Lebensretter

vor 9 Mon.
Fanfiction zu den Büchern der Biss- Reihe von Stephanie Meyer. In dem Buch geht es um ein ganz normales deutsches Mädchen, Anika, das durch einen dummen Zufall mit dem Tracker James und seiner Gefährtin Victoria zusammen stößt. In diesem Moment trifft sie auch Jakob und das Wolfsrudel. Zwischen den beiden besteht von Beginn an eine gan..
Bis(s) Romanze P16 Mystery In Arbeit
Inhaltsverzeichnis

Kapitel 31 Juli 2013 Anika

Gerade lief ich noch mit Sina die Straße entlang und versuchte mich seelisch auf die bevorstehende Zeugnisvergabe und Abschlussveranstaltung zu konzentrieren, da spürte ich es.

Seine Anwesenheit.

Für einen Moment dachte ich, mein Wunsch ihn wieder zu sehen wäre mittlerweile so stark, dass ich es mir nur einbildete.

Aber dafür erschien mir das Gefühl zu intensiv.

Sofort wirbelte ich herum und sah in seine tiefen dunkelbraunen Augen.

Sobald mein Blick den seinen traf, viel er augenblicklich auf die Knie, brach den Blickkontakt zu mir aber nicht ab.

Zuerst dachte ich, er würde lediglich zusammen brechen, doch dann wurde auch ich von einer Welle von Bildern und Gefühlen überrollt.

Ich war einfach nur überwältigt.

Und ich war so unbeschreiblich froh ihn wieder zu sehen.

So sehr, dass sich meine Augen mit Tränen füllten.

Aber ich durfte nicht weinen. Die letzten zwei Stunden hatte ich damit verbracht mir die Haare zu machen und mich zu schminken.

Ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt, dass er jemals wiederkommen würde.

Ich dachte ihm wäre etwas zugestoßen, oder er hätte mich einfach vergessen.

Jedenfalls war meine Hoffnung, ihn jemals lebend wieder zu sehen, von Tag zu Taggeschrumpft.

Und jetzt war er einfach wieder da.

Ich konnte es gar nicht fassen.

Er kniete immer noch da. Nur wenige Meter von mir entfernt und sah mich an.

Doch er blickte mir nicht nur in die Augen. Es kam mir vor, als blicke er durch sie hindurch.

Bis in meine Seele.

In Wirklichkeit waren vermutlich nur Sekunden vergangen, doch mir kam der Moment, seit dem ich ihn bemerkt hatte, wie eine Ewigkeit vor.

Zumindest ich war jetzt wieder voll bei mir und für mich gab es kein Halten mehr.

Ohne länger nachzudenken rannte ich auf ihn zu hockte mich vor ihn und umfasste sein Gesicht mit beiden Händen.

Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt.. oder geküsst.

Doch ich hoffte, dass die Berührung ausreichte um ihn zu mir zurück zu holen.

Wie hatte ich seine 42 Grad heiße Haut unter meinen Fingern vermisst.

„Jakob? Was ist los?" platzte es aus mir heraus.

Solangsam machte ich mir ernsthaft Sorgen. War er vielleicht schwerer verletzt, als es aussah?

Hatte er einen Schock? Was war nur los mit ihm?

Doch dann blinzelte er mehrere Male schnell hintereinander und war offensichtlich wieder in der Gegenwart angekommen.

Sein Gesicht wirkte schmaler als sonst. Seine Wangenknochen standen stärker hervor, was sein Gesicht kantiger machte. Mit meinem Daumen strich ich sanft die tiefe, dunkle Furche unter seinem Auge nach.

Dabei atmete er hörbar aus und schloss die leicht geschwollenen Augen.

„Komm her." seine Stimme war so leise und heiser, dass ich ihn kaum verstehen konnte.

Doch ehe ich irgendwie darauf reagieren konnte, zog er mich an sich.

Reflexartigl egte ich die Arme um ihn und lehnte mich gegen seine Brust, wobei er vor Schmerz laut aufstöhnte.

Trotzdem lockerte er seinen Griff nicht.

„Ich bin so froh, dass es dir gut geht." flüsterte ich und kämpfte immer noch mit den Tränen.

