Das Weltgenie

vor 8 Tagen
Ganz selten kommt ein Jahrtausendtalent zur Welt, das die Menschen begeistert und Millionen in seinen Bann zieht. Maria Mierla ist solch ein Mensch. Ihr Leben ist etwas Besonderes, weil es etwas Besonderes ist, was sie kann. Sie ist genial.
Fiktive Biographien P12 Beendet
Inhaltsverzeichnis
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Maria Mierla war immer schon ein bescheidener demütiger Mensch, der eigentlich nicht viel mehr vom Leben wollte als etwas Freiheit und die eine große Liebe, die für immer war. Eigentlich nicht sehr viel, aber das war, bevor sie herausfand, wer sie war.
Als Maria noch ein ganz kleines Mädchen war, hätte niemals jemand geglaubt, sie könnte später einmal zu einem der berühmtesten Menschen der Welt aufsteigen. Als kleines Kind sah man es ihr noch nicht an. Die kleine Süße mit dem Sommersprossengesicht und der niedlichen Stupsnase und dem fröhlichen Lächeln, was alles von einer schönen und behüteten Kindheit kündete, ließ nichts dergleichen vermuten – auch im Geringsten nicht. Aber es war so.
Aus dem ganz normal entwickelten Kind wurde ein ganz normal entwickelter Teenager. Ganz normal mit den üblichen Regenbogenplüschies auf dem Bett und den genauso üblichen jungen Sängern mit den üblicherweise entblößten Oberkörpern als Poster an den Wänden. Eine junge Frau, die sich bald für Jungs interessierte, und alles sah danach aus, als würde sich alles normal entwickeln. Aber alles kam ganz anders, ganz anders sogar.
Nach dem Abi und nachdem sie schon mit ein paar Jungen rumgeknutscht hatte, aber nicht mehr, fand sie eine Ausbildungsstelle in einem dieser netten Bürogebäude – als Sekretärin. Nicht sehr aufregend, aber immerhin ein eigenes Einkommen und scheinbar auch ein Job, den sie erstmal behalten konnte. Eine sichere Anstellung. Vielleicht würde sie sich mit der Zeit nach oben arbeiten, aber so weit war es noch nicht. Erst einmal eine eigene kleine Wohnung und dann mal sehen. Kein Stress, alles kommt von allein und alles wird gut. Nur ein bisschen anstrengen, seine Arbeit gewissenhaft erledigen und morgens pünktlich zur Arbeit erscheinen. Kleine Schritte und immer so weiter.
Und dann, an einem Tag, nach der Mittagspause, passierte etwas, mit dem wirklich niemand gerechnet hatte. Maria wartete auf dem Korridor vor dem Büro ihres Vorgesetzten, der immer so nett zu ihr war. Es dauerte, also wurde ihr langweilig und ihr Blick ging auf etwas, das auf einem Tisch stand, auf diesem Korridor. Einen Drucker. Im Nachhinein wusste sie selbst nicht mehr, wie sie überhaupt auf den Einfall kam, aber plötzlich stand sie vor dem Gerät und versuchte es einfach. Einfach so, plötzlich klappte sie die Klappe unten auf und schob einen kleinen Stoß Papier ein und schaltete das Gerät ein. Und drückte nacheinander ein paar Knöpfe und wartete. Es war ganz einfach, und es gelang ihr sogar noch einmal. Plötzlich summte der Drucker und gab einen Bogen aus, der bedruckt war. Unglaublich. Im ersten Moment konnte sie es selbst nicht glauben, aber es hatte wirklich funktioniert.
Als sie ein paar Minuten darauf ihren Chef traf, konnte sie sich gar nicht mehr daran erinnern, aus welchem Grund sie eigentlich mit ihm sprechen wollte. Ihr war so schwindelig, dass sie nicht mehr wusste, was sie sagen sollte. Dann aber fing sie sich und sagte: „Ich habe gerade den Drucker benutzt.“
Als sie das sagte, gab er ihr einen Blick, als wäre sie schon zu alt, um einen dummen Witz zu reißen. Oder war sie verrückt geworden? Nein, verrückt war sie sicher nicht geworden, aber warum sagte sie so etwas? Aber Maria bestand darauf, sie hatte eben den Drucker benutzt, und es hatte auch funktioniert. Wirklich, sie malte sich das nicht einfach aus.
