Der Junge im Bus

vor 3 Mon.
San Francisco im Oktober. Es ist ein kalte Vollmondnacht, Derek ist müde und will bloß noch schnellstmöglich nachhause! Natürlich verreckt ihm gerade jetzt seine blöde Karre. Also gut, dann muss er wohl den verdammten Bus nehmen. Und irgendetwas an dem Typ, der ihm gegenüber sitzt, lässt ihn aufmerksam werden. Honigaugen! Sterek, Pesaac, A..
Teen Wolf Romanze P16-M+M Drama In Arbeit

Zurück ins Leben

Peter blieb noch eine Weile, sah zu, wie sein Neffe sich ein Bein ausriss, um das zitternde Bündel Mensch auf seinem Sofa wieder zurück ins Reich der Lebenden zu holen. Hin und wieder warf er eine lieb gemeinte Gemeinheit in den Raum oder einen hilfreichen Vorschlag, wie mit dem Patienten vorzugehen sei, wie zum Beispiel diesen:
„Wieso stecken wir den Bengel nicht in eine Wanne mit Eis? Das wird seine Temperatur schon senken!“

Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund schaute Derek ihn plötzlich an, als habe er den Verstand verloren:
„Ja, Peter!“ erwiderte er und seine Stimme triefte vor Sarkasmus: „Das würde seine Temperatur sicher senken. Und zwar genau auf Umgebungstemperatur, weil das nämlich sein armes Herz stehen bleiben lassen würde! Was hast du vor? Willst du Stiles etwa umbringen?“

Peter strich dem Jungen eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn:
„Natürlich nicht! Das wäre doch wirklich schade drum! Nicht, bevor ich ihn wenigstens einmal gekostet habe.“

Derek knurrte:
„Sei dir gewiss, dass ich versuchen werde, dass zu verhindern. Wenn Stiles wieder auf den Beinen ist, werde ich ihm raten, auf jeden Fall die Finger von dir zu lassen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das etwas hilft, denn er scheint jemand zu sein, der gern einmal dumme Entscheidungen trifft. Wenn es nicht so wäre, dann wäre er wohl gar nicht erst in diese Situation geraten, sondern Zuhause bei seinem Dad und in Sicherheit. Also vielleicht hast du ja tatsächlich Glück, Peter, denn scheinbar hat es der Junge eilig, seine Unschuld zu verlieren und ich wüsste wirklich niemanden, mit dem man das so gründlich könnte, wie mit dir, denn du bist der ANTICHRIST!“

„Zu viel der Ehre!“ Gab Peter lachend zurück: „Aber erst einmal musst du ihn wieder in Ordnung bringen, denn in diesem Zustand rühre ich ihn mit Sicherheit nicht an. Das ist echt eklig!“

Derek gab ein Schnauben von sich:
„Sicher Peter! Das ist der Plan. Ich richte ihn für dich auf, damit du ihn anschließend flachlegen kannst. Prima Idee!“

Peter grinste schelmisch und erwiderte zwinkernd:
„Also aufrichten kann ich ihn selbst. Mach ihn einfach bloß gesund!“

„Uagh!“ machte Derek: „Da zeigt es sich mal wieder: Selbst ein Widerling wie du schafft es immer noch, sich selbst zu übertrumpfen.“

„Was soll ich sagen, Derek? Ich bin wie ein guter Wein: Ich werde immer besser!“ erwiderte Peter schulterzuckend: „Und was passiert jetzt? Krankenpflege ist ein ziemlich ödes Geschäft, oder?“

Derek hatte gerade noch einmal Stiles Temperatur gemessen: Neununddreißig neun!
Angst kroch in ihm hoch und er erneuerte die Wadenwickel:
„Tut mir ja wirklich leid, dass Stiles Überlebenskampf nicht unterhaltsam genug für dich ist!“ brummte er grantig:

„Mach´ dir keine Vorwürfe. Ist ja nicht deine Schuld!“ entgegnete Peter, Dereks Sarkasmus absichtlich ignorierend: „Ich denke, ich verschwinde dann mal. Heute ist Mittwoch. Es gibt da eine Bar im Castro, die haben das Flatrate-Saufen bis zweiundzwanzig Uhr eingeführt. Und da hockt dann immer ein ganzer Pulk von Jungs; betrunken, willig und jung, die bloß darauf warten, dass einer wie ich sich liebevoll ihrer annimmt!“

Derek verspürte den Wunsch, das selbstgefällige Gesicht seines Onkels mit seiner großen, harten Faust bekannt zu machen. Stattdessen sagte er:
„Na dann Waidmanns Heil! Vor ´nem Tripper muss unsereins ja keine Angst haben.“
Er brachte Peter noch zur Tür; brachte ihn, indem er ihn grob vor sich her schob!


