ärgerlich:
„Lass´ das Theater! Du weißt sehr gut, von wem ich spreche! Ich weiß, dass er die letzte Nacht mit DIR verbracht hat und es ist bestimmt kein Zufall, dass er am Tag darauf bei mir sein Bündel schnürt und geht. Also? Was hast du zu ihm gesagt? Was hast du ihm versprochen? Was zur Hölle hast du ihm vorgelogen, dass es dazu kam? Und wieso kann er mir nicht sagen, ob ihr Sex hattet, oder nicht? Hast du ihn etwa eingeschüchtert, bedroht oder unter Drogen gesetzt?“

Dereks Onkel schüttelte ärgerlich den Kopf:
„Also erstens: Wenn Stiles gegangen ist, dann kannst du nur einer Person dafür die Schuld geben und das bist du selbst, weil du ihn einfach nicht ranlässt, auch wenn mehr als offensichtlich ist, dass du ihn genau so dringend willst, wie er dich! Zweitens: Er stand bereits unter Drogeneinfluss, als er bei mir ankam! Und Drittens: Ich habe ihn nicht bedroht! Wir haben bloß ein bisschen rumgemacht und das, obwohl er sich mir angeboten hat, wie irgend so ein Flittchen. Dass ich ihn mir nicht einfach genommen habe, liegt allein an meinem Respekt vor dir, oh, großer Alpha und daran, dass ich nun einmal ein romantisches Ding bin. Ich will nämlich, dass ihr euer `erstes Mal´ gemeinsam habt, eine Woche später heiratet und dann ein paar Welpen zeugt, oder so. Und nach der Scheidung werde ich dann zur Stelle sein, um dir sagen zu können: `Ich hab´s dir doch gesagt, Blödmann!´“

„Hör´ endlich auf mit dem Unsinn! So ist das mit uns beiden nicht!“ bellte Derek.

Peter schüttelte nur mitleidig mit dem Kopf:
„Ach nein? Und hast du das auch schon deinem Wolf erklärt? Denn wie es aussieht, hat DER sich entschieden, ganz gleich, was du dir einreden willst!“

„Du bist so ein Idiot, Peter! Du hast doch überhaupt keine Ahnung!“ schimpfte Derek wenig schlagfertig.
Dann ließ er die Wohnungstür krachend hinter sich zufallen und verschwand ganz einfach.


Masons Wohngemeinschaft war ein lustig zusammengewürfelter Haufen von vollkommen Verrückten.

Der Hauptmieter war ein echtes Kind San Franciscos, ein Alt-Hippie in seinen Sechzigern namens Sunflower; rauschebärtig, stirnglatzig und nichtsdestotrotz langhaarig, mit dem seligen, wasserblauen Blick eines Erleuchteten.

Dann gab es noch ein Mädchenpaar in Stiles Alter, welches er im Stillen: `Die siamesische Sappho´ getauft hatte, weil sie einander einerseits so wahnsinnig ähnelten und andererseits scheinbar keine fünf Minuten die Finger von einander lassen konnten, so dass sie beinahe wie zusammengewachsen wirkten. Beide hatten denselben straßenköterblonden Bürstenhaarschnitt, dieselbe Vorliebe für Hoodies, Jeans und Sneakers und waren zudem auch noch in etwa gleich groß.
Wobei `groß´ in diesem Fall eigentlich eine Lüge war, denn sie waren winzig und von Stiles Einsachtundsiebzig aus sahen die beiden aus wie Kinder.
Als Stiles die Namen der beiden erfuhr, hätte er beinahe laut losgelacht. Sie hießen Chloe und Zoey, als wären sie die Heldinnen einer Kinderfernsehsendung, ein Komikerinnenduo, oder etwas in dieser Art.