Statt einer Antwort glitt seine rechte Hand von meinem Rücken hinauf zu meinem Nacken und er fuhr mit seinem Daumen ganz sanft über meine mit Make-Up bedeckte Wange.

„Ich hab dich so vermisst." formte er mit den Lippen, doch die Worte kamen nicht aus seinem Mund.

„Jakob was ist mit dir?" fragte ich statt seine Antwort zu erwidern.

Es müsste ihm klar sein, dass ich ihn auch über alle Maßen vermisst hatte.

Er räusperte sich und zuckte dabei zusammen.

„Es ist alles gut. Ich war nur seit unserer letzten Begegnung kein Mensch mehr. Und hab auch nicht mehr gesprochen.." erklärte er mit rauer, schwacher Stimme und einem entschuldigendem Lächeln.

Oh Gott. Die letzten Monate mussten der Horror für ihn gewesen sein.

Mich wunderte es schon fast, dass er seine menschliche Seite über einenso langen Zeitraum nicht vollständig verlor und sich ganz dem Tier in ihm hingab.

Vermutlich wäre das sogar leichter für ihn..

„Er ist tot." fügte er nach einer kurzen Pause hinzu und unterbrach meinen Gedankengang.

Jetzt stieg ein unheimliches Gefühl der Erleichterung in mir auf.

„Ihr habt es geschafft?" fragte ich noch einmal nach um auch wirklich sicher zu gehen.

Ich konnte es einfach nicht fassen.

Er nickte zur Bestätigung und ich viel ihm erneut um den Hals, wobei wir beide fast das Gleichgewicht verloren.

Er stöhnte kurz auf und spannte sich an, während er sich mit der linken Hand am Boden abstützte damit wir nicht umfielen. Mit der rechten erwiderte er meine Umarmung erneut.

Normalerweise hätte mich das sofort zurück schrecken lassen, aber in diesem Moment überwog einfach meine Freude, sodass sich seine Schmerzen fast ausblendete.

„Du musst mir alles genau erzählen." wisperte ich lächelnd in sein Ohr.

Zuerst spürte ich nur, dass er nickte.

„Nicht hier..nicht jetzt." Seine Stimme war immer noch rau, wurde aber allmählich verständlicher.

Doch auf einmal wirkte er unglaublich müde.

Erst jetzt registrierte ich, dass er immer mehr in sich zusammen gesackt war und mehr oder weniger auf meinen Schultern lehnte.

Ich schob ihn ein Stück von mir weg, sodass ich ihm ins Gesicht sehen konnte.

„Kannst du aufstehen?" Sorge stieg erneut in mir auf.

Wieder nickte er nur.

Also stand ich auf, um ihm dann meine Hand zu reichen.

Zu meiner Verwunderung ergriff er sie ohne Wiederworte.

Er versuchte wirklich, seine Schmerzen vor mit zur verbergen, doch sein verzerrtes Gesicht und seine schwere Atmung verrieten ihn.

Als er dann vor mir stand, fiel mir erst wieder auf, wie groß und breit gebaut er war.

Ich hatte es fast vergessen.

Überwältigt von seinem Anblick musterte ich ihn von oben bis unten.

Bei seinem Gesicht angekommen, stellte ich fest, dass er mich ebenfalls betrachtete.

„Du bist so wunderschön." flüsterte er und sah mir in die Augen. Sie waren so tief, dass ich darin hätte versinken können.

Trotzdem wusste ich nicht was ich darauf erwidern sollte.

Mit Komplimenten konnte ich nicht sonderlich gut umgehen und lief rot an.

„Danke." entgegnete ich leise und schlug die Augen nieder.

Dann legte ich vorsichtig den Arm um seinen Oberkörper und er stütztesich leicht bei mir ab.

Langsam machten wir uns auf den Weg zu mir nach Hause.

Ich hoffte wirklich, dass uns niemand so sehen würde.

Mich in Pumps und Cocktailkleid und ihn nur mit einer kurzen Hose bekleidet.

Die Nachbarn würden sich über eine neue Klatsch- Geschichte in der Gerüchteküche freuen.

„Habe ich heute irgendwas verpasst?" erkundigte er sich heiser.