Da sie keine Ruhe geben wollte, ging er mit ihr nach draußen und ließ es sich zeigen. Er fühlte sich veralbert und fragte sich, aus welchem Grund er sich nur auf diesen Unsinn einließ, aber dann stand er neben dem Drucker und sah es sich trotzdem an.
Und als er sah, was sie da tat, fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf – seine Kinnlade klappte nach unten und er gab einen seltsamen Ton von sich. Es war nicht zu glauben, aber Maria war wirklich nicht verrückt geworden. Unglaublich.
Ein paar Minuten darauf hatte sich die ganze Etage versammelt und starrte mit ungläubig aufgerissenen Augen auf das erstaunliche und regelrecht weltbewegende Geschehen. Unfassbar. Maria? Maria Mierla? Diese unscheinbare Sekretärin, die graue Maus aus einem der kleinen Büros? Sie? Unfassbar!
Alle versammelten sich auf dem Korridor, aber keiner von ihnen konnte etwas sagen. Derjenige, der am schnellsten zu seiner Sprache zurückfand, war ihr Chef, und ihr Chef nahm sie erst einmal in sein Büro. Sie sollte sich erst einmal setzen und er musste sich auch erstmal setzen. Die beiden brauchten erst einmal ein paar Augenblicke, um zu begreifen, was sich gerade zugetragen hatte.
In den nächsten Minuten versuchte er, der selbst vollkommen überwältigten und fast sprachlosen jungen Frau zu erklären, was das überhaupt bedeutete, was sie da eben getan hatte. Nein, sie würde ganz sicher nicht mehr für lange in einem simplen Büro arbeiten – sie konnte einen Drucker bedienen. Sie war ein Genie, selbstverständlich würde sie nicht mehr lange hier arbeiten, aber die Frage war, wie man jetzt vorgehen sollte.
Was Maria jetzt am nötigsten brauchte, war jemand, der sich richtig damit auskannte, sagte er. Sie brauchte einen Manager, aber einen von denen, denen man auch wirklich vertrauen konnte. „Einen Manager?“, fragte sie, ohne viel Hoffnung. Wie sollte sie sich bei ihrem kleinen Gehalt einen Manager leisten? Aber, als sie das sagte, leuchteten seine Augen. Sie brauchte einen Manager. Das war doch kein Problem, er würde ihn bezahlen. Das war überhaupt kein Problem, außerdem würde sie ihm das Geld bald zurückgeben können. Sie würde schon sehen, bald hatte sie viel mehr Geld, als er sich als Chef in diesem Laden nur vorstellen konnte. So drückte er es mit einem Lächeln aus. Und natürlich würde er ihr helfen. Wenn nicht ihr, wem dann?
Es funktionierte gleich beim ersten Versuch, einen hochwertigen Manager zu bekommen, auch wenn Maria den Mann erst einmal von der Richtigkeit ihrer Behauptung überzeugen musste. Angeblich sollte sie einen Drucker bedienen können, aber war das wirklich wahr? Es gab die ein oder anderen Verrückten, die alles Mögliche von sich behaupteten oder sich für sonstjemanden hielten, sagte der Mann, aber ansehen konnte er es sich ja mal.
Maria tauchte mit dem Drucker in seinem Büro auf und stellte ihn vor seinem kritischen Blick auf. Wenn es denn nichts würde, dachte er bei sich, würde er sich nicht beschweren, immerhin hatte er sich aus freien Stücken darauf eingelassen. Was dann aber in Wirklichkeit geschah, ließ ihn die Augen aufreißen. Unglaublich, diese Frau war in der Lage, einen Drucker zu bedienen, und gegen jede Wahrscheinlichkeit sah es bei ihr ganz einfach aus. Wie sie das Papier unten einschob und dann die Knöpfe drückte, und dann kam das bedruckte Papier mit einem Summen heraus. Einfach so, als wäre es das Einfachste der Welt.
Von diesem Punkt an ging es vor allem darum, keine übereilten Fehler zu machen, aber genau deswegen hatte Maria ja jetzt einen der erfahrensten und besten Manager, die es überhaupt gab. Er würde ihr helfen und vor allem wusste er, was jetzt getan werden musste.
