Ally Lorec

vor 2 Tagen
Ally ist 15, als sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Sheringham, eine Kleinstadt an der britischen Küste, zieht. Sie kommt auf einen neue Schule, an der alles beginnt, sich zu ändern. Als Ally ihren Vater kennenlernt, wird sie in eine Sache mit hineingezogen, die sie zuvor nie für möglich gehalten hat. Ihr ganzes Leben steht auf dem Ko..
Liebe/Romantik P12 In Arbeit

Prolog - 1. November 1996

Es war später Abend und Conny hatte eben die letzten Gäste verabschiedet. Die meisten hatte sie kaum gekannt, es waren Arbeitskollegen ihres Mannes gewesen, aber viele hatte sie schon einmal gesehen. Da sie selber viel mit ihrem Job und ihrem Sohn zu tun hatte, kam sie selten dazu, neue Leute kennenzulernen. Und Cris war darin sehr gut, weshalb seine Freunde meist auch ihre Freunde wurden.
Während sie durch den langen Flur zurück in das Wohnzimmer ging, überlegte Conny, mit wem ihrer Gäste sie am meisten anfangen konnte. Es waren einige Frauen in ihrem Alter da gewesen, Phoebe Prince stand sogar kurz vor der Geburt ihres fünften Kindes. Die meisten hatten schon mehrere Kinder, nur Oliver Garon war ohne Familie aufgetaucht.
Cris stand im Wohnzimmer und war dabei, die Überbleibsel der Feier zu beseitigen. Obwohl Conny sehr müde war, hielt sie die Idee für sinnvoll, damit Jerry am Morgen nicht aufstand und die leeren Weingläser zum Spielen nutzte. Er war erst zwei Jahre alt.
„Ich finde, wir sollten das wiederholen“, sagte Cris, als Conny nach ein paar Gläsern griff, um diese in die Küche zu tragen. „Es hat dir doch auch gefallen?“
„Es war sehr nett“, sagte Conny.
Sie drehte sich um und betrat die Küche. Auch hier fanden sich allerhand Reste eines Buffets und der Sekt, mit dem sie angestoßen hatten.
„Aber viele Gäste kannte ich kaum.“
Cris war Conny mit einer halbleeren Schüssel Chips und einer Weinflasche in die Küche gefolgt.
„Das wird sich ändern“, sagte er. „Wenn du magst, laden wir sie öfter ein. Oder du kommst am Dienstag mit, da bin ich bei Rolph zu einem geschäftlichen Abendessen eingeladen worden. Falls du auch bei uns anfangen willst zu arbeiten, wäre das ein erster Schritt.“
Conny hatte schon oft daran gedacht, bei Cris in der Firma anzufangen. Das ergab sich in erster Linie daraus, dass sie überhaupt nicht wusste, was er machte, und ihre Neugier brachte sie fast um. Cris hatte erklärt, er könne sie nur einweihen, wenn sie selber dort arbeitete. Vielleicht war die Idee nicht schlecht. Viel schlimmer als die Buchhalterstelle, die sie im Moment innehatte, konnte es da nicht sein.
Im selben Augenblick klingelte das Telefon im Flur. Cris stellte seine Schüssel ab und lief hin. Conny fragte sich, wer sie um halb zwei an einem Freitagabend anrufen würde. Oder hatte einer der Gäste etwas vergessen?
Sie folgte Cris in den Flur. Er stand mit einer sehr ernsten und etwas schockierten Miene mit dem Gesicht zur Wand, den Hörer am linken Ohr.
„Das ist unmöglich“, sagte er mit entsetzt klingender Stimme. „Wie konnte das passieren?“
Am anderen Ende wurde etwas gesagt und Cris nickte nur ein paar Mal.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagte er dann. „Natürlich kommen wir, wir sind quasi auf dem Weg.“
Eine kurze Verabschiedung, dann legte er den Hörer wieder auf die Gabel.
„Was war das denn?“, fragte Conny und sah ihren Mann entsetzt an.
„Pack ein paar Sachen ein, wir müssen los.“
Sie starrte ihn immer noch an. Cris griff nach einem kleinen Zettel, der neben dem Telefon lag, und schrieb etwas auf. Conny lief zurück ins Wohnzimmer. Sie fragte sich, was passiert war. Warum mussten sie mitten in der Nacht wegfahren? Und wie wollten sie überhaupt fahren? Beide hatten Wein getrunken, da konnten sie doch das Auto nicht nehmen.
Doch als sie mit ihrer Tasche zurück in den Flur kam, hatte Cris seinen Mantel bereits an und die Autoschlüssel in der Hand.
„Wollen wir etwa mit dem Auto fahren?“, fragte Conny und wurde leicht beunruhigt.
„Wir haben keine Wahl“, sagte Cris. „Es wird nichts passieren, verlass dich darauf.“
Conny war sich nicht sicher, aber sie wagte es nicht, ihrem Mann zu widersprechen. Er sah immer noch so entsetzt aus.
Sie verließen ihre Wohnung. Bevor sie das Haus verließen, steckte Cris den Zettel, den er beschriftet hatte, bei der Nachbarin in den Briefschlitz. Sie hatten Jerry schon am Abend zu ihr gebracht, damit er die Nacht ruhig schlafen konnte. Jetzt war Conny froh darüber.