Im ersten Moment war Derek erleichtert den alten Lustmolch endlich wieder los zu sein, doch als er zu Stiles zurückkehrte, spürte er, dass der Schlagabtausch mit seinem Onkel ihn auch ein wenig von seiner Besorgnis abgelenkt hatte, die ihm nun mit aller Macht um die Ohren schlug.

Aspirin!

Derek weckte Stiles und zwang ihn, nicht drei, sondern gleich vier der kleinen weißen Tabletten zu schlucken und mit reichlich lauwarmem Wasser nachzuspülen und nach oberflächlichem Studium der Packungsbeilagen verabreichte er dem Jungen auch noch beinahe all´ die anderen, von Peter mitgebrachten Medikamente in der angegebenen Dosierung.
Irgendetwas davon würde schon helfen!

Dann trug Derek Stiles hinüber ins Schlafzimmer und legte sich dann einmal mehr neben ihn ins Bett. In seiner Unruhe und Angst kontrollierte er die Temperatur seines Patienten zwanghaft alle fünf bis zehn Minuten, als ob das irgendetwas zu ändern vermocht hätte.

Stiles schlief nicht, doch wach war er im Grunde auch nicht. Vielmehr dämmerte er in einer Art Semi-Bewusstlosigkeit vor sich hin und das gefiel Derek überhaupt nicht.

Nach einer Stunde begann Stiles Temperatur dann endlich zu sinken und hatte sich nach einer Weile bei etwa siebenunddreißig fünf eingependelt. Dafür hatte der Junge nun unglaublich zu schwitzen begonnen. Er strampelte die Decken von sich und jammerte, dass er duschen müsse:

„Das fehlt mir gerade noch; dass du in deinem benommenen Zustand in der Dusche ausrutschst und du dir den Schädel brichst!“ schimpfte Derek. Dann machte er einen Vorschlag zur Güte: „Ich werde dir ein Bad einlassen, in Ordnung? Peter hat einen Badezusatz gegen Erkältung mitgebracht“
Stiles nickte erschöpft. Dann fragte er stirnrunzelnd:
„Dein Onkel war hier?“

Wenig später waren sie beide im Bad und Derek schaute Stiles erwartungsvoll an. Offenbar erwartete der Ältere, dass Stiles sich nun vor seinen wachsamen Augen auszog und ins Wasser begab und würde erst verschwinden, wenn Stiles bewiesen hatte, dass er das schaffen konnte, ohne hinzufallen oder im flachen Wasser zu versaufen.

Unter normalen Umständen wäre es für Stiles undenkbar gewesen, sich vor einem Adonis wie Derek komplett auszuziehen, doch erstens hatte dieser ohnehin schon alles von ihm ohne textilen Sichtschutz gesehen, als Stiles im Fieber vor sich hin vegetiert hatte und zweitens waren dies hier keine normalen Umstände, denn Stiles hatte das Gefühl, mehr tot als lebendig zu sein und daher war es ihm in diesem Moment scheißegal, was Derek über seine dürren Beine, seine magere Brust, seinen winzigen, bleichen Arsch oder seine Genitalien denken mochte. Er entkleidete sich ganz einfach und ließ sich ins warme Badewasser gleiten.

Und es fühlte sich an, wie der Himmel!

Seine schmerzenden Glieder entspannten sich ein wenig und das Atmen fiel mit einem Mal leichter. Stiles seufzte und vor Wonne wären ihm beinahe die Tränen gekommen.

Derek gewährte ihm etwa eine Viertelstunde Privatsphäre im Bad, ehe er wieder hineinkam und bestimmte:
„Du wirst jetzt das hier essen!“

Es handelte sich um eine Instantnudelsuppe in einem Plastikschälchen; die Art, die man einfach nur noch mit heißem Wasser übergießen musste.
Dann stellte Derek noch eine Flasche stilles Wasser an den Badewannenrand und forderte:
„Und hiervon trinkst du, soviel wie möglich, kapiert?“

„Jawohl, Sir!“ erwiderte Stiles mit dem schwachen Versuch eines Lächelns, tippte sich mit der Hand an die Stirn und löffelte zunächst einmal seine Suppe.
Sie schmeckte überhaupt nicht, aber sie war ziemlich salzig und das war etwas, was Stiles in diesem Moment gut brauchen konnte, nach dem schweren Verlust von Mineralien durch das Schwitzen. Außerdem machte dies es ihm leichter, sich gehorsam beinahe den gesamten Inhalt der Wasserflasche einzuverleiben.

