Das Leben des Jan R. - Geschichte einer großen Liebe

vor 7 Mon.
Fortsetzung zu "Geschichte einer Rebellion" (aber auch separat lesbar, denke ich): Nachdem Jan mit seiner kleinen Schwester Sophie dem Martyrium ihres Elternhauses entkommen ist, stehen die beiden nun vor der Herausforderung, das Erlebte zu verarbeiten und einen Weg in ein glückliches, selbstbestimmtes Leben zu finden. Als wäre das ni..
Fiktive Biographien Romanze P18 Tragödie/Leid In Arbeit
Bemerkung des Authors: Teil 1 findest du hier: http://www.myfanfiction.net/de/t/143400/fiktive_biographien/das_leben_des_jan_r_-_geschichte_einer_grossen_liebe.anfaenge.757284.html Und hier gibt es einen kleinen, eher kryptisch geschriebenen One-Shot, der einen Einblick in Jans Seele gibt: http://www.myfanfiction.net/de/t/143753/allgemein/das_verlies.das_verlies.759636.html

Anfänge

Hochverehrter Leser, ich freue mich, Dich auf dieser weiteren Reise durch meine Vergangenheit begrüßen zu dürfen!
In «Geschichte einer Rebellion» habe ich bereits über meine Kindheit, Jugend und die Anfänge meines Erwachsenenalters berichtet, habe von meinem durch Gewalt und Missbrauch geprägten Alltag erzählt und Dir ein Bild von meiner Freundschaft zu Dirk, der wichtigsten Konstante in meinem Leben, gemalt.
In dieser Geschichte möchte ich nun schildern, was sich nach meinem Auszug aus meinem Elternhaus zugetragen hat. Es ist eine Geschichte voll Hoffnung, Rückschlägen, Glück, Herzschmerz und vor allem Liebe.
Um diese Geschichte vollständig erzählen können, muss ich jedoch ein wenig in der Zeit zurückgehen. Daher beginnt diese Erzählung nicht etwa 2001, dem Jahr, in dem mein neues Leben anfing, sondern 1999.
Im Februar 1999, um genau zu sein…

Ich erinnere mich noch genau: Es war der erste Tag im zweiten Schulhalbjahr, als ich Opfer eines perfiden, kleinen Heckenschützens namens Armor wurde.
Es hatte schon vor geraumer Zeit zur großen Pause geläutet, aber ich war noch im Klassenraum im ersten Stock geblieben, um einem Mitschüler die neusten Gemeinheiten näher zu bringen, die sich unser Mathelehrer ausgedacht hatte. Dementsprechend war ich also auf der Suche nach Dirk und unseren Freunden, die schon vorgegangen waren, als ich sie erblickte.
Sie stand am Treppenabsatz, unterhielt sich mit ein paar anderen Mädchen und war derart schön, dass ich meinen Augen nicht traute.
Ihr langes, honigblondes Haar floss in einem goldenen Wasserfall ihren Rücken herab und ihre schlanke Gestalt ließ sie zerbrechlich und beschützenswert erscheinen. Eines der anderen Mädchen machte eine Bemerkung und sie lachte leise, wobei ihre weiche Stimme bis zu mir herauf perlte.
Ich war wie elektrisiert, doch leider nicht wie gelähmt...
Während mein Blick wie gefesselt an ihrem fein geschnittenen Profil und ihren zart rosafarbenen, vollen Lippen hing, bewegte sich mein Körper unaufhaltsam weiter in die Richtung, in die ich unterwegs gewesen war, bevor ich dieses wunderschöne Wesen erblickt hatte – direkt in die Ausstellung des Kunst-Leistungskurses des diesjährigen Abiturjahrgangs.
Mit lautem Gepolter krachte ich in eine hölzerne Aufstellwand, was mich etwas benommen rückwärts taumeln ließ, bis ich über die oberste Treppenstufe trat. Ich ruderte wie wild mit den Armen und versuchte, mein Gleichgewicht wiederzufinden, jedoch vergebens…
Nur wenige Sekunden später verlor ich den Kampf gegen die Schwerkraft und stürzte rücklings die Treppe hinab. Nach einigen schmerzhaften Überschlägen kam ich endlich unten an und öffnete leise stöhnend die Augen.
Über mir kniete das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte, und blickte mich besorgt an. „Alles okay mit dir? Das sah ziemlich böse aus.“ Das Mädchen lächelte mich ein wenig zögerlich an, während seine Freundinnen im Hintergrund hörbar Mühe hatten, ihr Gekicher zurückzuhalten.
„Ich... äh... denke... schon?“, stammelte ich, während ich mich in dem tiefen Blau dieser Augen verlor und das Blut mir in die Wangen schoss.
„Ah, schön, du bekommst wieder etwas Farbe.“ Das Lächeln des Mädchens wurde ein wenig breiter und die Schamesröte in meinem Gesicht noch intensiver.
„Hey, das muss dir nicht peinlich sein.“, lachte das Mädchen. „Ich bin es gewohnt, dass die Jungs sich mir zu Füßen werfen. Aber eines muss man dir lassen: So elegant wie du hat es bisher noch keiner getan.“ Mein Gesicht wurde noch um ein vielfaches röter, doch das Mädchen stand einfach auf und ging zu seinen inzwischen hemmungslos lachenden Freundinnen.
Ich suchte verzweifelt nach irgendeinem coolen Spruch, den ich den kichernden Mädels zurufen konnte, um nicht wie der letzte Trottel dazustehen, aber mir wollte partout nichts einfallen. Also trollte ich mich so schnell ich konnte, wobei ich mich ein wenig so fühlte wie ein geprügelter Hund, der sich mit eingezogener Rute in seiner Hütte verkriecht.
Ich war mir vollkommen sicher, mit diesem Auftritt hatte ich mir auch noch die letzte, winzige Chance versaut, dass ein Mädchen wie sie Interesse an mir zeigen könnte.
Missgelaunt setzte ich meine Suche nach meinen Freunden fort, wobei mein Knie, das ich mir an einer Treppenstufe angeschlagen hatte, leichte Schmerzwellen durch meinen Körper schickte.

Als ich meine Clique schließlich in der Cafeteria fand, waren meine Wangen noch immer von einigen rosafarbenen Flecken übersät. Dirk lehnte sich kauend über die Rückenlehne und blickte mich mit leicht zusammengezogenen Augenbraunen an: „Wie siehst du denn aus?“
Ich brummte eine undefinierbare Antwort und ließ mich hart neben ihn auf die Holzbank fallen. Während ich die neugierigen Blicke der anderen auf meinem Gesicht fühlte, stützte ich die Füße auf den vor mir stehenden Tisch und rutschte ganz zur Kante der Sitzfläche, um den Kopf auf die Rückenlehne legen zu können.
„Alles okay bei dir?“ „Du siehst aus als wärst du überfahren worden oder so.“
Ich blendete ihre Stimmen einfach aus und schloss die Augen. Ich hatte große Lust meine Stirn gegen die nächste Backsteinmauer zu schlagen. So etwas Peinliches hatte auch nur mir passieren können! Am liebsten wäre ich einfach im Boden versunken.
Ich spürte wie Dirk neben mir mit den Schultern zuckte, und damit war das Thema für den Rest erledigt. Sie kannten mich inzwischen lange und gut genug, um zu wissen, dass ich erst reden würde, wenn ich dafür bereit wäre.
Als wir uns wenige Minuten später wieder auf den Weg zurück zu den Klassenräumen machten, nahm Dirk mich trotzdem zur Seite und fragte mit gesenkter Stimme: „Wirklich alles okay?“
Ich nickte matt und versprach, ihm später zu erklären, was passiert war, bevor sich unsere Wege trennten. Während er weiter Richtung Naturwissenschaftstrakt ging, bog ich in meinen Klassenraum ab.