Was meinte er? Erst als er nochmal an mir rauf und runter blickte, verstand ich worauf er hinaus wollte.

„Achso. Nein. Gleich.. oh scheiße in einer halben Stunde ist die Zeugnisvergabe." Mist. Eigentlich musste ich mich jetzt wirklich beeilen. Seinen Abschluss macht man ja schließlich nicht jeden Tag.

Er dachte kurz über meine Antwort nach und schien überrascht zu sein. Dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

„Ja. Ich habe tatsächlich meinen Abschluss geschafft." erklärte ich noch einmal belustigt weil er mich so ungläubig ansah.

„So war das nicht gemeint. Die Zeit ist so schnell vergangen. Herzlichen Glückwunsch." sagte er und gab mir vorsichtig einen Kuss auf die Stirn.

„Danke. Aber das bedeutet, dass ich dich gleich ein paar Stunden alleine lassen muss.." Meine Stimme wurde zum Ende des Satzes immer leiser. Ich wollte ihn nicht alleine lassen. Ich wollte einfach nur bei ihm sein, aber es ging nicht anders.

„Das macht nichts. Dann feiern wir später noch zu zweit." munterte er mich auf.

Und es funktionierte.

Die Aussicht auf einen gemeinsamen Abend mit ihm, hob meine Laune schlagartig und Vorfreude keimte in mir auf.

„Es wird aber bestimmt 9 Uhr sein, bis ich wieder da bin.."

„Ich warte in deinem Zimmer auf dich. Egal wie lange du weg bist." fiel er mir ins Wort.

Jetzt strahlte ich ihn an und half ihm die Treppen im Haus zu bewältigen.

Auf dem Flur im zweiten Stock ließ ich ihn kurz alleine.

Ich musste herausfinden, wo sich meine Eltern gerade befanden.

Glücklicherweise stellte ich fest, dass sie beide im Badezimmer waren.

Ich winkte Jakob zu und so schnell und leise es in seinem Zustand möglich war, stieg er die letzte Treppe hinauf.

Er biss die Zähne zusammen, aber kein Ton verließ seine Lippen.

Am Ziel angekommen, schloss ich schnell die Tür hinter ihm und drehte mich zu ihm um.

„Ich bringe dir gleich noch was zu Essen und zu Trinken hoch. Duschen kannst du auch, wenn wir weg sind. Brauchst du sonst noch irgendwas?"erkundigte ich mich.

„Einen Wecker vielleicht?" nachdenklich kratzte er sich am Kopf.

Ungläubig sah ich ihn an.

„Ja?"es war mehr eine Frage als eine Antwort.

„Ich stelle ihn mir auf die Uhrzeit, an der ihr frühstens zurück kommt. Dann bin ich schon wach und wir ersparen uns das übliche Drama." erklärte er vorsichtig.

Wow. Er hatte sich wirklich Gedanken gemacht. Für mich. Um mich zuschützen. Um mir keine Angst zu machen.

Alleine das rührte mich fast zu Tränen.

Doch stattdessen kramte ich meinen alten analogen Wecker aus der Schublade meines Nachttisches.

Jakob ließ sich währenddessen langsam und vorsichtig auf mein Sofa sinken.

„Acht Uhr?" fragte ich ihn und der nickte nur mit geschlossenen Augen.

„Ich hol dir eben noch Obst, Wasser und Brötchen, dann lasse ich dich in Ruhe." Ich hatte das Gefühl ich führte Selbstgespräche und das ärgerte mich.

Doch er bemerkte es irgendwie, öffnete sofort die Augen und setzte sich noch einmal auf.

„Ich will nicht das du mich in Ruhe lässt. Niemals." sagte er im ernsten Tonfall.

Ich lächelte ihn kurz an und verschwand dann aus dem Zimmer.

Unten atmete ich erst einmal tief durch. Kopfschüttelnd und grinsend versuchte ich zu realisieren, dass er tatsächlich wieder da war.

Dann schnappte ich mir zwei Flaschen Wasser und die Nahrungsmittel und lief auf Zehenspitzen die Treppe hinauf.

Langsam öffnete ich die Zimmertür.