Vom Badewasser getragen zu werden war angenehm; Stiles fühlte sich beinahe schwerelos.

Sich hinterher wieder daraus zu erheben, war dagegen eine ganz andere Sache. Er hatte das Gefühl, die Schwerkraft habe sich zwischenzeitlich verdreifacht und als er versuchte aus der Wanne zu steigen, wäre er beinahe in sich zusammengesackt. Zum Glück war Derek zur Stelle, der ihm ein großes Badetuch hingehalten hatten und ihn nun zur gleichen Zeit damit auffing und einwickelte:
„Mein Held!“ murmelte Stiles, in dem Bemühen, mit dem lockeren Spruch seine Peinlichkeit zu überspielen.
Mit mäßigem Erfolg, denn nun schämte er sich sogar noch ein kleines bisschen mehr.

Und Derek knurrte leise, wie ein böser Hund.

Stiles mochte es irgendwie, wenn er das tat und schenkte ihm ein kleines, schüchternes Grinsen!

Halbwegs eigenständig schaffte der Junge nun seinen Weg zurück ins Schlafzimmer, wo bereits ein frischer Pyjama auf ihn wartete.

„Danke!“ sagte Stiles:
„Hab´ ich dir nicht gesagt, dass du das mit dem ewigen `Danke hier´ und `Danke da´ bleiben lassen sollst?“ Bellte Derek.
Stiles zuckte mit den Achseln und erwiderte ungerührt:
„Sorry! Ich schätze, beinahe zwei Jahrzehnte gutes Benehmen lassen sich nicht einfach so über Nacht abschütteln.“
Er kroch zurück ins Bett.
„Und ICH schätze, dir muss es besser gehen, wenn du die Klappe schon wieder so weit aufreißen kannst!“ schimpfte Derek.
Dann blieb er unschlüssig mitten im Raum stehen, bis Stiles sagte:
„Na, komm´ schon Großer! Es ist dein Bett und es ist groß genug für uns beide, oder nicht?“

Derek sagte nichts dazu, doch er folgte der Einladung mit finsterer Miene und knipste dann energisch das Licht aus.

Fünf Stunden später klingelte ein Wecker, den Derek eigens dafür gestellt hatte, Stiles Temperatur zu messen, denn nun würde die Wirkung des Aspirin langsam wieder abklingen. Und tatsächlich hatte das Fieber von Stiles wieder zu steigen begonnen. Das Thermometer zeigt nun achtunddreißig fünf an und damit wurde es Zeit für eine weitere Dosis des Schmerzmittels, die Stiles brav einnehmen musste, ehe ihm erlaubt wurde, weiterzuschlafen.


Nach dieser Nacht begann es Stiles ganz langsam ein klein wenig besser zu gehen. Sein Fieber war in den folgenden Tagen nicht mehr ganz so hoch gewesen und verwandelte sich nun nach und nach in erhöhte Temperatur.

Stiles gelang es mittlerweile bereits, mehrere Stunden am Tag wach zu bleiben, auch wenn er immer noch sehr schwach war und Derek konnte endlich einmal wieder das Haus verlassen, um frische Luft zu schnappen, seinen Geschäften nachzugehen und Einkäufe zu erledigen.
Und weil Stiles ihm in einem fort von den legendären World-of-Warcraft-Schlachten mit seinem besten Freund Scott erzählt hatte, kam Derek an diesem Morgen mit einer Spielekonsole wieder.
Da er keine Ahnung von diesen Dingen hatte, hatte er sich im Elektrofachmarkt eigens beraten lassen.
Als Derek das Gerät vor Stiles hinstellte, schaute dieser ihn an, als habe er den Verstand verloren:
„Hast du das Ding etwa für mich gekauft?“ erkundigte er sich fassungslos.

Derek errötete ein klein wenig und behauptete dann barsch:
„Natürlich nicht! Es ist für mich! Aber vielleicht bringst du mir ja bei, wie man damit spielt. Und du kannst es natürlich auch gern benutzen. Vielleicht hilft es dir ja dabei, schneller gesund zu werden?“

Stiles tat, als würde er der fadenscheinigen Erwiderung glauben schenken und nickte, doch sein Herz machte gerade diese merkwürdigen Hüpfer in seiner Brust: Derek hatte ihm tatsächlich zugehört bei seinem endlosen Gequatsche über dummes Teenager-Zeug!
Und er war losgegangen, um eine Spielekonsole für ihn zu besorgen!

