Counting on you

vor 23 Std.
Dies ist (k)ein Adventskalender. Irgendwie ist das Leben verquer. Es macht, was es will. Es nimmt, was es kriegen kann und es tut niemals das, was man von ihm erwartet. Schicksal hin oder her: Irgendwann ist Schluss! Warten auf Weihnachten mit (hoffentlich) 24 Türchen, hinter denen mehr steckt als Flausch und Liebe. Weil Weihnachten nicht nur ..
Schreibchallenges Drama P16-M+M Romanze In Arbeit
Bemerkung des Authors: Willkommen! In diesem "Kalender" entführe ich euch in eine Welt, die nicht zu 100% aus meiner Feder stammt. Warum? Nun, ich habe mir Vorgaben machen lassen, die in meine Texte eingebaut werden sollten und mussten. Immer, wenn eine dieser Vorgaben auftaucht, wird sie hervorgehoben sein. Wenn die Geschichte vollständig online ist, werde ich eine Liste der Vorgaben eventuell noch in den Autorennotizen anfügen. Diese Geschichte entstand aus Stichworten meiner kleinen Schwester und einer ihrer besten Freundinnen. Tina und Helene, this one's for you!

Tür 1: Just once. (1/3)

Meine Klasse!

Naja, ich wünschte, sie wäre es. Eigentlich sind die 20 Jugendlichen, die sich plappernd und kichernd an der Bushaltestelle tummeln nicht mir zugeteilt, sondern diesem Oberaffen von Dr. Feldberg, der sich einbildet sein Titel mache ihn begehrenswert. Nicht, dass ich behaupten würde, er wäre es nicht. Bei Gott, jeder Schüler und jede Schülerin an dieser Schule weiß, dass Dr. Feldberg der wohl ansehnlichste Lehrer unter 40 ist, den die Einrichtung zu bieten hat, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er für diesen Beruf einfach nicht geschaffen ist. Mir tun die Kinder leid. Diese aufgeweckte Truppe ist im Grunde alles andere als unaufmerksam, im Gegenteil. Bisher habe ich die Jungen und Mädchen als wahnsinnig wissbegierig und kooperativ erlebt, verglichen mit anderen Teenagern, die ich bereits unterrichten durfte – oder sollte ich sagen musste? Nein, durfte. Ich will das hier. Ich will Lehrer werden. Und es besser machen als aufgeblasene Schönlinge wie der Kollege, der eben mit einem riesigen pinken Elefanten-Plüschtier unterm Arm auf uns zugelaufen kommt.

Ich hatte beinahe vergessen, dass die Klasse dieses hässliche Ding zu ihrem Maskottchen auserkoren hat. Ich meine, ernsthaft?! Ein schlecht verarbeiteter großer Elefant, dessen Farbton geradezu ekelerregend leuchtet und definitiv die Aufmerksamkeit aller Passanten auf uns zieht? Irgendwie gönne ich es dem Dr. Feldberg so angestarrt zu werden, nicht als wäre er attraktiv, sondern geistesgestört. Ich befürchte allerdings, dass mich mein Grinsen verraten wird.

„Herr Drechsler, Sie machen mir Angst“, ertönt da auch direkt eine Stimme neben mir. Ich senke den Blick auf das junge Ding an meiner rechten Seite und blicke in weit aufgerissene blaue Augen. Miranda ist ein aufgeschlossenes, sehr intelligentes Mädchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie erraten kann, weshalb meine Mundwinkel noch immer verräterisch zucken und die Art und Weise wie sie ihre behandschuhten Hände aneinander reibt und versucht ihr eigenes Lächeln zu verbergen, bestätigt mir diese Vermutung. Dieses kleine Aas! Na warte!

