Lebensretter

vor 9 Mon.
Fanfiction zu den Büchern der Biss- Reihe von Stephanie Meyer. In dem Buch geht es um ein ganz normales deutsches Mädchen, Anika, das durch einen dummen Zufall mit dem Tracker James und seiner Gefährtin Victoria zusammen stößt. In diesem Moment trifft sie auch Jakob und das Wolfsrudel. Zwischen den beiden besteht von Beginn an eine gan..
Bis(s) Romanze P16 Mystery In Arbeit
Inhaltsverzeichnis

Kapitel 45 September 2013 Anika

Jetzt war es soweit. Der letzte Ferientag war also gekommen.

Ohne jegliche Motivation quälte ich mich aus dem Bett und trat unter die Dusche.

Es war der 3. September. Der Geburtstag von Michelle.

Für den Morgen hatte ich mir vorgenommen, mein Zimmer aufzuräumen, doch letztendlich hockte ich nur auf meiner Fensterbank und starrte durch die Scheibe.

Das Wetter war nahezu perfekt. Ganz im Gegensatz zu meiner Laune.

Aber ich hatte mir fest vorgenommen, mich zusammen zu reißen.

Zumindest für den Nachmittag würde ich Jakob aus meinen Gedanken verbannen.

Dank der immer noch sommerlichen Temperaturen schlüpfte ich in eine Jeansshort und ein blau-weiß gestreiftes Top. Meine Haare band ich zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen.

Im Büro war ich noch damit beschäftigt, eine rote Longe für Shelli's Pferd Nebraska in rosanes Geschenkpapier zu hüllen.

Zur Krönung bekam das Ganze noch eine pinke Schleife.

Um zwei Uhr saß ich neben meiner Mutter, mit Sina zu meinen Füßen, in unserem schwarzen Ford Kuga.

Die Fahrt verlief schweigsam und ich hatte meine Motivation immer noch nicht gefunden.

In Warburg angekommen, setzte Mama mich und Sina direkt vor Shelli's Haus ab.

Mit Gewalt öffnete ich das schwarze Eisentor, welches auf das Grundstück führte und lief die Stufen vor der Haustür hinauf.

Ich atmete einmal tief durch, setzte ein möglichst natürliches Lächeln auf und klingelte an der Haustür.

Ich musste nicht lange warten, schon wurde die Tür aufgerissen.

Michelle stand mir genauso quirlig und zierlich gegenüber wie immer. Noch dazu war sie mindestens einen Zentimeter kleiner als ich.

„Alles Gute zum Geburtstag!" rief ich und umarmte sie zur Begrüßung.

„Hola!"rief sie in mein Ohr.

Ihre braunen Augen strahlten.

Nach unserer stürmischen Begrüßung musste sie erst einmal ihre dunkle Brille zurecht rücken.

Ihre hellbraunen Haare hatte sie ebenfalls zu einem Zopf zusammen gebunden.

Sofort riss sie mir das Geschenk aus der Hand und schüttelte es.

„Mach es auf." forderte ich sie auf.

Ohne zu zögern riss sie das Papier in Zwei und zog die rote Longe hervor.

„Ich dachte, die könntest du demnächst gebrauchen." verkündete ich lächelnd.

Ihr Pony war mittlerweile zweieinhalb Jahre alt und bald bereit zum anlongieren.

„Danke."rief sie und zog mich ins Wohnzimmer an den bereits gedeckten Kaffeetisch.

Sofort trug ihre Mutter, eine ebenfalls kleine, dunkelhaarige Frau die Benjamin-Blümchen-Torte ins Zimmer.

„Hallo Anika!" begrüßte sie mich mit ihrem chilenischem Akzent.

Ich erwiderte Allouette's Begrüßung und beobachtete die beiden Schildkröten, die gegen die Scheibe ihres Aquariums schwammen.

Minka, eine von Shelli's Katzen setzte sich zu ins auf den Tisch, während Sina Allouette in die Küche folgte.

Dieser Hund wusste wirklich immer und überall wo die Küche war.

Zum Kaffee trinken kamen auch noch Shelli's Schwester Saskia und Arno, der Lebensgefährte ihrer Mutter.

Die ganze Prozedur war schneller vorbei als ich erwartete hatte.