Um ihn glücklich zu machen!

Denn Stiles wollte daran glauben, dass dies so etwas wie ein Geschenk an ihn war, auch wenn Derek nicht den Mut hatte, dazu zu stehen.

Bedeutete das wohl, dass sein Retter wahrhaftig etwas für ihn übrig hatte?
War es vielleicht sogar...?
Das Blut schoss Stiles ins Gesicht.

Um den Schein zu wahren, machte Stiles ein wenig später tatsächlich den Versuch, Derek den Sinn der verschiedenen Spiele zu erklären und ihm die Handhabung der Controller beizubringen, doch es zeigte sich schnell, das dem Älteren hierfür jegliche Leidenschaft fehlte. Derek wandte sich lieber schnell wieder seinen Büchern zu, während Stiles, mit Kopfhörern auf den Ohren für sich alleine spielte.

Derek stellte drei Mahlzeiten am Tag auf den Tisch und erwartete, dass Stiles tüchtig zulangte, um wieder zu Kräften zu kommen.
Allerdings bereitete er lediglich das Frühstück selbst zu. Mittags und abends gab es Fertiggerichte, Tiefkühlpizza oder irgendetwas vom Take-Away.
Das Kochen hatte Derek scheinbar nie gelernt.

Endlich fühlte sich Stiles sowohl körperlich, als auch seelisch dazu in der Lage, sein bereits seit drei Wochen totes Handy aufzuladen und zu hören, wer versucht hatte, ihn zu erreichen.
Wie erwartet, piepte es dann auch ohne Unterlass, sobald es wieder in Betrieb war: Textnachrichten, verpasste Anrufe und Mailboxbenachrichtigungen; allesamt von Scott und seinem Dad!
Stiles hörte also die Mailbox ab, las die Nachrichten und der Inhalt war allenthalben derselbe: WO STECKST DU? LEBST DU NOCH? WIR MACHEN UNS SORGEN! KOMM NACHHAUSE, VERFLUCHT!

„Wirst du dich bei ihnen melden?“ Wollte Derek wissen.
Stiles blickte ihn an, wie ein neugeborenes Kätzchen und der Ältere grollte:
„Du solltest sie wenigstens wissen lassen, dass du lebst, verdammt nochmal!“

Stiles nickte und dann verfasste er eine Textnachricht an Scott:
`Hey Bro, ich bin in Ordnung! Mach Dir keine Sorgen! Sag´ bitte auch meinem Dad Bescheid! Stelle das Handy nun wieder aus und melde mich, wenn ich dafür bereit bin. Bitte verzeiht mir!´
Er hielt einen Moment inne, las die Nachricht noch einmal und fügte dann, einem spontanen Impuls folgend hinzu: `Hab´ Dich lieb! Und Dad auch! lg, S.´
Er drückte auf senden und schaltete das Telefon dann tatsächlich, wie angekündigt wieder aus.

Dann brach er in Tränen aus.

Derek seufzte, legte sein Buch beiseite und rückte an Stiles heran, unschlüssig, was er nun eigentlich vorhatte.
Die Entscheidung wurde ihm von seinem Patienten abgenommen, der sich verzweifelt an seine Brust warf.

`Menschen!´ dachte Derek einen unzufriedenen, mulmigen Moment lang. Dann gab er sich selbst einen Ruck und legte die Arme um den schluchzenden Jungen, welcher sein Shirt gerade ungeniert mit seinen Tränen und seinem Rotz durchweichte.

Als Stiles sich wieder beruhigt hatte, entschuldigte er sich ganze dreimal für seinen Gefühlsausbruch, bis Derek genervt versichert, dass er ja durchaus verstand, dass das schwer für ihn war:
„Was ich allerdings nicht verstehe ist, warum du überhaupt von zuhause weg bist? Da gibt es doch ganz offensichtlich zwei Menschen, die dich sehr lieben. Wieso hast du die verlassen?“

„Es ist wegen meines Dads!“ Begann Stiles seine lahme Begründung: „Er und ich, wir hatten doch immer nur einander! Ich wollte stets, dass er stolz auf mich ist! Und dann ist diese Sache passiert! Und er denkt nun, ich wäre…und vielleicht bin ich das ja auch...und...und solange ich nicht sicher weiß, ob es wirklich so ist…solange ich nicht wirklich weiß, wie ich selbst dazu stehe, wenn es wirklich so wäre, kann ich ihm einfach nicht wieder unter die Augen treten!“

Derek, der fand, dass die Umarmung nun lange genug gedauert hatte, rückte ein wenig von Stiles ab, blickte ihn ernst an und sagte dann:
„Vielleicht solltest du zu aller erst einfach mal damit anfangen, dass Wort auszusprechen: Schwul! Es wird dich schon nicht umbringen, es zu sagen. Sprich in einen Spiegel und sag dann `Ich bin schwul!´ Und dabei ist es gar nicht so wichtig, ob es wirklich so ist. Schau einfach mal, wie sich das anfühlt.“

Und während Stiles ihm noch einen `Drehst-du-jetzt-vollkommen-durch?´-Blick zuwarf, machte Derek sich bereits auf den Weg, um besagten Spiegel nun auch tatsächlich zu besorgen.