Dann zählte zu Stiles neuen Mitbewohnerinnen auch noch eine allzeit barfuß laufende Gesangslehrerin und Aromatherapeutin Anfang dreißig mit Namen Eleonore, die man stets in bodenlangen Gewändern antraf. Sie war groß, üppig, mit einem wunderhübschen Gesicht und ganz großartigen roten Haaren, die ihr bis auf die Hüfte reichten.
Stiles hatte keinen blassen Schimmer, was eine Aromatherapeutin eigentlich genau tat. Er stellte sich ganz einfach vor, sie umtanzte einen, während sie mit Patchouli um sich spritzte, als sei es Weihwasser.

Der Letzte in der Runde war Stuart.
Stuart sah aus wie ein Buchhalter, in seinen Bundfaltenhosen, seinen gestärkten Oberhemden, den ständig wechselnden langweiligen Pullundern in `fifty shades of grey´ und dem akkuraten Seitenscheitel.
Das lag vermutlich daran, dass Stuart auch tatsächlich die längste Zeit seines Erwachsenenlebens ein Buchhalter gewesen war; bis zu einem Zusammenbruch vor zwei Jahren; einem klassischen Burnout mit begleitender Sinnkrise.
Und nun züchtete er Blumen, Biogemüse und erstklassiges Marihuana, lebte vom Verkauf dieser Produkte und das einzige, was an sein früheres Leben erinnerte, war Stuarts todlangweilige Garderobe.
Aber eine bessere Tarnung als diese, gepaart mit seinem freundlichen, aber unscheinbaren Gesicht konnte es für einen Dealer wohl gar nicht geben, dachte Stiles amüsiert.

Er räumte rasch sein Zeug in Masons Schrank und dann wurde es auch schon Zeit, sich für die Arbeit fertig zu machen.


Stiles fühlte sich bereits erschöpft, als er bei der Arbeit eintraf, denn die vergangene Nacht, der Auszug bei Derek und dessen bekümmerte Reaktion hatten ihn ganz schön geschafft.
Aber es half ja nichts, denn eine weitere Schicht im Café lag vor ihm.

Er arbeitete gemeinsam mit Isaac, dem es heute scheinbar deutlich schlechter ging, als für gewöhnlich. Als Stiles ihn danach fragte, antwortete Isaac nur knapp:
„Flashbacks!“

Was immer der arme Kerl in seiner Vergangenheit erlebt haben mochte; es musste heftig gewesen sein!
Panikattacken waren Stiles nicht fremd, daher erkannte er die Anzeichen, als es so weit war, nahm seinen Kollegen für einen Moment mit in die Küche, hielt ihn im Arm, atmete mit ihm gemeinsam, kraulte beruhigend die blonden Locken und pfiff für den Moment auf die Kunden, die zahlen oder bestellen wollten.
Der Anfall ging vorüber, doch auch danach wollte es Isaac nicht wirklich besser gehen und so schickte Stiles ihn nachhause und versicherte, er würde den Rest der Schicht auch allein bewältigen.

Es geschah zum Glück auch nichts weiter Spektakuläres, bis auf dass Stiles Stalker wieder einmal auftauchte und dann den ganzen Abend dasaß und ihn angeiferte, während Stiles seinerseits sein Bestes tat, um ihn zu ignorieren.

Ungemütlich wurde es erst NACH seiner Schicht, als der Kerl plötzlich aus dem Nichts hinter Stiles auftauchte und ihm eine Heimfahrt in seinem Auto anbot.
Stiles winkte dankend ab und war heilfroh, dass sein Bus gerade kam und er rasch hineinspringen und er seinen aufdringlichen, alternden Romeo auf diese Weise abschütteln konnte.

Er war dankbar, als er zuhause ankam, Masons Tür hinter sich schließen und in dessen Bett fallen konnte.


Um Stiles Einzug würdig zu begehen, hatte Sunflower für den folgenden Morgen ein kathartisches Trommelritual mit anschließendem Soulfood-Brunch anberaumt.
Stiles konnte schwerlich seine Teilnahme absagen, da dieser ganze Zirkus ja immerhin ihm zu Ehren veranstaltet wurde, aber ihm schwante, dass es schräg werden würde.

Wie sich herausstellen sollte, war `schräg´ gar kein Ausdruck!