Trotz unserer vollen Bäuche packten wir noch Keckse und Getränke für ein Picknick auf der Pferdewiese ein.

Anschließend fuhr Arno uns dann nach Germete, zur Sommerweide von Nebraska.

Zuerst beschäftigten wir uns ein wenig mit den jungen Pferden, doch dann setzten wir uns ins Gras, aßen Kekse und genossen einfach die Sonne.

Wir quatschten über die alten Zeiten in der Schule und lästerten über das Mädchen, welches der Grund war, weshalb Michelle die Realschule verlassen hatte.

Doch plötzlich lief es mir eiskalt den Rücken hinunter.

Er war da.Und er war nicht gerade gut gelaunt.

Das konnte ich trotz der Entfernung mehr als deutlich spüren.

Aber was sollte ich tun?

Plötzlich war meine Enttäuschung wie weggeblasen. Ich war einfach nur noch stink sauer auf ihn.

Trotzdem. Ich konnte jetzt nicht mit ihm sprechen.

Also zog ich es vor seine Anwesenheit einfach zu ignorieren.

„Und morgen geht es dann los?" wollte Shelli wissen.

„Los? Womit?" Ich hatte ihr überhaupt nicht mehr zugehört.

„ Los auf dem Hüffert!" half sie mir auf die Sprünge.

„Achso.Ähm..ja." Ich konnte mich nicht mehr auf das Gespräch mit ihr konzentrieren.

Als Sina zu bellen begann, wusste ich, dass es bereits zu spät war.

„Wer ist das?" fragte Michelle verwirrt und starrte über mich hinweg.

Ich hatte mich noch nicht getraut mich umzudrehen, war mir aber 100%ig sicher, dass Jakob hinter meinem Rücken auf uns zu kam.

„Ey! Das hier ist ein Privatgrundstück!" rief meine Freundin völlig unbeeindruckt, während mir mein Herz bis zum Hals schlug.

„Bitte warte hier." flehte ich Michelle an und stand auf.

Seine Augen funkelten vor Wut, seine Hände waren zu Fäusten geballt, doch ich hielt seinem Blick stand.

Mit zügigen Schritten lief ich ihm entgegen.

Je näher ich kam, desto stärker konnte ich seine Aggressivität spüren.

Was bildete er sich ein, so hier aufzutauchen?

Nur mit einer Short bekleidet und bis zum Anschlag gereizt.

Und vor allem, warum kam er ausgerechnet jetzt? Wo war er sie letztenTage? Warum hatte er sich nicht mit einem Wort bei mir gemeldet?

All diese Fragen geisterten in meinem Kopf herum, doch über die Lippen kam mir nur die eine: „Was willst du hier?" Meine Stimme war leise und eiskalt.

Seine Augen weiteten sich für eine Sekunde. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.

„Mit dir reden." Er bemühte sich sichtlich, ruhig zu bleiben doch sein Körper verriet mir seine eigentliche Verfassung.

„Nicht hier und nicht jetzt. Du hattest genug Zeit mit mir zu reden. Und wo warst du?" herrschte ich ihn an.

„Mein Gott. Ich war Zuhause und völlig am Ende wegen deinem scheiß Urlaub!" brüllte er mich an.

Das hat gesessen. So hatte er vorher noch nie mit mir gesprochen.

Als er in mein perplexes Gesicht blickte, wurde sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde weich.

„Wie konntest du deiner Freundin von uns erzählen? Und dann noch alles an Leah weitergeben?" frage er entrüstet. Selbst seine Stimme zitterte.

„Du redest ja nicht mit mir." Die Enttäuschung stand mir ins Gesicht geschrieben, doch ich hatte seine Aufmerksamkeit verloren.

Er blickte einfach über mich hinweg.

Shelli hatte natürlich nicht auf mich gehört.

Sie machte prinzipiell das Gegenteil von dem, was man ihr sagte.

„Geh."zischte ich ihm zu, doch es war zu spät.

„Oh mein Gott! Twilight!" kreischte sie und trat direkt neben mich.

Sie hatte die Augen weit aufgerissen und ihre Kinnlage war herunter geklappt.

Jakob ignorierte sie einfach.