Zu meiner Überraschung saß er noch genau da, wie ich ihn verlassen hatte.

„Sorry. Was anderes habe ich grade nicht da." Mit einementschuldigendem Blick reichte ich ihm das Obst und die Brötchen.

„Hauptsache Essen. Und kein rohes Fleisch mehr." erwiderte er trocken.

Ich wollte mich gerade von ihm verabschieden, da hielt er meine Hand fest und kam mir zu vor.

Jakob zog mich zu sich hinunter, bis mein Kopf auf seiner Augenhöhe war.

„Viel Spaß. Ich bin stolz auf dich." raunte er in mein Ohr und gab mir einen Kuss auf die Wange.

„Danke. Bis später." erwiderte ich und umarmte ihn kurz.

Dann verließ ich mit einem Blick über die Schulter das Zimmer. Er blickte mir nach, bis ich die Tür hinter mir geschlossen hatte.

Jetzt musste ich mich erst einmal auf etwas anderes konzentrieren.

Mittlerweile warteten meine Eltern schon ungeduldig im Wohnzimmer.

„Anika! Wir müssen los!" ertönte die Stimme meiner Mutter.

„Komme!"Ich warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und hüpfte dann wie ein kleines Kind die Treppe hinunter.

„Du hast aber gute Laune." bemerkte mein Vater mit einem skeptischen Lächeln.

„Ich freue mich einfach nur." entgegnete ich und lief auch noch die zweite Treppe hinunter bis zur Haustür.

Die offizielle Abschlussfeier und Zeugnisvergabe sollte in der peckelsheimer Schützenhalle stattfinden.

Morgen Abend sollte dann die richtige Abschlussparty in Eissen steigen.

Diese beiden Tage waren eigentlich mein einziger Lichtblick in den letzten Wochen gewesen.

Und der bevorstehende Mädelsurlaub. Doch jetzt wollte ich eigentlich viel lieber meine Zeit mit Jakob verbringen.

Aber ich hatte auch noch ein Leben.

Er konnte nicht einfach auftauchen und erwarten, dass ich alles andere stehen und liegen lassen würde.

Oder doch?

Meinen Gewissenskonflikt musste ich auf später verschieben.

Die kurze Autofahrt bis zur Halle war schon vorbei.

Kaum war ich aus dem Auto ausgestiegen, liefen auch schon meine besten Freundinnen auf mich zu.

Sie sahen einfach umwerfend aus. Im Vergleich zu ihnen war ich nur das kleine, hässliche Entlein.

„Da bist du ja endlich!" rief Nele schon vom Weiten.

Es war ungewohnt, sie in dem schwarz – silber gestreiften, eng anliegenden und hochgeschlossenen Kleid zu sehen. Sie war die Sportskanone unter uns und lebte für den Fußball. Kleider passten eigentlich nicht in ihr Leben und fanden sich auch nicht in ihrem Kleiderschrank.

Aber heute war schließlich ein besonderer Tag.

An ihren Bewegungen und an der leichten Hysterie in ihrer Stimme war zu erkennen, dass sie unheimlich nervös war.

Außerdem fuhr sie sich ständig mit der Hand durch die hellbraunen Locken und rückte ihre Brille zurecht.

Als zweitbeste des ganzen Jahrgangs und als Klassenbeste musste sie eine Rede halten.

Vor hunderten von Menschen.

Die Arme. Ich konnte sie voll und ganz verstehen.

Dicht neben ihr stand Lisa und versuchte sie etwas zu beruhigen, allerdings ohne Erfolg.

Sie hatte ihre braunen, sonst leicht gewellten Haare geglättet und trug ein grünes, trägerloses und relativ kurzes Kleid.

Mit ihren langen, grazilen Beinen stahl sie uns sowieso allen die Show.

Marie stand mir am Nächsten. In ihrem grüngeblümten Kleid kam sie auf mich zu und bergüßte mich mit einer Umarmung. Ihre blonden Locken kitzelten in meinem Gesicht und in ihren blaunen Augen war die pure Vorfreude zu erkennen.

Gemeinsam sammelten wir Nele und Lisa ein und begaben uns zu viert zu Lea und Ann-Kathrin, die noch in der Nähe von Lea's Zuhause, direkt nebender Halle, standen.