Sunflower schlug rhythmisch auf zwei Bongos ein; anfänglich noch recht ruhig, doch dann sehr rasch schneller werdend.
Die anderen Anwesenden begannen damit, sich tänzerisch zum Beat zu bewegen, wohingegen Stiles es zunächst noch vorzog, sich das Spektakel mit einem Stirnrunzeln und vor der Brust verschränkten Armen aus einer sicheren Ecke des Gemeinschaftsraums heraus anzuschauen.

Chloe und Zoey wiegten sich, wie hätte es auch anders sein können, in völligem Gleichtakt zur Trommelmusik, Eleonore drehte sich im Kreis herum, wie ein Derwisch, so dass ihr weiter, langer Rock nur so flog, während sie eine Art Gesang anstimmte. Es handelte sich bei dem, was sie von sich gab nicht wirklich um ein Lied, sondern eher um eine Aneinanderreihung von Tönen und Lauten, doch es klang auf eine wilde, archaische Art trotzdem irgendwie recht schön, wie Stiles zumindest klammheimlich vor sich selbst zugeben musste.

Das änderte jedoch nichts daran, dass seine neuen Mitbewohner aussahen, wie total verrückte Spinner. Und der Verrückteste von allen war Stuart. Er sprang herum, brüllte und hatte in diesem Moment mehr von einem alten Silberrücken, der im Busch nachdrücklich sein Revier verteidigte, als von einem Menschen.
Es war irgendwie beängstigend!

Stiles hatte zwar absolut nicht die Absicht gehabt, sich diesem Irrenhaus freiwillig anzuschließen, doch der hypnotische, stetige Rhythmus der Trommeln führte irgendwann beinahe zwangsläufig dazu, dass es in seinen Armen zuckte, seine Hände zu zappeln und seine Zehen zu wackeln begannen.
Und noch ehe Stiles recht wusste, wie ihm geschah, tanzte er. Doch damit nicht genug, denn der Tanz verwandelte sich nach einer Weile in etwas anderes und irgendwann begann er damit, Arme und Beine kräftig auszuschütteln und schließlich dann sogar, herum zu hopsen wie ein Vollidiot.

Es dauerte nicht lange und er vergaß alle seine Vorbehalte und Hemmungen, schloss die Augen und tobte sich alle Traurigkeit, Enttäuschung und Frustration der vergangenen Monate aus dem Leib und hinterher fühlte er sich so frei und gelöst, wie bereits seit einer Ewigkeit nicht mehr.

Es war herrlich!

Und später beim Brunch war aus einer Horde schwachsinnig Herumzappelnder dann auch wieder eine Gruppe von relativ normalen Leuten geworden, die Stiles wunderbare, hausgemachte, schwere und duftende Hefekräuterbrötchen lobten und in der Lage waren, ganz gesittet mit Messer und Gabel zu essen.

Unglaublich zufrieden lag Stiles nach dem ausgedehnten Frühstück mit vollem Magen auf dem Bett und tippte eine Nachricht an Mason:
`Es sind totale Freaks, aber sie sind großartig! xD´

`Sie sind die Besten!!!´ kam es von Mason umgehend zurück und Stiles fragte sich, ob seinen Freund wohl jetzt schon das Heimweh quälte.


Wie versprochen besuchte Stiles Derek an seinem freien Tag, um für ihn ein wahnsinnig heterosexuelles Männerabendessen zuzubereiten.
Die T-Bone-Steaks bedeckten beinahe Dreiviertel des Tellers, so dass die Süßkartoffelfritten und das Kürbis-Zucchini-Gemüse in Salbeibutter sich bescheiden an den Tellerrand quetschen mussten.

Stiles hatte das Gemüse bei Stuart erworben. Auf das angebotene Gras zum `Nachtisch´ hingegen hatte er dankend verzichtet, denn er hatte für´s Erste genug von künstlich herbeigeführten Rauschzuständen.