„Wir werden morgen wieder auf die Jagd gehen." presste er zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor.

Hatte ich das gerade richtig verstanden?

„Erst küsst du mich, dann gehst du mir tagelang aus dem Weg und jetzt haust du einfach ab?" schrie ich ihn an.

Am ganzen Körper bebend machte er einen Schritt auf mich zu, und auf Michelle.

Panik stieg in mir auf. „Bleib wo du bist!" fuhr ich ihn an, doch er reagierte nicht.

„Ich fasste meine Freundin am Handgelenk und zog sie mit mir einige Schritte zurück.

Jetzt stand nur noch meine kleine Sina bellend und mit aufgestellten Nackenhaaren zwischen uns und dem fast explodierenden Jakob.

Auch sie war sich der Gefahr durchaus bewusst.

„Bitte geh." flüsterte ich nun nur noch. Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich war mir zuvor noch nie so bedroht vorgekommen. Erst recht nicht von ihm.

Doch meine Worte schienen ihn nicht mehr zu erreichen.

Hektisch blickte er zwischen dem kläffenden Hund, Michelle und mir hin undher, während er immer mehr die Kontrolle verlor und vor sich hin knurrte.

Tränen stiegen mir in die Augen.

Diese Situation konnte nicht gut ausgehen.

Die Konturen seines Körpers schienen zu verschwimmen, so stark bebte sein gesamter Körper.

Ich wusste genau, das das alles zu viel für ihn war.

Er war komplett überfordert und wusste nicht wohin mit sich.

Doch mit dem was dann geschah, hätte ich nicht gerechnet.

Plötzlich brüllte er auf. Das Geräusch, welches aus seiner Kehle drang hatte nichts menschliches mehr an sich.

Dann ging alles ganz schnell.

Er bewegte sich einen Schritt nach vorne, und zwar mit einer solchen Geschwindigkeit, dass meine menschlichen Augen seine Bewegungen nicht mehr erfassen konnten.

Das nächste, was ich wahrnahm, war der Aufschrei meiner kleinen Hündin, die er im Nacken gepackt und wie ein einen Ball von sich weggeschleudert hatte.

Von jetzt an verliefen die Bilder vor meinem Auge nur noch in Zeitlupe.

„Nein!" schrie ich, doch es war bereits zu spät.

Mein kleiner schwarzer Schatz flog schon durch die Luft und landete mit einem ohrenbetäubenden Jaulen am Boden.

„Geht's noch du Idiot?" brüllte Michelle, während ich die Augen starr auf meinen Hund gerichtete hatte.

Vor Erleichterung schluchzte ich auf, als sie wieder auf die Pfoten kam und sich mit eingezogenem Schwanz von uns entfernte.

Als ich meinen Blick wieder Jakob zuwandte, sah ich gerade noch, dass Michelle auf ihn zu getreten war.

„Stopp!"kreischte ich unter Tränen, doch das Unvermeidliche war bereits eingetreten.

Michelle hatte die Hand erhoben, um ihm eine zu klatschen, doch Jakob stieß sie mit einer Hand so heftig von sich weg, dass sie mindestens zwei Meter durch die Luft flog und mit dem Kopf auf einen Stein aufprallte.

Noch im gleichen Moment explodierte Jakobs menschliche Gestalt und verfehlte Shelli's Körper nur um Millimeter mit seinen gigantischen Pranken und tödlichen Krallen.

Knurrend und zähnefletschend stand nun also ein höchst aggressiver, riesiger Wolf vor uns.

Doch es interessierte mich nicht.

Ich lief zu Michelle und kniete mich neben ihren Körper, der bewegungslos am Boden lag.

Schluchzend beugte ich mich über sie.

Meine Tränen verschleierten mir die Sicht, doch die zahlreichen Erste Hilfekurse beim DLRG zahlten sich aus.

Sie atmete noch. Zum Glück.

Das Blut floss aus einer Platzwunde an ihrer Stirn und jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

Vorsichtig bettete ich ihren Kopf auf meinem Schoß.

Auf einmal war es toten still um uns herum.

Als ich meinen Blick hob starrte ich direkt in die riesigen, verstörten Wolfsaugen.

„Hau ab!" schrie ich ihn an.