Englisch... ürgh.
Als wäre der Tag nach diesem Treppensturz nicht schlimm genug gewesen…
Obwohl mein bester Freund zur Hälfte Engländer war und auch ich, was meine Fremdsprachenkenntnisse anging, seit jeher von diesen Wurzeln profitiert hatte, hatte ich mich nie wirklich mit dem Unterrichtsfach anfreunden können. Textanalysen, Gedichtinterpretationen, ein bisschen englische Geschichte… Es war wie Deutsch, was ich im Gegensatz zu Englisch liebte, nur in langweilig…
Ich lümmelte mich tiefer auf meinen Stuhl in der letzten Reihe, spielte genervt mit meinem Kugelschreiber und träumte ein wenig vor mich hin.
Ich dachte an sie, ihr seidig glänzendes Haar, dieses unglaubliche Blau ihrer Augen, ihre perfekten Kusslippen und stellte mir vor, wie unser Kennenlernen gewesen wäre, wäre ich kein vollkommener Idiot gewesen.
In meiner Phantasie war sie bereits meinem extrem männlichen Charme und meiner lässigen Art verfallen und hing begierig schnurrend an meinem breiten Hals, während ich mir mit der flachen Hand über mein stoppeliges, kantiges Kinn fuhr.
In der Realität war ich eher schlaksig als kräftig und Bartstoppeln in meinem noch ziemlich kindlichen Gesicht zu finden, war ein unmögliches Unterfangen. In der Realität rieb sie sich auch nicht lüstern an meiner Seite, sondern stand neben meiner Englischlehrerin und blickte ein wenig amüsiert zu mir herüber.
Überrascht riss ich die Augen auf und ließ meinen Kugelschreiber fallen, der prompt vom Tisch rollte und laut scheppernd auf dem Boden landete. Auf ihren himmlischen Lippen machte sich ein belustigtes Lächeln breit, während sie mir unverwandt in die Augen sah und von unserer Englischlehrerin dazu aufgefordert wurde, sich vorzustellen.
„Hallo zusammen.“ Sie hob eine ihrer schmalen Hände zum Gruß und lächelte in die Runde. „Also, ich heiße Rachel, bin fünfzehn Jahre alt und mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester vor zwei Wochen hierher gezogen. Ich bin also keine gebürtige Berlinerin, aber ick denke, det krieg ick hin, wa?“ Sie grinste schelmisch und die Aufforderung, sie solle sich einen Platz suchen, ging im allgemeinen Gelächter unter.
Obwohl sie die Auswahl zwischen mehreren freien Stühlen hatte, kam sie direkt auf mich zu. Sofort begann Herz zu rasen und mir brach der Schweiß aus. Trotzdem versuchte ich verzweifelt, mir ein wenig Restwürde zu bewahren, indem ich Rachel ignorierte, anstatt sie mit großen Augen anzustarren.
Leise zog sie ihren Stuhl zurück und setzte sich mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung neben mich, wobei ihr langes Haar meine Schulter streifte. Sie saß so nah neben mir, dass mir ihr berauschender Duft in die Nase stieg. Während ihre Haut einen zarten Zitrusduft verströmte, roch ihr Haar dezent nach grünen Äpfeln.
Ich stützte mich mit den Ellenbogen auf den Tisch, atmete tief durch und versuchte, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Der Drache von Lehrerin vorne am Pult gab sich große Mühe, einer Gruppe von siebenundzwanzig mit Sexualhormonen vollgepumpten Großstadtteenies die Schicksale der Tudors näher zu bringen, doch kaum einer hörte ihm zu. Wie ich mit einem Blick durch den Raum feststellte, starrten fast alle Rachel an.
Die Blicke der Mädchen schwankten zwischen unverhohlener Bewunderung, schüchterner Neugierde und neidvoller Verachtung. Die Blicke der Jungen unterschieden sich eigentlich nur im Grad ihrer Intensität. Manche waren schüchtern oder verlegen, andere schienen es förmlich herauszuschreien, doch ich sah kaum männliche Augenpaare, die kein sexuelles Interesse ausdrückten.
Angewidert rümpfte ich die Nase und lehnte mich wieder zurück. „Wir Männer sind doch allesamt notgeile, sabbernde Böcke“, ging es mir durch den Kopf, aber wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich bloß Angst, dass einer von diesen Typen bei ihr landen könnte.
Rachel drehte sich mir ein wenig zu, doch ich verschränkte die Arme, krampfhaft versucht, sie weiterhin zu ignorieren. Vom anderen Ende des Raumes winkte mir Jay grinsend zu. An dem Funkeln in seinen Augen konnte ich ablesen, dass er eine leise Ahnung hatte, was mich in der Pause derart aus der Bahn geworfen hatte.

Als die Stunde endlich vorüber war, wollte ich schnellstmöglich meine Bücher und Hefte zusammenpacken und mich auf den Weg zur Sporthalle machen, aber Rachel hielt das Schweigen zwischen uns offensichtlich nicht mehr aus. Sie hatte schon die letzten Minuten nicht still sitzen können und hatte mich immer wieder mit kraus gezogener Stirn von der Seite gemustert.
„Hey, Stuntman, du bist doch nicht etwa ein echter Streber?“ Sie schenkte mir ein strahlendes Grinsen, bei dem mein Herz zerfloss wie Butter in der Sommersonne.
„Nicht, dass ich wüsste.“ Bei dem unsicheren, leicht heiseren Klang meiner Stimme hätte ich mir am liebsten in den Hintern getreten. So hinterließ ich bestimmt keinen guten Eindruck…
„Du warst so ziemlich der Einzige, der zugehört zu haben scheint“, strich Rachel mit schief gelegtem Kopf heraus. Als ich einen Blick in ihre spöttisch funkelnden Augen wagte, vergaß ich schlagartig, was ich hatte antworten wollen. Um ein wenig Zeit zu schinden, zuckte ich mit den Schultern, schob meinen Stuhl zurück und richtete mich auf.
Rachel musste ihren Kopf in den Nacken legen, um zu mir herauf zu schauen. „Wow! Du bist echt groß! Das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.“
Bei dem Gedanken an meinen peinlichen Auftritt lief ich sofort wieder rot an und wollte vor Scham im Erdboden versinken. Rachel lächelte jedoch weiterhin zu mir hoch und stand ebenfalls auf. Sie ging mir nur knapp bis zur Schulter.
Da sie weiter nichts sagen zu wollen schien und mein Kopf derart leer war, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte, nickte ich ihr mit einem halbherzigen Lächeln kurz zu und drehte mich um.
Ich hatte jedoch kaum den halben Raum durchquert, als Rachel bereits wieder zu mir aufschloss, obwohl sie von einer Gruppe Jungen und Mädchen umringt worden war.
„Und wie groß bist du genau?“, hakte sie nach. „Irgendwas um die ein Meter neunzig.“ „Wow!“, wiederholte sie mit noch mehr Nachdruck als zuvor und ließ ihren Blick an meinem Körper hinabgleiten.
Bildete ich mir das nur ein oder lag dabei tatsächlich so etwas wie Bewunderung in ihren Augen?
Mein Herz machte einige freudige Hüpfer, während mein Verstand versuchte, die sich zaghaft ausbreitende Hoffnung im Keim zu ersticken.
Mädchen wie Rachel interessierten sich nicht für Jungen wie mich…
Ich wusste zwar, dass ich nicht gerade hässlich war, aber abgesehen von einem einigermaßen hübschen Gesicht hatte ich nicht besonders viel zu bieten. Wenn man von psychischem Ballast einmal absah…
Rachel machte den Eindruck eines lebenslustigen Mädchens, das hungrig auf Spaß, neuen Erfahrungen und Partys war. Ich hingegen war eher introvertiert und kämpfte noch immer mit Depressionen, Essstörungen und Autoaggressionen. Zudem war ich erst vor kurzem viel zu früh, aber nichtsdestotrotz glücklich, Vater einer Tochter geworden, für die ich nun Verantwortung zu tragen hatte und der ich große Teile meiner Freizeit opferte.
Das klang für mich nicht gerade als hätten wir besonders viel gemeinsam. Dementsprechend war mein Verstand der festen Überzeugung, dass ich mir dieses unverschämt schöne Mädchen besser schnell aus dem Kopf schlug, bevor mir noch an unglücklicher, unerwiderter Schwärmerei wehtun konnte.
Mein Herz hatte jedoch andere Pläne…