Als Derek und er sich dann später beim Essen gegenüber saßen, waren sie beide seltsam beklommen; ja fast schüchtern voreinander.
Stiles hatte keine Ahnung, woran das wohl liegen mochte, aber es fühlte sich beinahe so an, als seien sie beide ein Ex-Paar, oder etwas in der Art und wussten nun, da die Spielregeln ihrer Verbindung sich geändert hatten, nicht mehr recht mit einander umzugehen.

Derek hatte einen alten Western, nämlich `Die glorreichen Sieben´ für sie beide ausgesucht und während sie diesen genossen, saßen sie zunächst noch an unterschiedlichen Enden des Sofas.
Derek überraschte Stiles schließlich mit der Frage:
„Ich würde dich gern in den Arm nehmen, so wie sonst auch. Geht das? Ich will nicht, dass es unangenehm für dich ist.“

Der Ältere sah wahnsinnig unbehaglich aus und errötete vom Hals aus zu den Ohren und schließlich über das ganze Gesicht.

Stiles schmolz geradezu, als er es gewahr wurde.
Er nickte, robbte eilig an ihn heran und richtete sich in der Umarmung Dereks ein.

Es hatte nichts Sexuelles, wie sie da lagen, sondern fühlte sich einfach nur behaglich, vertraut und sicher an. Stiles nahm Dereks Hand, legte sie sich auf den Bauch und verschränkte ihre Finger mit einander.
Ein vollkommener Moment!

Als der Film aus war, bot Derek an, dass Stiles doch auch bei ihm übernachten könne, weil es ja immerhin schon spät sei, doch der Junge lehnte dankend ab und so wurde er einfach bloß mit dem Camaro nachhause gefahren.

Zum Abschied umarmte Stiles Derek noch einmal schüchtern und sie verabredeten sich für die kommende Woche erneut.

Derek blieb noch vor dem Haus stehen, bis Stiles im Eingang verschwunden war.
Dann wartete er, bis oben das Licht anging.
Und schließlich blieb er sogar noch, bis das Licht wieder ausgeschaltet wurde.
Erst dann machte er sich auf den Heimweg.


Stiles war recht zufrieden damit, wie sein Leben im Augenblick lief.

Er telefonierte regelmäßig mit Scott und hatte ihn jetzt auch endlich soweit, dass er und Allison sich zum Sommer an der UC San Francisco eingeschrieben hatten.
Es würde toll werden, seinen besten Freund endlich wieder täglich um sich zu haben. Vielleicht könnten sie sich ein Zimmer im Wohnheim teilen? Oder sie würden sich zu dritt eine Wohnung teilen?

Auch mit seinem Vater hatte in letzter Zeit wieder eine Annäherung stattgefunden und sie riefen einander gegenseitig an.
John Stilinski wollte bei diesen Gesprächen hören, dass Stiles genug Geld hatte, oder sich warm genug anzog und war erleichtert zu erfahren, dass im Sommer nun endlich das Studium seines schlauen, begabten Sohnes beginnen würde.
Stiles seinerseits forderte streng von seinem Dad, dass dieser gefälligst nicht essen solle, wie ein Hausschwein, sondern er sich auch ab und an auch mal einen Salat gönnen möge, auch wenn sein Sohn gerade nicht in der Nähe war, um ein Auge darauf zu haben. Außerdem erkundigte sich Stiles, ob John Stilinski vielleicht endlich mal wieder einer Verabredung mit einer netten Frau gehabt hätte, weil es ihm überhaupt nicht gefiel, dass sein Vater so ganz allein durch das Leben ging.

Aber er und sein Dad gingen nicht in die Tiefe.
Sie sprachen kaum über Stiles neues Leben in San Francisco. Alles, was im weitesten Sinne `schwul´ erscheinen mochten, wurde vom Sohn großräumig umschifft, während der Vater sich mit besorgten Fragen oder Äußerungen zum Lebenswandel seines Sprösslings vollständig zurückhielt.
Es war fast so, als hätten sie beide diesbezüglich eine stillschweigende Übereinkunft getroffen.
Möglicherweise war dies keine vollkommene Lösung, aber immerhin eine, mit der Stiles gut leben konnte.