Winselnd trat er ein paar Schritte zurück und senkte den Kopf, machte aber keine Anstalten zu verschwinden.

„Sieh was du getan hast! Hau endlich ab! Verschwinde aus meinem Leben! Ich will dich nie wieder sehen!" Ich war völlig außer mir.

Obwohl ich von Schluchzern geschüttelt wurde, brüllte ich ihn aus vollem Hals an uns sah ihm dabei direkt in die Augen.

Er fiepte. Etwas war in ihm zerbrochen. Genau in diesem Moment. Aber es war mir egal.

Endlich machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand im Wald.

Noch völlig unter Schock stehend zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte die 112.

„Hallo hier ist Anika Dirkes, Meine Freundin ist mit dem Kopf auf einen Stein gefallen und ist bewusstlos..."

Mittlerweile gesellte sich auch Sina mir gesenktem Kopf und eingezogener Route zu uns. Sie humpelte, ansonsten schien sie wie durch ein Wunder unverletzt zu sein.

Ganz im Gegensatz zu Michelle, die immer noch regungslos auf meinen Oberschenkeln lag.

Und das war alles nur meine Schuld. Um ein Haar hätte ich meinen Hund und meine beste Freundin verloren. Und das nur, weil ich dieses Monster in ihr Leben eingeschleust hatte.

„Es tut mir so leid.." flüsterte ich, während immer noch einzelne Tränen über mein Gesicht rannen und ich Michelle sanft über dieWange strich.

Plötzlich zuckten ihre Wimpern und sie zog die Stirn in Falten.

Nur eine Sekunde später schlug sie die Augen auf.

„Gott sei Dank" erleichtert atmete ich auf.

„Was ist passiert?" fragte Shelli völlig verwirrt und wollte sich schon wieder aufrichten.

„Bleib liegen! Forderte ich sie auf und drückte sie sanft zurück auf meinen Schoß.

„Du bist mit dem Kopf auf den Stein hier gefallen und hast eine Platzwunde am Kopf. Der Krankenwagen ist unterwegs." informierte ich sie.

Und das entsprach sogar alles der Wahrheit.

„Krankenwagen? fragte sie entsetzt.

Ich nickte nur und versuchte mich zu beruhigen.

„Mein Gott, jetzt hör auf zu heulen. Ich lebe noch!" meckerte sie schon wieder vor sich hin.

Wieder nickte ich nur.

„Was ist mit Sina?" Sorge schwang in ihrer Stimme mit.

„Der geht's gut. Wie auch immer sie das überlebt hat." antwortete ich kopfschüttelnd.

„Sina ist unsterblich." murmelte Shelli lächelnd vor sich hin.

Sie hatte vermutlich eine schwere Gehirnerschütterung.

Ich schwieg.

„Ey, freu dich! Dein Hund hat grade seinen Arsch für uns riskiert." grinste sie.

„Sag Mal geht's dir gut?" fragte ich misstrauisch.

„Ja. Aber ich glaube du musst mir da noch so einiges erklären.." merkte sie an.

Ihr Verstand und ihr Gedächtnis funktionierten also noch.

„Ja. Aber können wir uns auf eine offizielle Version einigen?" Ich hasste ihn für das, was er getan hatte. Doch seine Identität würde ich nicht Preis geben.

Die Wahrheit würde uns sowieso niemand glauben.."

In der Ferne hörte ich schon die Sirene des Krankenwagens.

„Ja. Aber ich will jedes Detail wissen." forderte sie.

„Okey." willigte ich ein. Das war ich ihr schuldig. Und was Jakob dachte, war mir so was von egal.

„Ich bin vom Pferd gefallen." sagte sie mit einem Schulterzucken.

Im gleichen Moment hielt der Krankenwagen vor der Pferdeweide.

Ich fuhr mit ins Krankenhaus und lief dort unruhig im Gang auf und ab, während Michelle untersucht wurde.

Sina, die draußen vor der Tür angebunden war, beobachtete mich aufmerksam.

Zum Glück schien sie den Vorfall von eben schon wieder vergessen zu haben.

Ganz im Gegensatz zu mir.

Als Shelli dann schließlich selbst mit einem riesigen Pflaster auf der Stirn auf mich zu kam, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen.