Während meine zwei Hälften mit einander stritten, traten Rachel und ich schweigend aus dem Schulgebäude und gingen auf die Sporthalle zu. Seit sie meine Körpergröße bewundert hatte, hatte keiner von uns mehr einen Ton gesagt.
Ich war mir sicher, dass mir einige meiner Freunde – allen voran Jay – gerade gedanklich in den Hintern traten. Da suchte das vermutlich schönste Mädchen der Schule meine Nähe und wollte ganz offenbar mit mir reden, aber ich verhielt mich regelrecht abweisend, anstatt diese Chance beim Schopf zu packen...
„Die Sache vorhin... das mit dem Treppensturz, das ist dir immer noch peinlich, oder?“ Rachel sah mich beinah schüchtern von unten herauf an. Ihre Iriden funkelten dabei so strahlend und hell wie Aquamarine. Ich musste wegsehen, bevor ich mich in ihnen verlor…
Also nickte ich seufzend und gestand: „Ziemlich, ja.“
Für einen kurzen Moment schaute sie ein wenig betrübt auf ihre Schuhe, nur um mich im nächsten Augenblick entschuldigend anzulächeln. „Und ich hab auch noch so einen dummen Spruch gebracht. Tut mir echt leid.“
Ich zuckte mit den Schultern und grinste dann ein wenig schief. „Ach, schon gut. Du wolltest die Situation vermutlich nur auflockern. Außerdem ist wahrscheinlich sogar was Wahres dran...“
Ich konnte mir jedenfalls sehr gut vorstellen, dass sich die Jungen ihr scharenweise zu Füßen warfen.
Wäre ich nicht fest davon überzeugt gewesen, dass es für mich nur in Enttäuschung und Schmerzen enden würde, hätte ich es selbst getan!
Unter ihrer Sonnenbräune schien sie ein wenig rot zu werden. „Meinst du?“
Ich blieb in der Tür zur Jungenumkleidekabine stehen und schaute ihr in die Augen, wobei mich wie zuvor ein leichter Schwindel überkam. „Ganz sicher.“
Das Lächeln, das sie mir daraufhin schenkte war so herzzerreißend schön, dass ich einfach nicht anders konnte als sie wie ein Idiot mit leicht offen stehendem Mund anzustarren. „Danke.“, hauchte sie. „Wir sehen uns später, Stuntman.“

In den folgenden Wochen gab ich mir allergrößte Mühe, meine alberne, in meinen Augen aussichtslose Schwärmerei für Rachel loszuwerden und in ihr nicht mehr als eine Mitschülerin zu sehen, die ich gern um mich hatte. Eine Freundin.
Jeden Tag saß sie in der Schule neben mir und machte es mir schwer, mich zu konzentrieren. Die großen Pausen verbrachte ich noch immer mit denselben Jungs, aber in den kleinen erhellte sie meinen Tag mit Erzählungen aus ihrer Kindheit oder vom vergangenen Tag. Meistens schwieg ich dabei und genoss einfach den Klang ihrer weichen Stimme.
Während die meisten Jungen in meiner Clique sich die Haare darüber rauften, dass ich nicht versuchte, aus der Sympathie, die Rachel ganz offensichtlich für mich empfand, Profit zu schlagen, schien Dirk darüber in Hochstimmung zu sein.
Auf meinen besten Freund hatte Rachel den genau gegenteiligen Effekt gehabt wie auf mich. Während ich mich auf den ersten Blick in sie verknallt hatte, hatte Dirk sich innerhalb von Sekundenbruchteilen in sie «verhasst».
Er hielt sie für eine verwöhnte, eingebildete Zicke und weigerte sich vehement, etwas anderes zu glauben – ganz egal, wie oft ich ihm versicherte, dass er mit seiner Beurteilung falsch lag.
Wann immer Jay und die anderen mich davon überzeugen wollten, dass ich nicht so pessimistisch denken und mein Glück bei Rachel versuchen sollte („Gegensätze ziehen sich bekanntlich an!“), verdüsterte sich Dirks Gesicht schlagartig und mein bester Freund verschanzte sich hinter einer Mauer undurchdringlicher, schlechter Laune, die im besten Fall wenige Minuten, im schlimmsten Fall aber auch über Stunden andauern konnte.
Ganz offenbar war es für ihn eine Albtraumvorstellung, dass Rachel und ich uns näher kommen könnten.
Entsprechend wenig begeistert war er, als meine Versuche, mir Rachel aus dem Kopf zu schlagen an einem Tag im März, etwa vier Wochen nach meinem peinlichen Treppensturz, endgültig scheiterten.