Und auch in einem anderen Bereich seines Lebens war ein Zustand erreicht, mit dem Stiles sich wohl fühlte, auch wenn es nicht perfekt war: Das Verhältnis zu Derek hatte sich deutlich entspannt, seitdem Stiles ausgezogen war.

Es war BEINAHE in Ordnung, dass sie nicht die Art von Beziehung hatten, die Stiles vielleicht gern gehabt hätte.
Es tat auch FAST GAR NICHT weh, dass Derek mit Braeden schlief und nicht mit ihm, solange Stiles nicht dauernd mit der Nase darauf gestoßen wurde.

Gestern hatten sie ihre zweite Verabredung nach seinem Auszug gehabt und es war wieder einmal richtig schön gewesen.

Stiles liebte Derek.

Und eins stand fest: Derek liebte Stiles auch!
Nur eben nicht auf die gleiche Weise.

Und das war.... nun ja... BEINAHE OKAY.


Schließlich gab es dann ja auch noch Stiles Arbeit und die war immer noch genau so großartig, wie am Anfang!
Er bekam seine Kicks, wenn Kunden ihn gelegentlich anmachten und ihm damit bestätigten, dass er heiß aussah. Aus irgendeinem dummen, oberflächlichen, im Grunde belanglosen Grund brauchte er diese Beteuerungen.
Dabei war es gleichgültig, dass Stiles noch immer viel zu sehr an Derek hing, um sich nach etwas anderem umzusehen.

Stiles hatte seine Kollegen gern.
Mittlerweile waren sie alle so etwas wie Freunde für ihn geworden und sogar die Arschgeige Jackson hatte er zu tolerieren gelernt. Es gab zwischendurch gar Tage, an denen lachten sie miteinander, wenn Whittemore einmal besonders gute Laune hatte. Zwar ging es dabei meist um irgendwelche Gäste, über die der Kollege sich lustig machte, weil er nun einmal eine gehässige Bitch war, aber immerhin!

Und als Bonus kam hinzu, dass Stiles Stalker schon seit einer Woche nicht mehr im Café aufgetaucht war und ihm damit eine kleine Verschnaufpause gewährt hatte.

Doch heute schien Stiles Glückssträhne diesbezüglich abzureißen, denn nun war dieser Kerl wieder da und zwinkerte ihm aufdringlich zu.

Der Junge betrachtete ihn missmutig.

Einer wie der hörte sicherlich nicht häufig ein `Nein´. Er war etwa eins achtzig groß, in beneidenswerter körperlicher Verfassung, nicht nur für sein Alter, mit eisenharten Muskeln, besaß ein attraktives, wenn auch einschüchternd-markantes Gesicht und ein selbstbewusstes Auftreten.

Stiles ahnte, dass der Kerl bloß deswegen nicht locker ließ, weil er ihn partout nicht ran lassen wollte. Er schien einer von denen zu sein, die dies als besondere Herausforderung ansahen und da erst anfingen, Spaß zu haben.

Aber andererseits musste diesem Mann ja vielleicht nur noch einmal deutlich genug gesagt werden, dass Stiles kein Interesse hatte?
Vielleicht war er ja auch bloß einer von denen, die subtile Hinweise nicht verstanden?

Als der Fremde also heute an den Tresen trat und fragte:
„Na, Baby! Hast du mich vermisst?“ erwiderte Stiles:

„Du, hör mal, Kumpel! Das mit uns beiden wird nichts, in Ordnung? Hier läuft ein Haufen Jungs mit Vaterkomplex herum, die sonst was geben würden, um einen Kerl wie dich als Hauptgewinn mit nachhause nehmen zu können, aber ich bin keiner von ihnen. Nimm´s mir nicht übel, wenn ich das so deutlich sage, aber ich will einfach nicht!“

Der Typ schaute ihn bloß an; ungläubig irgendwie, aber da war noch etwas anderes in seinem Blick. Stiles wollte lieber nicht zu genau darüber nachdenken, was es war, denn es machte, dass ihm innerlich eiskalt wurde.
Umso erleichterter war er zu sehen, dass der Fremde sich nun ohne ein weiteres Wort umdrehte und das Café verließ.