„Es ist alles gut! Nur ne leichte Gehirnerschütterung!" rief sie mir schon von Weitem zu, um mich zu beruhigen.

„Gott sei Dank!" Ich umarmte sie vorsichtig.

„Ich hab Arno schon angerufen, er steht draußen vorm Eingang." sagte sie, als wäre überhaupt nichts passiert.

„Es tut mir so leid." setzte ich noch Mal an.

„Ist gut jetzt! Endlich ist Mal was spannendes passiert." sagte sie lächelnd.

Ich hingegen war einfach nur froh, dass sie noch lebte und schüttelte fassungslos den Kopf.

Die Autofahrt verlief schweigsam. Ich versuchte das Geschehene einfach zu verdrängen.

Das hatte allerdings ein Ende, sobald wir uns auf Michelles Sofa fallen ließen.

„Erzähl mir alles!" drängte sie.

Und dann war ich diejenige, die erst einmal völlig zusammen brach und unter Tränen unsere Leidensgeschichte erzählte.

Shelli hörte mir die ganze Zeit aufmerksam zu und versuchte mich zu trösten.

Wie schaffte sie es, mit all dem so gut klar zu kommen?

Eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen, sie zu trösten.

Doch sie war einfach nur fasziniert von dem Ganzen.

„Für den Fall, dass du ihn doch nochmal wieder siehst und ihr euch wieder vertragt, will ich ihn kennen lernen!" forderte sie.

„Hat dir das heute nicht gereicht?" fragte ich verständnislos.

„Nein."Sie grinste mich an.

„Du bist so was von geistesgestört." erwiderte ich und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Und du nicht? Du hattest was mit nem Werwolf." Das letzte Wort zog sie ganz besonders lang.

„Das wird nie wieder passieren. Ich bin kuriert." entgegnete ich.

Und ich meinte es auch so.

Es musste ein Ende haben.

„Beschützen sie dich auch weiter vor Victoria?" harkte meine Freundin nach.

Zuerst zuckte ich nur mit den Schultern.

„Ich denke schon. Das ist ihre Aufgabe, aber ich will da gar nichts mehr von wissen."

Das entsprach allerdings nicht so ganz der Wahrheit.

Ich würde ihn niemals vergessen können.

Seit zwei Jahren war er jeden Tag in meinen Gedanken.

Wie sollte ich das von heute auf morgen ändern? Noch dazu, wenn er permanent versuchte mich zu erreichen.

Schon seit Stunden ignorierte ich mein Handy, welches ständig aufblinkte.

Also schaltete ich es vorerst einfach aus.

Als ich dann Abends endlich allein in meinem Zimmer war, holten mich die Ereignisse des Tages ein.

Wie konnte das nur passieren?

Ich wusste genau, dass es nicht seine Absicht gewesen war, jemanden zu verletzten, aber was geschehen war, war nun einmal passiert. Und es war nicht einfach zu entschuldigen.

Seufzend setzte ich mich auf mein Bett und schaltete mein Handy ein.

Der Bildschirm zeigte mir 30 Anrufe in Abwesenheit an.

Alleine 25 davon waren von Jakob.

Die anderen fünf waren von Leah und Alice.

Also wussten schon alle Bescheid.

Gerade in diesem Augenblick zeigte mein Smartphone einen neuen eingehenden Anruf an.

Ich hatte mir fest vorgenommen nicht dran zu gehen. Obwohl es mir wirklich schwer fiel, bleib ich standhaft.

Nur Minuten später konnte ich von draußen ohrenbetäubendes Wolfsgeheul vernehmen.

Er war hier.

Wieder liefen mir Tränen übers Gesicht. Was sollte ich nur tun?

Er war zu gefährlich. Und das nicht nur für mich, sondern auch für alle die ich liebte.

Sofort schloss ich die Fenster ab und ließ die Rollos hinunter, damit er sich nicht einfach selbst hineinlassen konnte.

Ich schaltete den Fernseher an und die Titelmusik von High School Musical prallte auf mich ein.

Jetzt wollte mir das Schicksal aber wirklich einen reinwürgen.

Mein Handy klingelte erneut: Leah.