Ihr erster öffentlicher Auftritt musste bei einem TV-Sender stattfinden, denn logischerweise konnte sie ihre Kunst nicht im Radio vorführen. Nein, sie brauchten einen TV-Sender, sonst gab es keine Möglichkeit, berühmt zu werden. Wie aufregend. Es würde sich herumsprechen wie ein Lauffeuer, das stand jetzt schon in Stein geschrieben.
Vor ihrem ersten öffentlichen Auftritt war Maria nicht wohl – sie wusste nicht, ob sie das überhaupt durchstehen konnte. Vor allem war es seltsam, plötzlich an einem Ort zu sein, den sie sonst nur aus dem Fernseher kannte. Jetzt saß sie plötzlich selbst auf einem dieser Stühle und schüttelte einem berühmten Moderator die Hand.
Und dann ging es auch schon los. Ihre Stimme klang viel zu leise, als sie dem freundlichen Mann antwortete, fast glaubte sie, sie könnte draußen gar nicht zu verstehen sein. Aber sie war zu verstehen. Der Moderator blieb die ganze Zeit über freundlich und fragte sie ein bisschen aus, nach ihrem Namen und aus welcher Gegend sie stammte. Dazu zwei ganz harmlose persönliche Fragen, die er ebenso mit seinem immer liebenswürdigen Lächeln begleitete. Er war so nett zu ihr.
Dann wollten es alle sehen, denn dazu war sie schließlich hierher gekommen. Als sie vor dem Drucker stand, kam ihr plötzlich der Gedanke, was passieren würde, wenn sie es plötzlich nicht mehr konnte. Im Grunde wusste sie doch selbst nicht, wie sie es machte, würde es denn jetzt auch funktionieren?
Es funktionierte. Ein Blatt nach dem anderen kam aus dem Drucker und mit jedem von ihnen kam ihre immer noch zerbrechliche Selbstsicherheit zurück. Es funktionierte wirklich und plötzlich kam ihr zu Bewusstsein, dass es Hundertausende Menschen gab, die ihr in diesem Moment zusahen. Und dabei war alles so einfach.
400 bekam sie für diesen eigentlich nur ganz kurzen Auftritt, aber sie fand, das war schon eine ganze Menge Geld für nur so wenig Aufwand. Ihr Manager fand das lustig, und auch ein bisschen naiv, sagte aber nichts dazu. 400? Nein, nicht 400, denn sie würde zu einem der reichsten Menschen der Welt werden, wenn sie ihre Karten richtig ausspielten.
Um sie richtig auszuspielen, musste erst einmal nichts weiter passieren, als die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen zu lassen. Binnen nur weniger Stunden ging die Sendung viral und verbreitete sich bis in den letzten Winkel der Erde. Alle schienen in kürzester Zeit von ihr zu wissen oder zumindest einmal von ihr gehört zu haben. Mit ungläubigen Augen versammelten sie sich vor den Computern und sahen ihr zu, bei dem, was sie tat.
Das Netz schien zu explodieren, und binnen nur weniger Stunden war dieses Ereignis das meistkommentierte aller Zeiten. Maria konnte es selbst kaum glauben, aber plötzlich schien sich die ganze Welt für sie interessieren. Und es schien nicht nur so, wie ihr Manager mit einem prophetischen Lächeln hinzufügte. Oh mein Gott, es war nicht auszudenken, wie viel Geld sie mit ihr machen würden. Unglaublich!
Marias erster richtiger Auftritt, also ein Auftritt vor einer erwartungsvollen Menschenmenge, jagte ihr eine Heidenangst ein. Aber es würde schon nicht so schlimm werden, sagte ihr Manager, sie musste da jetzt durch und sich daran gewöhnen. Man gewöhnte sich auch schnell daran, sagte er, viel schneller, als man selbst glaubte. Maria war nicht ganz so sicher, ob das in ihrem Fall auch wirklich zutraf, aber sie musste sich eben überraschen lassen.
700 Leute, du lieber Mist, dachte sie, als sie einen Blick durch den Vorhang in die Halle warf. 700! Mein Gott. Wie sollte sie das nur schaffen, fragte sie sich, aber ihr Manager riet ihr, einfach nicht darüber nachzudenken und es einfach zu tun. Nichts einfacher als das, sagte er.