Als er ihn Stiles hinhielt, murrte dieser:
„Das mach´ ich nicht! Das ist doch komplett albern!“

Aber Derek ließ nicht mit sich verhandeln und so gab Stiles schließlich nach, nahm den Spiegel entgegen und schenkte sich selbst einen kritischen Blick.
Dann schaute er zu Derek hinüber und erkundigte sich nochmals unglücklich:
„Muss ich wirklich?
Derek nickte lediglich.
Stiles konnte spüren, wie sein eigenes Herz gegen seine Rippen hämmerte.
Er machte mehrfach den Versuch, die Worte zu sagen, doch sein Hals war wie zugeschnürt:

„Atmen, Kleiner!“ befahl Derek und Stiles versuchte zu folgen, auch wenn er im Hintergrund spürte, dass da etwas auf ihn lauerte.
Stiles holte also tief Luft, straffte sich und sagte zu seinem Spiegelbild:
„Ich bin schwul!“

Und dann traf es ihn mit der Wucht eines Hochgeschwindigkeitszuges:
Die schlimmste Panikattacke seines Lebens brach über Stiles herein!

Derek blickte ihn entsetzt an:
„Hey Kleiner, was ist mit dir? Du bist ja weiß wie Schnee! Du hast das doch sehr gut gemacht. Kein Grund für Panik!“

Stiles kugelte sich auf dem Sofa sitzend zusammen, wie ein Gürteltier, verbarg sein Gesicht zwischen seinen Knien und wirkte dabei so verdammt mitleiderregend, dass Derek ihn, entgegen seiner Gewohnheit schon wieder in den Arm nahm:
„Ist nicht schlimm, Junge! Ehrlich! Davon geht die Welt nicht unter!“ versicherte er.

Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte Stiles hervor:
„Scheiße! Ich denke es ist wahr!“ Schniefen und Schluchzen: „Aber… ich will das nicht, verdammt! Ich will normal sein!“

Derek seufzte:
„Du BIST normal, Stiles; ein ganz normaler Junge, der Kerle mag. Das ist kein so großes Drama, wie du jetzt gerade denkst, also bleib locker, O.K.?“

Weiterer Rotz, Sabber und Tränen verschmierten Dereks Shirt und dieser hatte langsam das Gefühl, er habe es mit einem Säugling zu tun; doch duldsam wie er war, hielt er den Weinenden ganz einfach fest und sicher im Arm, bis dieser sich wieder ein wenig beruhigt hatte.
Dann verschwand Derek für einen Moment in der Küche und kam bald darauf mit einer dampfenden Tasse Kakao für Stiles wieder.

Der Jüngere konnte es beinahe nicht fassen, nahm das Trinkgefäß strahlend entgegen, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und murmelte verlegen:
„Du bist echt der allerliebste, netteste schlechtgelaunte Einzelgänger, den ich je getroffen habe. Du bist wirklich toll, Derek!“

Der Angesprochene gab ein verlegen-grimmiges Grunzen von sich und gab vor, sich jetzt unbedingt sportlich betätigen zu müssen, was offenbar keinen Aufschub duldete und Stiles wendete sich mit einem kleinen Grinsen wieder seinem Videospiel zu, doch irgendwie war seinen Aufmerksamkeit in diesem Moment zweigeteilt.

Im Rahmen der Schlafzimmertür klemmte eine Stange und Stiles hatte sich schon gefragt, wofür die wohl wäre.
Nun erfuhr er es!

Derek hatte sein eingesautes Shirt ausgezogen und machte nurmehr im Unterhemd gefühlte zweihundert Klimmzüge, ohne auch nur im geringsten in Schweiß auszubrechen. Darauf folgte dann eine ebenso beeindruckende Anzahl Sit-Ups und Push-Ups.
Zuletzt konnte Stiles nicht einmal mehr vorgeben, zu spielen, so gefangen war er von dem Muskelspiel, der Anmut und der Mühelosigkeit.
(Aber auch von der Sinnlichkeit seines Überwachungsobjekts, dem Testosteron das im Raum umherschwirrte und seiner eigenen, verrückt spielenden Libido!)