An diesem Tag kam ich erst verspätet zur Schule, weil ich verschlafen hatte. Als Rachel mich im Flur sah, lief sie mit wehendem Haar auf mich zu.
„Jan!“ Sie rannte auf mich zu und warf sich mir in die Arme. Mit weit aufgerissenen Augen und wild pochendem Herzen legte ich meine Hände zaghaft auf ihren Rücken. „Hoppla. Was ist denn los?“ „Du glaubst nie, was ich in Mathe hab!“
Ich schob sie sanft von mir weg und legte den Kopf schief. Mathematik war ihr absolutes Hassfach, doch die letzten drei Tage vor der Klausur hatte ich meine großen Pausen geopfert, um ihr beim Lernen zu helfen. Schließlich zuckte ich mit den Schultern, weil ich nichts Falsches sagen wollte.
„Eine Eins! Du bist ein verdammter Mathegott!“
Aus den Augenwinkeln sah ich Dirk, der mit einem mörderischen Ausdruck im Gesicht an uns vorbei ging. Seine Augen sprühten Funken und seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammen gepresst, aber den fiesen Spruch, den er ganz offensichtlich auf im Sinn hatte, behielt er jedoch zum Glück für sich. Trotzdem war ich mir sicher, dass er Rachel in diesem Moment gedanklich den Hals umdrehte. Oder Schlimmeres…
Ich spürte ein Ziehen im Herzen, das von einem leichten Brennen der Magenwände begleitet wurde. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen Dirk gegenüber, weil ich trotz seiner Abneigung Rachel gegenüber mit ihr befreundet sein wollte. Ich konnte nicht sagen, warum, aber es fühlte sich an als würde ich meinen besten Freund mit ihr hintergehen.
„Das müssen wir feiern!“, platzte Rachels noch immer begeistert und ein wenig ungläubig klingende Stimme in meine Grübelei.
Da ich gedanklich noch immer bei Dirk war, murmelte ich abwesend: „Dann wünsch ich dir und deinen Freundinnen dabei viel Spaß.“
Rachel sah mich aus großen Augen an. „Wieso meine Freundinnen und ich? Ich meinte uns.“ Sie wedelte mit der Hand zwischen uns herum. Sie sah beinah ein wenig verletzt aus.
Verblüfft starrte ich sie an. „Du wolltest mit mir feiern?“
„Natürlich, Dummerchen.“ Ein leises Lachen, das wie Musik in meinen Ohren klang, perlte aus ihrem Mund, als sie meinen konsternierten Gesichtsausdruck sah. „Ohne dich hätte ich das gar nicht geschafft.“
„Ach, quatsch.“ Ich winkte ab. Ich hatte es noch nie sonderlich gemocht, wenn man sich zu überschwänglich bei mir bedankte. Ich half gerne, auch ohne Gegenleistung oder ewige Dankbarkeit.
„Nein, nein. Keine Widerrede“, bestimmte Rachel und sah mich dann mit einem Lächeln an, das mir das Hirn vernebelte. „Du gehst heute Abend mit mir aus. Punkt.“
Ausgehen?
Ich?
Mit ihr?
Ich lachte ein wenig nervös. „Das klingt ja nach einem echten Date.“ Sie grinste mich verführerisch an. „Genau. Der Kandidat hat hundert Gummipunkte.“
Mir klappte die Kinnlade herunter und Rachel kicherte zum zweiten Mal an diesem Morgen über meinen dämlichen Gesichtsausdruck. Dann legte sie mir einen Finger ans Kinn und zwang mich sanft, den Mund zu schließen, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Du holst mich um acht ab, richtig?“
Doch bevor ich antworten konnte, war sie bereits im Klassenraum verschwunden. Mir blieb also nichts anderes übrig als ihr irritiert hinterher zu starren und mich in mein Schicksal zu fügen.
Ein Date…
Ich hatte tatsächlich ein Date mit Rachel…

Der restliche Tag war Folter pur. Ich fragte mich ständig, warum sie ausgerechnet mit mir ausgehen wollte und ob es womöglich nur ein Streich werden sollte. Zudem graute mir vor Dirks Reaktion, wenn ich ihm von meiner Verabredung erzählen würde. Ich war mir fast sicher, dass er sich in sein Schneckenhaus zurückziehen und mal wieder so tun würde als hätte er keinerlei Gefühle.
Ich hasste es, wenn er das tat…
Dirk war die vermutlich wichtigste Person in meinem Leben, mein sprichwörtlicher Fels in der Brandung. Wenn er mich aus seinem Innersten ausschloss, fühlte ich mich seltsam schutzlos und allein, so als hätte man mich irgendwo in einem dunklen Wald ausgesetzt.
Ich war gedanklich so sehr mit Dirk und seiner vermeintlichen Reaktion beschäftigt, dass ich mich kaum auf Rachels Gesprächsansätze konzentrieren konnte und ungewöhnlich einsilbig war, was sie zunehmend zu verunsichern schien.
Am Ende des Schultages blickte sie mich mit traurigen Augen an: „Du kommst dann heute Abend?“ Ich nickte und versprach, pünktlich zu sein, woraufhin ihr strahlendes Lächeln auf ihre Lippen zurückkehrte.
Dann stellte sie sich kurz auf die Zehenspitzen und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. „Dann bis später!“
Während ich die neidischen Blicke einiger Mitschüler auf mir spürte, blickte ich ihr nachdenklich hinterher, während mein Verstand zusehends dem Herzen unterlag.