„Hey, würdest du bitte mit diesem Vollidioten reden, damit er die Klappe hält?" fragte sie ein wenig genervt.

„Damit er mich dann auch ins Krankenhaus befördert?" schluchzte ich ins Telefon.

Daraufhin schwieg sie.

„Das hätte nicht passieren dürfen." sagte sie nun mit sanfter, mitfühlender Stimme.

„Was hast du jetzt vor?" fragte sie vorsichtig.

„Ich will das alles vergessen. Ich will ihn vergessen. Es kann und wird einfach niemals funktionien.."

Sie schwieg.

„Mich auch? Und seine Blutsaugerfreundin?" Sie klang verletzt.

„Nein!"versuchte ich sie zu beruhigen.

„Ich muss nur erst mal Abstand zu dem Ganzen gewinnen." erklärte ich.

„Okey. Sag ihm das. Sonst gibt er keine Ruhe." gab sie zu bedenken.

„Aber ich will nicht mit ihm sprechen." flüsterte ich.

Bei dem Gedanken schnürte sich mir erneut die Kehle zu.

„Das ist deine Entscheidung, aber beim Morgengrauen brechen wir auf." Versuchte sie etwa doch mich zu überreden?

„Ich weiß." Mehr wollte ich dazu nicht sagen.

„ Du weißt, dass du dich immer bei mir melden kannst?" Mitgefühl lag in ihrer Stimme.

„Mhm."Mehr brachte ich nicht heraus, ohne erneut meinen Schluchzern zu erliegen.

„Mach's gut. Wir sehen uns." sagte sie etwas wehmütig.

„Pass auf dich auf." sagte ich noch, bevor sie das Gespräch beendete.

Plötzlich verstummte das Gejaule in der Nähe meines Fensters.

Es war bereits mitten in der Nacht.

Hatte er endlich aufgegeben?

Gerade, als ich dachte er würde gehen, flogen die Kieselsteinchen an mein Fenster.

Scheiße.

„Geh!"sagte ich gerade so laut, dass er mich draußen hören konnte.

„Nein. Bitte rede mit mir." Seine Stimme war zittrig und schwach.

Er hatte geweint.

Es zerriss mir fast das Herz.

„Bitte komm runter." flehte er.

Vielleicht hatte Leah Recht.. ohne noch länger darüber nachzudenken lief ich die Treppen hinunter und trat aus der Haustür.

Und da stand er und sah mindestens genauso schlecht aus wie ich mich fühlte.

Sofort ging er auf mich zu.

Entgegen meiner Erwartungen verspürte ich keinerlei Angst.

Abgesehen von der, ihn loslassen zu müssen.

Innerlich verspürte ich nur noch das Bedürfnis ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten, aber es ging nicht.

Langsam kam er auf mich zu und blieb einige Meter vor mir stehen.

„Es tut mir so leid." hauchte er.

So hatte ich ihn noch nie gesehen. So verzweifelt und voller Selbsthass.

Ich stand da und versuchte meine Gefühle in den Griff zu bekommen.

Wie konnte es sein, dass ich immer noch weinte?

„Ist Sina okey?" flüsterte er und hatte eindeutig Angst vor der Antwort.

Jakob wusste ganz genau, wie viel sie mir bedeutete.

Und genau das löste die erneute Wut in mir aus.

Ich nickte. „Du hättest sie beide umbringen können." zischte ich nach einer langen Zeit des Schweigens.

Er nickte betroffen und sah zu Boden.

Jetzt war es also Zeit, meinen bereits gefassten Entschluss in die Tat umzusetzen.

„ Jakob geh. Ich will dich nicht mehr sehen. So ist es besser für uns beide." sagte ich so gefasst wie möglich.

„Nein. Ich kann mich ändern. Bitte gib mich nicht auf." flehte er heiser.

„Es geht nicht anders." flüsterte ich unter Tränen.

Ich wollte ihn nicht von mir wegstoßen. Ich wollte ihn nicht aus meinem Leben verbannen.

Aber so etwas wie heute durfte einfach nie wieder geschehen.

Dafür musste ich sorgen.

Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Er holte tief Luft und hob langsam seinen Blick.

Sein Mund verzog sich ein wenig und als er mich endlich anschaute, hatte sein Blick sich verändert.