Betont freundlich wende ich mich an das Mädchen und spreche absichtlich laut genug, dass auch der Rest der Umstehenden mich hören kann: „Aber Miranda. Darf ich mich denn nicht über das Erscheinen des Herrn Feldberg freuen?“ Erschrocken zieht sie die Luft ein. Ich weiß, was ich getan habe, es war meine volle Absicht und während ich gedanklich rückwärts zähle, nehme ich mir fest vor, das hier nicht zu bereuen. Niemals. Dafür ist der Gesichtsausdruck des Kollegen, der sich auf mich zubewegt, viel zu komisch. Er hat die Lippen zu schmalen Strichen zusammengepresst, die Augenbrauen treffen sich beinahe über der Nasenwurzel, so sehr zieht er sie zusammen und als er beginnt die Nase zu kräuseln, kann ich fast nicht mehr an mich halten. Mühsam unterdrücktes Lachen bildet feine Atemwolken vor meinen Lippen.

„Drechsler!“

Seine Stimme ist schneidend.

„Doktor Feldberg, wenn ich bitten darf“, ergänzt er nach einer kurzen Atempause, in der er das Monster von einem Elefanten auf der Bank an der Bushaltestelle zwischengeparkt hat um theatralisch die Hände in die Luft zu werfen. Habe ich bereits erwähnt, dass ich diesen Beruf liebe? Allein das erfreute Getuschel der Jugendlichen, das dem aufgeregten Summen in einem Bienenstock gleicht, sorgt dafür, dass ich mich selbst für diese Aktion lobe. Es gibt nichts Schöneres als einen Klassenausflug in die Vergangenheit, bei dem alle gut gelaunt sind.

Abwehrend hebe ich die Hände und schüttele noch immer belustigt den Kopf.

„Okay, okay. Dr. Feldberg also.“

Ich kann es mir nicht verkneifen seinen Titel extra zu betonen und auch das Grinsen lässt sich beim besten Willen nicht unterdrücken. Manchmal wäre ich gern ein besserer Schauspieler, aber es ist auch einfach zu amüsant wie Oberaffe Feldberg hochrote Ohren bekommt und schimpft wie ein Rohrspatz – ohne es wirklich böse zu meinen. Der Mann mag arrogant und voreingenommen sein, aber er würde sich vor seinen Schülern niemals die Blöße geben, einen Scherz nicht auch als ebensolchen zu behandeln. Deshalb, und nur deshalb, fühle ich mich sehr sicher in dem Augenblick, da der Bus mit einem Zischen in der Haltebucht zum Stillstand kommt, die Türen sich öffnen und erleichtert seufzende Jugendliche sich an mir vorbei in das warme Innere des Gefährts quetschen. Dass es wesentlich schneller gehen würde, wenn sie nicht versuchen würden zu fünft auf einmal einzusteigen, ignorieren alle Anwesenden geflissentlich. Dafür nehme ich aus dem Augenwinkel wahr, dass Dr. Feldberg sich seufzend durch die dunkelblonden Haare fährt, den pinken Elefanten wieder unter den Arm klemmt und sich dann in meine Richtung bewegt. Sekunden später steht er seelenruhig neben mir.

„Sie sind zu auffällig, Kollege“, ist alles, was er sagt und ich muss unwillkürlich schlucken. Ja, manchmal wünschte ich wirklich, ich wäre ein besserer Schauspieler. Doch ich bin es nicht und deshalb lasse ich mich betont gleichgültig ein Stück entfernt von meinem Kollegen in den Sitz fallen. Wenn ich nicht genau wüsste, welche Bedeutung diese Ausflüge kurz vor den Weihnachtsferien für ihn haben, würde ich wahrscheinlich einen dummen Spruch machen und ihn aufziehen. Aber ich weiß es. Und ich lasse es. Weil es genug ist, wenn einer die Geschichten kennt.