Fuck!

Er war ja so was von schwul!

„Genug geglotzt?“ fragte Derek mürrisch, als er eigentlich schon beinahe damit fertig war, schamlos mit seiner Fitness und seinem unwahrscheinlich heißen Körper anzugeben:

„Sorry, Mann! ADHS!“ brabbelte Stiles, um sich herauszureden: „Meine Augen wandern ganz automatisch dahin, wo Bewegung ist. Weiter nichts!“

„Aber sicher doch!“ gab Derek spöttisch zurück: „Und ich schätze, bei dir ist gerade der Bildschirm eingefroren, wie?“

Stiles errötete heftig.

Doch dann überkam den Jüngeren Ärger.
Das hatte Derek doch mit Absicht gemacht; hier derart vor ihm herum zu posieren.
Und außerdem hatte Stiles auch das sichere Gefühl, dass Derek die bewundernden Blicke durchaus genossen hatte, sonst hätte er sich doch schon viel früher beschwert oder seine Aktivität einfach abgebrochen, oder nicht?

Mistkerl!

Stiles wandte sich wieder seinem Spiel zu, ohne Dereks Frage einer Antwort zu würdigen.


Eine Weile später klingelte es an der Tür und es war der unvermeidliche Peter:
„Gibt´s Kaffee?“ erkundigte er sich:
„Wenn ich welchen koche!“ erwiderte Derek muffelig und verschwand in der Küchenecke.

Peter nutzte die Zeit, um sich ungeniert an Stiles heran zu schmeißen:
„Na, süße, kleine Jungfrau? Hat mein Neffe dich also wirklich den Armen des Todes entreißen können?“

„DU HAST ES IHM ERZÄHLT? schimpfte Stiles so laut, das Derek es auch an der lauten Kaffeemaschine , die gerade frisch die Bohnen mahlte, nicht überhören konnte: „TEILEN WIR DIE INFORMATION ÜBER MEIN ERBÄRMLICHES SEXUELLES VERLIERERDASEIN JETZT ETWA MIT JEDEM?“

„Ich habe lediglich deine Ehre verteidigt!“ rechtfertigte sich Derek: „Er hat dich schon wieder als `meinen Stricher´ bezeichnet. Da ist es mir einfach herausgerutscht!“

„Du meinst also, du hast DEINE Ehre verteidigt, damit dein Onkel dich nicht für jemanden hält, der Stricher bezahlt. Ich persönlich würde nämlich lieber für ein Flittchen als für einen sexuellen Pariah gehalten werden!“ Schimpfte Stiles erbost und erhielt lediglich ein geseufztes Knurren zur Antwort.

Doch ehe die beiden ihr hübsches kleines Streitgespräch fortsetzen konnten, zog Peter Stiles gesamte Aufmerksamkeit auf sich, indem er ihm seinen Controller aus der Hand nahm, sich rittlings auf dessen Schoß setzte, die Hände auf Stiles Brust platzierte und schnurrte:
„Nun sei doch nicht traurig, Süßer! Ich kann deinem Pariahdasein ein Ende machen!“
Peter drängte seinen Unterleib eng an den von Stiles und entlockte diesem damit ein überraschtes kleines Stöhnen: „Ich könnte Dinge mit dir anstellen, von denen du nicht einmal ahnst, dass sie möglich sind. Ich würde dich von Grund auf verderben und du müssest dich nie wieder fragen, ob du nun fickbar bist, oder nicht. Was sagst du?“
Das Gesicht des Älteren hatte sich dem von Stiles nun auf Kussdistanz genähert

„DEREK!“ schrie der Junge panisch: „HILFE!“

Derek kehrte mit Peters Kaffee zum Sofa zurück, knallte ihn lautstark auf den Couchtisch und schimpft:
„Steig´ von dem Jungen runter, verflucht! Er hatte einen schweren Morgen! Er kann jetzt keine unerwünschten Paarungsversuche eines Geriatriepatienten brauchen, kapiert“
Mit diesen Worten schnappte er seinen Onkel im Nacken, wie eine Wolfsmutter es mit einem vorwitzigen Welpen tun würde und zerrte ihn von Stiles herunter.