Die verbliebenen Stunden nach Schulschluss verbrachte ich mit Dirk in dessen Zimmer. Während er mal wieder gekonnt ignorierte, dass auch er Hausaufgaben zu erledigen hatte, und stattdessen an einer seiner Konsolen hing, tippte ich beim Lesen nervös auf dem Buchrücken von «Die Judenbuche» herum.
„What’s the matter?“ Dirk rollte sich in seinem Bett herum, sodass er sich mir zuwandte.
„Hm?“ Ich blickte von meinem Buch auf und schaute ihn fragend an.
Mit einer groben Bewegung entriss er mir das kleine Reclam-Heftchen und blätterte gelangweilt darin rum. „Wetten, du kannst mir nicht sagen, worum es hier geht?“
Ich dachte angestrengt nach, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich an keinen einzigen Satz erinnern, den ich in der vergangenen halben Stunde gelesen hatte.
Nach nur wenigen Minuten gab ich auf. „Ich hab keine Ahnung. Na und?“
Dirk ließ für einen Moment von seinem Spiel ab und setzte sich auf. „Du liest ewig in einem Buch rum, ohne zu wissen, um was es überhaupt geht... Nicht gerade typisch für jemanden, der aus dem Stehgreif die Quadratwurzel aus 375 weiß...“
„Ich hab keine Ahnung, was die Quadratwurzel aus 375 ist!“, widersprach ich heftiger als beabsichtigt. Ich mochte es nicht, wenn man mich mit meinem Wissensdurst aufzog.
Es war doch nichts Schlimmes, wenn man wissen wollte, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhielt. Oder?
„Das tut doch überhaupt nichts zur Sache! Der Punkt ist, dass es offensichtlich ist, dass dich irgendwas beschäftigt. Also – spit it out!“
Ich holte tief Luft und fummelte am leicht ausgefransten Saum meiner Jeans. „Rachel will, dass ich heute Abend mit ihr ausgehe.“
Wie befürchtet verdüsterte sich Dirks Miene schlagartig. Sogar das Sommerhimmelblau seiner Iriden schien dunkler zu werden, bis es an eine vom Sturm aufgepeitschte See erinnerte.
Der neutrale Ton seiner Stimme stand im krassen Gegensatz zu seinem Gesichtsausdruck und schnürte mir die Kehle zu: „Na und?“
Während ich stumm darum flehte, dass mein bester Freund sich nicht hinter seinen Mauern verschanzte, antwortete ich: „Nichts und.“
„Eines der ohne Frage hübschesten Mädchen der Schule will mit dir ausgehen und du machst deswegen ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter?“ Wäre ich nicht so angespannt gewesen, hätte ich über diesen Satz lächeln müssen. Nur Dirk schaffte es, ein Kompliment auszusprechen und es dabei wie eine Verwünschung klingen zu lassen. Offenbar hasste er Rachel dermaßen, dass er nicht einmal dann etwas Nettes über sie sagen konnte, wenn sie es nicht hörte.
Wie schon unzählige Male zuvor fragte ich mich, woher seine starke Aversion ihr gegenüber kam.
Als ich zur Antwort nickte, legte Dirk die Stirn in Falten und stieß geräuschvoll Luft aus der Nase aus, bevor er mutmaßte: „Du vermutest irgendwelche Hintergedanken, oder?“
Ich zuckte etwas unbehaglich mit den Schultern. Mit Dirk über meine Gefühle zu Rachel zu sprechen, fühlte sich merkwürdig an, was mir ein wenig Angst machte. Dirk war der einzige Mensch, dem ich mich stets willkommen und verstanden gefühlt hatte, bei dem ich das Gefühl hatte, ihm mein Innerstes zeigen zu können.
Ich wollte nicht, dass es ein Thema gab, über das wir nicht reden konnten.
Zwar hatte ich ihm bislang auch noch nichts davon erzählt, dass ich von meinem Stiefvater sexuell missbraucht wurde, aber das war in erster Linie in meiner Scham darüber und dem Versuch, die Realität tot zu schweigen, begründet – nicht darin, dass ich das Gefühl hatte, Dirk würde es nicht verstehen.
Was Rachel betraf, hatte ich jedoch das Gefühl, dass sich zwischen meinem besten Freund und mir eine Kluft auftat, die in meinem Herzen schmerzte.
Um mich von meinen düsteren Gedanken abzulenken, antwortete ich: „Ich weiß nicht. Nein, eigentlich nicht. Ich glaube wirklich, dass sie mich mag. Ich verstehe nur nicht, was sie in mir sieht und habe Angst, dass ich sie enttäuschen werde. Ich meine… Sie ist so… so… wow und ich… ich bin nur ich.“
Ich sah Dirk aus großen Augen an und versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, ob er verstanden hatte, was ich meinte. Zu meiner Überraschung hatten sich seine Züge wieder ein wenig geglättet und er sah mich mit einem schiefen Lächeln an.
„Du bist ein Idiot.“ Trotz der harschen Worte war seine Stimme erstaunlich sanft und irgendetwas an seinem vertraulichen Tonfall ließ mich erröten.
Dann atmete Dirk tief durch und schien mir zuliebe seine Abneigung Rachel gegenüber für den Moment zur Seite zu schieben. „Du bist mindestens genauso ‚wow‘ wie sie – du kannst es nur nicht sehen, weil man dir von klein auf erzählt hat, du seist nichts wert, was natürlich völliger Schwachsinn ist. Also, grüble nicht so viel und hab Spaß heute Abend. Und wenn du das Mädchen wirklich willst, dann schnapp es dir. Dir steht nichts im Weg als deine eigenen Komplexe.“
Bei Dirks Worten intensivierte sich das Rot auf meinen Wangen noch und ich zog nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ja, meinst du?“
Dirk legte mir eine Hand gegen die Wange und sah mir derart tief in die Augen, dass ich das Gefühl hatte, er würde mir auf den Grund meiner Seele blicken. „Ich bin mir absolut sicher.“
„Aber was ist mit den ganzen Unterschieden zwischen uns? Was ist mit Nes? Wird Rachel akzeptieren können, dass ich eine Tochter habe? Immerhin sind wir erst 15…“ Die Bedenken, die mich seit dem ersten Tag quälten, sprudelten plötzlich beinah ohne mein Zutun aus mir hervor.
Einen tiefen Seufzer ausstoßend lehnte Dirk seine Stirn gegen meine und murmelte: „Hatte ich nicht gesagt, du sollest aufhören zu grübeln?“
Die körperliche Nähe zu meinem besten Freund beruhigte mich sogleich ein wenig, was mich wie jedes Mal wieder verblüffte. Durch die Schläge und den Missbrauch von Seiten meines Stiefvaters war ich hypersensibel gegenüber Berührungen geworden. Selbst meine besten Freunde durften mich nur kurz umarmen, bevor es mir unangenehm wurde.
Nur bei Dirk war es anders.
Bei ihm fühlte ich mich fast als würde seine eigene innere Ruhe auf mich übergreifen, als würde er mich erden und näher an mich selbst bringen.
Als ich zaghaft nickte, hob Dirk den Kopf wieder und sagte erstaunlich ernst: „Hör zu, Jan, du kannst dein Leben nicht mit einem Sicherheitsnetz leben. Du wirst nie die Garantie haben, dass alles gut laufen wird. Sieh dir meinen Dad an.“
Bei der Erwähnung seines überraschend und viel zu früh verstorbenen Vaters legte sich sogleich ein Schatten über Dirks Gesicht und auch mir krampfte sich das Herz schmerzhaft zusammen.
Dennoch sprach Dirk unverändert weiter: „Selbst wenn alles perfekt zu laufen scheint und du offenbar deinen Seelenpartner gefunden hast, ist das keine Garantie für Glück. Ich kann verstehen, dass du nach allem, was du zuhause schon hast erleiden müssen, große Angst vor noch mehr Schmerz hast, aber glaube mir, ihm aus dem Weg zu gehen, wäre ein Fehler. Das Leben und vor allem die Liebe besteht zu großen Teilen aus Leid.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen und wunderte mich stumm über die Worte meines besten Freundes. Die Liebe bestand zu großen Teilen aus Leid? Das entsprach nicht gerade meiner Vorstellung von Liebe…
Laut sagte ich hingegen, um die drückende Stimmung zu vertreiben: „Du klingst wie ein Glückskeks.“
Wie erhofft machte sich ein breites Grinsen auf Dirks Lippen breit und er warf mir «Die Judenbuche» gegen den Kopf. „Halt die Klappe. Hast du nicht zu lernen?“
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir mit Hausaufgaben, Videospielen und allerlei Blödeleien. Alles in allem war es ein ganz normaler Tag für uns und ich vergaß zwischenzeitlich sogar meine Nervosität vor meiner Verabredung mit Rachel.
Das änderte sich jedoch schnell wieder, als es schließlich ernst wurde…

Kurz vor acht kam ich an ihrem Haus an. Von dem weißen Kiesweg, den grünen Hecken und den duftenden Rosenbüschen, die den Vorgarten zierten, nahm ich nicht viel wahr. Mein Herz raste als hätte ich gerade einen doppelten Marathon hinter mir und ich fühlte mich als müsste ich mich jeden Augenblick übergeben.
Noch bevor ich klingeln konnte, wurde die Haustür geöffnet und Rachel lächelte mich breit an. Wie ich später erfuhr, hatte sie vom Wohnzimmerfenster aus die Straße im Auge behalten und beobachtet, wie ich zur Tür gegangen war.
Sie trug eine modische, hellblaue Bluse und einen glockenförmigen, schwarzen Rock, der ihr knapp über die Knie reichte. Ihr goldenes Haar, das ihr sonst bis auf den Rücken fiel, hatte sie mit vielen kleinen Klammern hoch gesteckt.
Sie sah so unglaublich schön aus, dass mein Herz für einige Schläge einfach aussetzte.
„Komm doch noch kurz rein. Mein Vater möchte dich kennen lernen.“ Dabei verdrehte sie ihre Augen und winkte mich ins Haus.
Neben ihr kam ich mir in meinen alten Turnschuhen, der Jeans und dem schwarzen Hemd irgendwie schäbig vor, doch sie lächelte mich strahlend an. „Du siehst gut aus.“
„Danke. Du... du aber auch...“ Ich rang mit dieser offensichtlichen Untertreibung und brachte es dennoch nicht über mich, über meinen Schatten zu springen und ihr zu sagen, wie umwerfend sie aussah.
„Süß! Was hat sich denn da in unser Haus verirrt?“ Rachels achtzehnjährige Schwester stand auf der Hälfte der Treppe und musterte mich eingehend.
Ich zog ein wenig unbehaglich die Schultern vor und versuchte, unbeeindruckt zu wirken.
Scarlett war gute fünf Zentimeter kleiner als ihre Schwester, einen Tick schlanker und hatte kinnlanges, rotgefärbtes Haar. Ihre Augen hatten ein ähnliches Blau wie Rachels, doch ihnen fehlte dieses Glitzern, das mich bei jener so faszinierte. Trotzdem musste ich feststellen, dass auch sie eine ausgesprochen hübsche junge Frau war.
„Scarlett, ich warne dich!“, fauchte Rachel, aber Scarlett drehte sich ziemlich unbeeindruckt aussehend mit einem Achselzucken um und warf ihrer Schwester einen letzten Blick über die Schulter zu. „Keine Angst. Ich nehme ihn dir nicht weg. Der ist doch kaum den Windeln entwachsen.“
Verwundert zog ich die rechte Augenbraune in die Höhe und blickte Scarlett hinterher, während Rachel sich die Hände vors Gesicht schlug. „Das tut mir echt leid. Sie kann so ein Biest sein.“
Zögernd legte ich meine Hand auf ihre Schulter. „Hey, schon okay. So etwas haut mich nicht um.“
Ich wünschte, das hätte ich auch von ihrem Vater behaupten können...
Er saß in einem wuchtigen Ledersessel und las eine Tageszeitung, als Rachel mich ins Wohnzimmer führte. Ohne den Blick von der Zeitung zu nehmen, fragte er mit einem brummigen Unterton: „Du bist also der junge Schnösel, der mit meiner Rachel ausgehen möchte?“
„Papa!“, zischte diese hinter mir, doch sie wurde einfach ignoriert.
Sein Auftreten, seine Art und seine Stimme erinnerten mich stark an meinen Stiefvater und sofort merkte ich, wie ich trotzig das Kinn vorschob und die Augen zu Schlitzen verengte. Meine innersten Instinkte fühlten sich angesprochen und ich war augenblicklich kampfbereit.
„Ja, ich denke, das bin ich.“, erwiderte ich mit kalter Stimme, während ich Rachels Blick auf meinem Rücken spürte.
Endlich ließ ihr Vater die Zeitung sinken und nahm mich eingehend in Augenschein. Ich schluckte hart und starrte stur zurück.
Nach schier endlosen Sekunden nickte er mir kurz zu. „Ich hoffe für dich, dass du sie mir in demselben Zustand zurückbringst, in dem sie dieses Haus verlässt.“
Alles klar!
Kein gebrochenes Herz, keine Gewalt, kein Alkohol, keine Drogen und kein Sex. Ich war mir sicher, diese Anforderung erfüllen zu können.
Entsprechend nickte ich und versicherte: „Das dürfte kein Problem sein.“
Rachels Vater warf mir einen weiteren mürrischen Blick zu, doch seine Tochter fasste mich am Arm und zog mich aus dem Raum, bevor er noch etwas sagen konnte.
„Tschüß, Papa. Bis später!“ Rachel warf die Tür hinter uns ins Schloss und schleifte mich beinah im Stechschritt Richtung Hausausgang.
Ihr Vater brüllte uns noch hinterher, seine Tochter solle spätestens um zehn wieder zu Hause sein. Den Rest des Satzes konnte ich jedoch nicht mehr verstehen, da er plötzlich abgeschnitten wurde, als Rachel die Haustür schloss.
Sie atmete einmal tief durch und blickte dann zu mir hoch: „Also, wohin wollen wir?“