Als er weg war, klopfte ihm Ethan, der das Schauspiel aus einiger Entfernung beobachtet hatte anerkennend auf die Schulter und lobte:
„Das hast du gut gemacht, Stiles! Manche Typen kapieren es eben nur so!“


Braeden saß auf Dereks Schoß, hatte eine Hand unter sein Shirt geschoben und spielte mit seinen Nippeln.
Ohne den gewünschten Erfolg und so verlangte sie zu wissen:
„Hey, Mann! Wo bist du eigentlich mit deinen Gedanken?“

Derek zuckte bei der unerwarteten Ansprache ein klein wenig zusammen:
„Tut mir leid, Baby. Ich musste gerade an etwas denken.“

Braeden rollte mit den Augen:
„Ja, Derek, das kann ich sehen! Das tust du oft in letzter Zeit.“ stellte sie fest.

Er blickte sie verständnislos an:
„Tue ich das?“

Sie boxte ihm unsanft in den Oberarm:
„Ja, das tust du! Also? Was ist nun? Willst du mir sagen, was los ist? Oder muss ICH es DIR vielleicht sagen?“

„Was denn? Mit mir ist alles bestens!“ behauptete Derek brummend.

Braeden schnaubte verächtlich:
„Ich habe mir das jetzt echt lange genug mit angeschaut, Süßer! Warum unternimmst du denn nicht endlich etwas? Aus welchem Grund enthältst dir selbst das vor, was du dir mehr als alles andere wünschst? Ist es wegen dem, was mit deiner Familie passiert ist? Verlustängste vielleicht?“

Derek begann, wütend auszusehen:
„Ich enthalte mir überhaupt nichts vor! Vielleicht könntest du mal aufhören, in Rätseln zu sprechen. Oder noch besser, wir sprechen überhaupt nicht mehr und amüsieren uns stattdessen lieber ein bisschen.“

„Hab´ ich doch versucht!“ schoss Braeden zurück und blickte vorwurfsvoll in seinen Schritt: „Aber bei dir regt sich ja nichts! Und ich weiß auch wieso: Weil du jetzt nämlich lieber woanders wärst, als bei mir!“

„Wovon zum Teufel redest du eigentlich? Seit das mit uns beiden läuft, habe ich keine andere Frau angefasst und das, obwohl ich weiß, dass wir zwei nichts Exklusives haben und du an einer festen Bindung kein Interesse hast.“ bellte Derek: „Machst ausgerechnet DU mir jetzt etwa gerade eine Szene? DU hast doch mit Sicherheit noch ein halbes Dutzend Kerle neben mir, oder nicht?“

Einen Moment lang blickte Braeden ihn sprachlos an. Dann brach sie schließlich in schallendes Gelächter aus.
Sie brauchte ewig, um sich wieder zu beruhigen und Derek, der keine Ahnung hatte, was los war, funkelte sie zornig an.
Schließlich sagte Braeden:
„Mein Gott, Hale, du bist echt dümmer, als die Polizei erlaubt! Eifersucht ist mit Sicherheit nicht das, worum es hier geht. Ich mache mir Sorgen um dich und darum schicke dich jetzt auf den Weg, weil ich es nämlich einfach nicht mehr mit ansehen kann! Und ich pfeife mittlerweile sogar darauf, dass dadurch vielleicht mein Karma zu Teufel geht! Hör mir gut zu, mein Freund, denn ich habe Neuigkeiten für dich: DU.BIST.VERLIEBT! Verliebt in diesen Jungen!“

„Ich bin... WAAS? ICH BIN NICHT SCHWUL!“ antwortete Derek überrumpelt: „Wieso sagen das eigentlich alle? Nur weil ich gern mit Stiles zusammen bin und der zufällig Kerle mag, macht das doch noch keinen Homosexuellen aus mir!“

Braeden schüttelte nachsichtig den Kopf:
„Ich habe nicht behauptet, dass du schwul bist. Ich habe gesagt, dass du in Stiles verliebt bist. Das ist ein Unterschied!“

„Ich habe ihn gern, na und?“ murmelte Derek unbehaglich.