Als sie die Bühne unter den schweigenden Blicken der Menschen betrat, musste sie selbst den Atem anhalten. Ohne ein zweites Mal auf die Massen zu schauen, ging sie zu dem Tisch hinüber, auf dem ihr lieber Drucker stand. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Freund sie heute nicht im Stich ließ. Maria ging zu ihm und stellte sich wie verabredet neben ihn. Für einen Augenblick sollte sie dort verweilen und sich nicht rühren, um die Spannung unter den Leuten noch zu schüren, dann erst sollte es losgehen. Dann endlich begann sie. Papier einfüllen, das Gerät mit Strom versorgen, dann anschalten und die richtigen Knöpfe drücken. Zu ihrer eigenen Verwunderung lief alles wie von selbst. Und dann endlich ging es richtig los und der Drucker summte.
Jetzt erst, als es lief, und sie wusste, dass sie es geschafft hatte, wagte sie es, einen Blick auf die Leute zu werfen, die sich versammelt hatten, um ihr zuzusehen. Als erstes fiel ihr das faszinierte Leuchten in den Blicken der Männer und Frauen auf. Ein paar von ihnen standen für einen Moment die Münder offen, bevor sie bemerkten, dass sie wie irre hypnotisierte Teenager aussahen und die Münder wieder schlossen. Es war schon unfassbar, was sie hier zu sehen bekamen, kein Wunder, dass sie so reagierten und so aussahen.
Maria machte einfach weiter und druckte einen vollen Stoß, dann aber nichts mehr. Sie sollte dem Ganzen nicht das Besondere nehmen, indem sie einfach ewig weitermachte. Nun war der erste Stoß durch und sie verbeugte sich.
Was dann passierte, war etwas, das sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen würde. Die Menschen erhoben sich und applaudierten so ohrenbetäubend laut, dass es fast weh tat. Es war unfassbar, wie plötzlich ein akustischer Orkan über sie wegging. Standing Ovations.
Kaum zu glauben, dachte sie bei sich, all diese Menschen meinten wirklich sie. Alle, und wirklich jeder einzelne von ihnen war aufgestanden und applaudierte ihr. Ihr Auftritt war ein voller Erfolg. Es war ein wundervoller Augenblick, obwohl sie es immer noch nicht glauben konnte.
Nach diesem vollen Erfolg besprachen Maria und ihr Manager, wie sie den Ballon noch weiter hochsteigen lassen konnten, wie er es ausdrückte. Ganz einfach, sagte er, denn sie mussten den Menschen einfach nur geben, was sie wollten. Das war nicht die Kunst, die Kunst war, ihnen die richtige Dosis zu geben. Sie sollten es wirklich wollen, und um sie in diesem Zustand zu halten, durfte man ihnen erst einmal nicht zu viel geben.
Mit ihrem nächsten Auftritt sollte sie mehr Menschen erreichen, ihnen aber nicht viel mehr als bei ihrem ersten Auftritt geben. Am besten, es war wieder nur ein Stoß, aber diesmal einer, der das ganze Fassungsvermögen der Lade ausnutzte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, denn die Leute sollten schon bekommen, was sie wollten, und auch ein bisschen mehr als beim letzten Mal, aber noch nicht alles. Man wollte sie bei der Stange halten.
Ihr dritter Auftritt waren in Wirklichkeit drei Auftritte, bei denen sie ihre Kunst in Konkurrenz zu einer ganzen Reihe mehr oder weniger begabter Hobbykünstler vorstellte. Ein TV-Talentwettbewerb. Und plötzlich saß sie zusammen mit diesen netten und liebenswürdigen Leuten in einem Wartezimmer und wartete auf ihren Auftritt vor der heißhungrigen Meute. Jemand nannte die Leute draußen so, eine heißhungrige Meute. Und sie warteten hier, hinter der Bühne. Sie waren Sänger oder einfach Musiker oder einfach Leute, die einen Text wie bei einem Poetry Slam vortragen wollten. Alles wunderbare Leute, aber was sollten sie gegen jemanden wie Maria ausrichten? Sie ahnte schon, wer diesen Wettbewerb am Ende für sich entscheiden würde, aber natürlich gab sie sich bescheiden und war nett zu den Leuten. Sie mochte diese netten Leute auch, das musste man wirklich sagen.
In Kürze: Sie gewann diesen Wettbewerb mit großem Abstand, aber das war im eigentlichen Sinne gar nicht, worum es ging. Vor allem ging es darum, Maria persönlich vorzustellen, und was wäre besser dazu geeignet, sie den Menschen nahezubringen, als eine solche Show, die sich über drei Veranstaltungen erstreckte und damit wie eine Soap war.