Nach anfänglichen Entschlussschwierigkeiten landeten wir schließlich in einer Art Bar-Café-Restaurant-Crossover. Ich überließ Rachel die Platzwahl und sie suchte uns einen Tisch, der ein wenig abseits in einer kleinen Nische stand.
Nachdem wir uns hingesetzt und nach einem kurzen Blick in die Karte unsere Getränke bestellt hatten, legte sich unbehagliches Schweigen über uns. Obwohl wir tagtäglich in der Schule mit einander sprachen ohne uns befangen zu fühlen, wusste keiner von uns beiden wie er in dieser Situation ein Gespräch anfangen sollte.
Nach ein paar Minuten, eine Bedienung hatte inzwischen unsere Bestellungen gebracht, platzte Rachel schließlich heraus: „Weißt du eigentlich, dass wir uns jetzt schon fast einen Monat kennen und ich immer noch so gut wie gar nichts von dir weiß?“
Sie sah mich ein wenig missbilligend über den Rand ihres Glases hinweg an und nippte anschließend an ihrem alkoholfreien Cocktail. „Das ist nicht fair. Ich meine, ich erzähl dir so ziemlich alles, aber du gibst nie irgendwas von dir preis.“
Ich zuckte die Schultern und lehnte mich in meinem Korbsessel zurück. „Ich wüsste einfach nichts, was spannend genug wäre, um erzählt zu werden.“
Rachel zog die Augenbraunen in die Höhe und bedachte mich mit einem Blick, der deutlich sagte, dass sie mir kein Wort glaubte.
„Okay, ich beweis es dir“, versprach ich. „Frag mich irgendwas und ich verspreche, dir wahrheitsgemäß und vollständig zu antworten.“
Rachel schürzte ihre dezent rosa geschminkten Lippen und dachte für einen kurzen Moment nach. „Alles klar... Hast du Geschwister?“
Ich nickte. „Ja, zwei. Einen Halbbruder und eine Halbschwester. Beide jünger.“ „Nur Halbgeschwister? Warum das?“
Seufzend zuckte ich mit den Schultern. „Man kann nicht gerade behaupten, meine Eltern hätten eine langjährige Beziehung geführt. Ich bin das Ergebnis eines Discoficks.“
Für einen kurzen Moment bekam Rachel große Augen, doch dann grinste sie breit. „Cool, dass du das so locker nimmst.“
Die nächste Stunde befragte sie mich über meine Familie, meine Hobbys, die Musik, die ich gerne hörte, Lieblingsurlaubsziele und Zukunftsträume, doch dann nahm das Gespräch eine Wendung, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Bist du eigentlich noch Jungfrau?“ Die Frage kam ruhig und sicher, so als hätte sie mich lediglich nach meiner Meinung zum Wetter gefragt.
Vor Überraschung verschluckte ich mich an meiner Cola und rang hustend nach Luft.
Die ganze Zeit, während ich verzweifelt versuchte, meine Fassung wiederzuerlangen, sah sie mich unverwandt an. „Also? Bist du’s oder bist du’s nicht?“
Um meine Verlegenheit zu überspielen, stellte ich mich dumm und antwortete grinsend. „Nein, ich bin Skorpion.“
Stöhnend verdrehte Rachel die Augen und warf mit ihrem Bierdeckel nach mir.
Noch immer grinsend streckte ich ihr die Zunge heraus, aber sie zog schmollend einen Flunsch, was mein Herz erweichte und mich über meinen Schatten springen ließ: „Na gut, wenn du’s unbedingt wissen willst: Nein, bin ich nicht mehr.“
Sofort begannen ihre Augen zu glänzen und sie beugte sich über den kleinen runden Tisch zu mir. „Wann hattest du dein erstes Mal?“
Sofort stahlen sich Bilder meines Stiefvaters vor mein geistiges Auge, wie er sich mit entrücktem Gesichtsausdruck über mich beugte und mir schoss durch den Kopf: „Mit sieben. Und es war furchtbar.“
Laut sagte ich hingegen: „Mit vierzehn. Letztes Jahr im Februar, während einer Stufenparty der jetzigen Elf.“ Falls es Rachel aufgefallen war, dass meine Stimme plötzlich ungewöhnlich rau und belegt war, ließ sie es sich nicht anmerken.
Stattdessen löcherte sie mich weiter: „Was hattest du auf der Party von den Zehnten verloren?“
Um mich selbst von den widerlichen Bildern in meinem Kopf abzulenken, scherzte ich: „Kontakte nach oben, Baby.“ Ich spielte mit der rechten Augenbraune und versuchte ein cooles Gesicht zu machen. Angesichts der Tatsache, dass Rachel sich das Lachen verkneifen musste, blieb es wohl beim Versuch.
Also erklärte ich: „Jay hat uns rein geschmuggelt. Sein älterer Bruder ist in dem Jahrgang.“
Rachel nickte, als hätte sie das bereits gewusst. „Und mit wem hast du dich da vergnügt?“ Sie grinste so breit, dass ich dachte, ihre Mundwinkel müssten einreißen.
„Mit einer aus der damaligen Zwölf. Sandra heißt sie.“ Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich fragte, ob dies der richtige Zeitpunkt war, um Rachel von meiner Tochter zu erzählen, die aus diesem überstürzten und unüberlegten Techtelmechtel hervorgegangen war.
Doch bevor ich etwas sagen konnte, schlug Rachel mit der flachen Hand auf den Tisch und lachte auf. „Ha! Ich hab es gewusst, dass du’s faustdick hinter den Ohren hast.“
Verlegen blickte ich auf meine Hände und kaute auf der Unterlippe. „Es war nicht so, wie du jetzt denkst, glaub ich.“ Mit schief gelegtem Kopf sah Rachel mich fragend an.
„Ich bin da eher versehentlich rein geraten. Sie war betrunken und ich total überfordert und na ja... Es war vermutlich pure Glückssache, dass es überhaupt zum Akt gekommen ist. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich überhaupt gar keine Ahnung, was ich da eigentlich tat.“ Eigentlich hatte ich einfach nur still gehalten, so wie ich es von den Übergriffen meines Stiefvaters kannte, und Sandra war zu betrunken gewesen, um meine Passivität zu bemerken oder sich darüber zu wundern.
Mit roten Wangen spielte Rachel mit ihrem Strohhalm. „Ich bin trotzdem neidisch auf sie...“
Überrascht blinzelte ich sie an. „Wie bitte?“
Sie konnte doch nicht meinen, was ich glaubte, das sie meinte, oder?
Rachel riss den Kopf hoch und sah mich aus großen Augen an. „Äh... ja.. äh... doch nur, weil... äh... ich noch Jungfrau bin, weißt du? Und weil ich gerne wüsste, wie es ist, Sex zu haben.“
„Verstehe.“ Es fühlte sich an als würde eine Seifenblase in meinem Herzen zerplatzen. Für einen augenaufschlagkurzen Moment hatte ich tatsächlich geglaubt, Rachel sei neidisch auf Sandra, weil sie mir nah gekommen war.
Während mein Verstand mich einen naiven Tor schalt, beharrte die Hoffnung darauf, dass der benannte Grund nur vorgeschoben war und es in Wirklichkeit doch um meine Nähe ging.