Cris hatte Recht gehabt, er fuhr ruhig. Einzig das Tempo, das er vorlegte, beunruhigte Conny. Sie wusste nicht, wohin sie fuhren. Irgendwann erreichten sie ein kleines Dorf und Cris parkte den Wagen vor einem Haus.
Als sie ausstiegen, wurden sie in der Tür bereits von Rolph erwartet, der vorhin auch auf ihrer Feier gewesen war. Cris wechselte ein paar rasche Worte mit ihm, dann liefen sie an ihm vorbei ins Haus.
Das Wohnzimmer war voller Leute. Die schwangere Phoebe von der Geburtstagsfeier saß auf dem Sofa und war so weiß, dass Conny sich große Sorgen um ihren Zustand machte. Ihr Mann Liam saß neben ihr, er sah nicht besser aus. Dann waren auch die Kinder mitgekommen. Der älteste Sohn, er musste zehn oder elf sein, hockte wortlos in einem Sessel, die beiden jüngeren schienen die Situation nicht einschätzen zu können. Das Mädchen schlief halb neben seiner Mutter und der Junge saß auf dem Teppich und bildete Muster mit einem Schal nach. Conny fragte sich, wo die zweite Tochter geblieben war, es waren doch Zwillinge gewesen. Es waren auch noch andere Leute gekommen, einige waren auch auf der Geburtstagsfeier gewesen. Dann gab es ein paar Männer, die Conny noch nie gesehen hatte. Sie hatten langes, sehr helles Haar und trugen grüne Mäntel, die wie Blätter aussahen.
„Was ist passiert?“, wandte sich Cris an den Mann, der neben ihm stand.
Es war Berent, er war auch bei ihnen gewesen. Seine Frau hatte er nicht mitgebracht. Vielleicht, weil sie auch schwanger gewesen war.
„Es geht um Amy“, sagte Berent und deutete auf die Prince‘ auf dem Sofa. „Offenbar hat Port ihnen heute Abend einen Besuch abgestattet, als wir bei euch waren. Du hast ja mitbekommen, dass er mit Liam im Streit lag. Und seine Wut scheint er jetzt an Amy ausgelassen zu haben.“
Seine Stimme erstickte und er wandte den Blick ab.
Conny konnte es nicht glauben. Die kleine Amy war keine zwei Jahre alt gewesen. Sie konnte doch im Leben nichts dafür, dass ihr Vater mit einem anderen Mann Streit hatte. Und wer war dieser Port? Und warum hatte sie selber nie etwas von ihm gehört?
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte sie Cris. „Wer ist Port?“
„Jemand, dem du besser nicht begegnen solltest.“
Offensichtlich nicht. Er hatte ein Kind getötet.
„Was ist das für ein Mensch?“
„Das erkläre ich dir später“, sagte Cris. „Fürs erste reicht es, wenn du weißt, dass er gefährlich ist.“
Conny nickte nur. Sie konnte gut verstehen, dass Cris jetzt nicht darüber reden wollte.
Während die anderen anfingen, zu überlegen, was genau passiert war, konnte Conny nicht aufhören, an den Mann zu denken, der imstande war, kleine Kinder zu töten. Was, wenn er sich auch auf die Suche nach ihnen machte? Stand er womöglich schon bei ihnen vor der Haustür? Was, wenn die Nachbarin es nicht schaffte, sich ihm zu widersetzen? Sie war schon sehr alt und bestimmt konnte sie es nicht mit einem erwachsenen Mann aufnehmen.
Sie warf erneut einen Blick auf die Familie auf dem Sofa. Die Mutter schien ganz und gar starr vor Entsetzen, der Vater war völlig aufgelöst. Das Mädchen, das Amys Zwillingsschwester gewesen war, war inzwischen eingeschlafen und bekam nicht mit, was um sie herum geschah. Der Junge auf dem Boden spielte immer noch mit dem Schal seiner Mutter. Der ältere Junge in dem Sessel schien genau mitzukriegen, um was es ging. Er tat Conny unfassbar Leid, er war doch noch so jung. Hatte er mit ansehen müssen, wie seine Schwester erstochen worden war? Hatte er alleine auf seine drei Geschwister aufpassen müssen? Er war doch viel zu jung. Und Liam kannte doch diesen Port. Vielleicht hätte er sich denken können, dass das keine gute Idee war.
Während die Männer weiter diskutierten, was passiert war und wer schuld an allem sein sollte, überkam Conny plötzlich eine gewaltige Angst. Sie hatte Angst, mit ihrem Sohn alleine in der Wohnung zu bleiben, Angst, ihn bei der Nachbarin zurück zu lassen, und sogar Angst, ihn alleine in seinem Zimmer schlafen zu lassen. Cris würde ihr dringend alles erklären müssen, wenn sie später zurück nach Hause kamen.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Es wurden noch keine Kommentare geschrieben.