Die Idee mit dieser Show war goldrichtig, denn von diesem Zeitpunkt an konnte sich endlich jeder etwas unter dem jungen Genie vorstellen. Und nun war es an der Zeit, sich in die Vollen zu stürzen. Von jetzt an sollte der Ballon schnell und senkrecht starten. Es begann mit einer großen Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der sie unter dem tosenden Applaus berühmter Schauspieler auftrat und unter den Augen von allem, was im Showbusiness Rang und Namen hatte, den Drucker bediente. Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Schriftsteller und jeder Promi, der wichtig war. Alle wollten sich mit ihr ablichten lassen und in ihrem alles überstrahlenden Licht erstrahlen.
Ihr Act war der Höhepunkt auf dieser Veranstaltung, aber ihr Manager hatte noch sehr viel mehr mit ihr vor. Von jetzt an, sagte er ihr, sollte sie gierig sein, aber sehr gierig, denn von jetzt an wollten sie es mit aller Macht schaffen. Ganz nach oben, bis ganz an die Spitze, wie es nur ganz wenige konnten.
Sie konnte die Allergrößte werden, das sagte ihr Manager zu ihr. Aber sie musste jetzt gierig sein und alles dafür tun und alles andere in ihrem Leben zurückstellen. Sonst konnte sie es nicht schaffen! Ganz am Ende würde sie ein paradiesisches Leben haben, wenn sie alles geschafft hatte, und vielleicht sogar zur Größten von allen geworden war. Daran sollte sie sich in den nächsten Jahren immer erinnern, denn ganz leicht würde es nicht sein. Aber ein Abenteuer, wie es nicht viele erlebten, das würde es ganz sicher sein, sagte ihr Manager. Eines der aufregensten Abenteuer, die man sich nur vorstellen konnte, genau das erwartete sie.
Das Abenteuer begann recht früh. Maria sagte ja zu diesem Angebot, und dann ging es auch schon los. Das große Abenteuer Showbusiness begann.
Abenteuer bedeutete vor allem, von einem Gig zum anderen zu fahren und sich bei ihren Auftritten vollkommen zu verausgaben. 230 Auftritte im ersten Jahr, überall auf der Erde, überall in den wichtigen Städten. New York, Dubai, Tokio, Hong Kong, überall. Moskau, Berlin, Rio, sie war überall.
Überall zu sein, und das ein volles Jahr lang, sah von außen nach ‚Das Genie besucht die ganze Welt‘ aus, tatsächlich aber bekam sie immer nur Flughäfen und Hallen zu sehen, wenn sie die großen Städte besuchte. Es war schön, vor all diesen begeisterten Menschen zu drucken, aber von den Städten selbst bekam sie in der Regel gar nichts zu sehen. Es war auch anstrengend, und zwischen den Auftritten wollte sie eigentlich immer nur ihre Ruhe.
230 Auftritte in nur einem einzigen Jahr.
Was dich stark macht, sind deine Wurzeln, deine Freunde und deine Familie, die aber waren niemals bei ihr, und oft konnte sie sie nicht einmal telefonisch erreichen. Oft fühlte sie sich einsam.
Was sie hatte, waren ihr Manager und die Crew, die ihr die ganze Zeit nicht von der Seite wichen. Der Techniker zum Beispiel, über den sie nach einer Zeit das ein oder andere herausfand. Er war derjenige, der den Drucker vor jedem Auftritt überprüfte und sicherstellte, dass aus technischer Sicht alles bereit stand. Zusätzlich kümmerte er sich um den Ton und das Licht, und ob die Absperrungen auch sicher im Boden verankert waren. Bei den Teens wusste man nie so genau, sagte er immer.
Ihr Fahrer war schon etwas älter. Über ihn wusste sie, welche Serien er alles mochte und welche Musik er gerne hörte. Sie unterhielten sich auch viel über die Figuren in den Serien, die er sich immer ansah. Er kannte sich wirklich aus, musste man wirklich sagen.