Für den Rest des Abends mieden wir Themen jeder Art, die auch nur entfernt verfänglich hätten sein können. Wir sprachen über die Schule, Freunde und den Unterricht – Dinge, die wir Beide tagtäglich miterlebten und trotzdem wurde es mir mit Rachel einfach nicht langweilig.
Auf dem Weg zu ihr nach Hause schwiegen wir dennoch, weil wir Beide spürten, dass wir an einer Schwelle standen und diesen bedeutsamen Punkt nicht mit Gerede entweihen wollten.
Vor ihrer Haustür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu mir um. „Danke fürs Nachhausebringen.“
Ich lächelte und vergrub ein wenig unsicher die Hände in meinen Hosentaschen. „Immer wieder gern.“
Rachel machte einen kleinen Schritt auf mich zu. „Der Abend mit dir war wirklich schön.“
Als ich nickte, fielen mir ein paar Strähnen meines zu langen Ponys ins Gesicht.
Rachel tat einen weiteren Schritt auf mich zu und verdrehte den Kopf ein wenig, sodass sie mir in die Augen schauen konnte, obwohl ich den Kopf gesenkt hielt. „Das müssen wir bald mal wiederholen.“
Wieder nickte ich bloß und scharrte nervös mit dem rechten Fuß.
Doch Rachel kam noch einen Schritt näher und schloss so die letzte kleine Lücke zwischen uns. Sie strich mir liebevoll die dunkelblonden Strähnen aus dem Gesicht und legte ihre Hände auf meine Wangen.
Meine Unterlippe begann zu zittern und mir wurde gleichzeitig heiß und kalt, als sie ihren Körper gegen meinen lehnte. An meinem Oberkörper spürte ich deutlich die zarten Rundungen ihrer Brüste, doch ich stand noch immer da wie ein Stockfisch.
„Küss mich, Jan.“
Ich blinzelte sie irritiert an.
War ich auf dem Weg hierher ausgerutscht und hatte mir den Kopf angeschlagen?
Oder sollte das hier tatsächlich die Wirklichkeit sein?
Für einen Moment überkam mich wieder die Angst, dass wir ganz sicher nicht zusammen passten und mich mir an ihr nur das Herz brechen würde – Schmerz, auf den ich gut und gerne verzichten konnte.
Aber dann musste ich wieder an Dirks Worte von zuvor denken und schloss Rachel fest in die Arme, bevor ich mich zögernd ihrem Mund näherte.
Irgendwo hatte Dirk Recht… Wer nichts wagt, der kann auch nichts gewinnen.
„Komm schon, Stuntman, tu’s endlich!“
Als ich meine Lippen schließlich auf ihre legte und ihren süßen Atem auf meiner Zunge schmeckte, war es als ob Engel sangen. Ich hatte das Gefühl, all die Jahre nur für diesen einen Moment gelebt zu haben. Rachel verschränkte ihre Arme in meinem Nacken und ich zog sie fester an mich, als sich unsere Zungen berührten.
Vermutlich hätten wir ewig so da stehen können, wenn nicht plötzlich jemand die Türbeleuchtung eingeschaltet hätte.
Schwer atmend lösten wir uns von einander und Rachel suchte in ihrer Handtasche hektisch nach ihrem Schlüssel, doch ihre Schwester öffnete ihr mit einem verschwörerischen Lächeln, bevor sie fündig wurde.
Im Türrahmen drehte Rachel sich noch einmal um, während Scarlett sichtlich neugierig im Hintergrund wartete. „Wir sehen uns morgen?“
Ich nickte und wollte mich bereits abwenden, als sie noch einmal meine Hand berührte. „Ach, und Jan? Ich...“, sie holte noch einmal tief Luft und blickte mir dann direkt in die Augen, „... ich mag dich wirklich sehr.“
Vor Überraschung klappte mir der Mund auf und ich konnte sie nur überrumpelt und sprachlos anstarren. Ich wusste, sie erhoffte sich die Bestätigung, dass ich ihre Gefühle erwiderte, doch bevor ich etwas erwidern konnte, schob sich Scarlett mit einem entschuldigenden Lächeln zwischen uns und warf die Tür ins Schloss.