Es dauert keine zehn Minuten, da stimmt einer unserer Schüler ein Lied an. Nicht irgendein Lied, nein, denn Teenager haben das Talent sich für Busfahrten mit
den nervigsten und seltendämlichsten Songs einzudecken, die ihnen über den Weg gelaufen sind. Wirklich. Es gibt keine Worte um zu beschreiben, wie stark der Impuls genervt aufzustöhnen ist, als das erste Mal „Moskau, Moskau“, „Ein Hoch auf unsern Busfahrer“ und Konsorten erklingen. Die Kinder brauchen nicht einmal dreißig Minuten und schon ist der gute Dr. Feldberg am Ende. Nicht, dass ich selbst wirklich besser damit umgehen könnte, nein, aber meine Laune wird wunderbar ausgeglichen, wenn ich in sein gequältes Gesicht auf der anderen Seite des Ganges schaue. Er sitzt am Fenster, den Kopf in die rechte Handfläche gestützt und die Augen geschlossen. Zu gern wüsste ich, was er jetzt denkt, aber seine Lippen bewegen sich unaufhörlich – ich vermute also, er hat sich ein Mantra zurechtgelegt, um solcherlei Situationen schadlos zu überstehen. Eigentlich würde ich ihn gern aufziehen, mein Hirn ist auch fleißig dabei einen flotten Spruch dafür zu produzieren, doch dazu ihn auszusprechen, komme ich nicht.

Gunther steht vor mir.

Der Junge ist das Integrationskind der Klasse. Gunther ist wahnsinnig lieb und schrecklich neugierig. Er hat bloß ein Problem: Er benimmt sich noch immer als wäre er keine zehn Jahre alt. Zumindest von Zeit zu Zeit ist es wirklich schwer seinen Intellekt mit seinem Verhalten in Einklang zu bringen, denn dumm ist er nun wirklich nicht. Im Gegenteil, Gunther liebt Naturwissenschaften, bastelt eigentlich ununterbrochen an irgendwelchen neuen Projekten und ich kann mir auch jetzt ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn Gunther steht mit einem so leidenden Gesichtsausdruck vor mir, dass ich mir beinahe denken kann, was passiert ist – trotzdem hake ich nach.

„Was machst du hier, Gunther. Du sollst doch auf deinem Platz bleiben?“

Sein Blick richtet sich schuldbewusst nach unten, auf seine Hände, die sich in ein Modell aus Pappmaché krallen und das – was auch immer es sein soll – beinahe zerdrücken.

„Ich weiß“, gibt er kleinlaut von sich, hebt dann aber entschlossen den Blick und ballt das Gesicht zur Faust: „Aber wie soll ich je etwas Bedeutendes erfinden, wenn die Idioten mich nicht denken lassen?“

Eigentlich würde ich jetzt gern lachen. Ich würde wirklich gern einfach nur lachen, weil seine Augen mich so eindringlich fixieren und seine gesamte Körperhaltung „Ich geh hier nicht weg, bis ich mich zu Ihnen setzen darf“ schreit, dass es richtiggehend niedlich ist. Der Typ ist speziell, ohne Frage, aber er weiß, was er will. Und ich zweifele nicht daran, dass er eines Tages tatsächlich die Welt verändern wird. Vielleicht nicht im großen Stil, wie die Helden in Filmen das immer tun, aber im Kleinen. Es reicht doch schon, wenn er irgendjemandem auf dieser Welt das Leben erleichtern kann, indem er etwas erfindet, was für diese Person Bedeutung hat. Bedeutung ist ein ambivalentes Wort. Wenn etwas Bedeutung hat, dann denkt man immer an Krebsforschung, Atomphysik oder selbstfahrende Autos. Dabei gibt es so viele Ebenen auf denen ein Gegenstand, ein Gerät, eine Idee Bedeutung haben kann.