Braeden ließ sich seufzend auf dem Sofa nach hinten fallen:
„Bullshit, Derek! Du bist verrückt nach dem kleinen Kerl! Und seit er ausgezogen ist, bist du ein Wrack. Du bist unzufrieden und launisch.... also ich meine, noch mehr als sonst und das will wirklich was heißen!“

„Aber ich bin nicht... so! Ich habe so etwas noch nie gemacht. Stiles ist ein Kerl, zum Teufel!“ warf Derek beinahe schon schüchtern ein:

„Und zwar ein ziemlich süßer!“ gab Braeden zurück: „Das freche Grinsen, die kleine Himmelfahrtsnase, der hübsch geschwungene Mund... warum gibst du nicht einfach zu, dass dir das gefällt? Und das ist ja noch nicht alles: Dann ist da ja noch die Art, wie ihr miteinander umgeht! Er sorgt für dich, du sorgst für ihn. Ihr seid doch jetzt schon wie ein Paar, bloß ohne den Sex. Warum nicht endlich Nägel mit Köpfen machen. Und sag´ mir nicht, dass du darüber nicht schon nachgedacht hättest!“

Derek sagte nicht, dass er darüber nicht schon nachgedacht hätte.

Es wäre auch eine Lüge gewesen.

Aber neben allen anderen Bedenken war da ja auch noch diese andere Sache, die Braeden nicht ahnen konnte.

Es war eine Sache, die er ja selbst nicht einmal richtig verstand.
Er hatte es in dem Augenblick bemerkt, als Stiles und er sich geküsst hatten.
Da war nämlich so eine Empfindung in ihm gewesen; mächtig, wild...
...und potenziell gefährlich!
Und da war ihm klar geworden, dass er es nicht riskieren konnte, solange er es nicht vollständig unter Kontrolle hatte.

Braeden schaute ihn prüfend an; so intensiv, dass Derek bereits anfing, sich unwohl zu fühlen. Dann sagte sie:
„Ich tue dir jetzt einen Gefallen und mache Schluss mit dir, Derek! Ich will, dass du nun verschwindest! Vielleicht hilft dir das dabei, endlich anzufangen, wirklich zu leben und glücklich zu werden.“

Derek fiel die Kinnlade herunter:
„Verarschst du mich gerade?“

„Ich meine es todernst! Hau ab! Kneif´ jetzt endlich mal die Arschbacken zusammen und sei ein Mann, oder was auch immer! Mach´ dich auf die Suche nach deinem Jungen! Oder stirb einsam und unglücklich! Es ist deine Entscheidung!“ bestimmte Braeden.

Derek brauchte eine Weile, um zu begreifen, was hier gerade passierte. Dann erhob er sich verwirrt und verärgert und machte sich auf den Heimweg.


Es war eine wirklich laue Sommernacht für Mitte März und so entschied sich Stiles nach seiner Schicht, zu Fuß nachhause zu laufen.
Er hatte richtig gute Laune.
Ethan und er hatten mal wieder eine spaßige, kurzweilige Zeit miteinander gehabt und das Trinkgeld war fürstlich gewesen.

Stiles hatte Musik auf den Kopfhörern und pfiff fröhlich mit.

Und so hörte er den Angreifer nicht, der sich ihm aus einer Gasse von hinten genähert hatte und ihn nun am Kragen packte und mit sich ins Dunkle zerrte.
Es gelang ihm gerade noch, einen kleinen Schrei auszustoßen, da legte sich ihm auch schon eine kräftige Hand über den Mund und eine andere an seine Kehle:

„Hab´ ich dich endlich, du kleine Nutte!“ zischte eine böse Stimme in seinen Nacken.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Es wurden noch keine Kommentare geschrieben.