„Nele beruhige dich. Aely ist auch grad erst gekommen, nicht war?" Ich grinste Lea an die noch dabei war ihre dunkelblond gefärbten Haare zurecht zu rücken.

In ihrem schlichten, schwarzen, trägerlosen Kleid wirkte sie noch schmaler als sonst, sah aber auch unglaublich gut aus.

Verliebt wie sie war suchte sie den Platz mit den Augen nach ihrem Freund Simon ab und kommentierte meine Bemerkung nur und einem gekünstelten Lächeln.

Ich liebte Lea. Seit dem Kindergarten waren wir Freunde. Aber wenn sie verliebt war drehte sich die Welt nur noch um sie und ihren Kerl. Sonst um gar nichts mehr.

Im Stillen schwor ich mir, mich meinen Freunden gegenüber nicht so zu benehmen, nur weil Jakob hier war.

Ann-Kathrin stand schweigend neben ihr und starrte zu den Jungs aus unserer Klasse.

Auf wem ihr Blick genau lag, konnte ich nicht sagen.

Sie trug ein elegantes, dunkelrotes Kleid und ihre dicken, hellbraunen, Haare reichten ihr fast bis zur Taille.

Jetzt, wo wir alle zusammen waren trat mein Vater an uns heran und hatte unsere gute Spiegelreflex-Kamera in der Hand.

„Darf ich ein Foto von den Damen machen?" fragte er lächelnd.

Auch er schien mächtig stolz auf seine einzige Tochter zu sein.

Ich erwiderte sein Lächeln und nickte.

„Na klar Wolfgang!" rief Nele die anscheinend ihre Nerven und damit auch ihre große Klappe wieder gefunden hatte.

Wie auf Kommando stellten wir uns in einer Reihe auf, legten die Arme umeinander und lächelten in die Kamera.

Danach mussten wir auch schon in die Halle, wo wir uns in alphabetischer Reihenfolge unserer Nachnamen in die ersten Reihen setzten.

Also saß ich zwischen Regina und David. Nicht gerade optimal, aber es war in Ordnung.

Die Veranstaltung begann mit einer relativ langweiligen Rede unseres Schulleiters, danach führten einige Freiwillige die Bewegungen des Cup-Songs auf der Bühne aus und wir anderen sangen dazu.

Alles in allem war es wirklich schön.

Im Anschluss daran richtete unser Klassenlehrer Herr Michels noch eigne Worte an uns und auch die Lehrer der andern beiden Klassen kamen zu Wort.

Einige Reden später betrat dann Nele mit ihren Karteikarten die Bühne und wir begannen sofort wie wild zu klatschen, um ihr unsere Unterstützung zu versichern.

„Liebe Mitschüler und Mitschülerinnen, sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern, Familien und Freunde,

Heute ist es soweit. Das ist der Moment.
In diesem Moment haben wir uns hier versammelt, um gemeinsam unseren Abschluss zu feiern. Wer hätte schon gedacht, dass unsere Schulzeit so schnell vorbei geht? 10 Jahre Schule haben wir nun schon hinter uns. 10 Jahre voller neuer Gesichter und neuer Freunde. 10 Jahre haben wir gelernt sowie gute als auch schlechte Noten geschrieben. 10 Jahre haben wir mit lachen und weinen überstanden. Für jeden von uns war die Schule ein Ort andem man Freunde getroffen hat, geredet hat, gelästert hat, sich gelangweilt hat und Spaß gehabt hat. Jedoch war die Schule für jeden von uns trotzdem anders. Für Einige nervig und nur schwer zu ertragen. Für Andere aber das Paradies, da man jeden Tag mit seinen Freunden verbringen konnte. Wir wissen alle, dass nicht jeder jeden leiden konnte und dass es auch ein paar Zickereien gab. Doch ich glaube gerade jetzt, bei unserer letzten Zusammenkunft, wird jeder von uns merken, dass wir das vermissen werden. Wenn ich mir vorstelle euch Chaoten nicht mehr jeden Tag um mich zu haben, dann kommen mir schon irgendwie die Tränen."