Mit einer einladenden Handbewegung entferne ich meinen Rucksack vom Nachbarsitz und Erleichterung macht sich im Gesicht meines Schülers breit. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Oberaffen resigniert den Kopf schütteln, doch ich grinse schon wieder. Wie der Mann Lehrer werden konnte, ist mir ein Rätsel. Aber irgendwie bin ich auch froh darüber. Gunther setzt sich, richtet sein Modell auf seinem Schoß aus und augenblicklich richtet sich sein Blick ins Leere, runzelt sich seine Stirn und die Finger fahren scheinbar wahllos über das Pappmaché, malen Kreise und Figuren in die Luft und er murmelt unverständlich vor sich hin. Alles beim Alten. Gunther erfindet mal wieder etwas Bedeutendes – und sei es nur für ihn selbst von Bedeutung. Ich drehe mich noch einmal kurz um, lasse den Blick über die Rasselbande an Teenagern streifen und stelle fest, dass zumindest der Rest noch auf seinen Plätzen sitzt und keine Notwendigkeit besteht einzugreifen. Ohrstöpsel wünsche ich mir ein paar Sekunden später trotzdem, denn die schrillen Stimmen hinter mir grölen schon wieder, oder immer noch.

„Aufwachen!“

Wer, zum Teufel, kommt auf die hirnverbrannte Idee mich so aus meinen Träumen zu reißen? Ich habe eben noch wundervolle Bilder vor Augen gehabt und mit einem Mal rüttelt es mich als sei ich in ein Erdbeben geraten. Ich kann nur unwirsch brummen.

„Jetzt wachen Sie auf, Drechsler. Wird Zeit!“

Diese tiefe Stimme kenne ich doch. Ich spüre warmen Atem nah an meinem Ohr, eine Hand auf meiner Schulter, die mich erneut schüttelt und höre ein amüsiertes Brummen, dessen Vibration mich unwillkürlich seufzen lässt. Das kann nur einer sein.

„Feldberg…“, grummele ich vor mich hin, richte mich aber trotzdem auf, reibe mir über die Augen, kneife sie noch einmal fest zusammen und schüttele kurz und intensiv meinen Kopf. So werde ich am effektivsten wach und aufnahmefähig. Das Schnauben neben mir ignoriere ich, nehme nur erleichtert wahr, dass sich der Kollege wieder von mir entfernt hat. Freiraum. Dann höre ich seine Schritte und öffne die Augen.

„Auf in den Kampf“, murmele ich vor mich hin, greife blind mit der Hand nach meinem Rucksack und blinzele gegen die Wintersonne, bevor ich mich erhebe und ihm folge. Dann kann der Ausflug ja beginnen.

Vor dem Bus zählt Dr. Feldberg bereits die Jugendlichen durch und nickt zufrieden bei der Feststellung, dass im Bus niemand verschwunden ist – war ja irgendwie auch nicht anders zu erwarten, oder? Egal, ich verkneife mir den Kommentar zu seiner Zwanghaftigkeit und unterdrücke ein Gähnen. Keine Ahnung, warum mich auf längeren Fahrten spätestens nach den ersten zwanzig Kilometern eine Müdigkeit überkommt, der ich mich nicht erwehren kann. Es ist dabei auch egal wie ausgeschlafen ich vorher gewesen bin. Der Sog ins Traumland ist unaufhaltbar sobald ich im warmen Auto, Bus oder Zug sitze und gleichmäßige Bewegungen mich in Sicherheit wiegen. Ein grausames Überbleibsel meiner Kleinkindzeit, wenn man meinen Eltern Glauben schenkt, denn ich mag es nicht, auch wenn alle Welt es bisher immer als ach so süß eingestuft hat. Von wegen. Nervig ist es, nichts Anderes als anstrengend und nervig. Entsprechend unausgeglichen fällt mein „Hm?“ aus, als mich einer der Jungs von der Seite mit einem vorsichtigen „Herr Drechsler?“ anspricht.