Peter murrte ein wenig und wendete sich dann aber gleich wieder dem Jüngsten in der Runde zu:
„Was denn? Du hattest einen bösen Tag, Baby?“ säuselte er: „Hat Derek dich etwa geärgert? Erzähl´s dem Onkel!“
„Ich hab´ gesagt, du sollst ihn in Ruhe lassen!“ grollte Derek: „Erzähl´ mir lieber, wie deine Orgie war? Steht mein Strandhaus noch? Ist es noch bewohnbar? Bleibt man jetzt endgültig überall kleben, wo man hin fasst?“
Peter griff in seine Hosentasche und zog die Schlüssel heraus:
„Wie versprochen: Alles wieder pieksauber!“ versicherte er:
„Und meine Nachbarn? Werde ich demnächst von ihrem Anwalt hören?“

Peters Grinsen hatte beinahe schon etwas Obszönes:
„Sie kamen rüber, um sich über den Krach zu beschweren doch dann habe ich ihnen etwas von den Brownies angeboten, die irgendwer mitgebracht hatte und plötzlich wurden sie ganz locker und haben ein bisschen mitgefeiert. Ich schätze, ich habe ihren Horizont ein wenig erweitert!“

Derek machte ein angewidertes Gesicht:
„Du schreckst wirklich vor gar nichts zurück, oder? Die beiden sind über sechzig!“
„Und gut in Form!“ gab Peter schulterzuckend zurück: „Wusstest du, dass er jeden Morgen zwei Stunden joggen geht? Und in seiner Jungend war er ein berühmter Footballspieler. Eigentlich war er Quarterback, aber seit dieser besonderen Nacht ist er ein Wide Receiver Und SIE macht Pilates! Donnerwetter ist diese Dame gelenkig!“

Derek schüttelte sich, wie ein nasser Hund.

Peter ignorierte das geflissentlich und sagte nur:
„Wie auch immer; ich wollte dir ja auch nur deinen Schlüssel wiederbringen und sehen, ob dein Schätzchen noch lebt.“ Er erhob sich, drückte Stiles seine Visitenkarte in die Hand, platzierte einen Schmatzer auf dessen Wange und sagte: „Also gut Kleiner; wenn du es satt hast, von meinem Neffen hier, so was von gründlich NICHT flachgelegt zu werden, dann melde dich!“
Er wandte sich in Richtung Tür und rief:
„Also gut Mädels! Viel Spaß noch. Bis zum nächsten Mal!“
Dann war er verschwunden.

Stiles blickte ihm mit offenem Mund hinterher und sagte schließlich:
„Dein Onkel ist wirklich unglaublich!“

„Unglaublich WIDERLICH!“ erwiderte Derek, registrierte dann, dass Stiles Peters Karte in seinen Rucksack geschoben hatte, anstatt sie direkt in den Müll zu werfen:
„Wirst du ihn anrufen?“ fragte er und konnte den giftigen Unterton in seiner eigenen Stimme hören:
„WAS?“ murmelte Stiles ertappt: „Nein, natürlich nicht!“


Als Stiles am folgenden Morgen auf dem Sofa erwachte, auf dem er nun wieder schlief, seit es ihm besser ging, wurde ihm etwas klar: Er war wieder gesund und damit gab es keinen Grund mehr für ihn, noch hier zu sein und Derek zur Last zu fallen!
Zur Sicherheit nahm er noch einmal seine Temperatur; sechsunddreißig zwei. Damit war es definitiv!
Er hatte hier nichts mehr zu suchen!

Er ging unter die Dusche, zog sich an, packte seine Sachen zusammen, setzte für Derek einen Kaffee auf und wartete.

Als Derek aus seinem Schlafzimmer getapst kam, sah er aus, wie so ein verdammter Disney-Prinz. Es war vollkommen egal, dass seine Haare zerwühlt waren und er nur eine zerknitterte Pyjamahose und ein Unterhemd trug.
Er war atemberaubend!

Stiles wünschte nur, dass er auch nur annähernd so aussehen würde, wenn er aufstand, doch das. was ihm morgens aus für gewöhnlich aus dem Spiegel entgegen schaute, sah eher so aus, wie die Reste des Hackbratens, die man manchmal ganz hinten im Kühlschrank fand.

Und das war auch noch so ein Grund, warum er hier weg musste: Er war auf dem besten Weg, sich in diesen Halbgott zu verlieben und sie beide spielten nun einmal überhaupt nicht in derselben Liga. Ja,Stiles war sich noch nicht einmal sicher, ob sie überhaupt derselben Spezies angehörten!
Also nichts wie weg hier, ehe ihm hier noch das Herz in tausend kleine Stück brach!