Und ihren Pressefritzen, der bis zu 16 Stunden am Tag damit beschäftigt war, auf Anfragen zu reagieren und mit den anderen Pressefritzen zu kommunizieren. Eine Flut, die nie ein Ende nahm und vor allem eine, die immer mehr wurde. Eigentlich konnte er sich gar keinen Schlaf leisten, sagte er immer. Richtig viel Zeit für sie hatte er nicht, aber irgendwie galt das ja auch für alle anderen.
Nach spätestens einem halben Jahr war Maria gestresst wie Hölle, und da es keinen Ruheort gab, an den sie sich zurückziehen konnte, setzte sie den Stress in den Partys um, die nach den Auftritten losbrachen. Jeden Tag nach den Auftritten brachen sie los, und sie war immer mittendrin. Champagner, flüchtige Bekanntschaften und die jungen Männer, die an ihr interessiert waren. Wundervolle Männer, wie sie schnell herausfand, aber auch Männer, die nicht wirklich an ihr interessiert waren. Sie sprachen gar nicht mit ihr, sondern nur mit dem Genie, von dem sie sich magisch angezogen und über alle Maßen fasziniert fühlten. In dieser Zeit hatte sie nicht ein einziges Gespräch, bei dem sie sich einmal wirklich austauschen konnte. Es war so still im Krach ihres Lebens, eigentlich war es nach einer Weile nicht mehr auszuhalten.
Die ersten beiden Männer, mit denen sie ins Bett ging, einer in Rio und einer wenig später in Tokio, schienen auch nicht wirklich an ihr interessiert zu sein. Und langsam wurde ihr eines klar. Sie lieben dich nicht für das, was du bist, sondern für das, was du für sie tust. Es ist sogar noch schlimmer, denn wenn du es nicht gut tust, werden sie dich ausbuhen. Deine Familie ist anders, aber wo ist deine Familie, wenn du immer unterwegs ist? Und dein Mann ist anders, aber hast du einen, wenn du von einem Gig zum nächsten hechelst? Nein, du hast diese überdurchschnittlichen, jungen, gutaussehenden Männer, die dich anfassen.
Es wurde zu viel für sie. Sie fühlte, wie es zu viel für sie wurde, aber hörte sie auf? Nein, sie hörte nicht auf. Obwohl es an ihr zog und es sie aussaugte und trocken sog. Die Hitze der Hallen, wenn es wirklich lange ging und das Geschrei der Teens und die Anstrengung der Konzentration beim Drucken, das zog an ihren Kräften. Ein volles Jahr lang zog es an ihr, aber damit war sie noch lange nicht am Ende, denn für das darauffolgende Jahr war ein Gig an jedem Tag angesagt. Ihr Manager sagte, jetzt war die richtige Zeit, ihren Erfolg zu manifestieren und noch mehr herauszuholen. Sie erinnerte sich doch an den Ballon? Er war schon sehr weit oben, aber sie konnte es sogar bis zum Mond schaffen. Sie durfte diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, beschwor er sie, das durfte sie nicht, und wenn es hart wurde, sollte sie sich einfach vorstellen, dass es ja auch irgendwann mal vorbei war, und sie das Leben später richtig genießen konnte. Wenn sie erst einmal alles erreicht hatte, was sie erreichen konnte, dann konnte sie sich endlich ausruhen.
Maria glaubte ihm, was wahrscheinlich auch daran lag, dass sie noch so jung war. Und machte einfach weiter. Den Erfolg ausweiten und manifestieren. Ihr Manager sagte, dies war ihre einzige und einmalige Chance, alles zu erreichen, was sie sich immer schon erwünscht hatte. Ganz an die Spitze zu kommen, davon hatte sie doch immer schon geträumt. Ja, antwortete sie darauf. Davon träumte doch jeder, oder etwa nicht?
Ein Jahr Akkordenthusiasmus und Fließbandfreude. Sie druckte vor ausverkauften Hallen oder in den angesagten Clubs, sie druckte vor den Kameras der Fernsehsender, und es hörte nie auf.
Ob sie bemerkte, was mit ihr vor sich ging? Immerhin war sie plötzlich alkoholkrank, das musste ihr doch zu denken geben. Maria glänzte an der Oberfläche, musste aber doch fühlen, wie es ihr wirklich ging. Während ihre Seele nach echter menschlicher Zuwendung dürstete, nach der Stille, an der die Seele sich labt, nach liebevollen und zuwendungsvollen Worten, mit denen wirklich sie gemeint war, und der Berührung durch jemanden, der sie meinte. Es gab nichts davon. Dafür bekam sie die Liebe der Printanimals, wie ihre Fans sich nannten, die enthemmten Teens, die durchdrehten und völlig von der Rolle waren, wenn sie ihr zusahen.