Ich räuspere mich ob seines irritierten Blicks und präzisiere meine doch eher unfreundliche Reaktion: „Ja, Moritz? Was brauchst du?“

Wenn einen Schüler ansprechen, wollen sie in acht von zehn Fällen etwas von dir. Sei es die Verlängerung einer Abgabefrist, eine erneute Erklärung eines Sachverhalts, einen neuen Banknachbarn oder Partner für Teamarbeiten oder soziale Hilfestellungen. Es kommt selten vor, dass ein Jugendlicher wirklich an einem Gespräch interessiert ist. Ist aber auch verständlich. Als ich noch in der Schule war, hatte ich auch keinerlei Ambitionen mich mit Lehrern zu unterhalten, warum auch? Die quälen einen doch sowieso. Man verbündet sich nicht mit dem Feind. Selbst Fragen, die man zu eher persönlichen Problemen hatte, besprach man nicht mit Lehrkräften, ist ja auch peinlich und wer weiß wann und wo dich der dann nochmal darauf anspricht. Oder, um Gottes Willen, es an deine Eltern weitergibt. Allein die Vorstellung ist grauenhaft genug gewesen um mit allem, was einen auch nur ansatzweise bedrückt hat, allein klar kommen zu wollen. Mit unterschiedlich großem Erfolg. Aber zurück zu Moritz, dessen Mienenspiel sich von fragend zu entschlossen hin zu vollkommen verzweifelt entwickelt hat und darin endet, dass er sich eine Hand so über die Augen legt, dass er seine Schläfen mit Daumen und Zeigefinger massieren kann und mit der anderen abwinkt.

„Schon gut, ist egal“, nuschelt er vor sich hin, macht auf dem Absatz kehrt und reiht sich wieder beim Rest der Klasse ein. Hm. Was soll ich davon halten? Irgendwas scheint ihn zu beschäftigen – ja ich weiß, kein Scheiß, ich bin ein Blitzmerker, danke. Aber ehrlich. Moritz benimmt sich schon seit ein paar Wochen verdächtig. Er ist gedanklich im Unterricht noch um einiges abwesender als man das sonst von ihm gewohnt ist, zuckt bei jeder Erwähnung seines Namens zusammen und scheint konstant Gedankenkarussell zu fahren. Vielleicht sollte ich den Oberaffen mal darauf ansprechen, eventuell weiß der mehr.

Inzwischen haben sich alle in beinahe sehenswerten Zweier- bis Dreierreihen aufgestellt und blicken potentiell desinteressiert Richtung Dr. Feldberg. Der erklärt bemüht begeistert und vollkommen ungerührt von gelegentlichen Kommentaren und dem offen zur Schau getragenen Unwillen seiner Schüler, was uns heute erwartet:

„Also, meine Lieben. Wie ihr wisst, befinden wir uns hier in einem Ort, der viele Jahre von der innerdeutschen Grenze geteilt wurde. Sogar die Mauer wurde durch das Dorf gezogen, sodass Familien getrennt wurden, obwohl sie nicht einmal drei Minuten zu Fuß voneinander entfernt gelebt haben. Ich möchte, dass ihr euch angemessen verhaltet. Habt Respekt vor der Geschichte, seid freundlich zu allen, die hier noch leben und“, er lässt einen strengen Blick durch die Reihen der Jugendlichen gleiten, fixiert seine besonderen Pappenheimer kurz und spricht dann weiter: „versucht etwas zu lernen. Geschichte ist nicht bloß langweilig, ich weiß, es ist bald Weihnachten. Aber gerade deswegen. Stellt euch vor, ihr sitzt an Heiligabend allein zu Hause, weil eure Eltern euch nicht besuchen können, obwohl sie so nah sind. Stellt euch vor, eure Geschwister wohnen ein paar Schritte entfernt, in einem anderen Land, hinter einer Mauer. Denkt euch in die Zeit, versucht zu verstehen, was die Menschen gefühlt haben mögen und kommt pünktlich beim Kino an.“

Allgemeine Aufbruchsstimmung.