Den Weg nach Hause ging ich wie auf Wolken. Alles um mich herum schien seine festen Konturen verloren zu haben und zu einer riesigen schwarzgrauen Wattemasse verschmolzen zu sein.
Mit einem dümmlichen Grinsen lehnte ich mit dem Kopf gegen eine Verkehrsampel und wartete, dass sie endlich auf Grün schaltete. Wäre das Lied damals schon geschrieben gewesen, hätte ich vermutlich ununterbrochen «Jeden Tag Sonntag» vor mich hin gesummt: „Schlechtes Wetter, Wirbelstürme – das ist mir egal! Ich bin verliebt! Sie hat gesagt, dass sie mich mag – ihr wisst ja nicht, wie schön das ist.“ Aber wie gesagt: Der Song existierte damals noch nicht.
An meinem Elternhaus angekommen, bemühte ich mich, so schnell und unbemerkt wie möglich in mein Zimmer zu verschwinden, um ungestört auf dem Bett vor mich hin träumen zu können.
Doch kaum, dass ich mich auf dem Bett ausgestreckt hatte, steckte mein elfjähriger Bruder seinen Kopf durch die Tür.„Hey.“
Ich blinzelte unter halb geschlossenen Lidern zu ihm hoch. „Hi. Komm rein und mach die Tür zu.“
Mit einem glückseligen Lächeln stürzte Kai an mein Bettende und setzte sich im Schneidersitz auf meine Decke. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, bis er mit seinem Anliegen raus rücken würde, und schloss wieder die Augen.
Schließlich fragte er: „Wo kommst du eigentlich so spät noch her?“
Ich stieß einen langgezogenen Seufzer aus. Ich konnte es kaum erwarten, volljährig zu werden und meine eigene Wohnung zu haben, wo ich niemandem Rechenschaft schuldig war. „Kai... Es ist erst Viertel vor elf und ich bin kein Kind mehr.“
Um mir klar zu machen, dass er nicht gefragte hatte, um seine eigene Neugierde zu befriedigen, eröffnete Kai mir: „Papa war ziemlich wütend, dass du nicht beim Abendessen warst.“
„Das ist er doch immer wegen irgendwas.“ Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, gleichgültig zu klingen, aber in Wirklichkeit bereitete mir der Gedanke, dass mein Stiefvater sauer auf mich war, Unbehagen.
Kai bedachte mich mit einem eigentümlichen Blick, so als wäre er sich nicht sicher, ob er mich für den Versuch, die großen Spannungen zwischen seinem Vater und mir herunterzuspielen, bewundern oder für den Glauben daran, dass ich die immensen Probleme verbergen konnte, bemitleiden sollte.
Zu meiner großen Überraschung fuhr Kai fort: „Ich hab ihm erzählt, Mama hätte dich gezwungen, bei einer ihrer ehemaligen Schulfreundinnen zu babysitten.“
Ich stützte mich auf meine Ellbogen und sah meinen kleinen Bruder aus großen Augen an, während er weitersprach: „Zunächst war Papa ein wenig skeptisch, aber Mama hat mitgespielt. Da hat er’s dann geschluckt.“
Dankbarkeit schnürte mir die Kehle zu.
Zwar wusste ich spätestens seit letztem Jahr, als Kai eine Prügelei zwischen seinem Vater und mir beendet hatte, indem er furchtlos dazwischen gegangen war, dass mein Bruder mich im Notfall beschützen würde, aber dass er wegen einer Kleinigkeit wie einem verpassten Abendessen seinen Vater belügen würde, um mich vor Ärger zu retten, verblüffte mich dennoch.
„Ich finde, ich hab mir verdient, zu erfahren, wo du warst.“ Kai grinste mich durchtrieben an, aber ich konnte nicht anders als zurückzustrahlen. Er war und ist der beste kleine Bruder, den man sich wünschen kann.
Ich setzte mich auf und sammelte gedankenverloren ein paar Fusseln von meiner Jeans. „Ich hatte eine Verabredung.“, begann ich ein wenig zögernd, während mein Bruder mich neugierig anstarrte. „So richtig mit einem Mädchen?“
Ich lächelte bei dem Gedanken an Rachel in mich hinein und nickte.
„Ist sie hübsch?“ „Hübsch ist gar kein Ausdruck. Sie ist mehr als das. Sie ist...einfach wunderschön. Perfekt.“ Ich hörte selbst, wie albern schwärmerisch meine Stimme klang, aber das war mir in diesem Moment völlig egal.
Kai legte den Kopf ein wenig schief, wobei ihm eine Strähne seines braunen Haares ins Gesicht fiel. Obwohl sein Vater strikt gegen längere Haare war, bestand Kai schon damals darauf, eine ähnliche Frisur wie ich zu tragen. Doch damit hatten sich die Ähnlichkeiten auch schon erschöpft und bis heute sind wir uns nicht ähnlicher geworden.
Während seine Augen von einem dunklen Rehbraun sind, strahlen meine in einem hellen Blau. Er ist der eher sanftmütige Typ, während ich zu cholerischen Ausbrüchen neige, wenn ich mich von einer Situation überfordert fühle. In seinem Zimmer regiert das Chaos und meines ist vor pedantischer Ordentlichkeit beinah erstarrt.
Doch trotz der zahlreichen Unterschiede und den unermüdlichen Versuchen meines Stiefvaters, uns dadurch zu entzweien, dass er seinen Sohn erhöhte und mich erniedrigte, standen Kai und ich uns schon immer ziemlich nahe.
Nachdem mein Bruder eine Weile überlegt hatte, grinste er plötzlich und blickte mir triumphierend in die Augen. „Du hast dich mit dieser Rachel aus deinem Jahrgang getroffen, nicht wahr?“
Verblüfft starrte ich ihn an, unfähig, etwas zu sagen. Ich hatte mit niemandem außer Dirk, der absolut verschwiegen war, darüber gesprochen und führte auch kein Tagebuch, das mich hätte verraten können.
Kai sah meine Überraschung und kicherte. „Du hast so einen schwärmerischen Ton, also muss das Mädchen wirklich schön sein und Rachel gilt als das schönste Mädchen der Schule.“
Mit einem dumpfen Stöhnen ließ ich mich zurück auf den Rücken fallen. Eigentlich hätte es mir klar sein müssen, dass sich Rachels unglaubliche Ausstrahlung inzwischen bis in die anderen Jahrgänge verbreitet hatte.
Das bedeutete vermutlich Konkurrenzkämpfe, verdeckte Feindseligkeiten, Neider und unerwünschte Bewunderer – kurz: all das, was ich nicht wollte.
Trotzdem fühlte ich mit jedem Herzschlag deutlich, dass dieses Mädchen es mir jetzt schon wert war, alle meine Prinzipien und Gewohnheiten über Bord zu werfen.
Ich war absolut rettungslos verliebt.

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ATheobald84 21. Jan 2018

Huhu oh endlich kann ich wieder lesen und auch kommentieren. Mein Handy war kaputt und musste ein neues holen was länger gedauert hat. Oh nein jetzt ist auch noch die Schwester tot. Hab hat wirklich das Pech gepachtet. Ich hatte ja schonmal gedacht das Dirk hab vielleicht nicht nur wie ein Freund liebt und naja wenn man wirklich liebt macht man ja auch viel für die Person die man liebt ob man eine Chance hat oder nicht und ja da kann man sich auch schon selbst vergessen aber das Doro das in dem Moment zu jan sagen muss wat nicht toll. Und immer wieder bin ich gespannt wie es weiter geht

Labrynna 22. Jan 2018
Willkommen zurück. :) Ich hoffe, du bist mit deinem neuen Handy zufrieden? Ja, der arme Jan hat das Pech ziemlich gepachtet, aber bei den familiären Umständen ist das vermutlich auch kein Wunder... Ja, stimmt, wenn man jemanden wirklich liebt, macht man verdammt viel für diese Person. Aber es ist halt - wie bei so ziemlich allem im Leben - eine Frage des Maßes. Wann driftet sowas in ein ungesundes Maß ab?
Reader_15 02. Jan 2018

Oh nein jezt habe ich aus Versehen meinen Kommentar gelöscht. Ja lass dir Zeit. Da steckt bestimmt immer viel Arbeit dahinter.

Labrynna 02. Jan 2018
Tatsächlich ist es für diese Geschichte verhältnismäßig wenig Arbeit, weil lange Passagen schon geschrieben sind, da ich eigentlich nur eine schon bestehende Geschichte umarbeite. ^^ Aber trotzdem braucht's natürlich ein wenig Zeit und ab und zu will ich in meiner Freizeit dann doch etwas anderes machen als Geschichten schreiben. :)
Gelöschter Kommentar