Und sie hatte so recht. Uns allen standen bereits die Tränen in den Augen. Und sie machte es wirklich gut. Ihre Nervosität war verschwunden.

Ich vermisste nur eine.

Shelli. Aufgrund dieser „Zickerein" wie Nele es etwas verharmloste, hatte sie die Schule am Anfang der neunten Klasse abgebrochen. Sonst hätte sie jetzt hier bei uns gesessen.

„Wir haben so viel miteinander erlebt. Freundschaften die hoffentlich ein Leben lang halten werden, haben sich entwickelt." Bei diesem Satz blickte sie zuerst Lisa, dann Marie und mich und Ann- Kathrin und Lea direkt in die Augen.

Sie waren für uns bestimmt.

Lächelnd erwiderten wir ihren Blick und grinsten uns dann gegenseitig an.

Genauso sollte es sein. Ich hoffte wirklich, dass es trotz kleinerer Differenzen immer so bleiben würde.

„Doch jetzt in diesem Moment, endet eine Ära. Wir sind an einem großen Meilenstein in unserem Leben ankommen und stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Doch jetzt ist nicht die Zeit feste Entscheidungen zu treffen. Jetzt ist die Zeit, Fehler zu machen, den falschen Zug zu nehmen und irgendwo zu Stranden. Sich zu verlieben. Und zwar mehrfach.

Eine Ausbildung zu beginnen und diese wieder abzubrechen. Das Abitur zu machen, nur um danch um die Welt zu reisen.

Jetzt, in diesem Moment steht uns die ganze Welt offen.

Wir müssen mutig sein und aus unseren Fehlern lernen.

Wir können unsere Meinung ändern um sie wieder zu ändern, denn nichts ist von Dauer. Also, macht so viele Fehler wie ihr könnt!

Und wenn wir uns in zehn Jahren alle wiedersehen bin ich mir sicher, dass jeder von uns diesen Moment genutzt und seinen Weg gefunden hat."beendete sie ihre Rede und atmete erleichtert aus.

Doch alle waren ergriffen und klatschten begeistert.

„Wuhu!"riefen Lisa und Marie um ihren Applaus zu verstärken.

Aus den hinteren Reihen ertönten Pfiffe. Vermutlich von Nele's Vater oder von ihren älteren Brüdern.

Mit rotem Kopf verließ sie die Bühne und der Schulleiter ergriff erneut das Wort.

„Jetzt kommen wir zum wichtigsten Teil des Abends: Zur Zeugnisvergabe!" verkündete er feierlich und auch der Bürgermeister begab sich auf die Bühne.

Er hatte die ehrenvolle Aufgabe die Namen in alphabetischer Reihenfolge aufzurufen und uns die Hand zu schütteln, bevor uns der jeweilige Klassenlehrer unser Abschlusszeugnis überreichte.

Zum Schluss wurde auch die Hand des Schulleiters geschüttelt und sich an den hinteren Rand an der Bühne gestellt.

Die ersten Schüler standen bereits vor dem dunkelroten Vorhang, da wurde auch mein Name aufgerufen.

Wie aufs Stichwort wurde ich rot, da nun alle Augen auf mir lagen.

Wie zu Hölle hatte Nele es überlebt, vor all diesen Menschen zusprechen?

Doch meine Sorge bestand in diesem Augenblick darin, die drei Stufen vor der Bühne in meinen hohen Schuhen zu bewältigen, ohne mich auf die Nase zu legen.

Zum Glück schaffte ich es, nahm mein Zeugnis entgegen, schüttelte alle Hände, die mir gereicht wurden und reihte mich neben meinen Mitschülern ein.

Ich gehörte nicht gerade zu den besten Schülern.

Durchschnittlich war wirklich das richtige Wort, um mich zu beschreiben.

Aber um am Hüffertgymnasium mein Abitur machen zu dürfen, reichte es.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis endlich alle ihre Zeugnisse in der Hand hielten und auf der Bühne standen.

Zum Abschluss sagen wir alle gemeinsam das Lied „Das ist der Moment" von den toten Hosen, welches wir passend zum Anlass umgedichtet und eingeübt hatten.