Derek erkannte, dass Stiles seine Straßenkleidung anhatte und sozusagen auf gepackten Koffern saß. Dennoch fragte er:
„Was ist denn hier los?“
„Ich gehe! Ich bin wieder gesund, dank dir und nun will nicht länger deine Gastfreundschaft strapazieren.“
Er erhob sich, trat mit gesenktem Kopf vor Derek hin und murmelte: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll dir zu danken. Du hast mich immer und immer wieder gerettet, obwohl du dazu überhaupt keinen Grund hattest. Ich verdanke dir im wahrsten Sinne mein Leben! Einmal ganz abgesehen davon, dass du mich versorgt und durchgefüttert hast! Sobald ich Geld habe, bekommst du einen Scheck von mir, auch wenn das Geld nur der kleinste Teil dessen ist, für den ich mich in deiner Schuld fühle. Deine Fürsorge, deine Freundlichkeit, deine Großherzigkeit, das sind Dinge, die ich wohl nie wieder an dir gut machen kann! Ich kann dir nur danken und dir versichern, dass ich das, was du für mich getan hast zu schätzen weiß!“

Derek hatte sich das alles schweigend angehört und wollte nun lediglich wissen:
„Und wo willst du jetzt hin?“

Schulterzucken!

„Und was hast du vor? Wovon wirst du leben?“

Erneutes Schulterzucken, beantwortet von Dereks allgegenwärtigem Knurren:
„Super! Klingt ja, als hättest du alles wunderbar durchdacht! Na dann, gute Reise, Fremder!“ bellte er.

War das Ärger oder Gleichgültigkeit in Dereks Stimme?
Stiles wusste es nicht!

„Ich kann dir meine neue Adresse geben, sobald ich etwas gefunden habe. Soll ich?“ fragte der Junge unsicher.

Nun war es an Derek mit den Schultern zu zucken:
„Wenn du willst!“

Es klang so kalt und desinteressiert, dass Stiles sich nun nicht einmal mehr traute, Derek zu umarmen, was er eigentlich fest vorgehabt hatte. Er sagte einfach nur:
„Na, dann mach´s gut, Derek! Pass auf dich auf!“

„Ciao!“ war alles, was von Derek kam und darum schnappte Stiles sich seinen Rucksack und ging ganz einfach.


Auf der Straße spürte Stiles, wie die Tränen zu fließen begannen.
Sicher, er hatte nicht damit gerechnet, dass es ein dramatischer Abschied von Dereks Seite aus werden würde, aber totales Desinteresse hatte er nun auch nicht unbedingt erwartet.

Und auch nicht, dass es ihm selbst derart wehtun würde.


Derek blickte noch einen Moment zur Tür und zog sich dann mit einem Becher Kaffee auf`s Sofa zurück.
Also gut! Er hatte diesen verflixten kleinen Borderliner bis hierhin am Leben gehalten, aber wenn Stiles jetzt einfach so sang- und klanglos verschwinden wollte, dann war das ja wohl nicht mehr sein Problem. Natürlich würde er da draußen verhungern, erfrieren, vergewaltigt oder ausgeraubt werden, aber was konnte Derek schon dagegen unternehmen, wenn Stiles unbedingt von ihm weg wollte?
Das war´s dann eben!

Er starrte auf diese blöde Spielekonsole, die vor ihm stand und ihn auszulachen schien. Am liebsten hätte er dem verfluchten Ding einen kräftigen Tritt verpasst, doch das tat er nicht. Stattdessen stellte er seine Kaffeetasse ab, sprang auf, schnappte sich seinen Haustürschlüssel von der Kommode und sprintete los, so wie er war.

Auf der Straße blickte er sich nach links und rechts um. In der Ferne erkannte er die vertrauten Umrisse von Stiles, wie der gerade um die nächste Ecke verschwand und Derek rannte.

Als er Stiles beinahe erreicht hatte, rief er dessen Namen.
Der Junge blieb abrupt stehen und drehte sich um.

Stiles blickte Derek an, als habe dieser den Verstand verloren und dies aus gutem Grund:
„Derek, du bist barfuß! Du bist im Pyjama! Es ist November!“ Murmelte er verstört: „Du wirst dir den Tod holen!“
Derek lief hochrot an und erwiderte:
„Ich sagte doch, ich werde nicht krank!“

„Aber die Leute!“ fuhr Stiles fort: „Sie gucken schon!“

„Mir egal!“ behauptete Derek:

„Und was willst du noch von mir? Ich schwöre, ich habe deinen Laptop und deine Brieftasche nicht angerührt!“ versicherte Stiles:

„Weiß ich doch, du kleiner Idiot!“ bellte Derek barsch: „Komm´ wieder Nachhause!“

Stiles glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können.

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