Maria konnte nicht weinen, also griff sie zum Alkohol und zu den Dingen, von denen man auch in geringen Dosen die Finger lassen sollte. Nahm Amphetamine und später Schlafmittel, da sie nicht schlafen konnte. Zuerst die Schlafmittel, die man überall bekam, dann die, die sie nur durch ihren Manager bekam.
Die Magie der Auftritte verglomm mit jedem Male, obwohl sie äußerlich immer wirkte, als gäbe es nichts Besseres als aufzutreten und die Menschen glücklich zu machen. In Wirklichkeit lebte sie ein trauriges, einsames Leben, und die Auftritte und der Jubel linderten ihre Traurigkeit und die Einsamkeit wenigsten für ein paar Stunden.
Was mache ich hier eigentlich, fragte sie sich manchmal. Warum mühte sie sich so ab? Ihr Manager sagte, das sei ganz normal, dass sie sich solche Gedanken machte, das machte jeder mal durch, sogar die ganz Großen, sagte er. Sie sollte eben nicht daran denken und sich ablenken.
Sieben Auftritte in Moskau, sechszehn in New York, elf in Dubai, dreizehn in Rio, neun in Berlin. Dazu Interviews im Radio, Auftritte im Fernsehen, zahllose Gespräche mit den Journalisten und immer so weiter. Und irgendwo im tiefsten Kongo lebte ein uralter Mann in einer Höhle unter der Erde und kannte ihr Gesicht nicht.
In der ganzen Zeit häufte sie Reichtum an. Unfassbare Mengen an Geld, so viel, dass man sich fragte, wie zum Henker man das alles später mal ausgeben sollte. Wer würde jemals so viel Geld brauchen, aber auch daran dachte sie nicht. Es ging immer nur von Gig zu Gig.
Das Ende war programmiert. Maria starb viel zu früh, noch bevor sie richtig vom Leben gekostet hatte. Ein Genie war von uns gegangen, überschlugen sich die Nachrichtenportale und trugen Trauer. Die Welt reagierte mehr oder weniger, aber es war kein Sturm. Die Auserwählte war von uns gegangen, aber es gab keinen Aufschrei.
Was blieb, war die Erinnerung an eines der wenigen Weltgenies, eines, zu dem alle Menschen aufgeschaut hatten – eine der wenigen, denen etwas ganz Besonderes und Überragendes und Wundervolles gelungen war. Etwas, mit dem sie die Herzen überall auf der Welt erleuchtet hatte.
Ein Jahr nach ihrem Tod erklärte ihr Bruder sich zu einem Interview bereit. Ihr Bruder. Ja, er selbst war einer dieser unbegabten gewöhnlichen Menschen, ein simpler Gefäßchirurg, der ganz sicher nicht die Welt verändert hatte. Ganz im Gegenteil zu seiner wundervollen Schwester. Und ja, natürlich hatte er alles verfolgt, und wusste, was sie sich alles aufgebürdet hatte. Und auch, dass sie ein Problem mit dem Alkohol hatte. Wenn er jetzt, ein Jahr danach, darüber nachdachte, stellte sich ganz automatisch die Frage, ob man es hätte sehen können. Vielleicht hätte man.
Der Drucker, richtig, darauf sprach der Journalist ihn natürlich auch an. Natürlich wollte er wissen, wo der heilige Gral jetzt stand. Sie hatten ihm ein einzelnes Zimmer eingerichtet, er stand ganz oben im zweiten Stock, zusammen mit den Auszeichnungen und Preisen, die sie gewonnen hatte. Alle haben Maria geliebt, und wenn man sich davon überzeugen wollte, musste man nur nach oben gehen und konnte es sich selbst ansehen. Ganz am Ende musste man sagen, sie war einer der beliebtesten Menschen der Welt. Und ganz sicher würde ihr Grab noch für sehr lange Zeit ein Wallfahrtsort für Menschen aus der ganzen Welt sein. Sie war ein Weltgenie. Sie war ein Superstar. Und Dörtes Name würde immer in Erinnerung bleiben.

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