Sobald unser Musiklehrer den letzten Ton am Klavier gespielt hatte, standen alle im Saal auf, klatschten und jubelten.

Als alle sich beruhigt hatten, verkündete der Schulleiter, dass das kalte Buffet nun eröffnet sei.

Jeder hatte etwas mitgebracht.

MeineMutter hatte ihre berühmten, kleinen Frikadellen gemacht, von denenich eben noch einige für Jakob auf die Brötchen gelegt hatte.

Er brauchte sie definitiv dringender, als alle andern hier.

Außerdem war ja noch genug da.

Als sich die Halle langsam leerte, machte Marie's Mutter Bianca noch Fotos von Marie, mir und unseren Zeugnissen.

Zur Freier des Tages fuhren meine und Marie's Familie noch zum Griechen in die Warburger Altstadt, um dort gemeinsam zu feiern.

„Na,schmeckt es Herr Jürgens?" fragte ich Andreas, Marie's Vater, der sich fast genau so eifrig über sein Essen her machte wie Jakob es sonst tat.

„ Jaja. Sehr deliziös Frau Dirkes." antwortete er in diesem speziellen, altbekannten Tonfall.

Marie's Vater war irgendwie etwas seltsam. Aber er war lustig und ich mochte ihn.

Bianca und meine Mama sprachen die ganze Zeit über unsere Kleider und die Odyssee, bis wir sie gefunden hatten.

Marie und ich waren gedanklich schon beim morgigen Abend.

„Was ziehst du morgen an?" wollte sie von mir wissen.

„Ich schätze meine schwarze Jeans und mein pinkes, gerafftes Shirt. Und Hawaiikette und Sonnenbrille dürfen auch nicht fehlen, um dem Motto treu zu bleiben. Und du?"

„Vamos a la playa!" rief sie begeistert unser Motto aus, bevor sie mir antwortete.

„Eine hellblaue Short und ein schwarzes Bandeautop. Hawaiikette, eine Blume im Haar und Sonnenbrille gehören auch dazu." sagte sie grinsend.

Ihre Augen funkelten euphorisch.

Sie hatte als Eissenerin einen großen Teil der Party organisiert und war auch mächtig stolz darauf.

„Wann fangen wir morgen mit den letzten Vorbereitungen an?"

„Morgen um 17:00 Uhr." antwortete sie selbstzufrieden.

Na das konnte ja heiter werden, wenn sie morgen das Kommando hatte und uns wie Sklaven durch die Gegend scheuchte.

Aber es sei ihr gegönnt. Sie hatte hart dafür gearbeitet, das überhaupt alles auf die Beine zu stellen.

Mit einem Blick auf mein Handy stellte ich fest, dass es schon nach acht Uhr war. Jakob war also schon wach.

Mist.

Mit jeder Minute wuchs in mir die Ungeduld, doch ich ließ mir nichts anmerken.

Irgendwann, es war bereits viertel vor neun, beschlossen die Erwachsenen, dass es nun Zeit wäre, um nach Hause zu fahren.

„Bis Morgen!" verabschiedeten wir uns voneinander.

Sehr gut. Das wäre also geschafft.

Den gesamten Nachhauseweg überlegte ich, in was für einer Verfassung Jakob sich jetzt wohl befinden würde und war wirklich neugierig auf seine Berichte der letzten Monate.

Doch eigentlich war er alles was ich wollte.

Nele hatte gesagt, es sei die Zeit um Fehler zu machen.. ich zweifelte an meinen Grundsätzen, die ich für unsere Art von Beziehung festgesetzt hatte.

Aber wozu einen Fehler begehen, wenn man von Anfang an weiß, dass es keinen Sinn hat?

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chenupet 30. Nov 2019

Hallo Akina,

das waren wieder spannende Kapitel.
Ich hoffe Du schreibst weiter und meldest Dich bei einer anderen Plattform an.
Fände es sehr schade, wenn diese tolle Geschichte für immer verschwinden würde.
Wünsche Dir ein schönes Wochenende.

LG Chenupet

chenupet 15. Apr 2019

Oh je .... dachte Jacob entspannt sich und hat sich besser im Griff... so schade . :(

chenupet 13. Mar 2019

OMG .... heftig .....