Er schien von dem einen auf den anderen Moment unerreichbar für mich zu sein.

Seine sonst so wunderschönen lebhaften Augen waren plötzlich eingefroren.

„Du hast Recht." sagte er langsam und betonte jedes einzelne Wort.

Jetzt hatte er mich eiskalt erwischt.

Drehte er den Spieß jetzt etwa um?

Eine Weile schwiegen wir beide während ich seine Worte nach dem eigentlichen Sinn durchforstete.

Er meinte es wirklich ernst.

Hatte ich mich so in ihm getäuscht?

War ich ihm wirklich so egal?

Ich erkannte ihn nicht mehr wieder.

„Du willst mich also nicht mehr in deinem Leben haben?" Verständnislos starrte ich in seine plötzlich so gefühlskalten Augen.

Er starrte zurück und nichts entschuldigendes lag in seinem Blick.

War das der wahre Jakob?

„Dann sind wir uns ja einig." Ich wunderte mich selbst, wie gefasst die Worte aus meinem Mund kamen. Eigentlich fühlte ich mich, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegzog.

„Wie kommt der Sinneswandel?" fügte ich hinzu. Mir wurde schwindelig.

„Ich bin nicht gut für dich. Und das werde ich nie sein. Das was heute geschehen ist, hat mir gezeigt, dass sich etwas ändern muss.

Ich bin es leid dir etwas vorzuspielen. Ich bin es leid etwas vorzugeben,was ich nicht bin.

Ich bin kein Mensch!" Seine Stimme wurde immer lauter und seine Hände bebten, doch er verzog keine Miene.

Wo war mein Jakob? Ich sah ihn nicht mehr.

„Ich habe das viel zu lange zugelassen und das tut mir leid." fügte er etwas ruhiger, aber bestimmt hinzu.

„Aber.."setzte ich an, doch er ließ mich erst gar nicht zu Wort kommen.

„Du bist nicht gut für mich. Und ich bin nicht gut für dich." presste er hervor.

Darauf konnte ich nichts mehr erwidern.

Er hatte vollkommen Recht.

Er wartete auf eine Reaktion, doch mein ganzer Körper wurde taub.

Vom Hals an abwärts hatte ich überhaupt kein Gefühl mehr.

Für einen Moment lang meinte ich, den Schmerz auf seinem Gesicht sehen zukönnen, doch bevor ich mir sicher sein konnte, war es schon wieder zu der harten, ausdruckslosen Maske erstarrt.

„Wir passen weiter auf dich auf. Aber du wirst es nicht bemerken. Du wirst uns nicht mehr zu Gesicht bekommen. Du kannst uns vergessen. Es wird so sein, als hätte es uns nie gegeben." Bei diesen Worten drohte seine Maske zu brechen. Seine Stimme zitterte und klang belegt. Tränen stiegen in seine Augen.

„Jakob.."wieder würgte er mich ab.

„Es ist besser so." flüsterte er.

Offenbar hatten meine Knie angefangen zu zittern, denn die Umgebung begann zu schwanken.

Ich hörte, dass das Blut schneller als sonst in meinen Adern pulsierte.

Ich versuchte normal zu atmen, um aus diesem Albtraum herauszufinden.

„Pass auf dich auf." sagte er und unter meinem Schleier aus Tränen konnte ich erkennen, dass auch seine Fassade bröckelte. Seine Gesichtszüge waren sanfter und seine Augen schienen schreien zu wollen. Genau wie die meinen.

Ich blinzelte und er war verschwunden. Einfach so.

Das war also das Ende?

Meine Beine gaben nach und ich sank auf den Pflastersteinen vor unserer Haustür zusammen.

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chenupet 30. Nov 2019

Hallo Akina,

das waren wieder spannende Kapitel.
Ich hoffe Du schreibst weiter und meldest Dich bei einer anderen Plattform an.
Fände es sehr schade, wenn diese tolle Geschichte für immer verschwinden würde.
Wünsche Dir ein schönes Wochenende.

LG Chenupet

chenupet 15. Apr 2019

Oh je .... dachte Jacob entspannt sich und hat sich besser im Griff... so schade . :(

chenupet 13. Mar 2019

OMG .... heftig .....