Die Jugendlichen setzen sich in Bewegung, beginnen Gespräche und würden wahrscheinlich jegliche Anweisungen ignorieren, die man ihnen jetzt noch geben wollen würde. Die Aufmerksamkeit gilt nun ihrer Freizeit, denn als nichts Anderes betrachten sie diesen Ausflug wohl. Natürlich müssen sie in knapp einer Stunde zu einem Lehrfilm antanzen, der sich nicht nur mit der innerdeutschen Teilung befasst, sondern im Grunde mit allen Begebenheiten seit der Machtergreifung, betrachtet durch das Nadelöhr dieses Dorfes. Ich weiß zwar nur bedingt, was mein Kollege damit bezwecken will, aber ich bezweifle, dass unsere Schüler auch nur ansatzweise den Willen besitzen, sich auf diese Geschichte einzulassen. Es ist zu lange her, zu weit entfernt für junge Menschen wie sie, eigentlich geht es mir selbst auch nicht anders. Mit Mitte zwanzig habe ich weder vom Krieg selbst noch der Zeit danach etwas mitbekommen. Ich bin ja nicht einmal zu Zeiten des Mauerfalls auf der Welt gewesen. Wie soll ich also Kindern, die im absoluten Wohlstand und Frieden aufgewachsen sind, mit Smartphones und weltweiten Kontakten, ohne Grenzen und Einschränkungen, beibringen, dass die Welt auch eine verdammt hässliche Seite hat? Wie sollen sie verstehen, was es heißt, so nah und doch so fern zu sein, wenn solcherlei Umstände für sie nie präsent waren? Ich beobachte Dr. Feldberg dabei wie er dem Busfahrer unser Programm zeigt und ihn bittet in ca. vier Stunden wieder hier zu sein und uns abzuholen. Der Fahrer nickt, hebt kurz die Hand und zieht sich dann in sein Gefährt zurück. Der Oberaffe dagegen kommt auf mich zu und bleibt mit einem tiefen Seufzen vor mir stehen.

„Kaffee?“, ist alles, was er fragt und ich bin dankbar dafür. Mir ist nicht nach einem langen Austausch oder pseudofreundlichen Gesprächen. Eigentlich möchte ich nur meinen Gedanken nachhängen, mich ein bisschen hier umsehen und rechtzeitig beim Kino sein, um per Kopfzählung feststellen zu können, ob in der vergangenen Stunde jemand abhanden gekommen ist.

Es wird wirklich Zeit für Ferien.

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Yumeji 10. Dec 2018

Meine Güte, dieser Brief hat mich wirklich emotional erwischt. Ach Mensch, ich möchte die beiden so gern wieder zusammenbringen. Sie hätten es verdient und offenbar brauchen sie ja einander, nicht nur die Mama ihr Kind. Irgendwie haben sie es beide vermurkst. Sheila scheint ja auch ihr Leben nicht zu 100 Prozent auf die Reihe zu bekommen. Aber der Freund/Mann von Sheila scheint ja eigentlich auch ein Mensch zu sein, der ihr helfen will, aber es irgendwie nicht ganz schafft, weil Sheila halt ist, wie sie ist. Vielleicht muss sie erst mit sich selbst ins Reine kommen und dafür sollte sie wirklich mal ihre Mama treffen, denke ich.

Die beiden Teile fand ich wieder gut geschrieben und vor allem den letzten Teil emotional eindringlich. Der erste Teil hat mir aber auch sehr gut gefallen.

Freue mich schon darauf, zu erfahren, wie es mit den beiden weitergeht.

LG
Yumeji

freakontour 10. Dec 2018
Hey :) Ja, ich hoffe auch, dass die beiden sich mal treffen, wenigstens einen Versuch starten. Aber noch weiß ich nicht, wo ihr Weg sie hinführt. Schön, wenn es dich erreicht hat :)
Yumeji 09. Dec 2018

Hallo Löwenkind,

da bin ich schon wieder. Beim ersten Teil mit der Brücken-Vorgabe musste ich wirklich schlucken. Der Text ist so voll Trauer und Resignation, dass es einem die Kehle zuschnürt. Der zweite Teil gibt mir allerdings ein wenig Hoffnung. Auch wenn es Jahre her ist, so erinnert sich die junge Frau offenbar, dass es da jemanden in ihrem Leben gab, den sie nicht vergessen darf. Jemand, der eine wichtige Rolle gespielt hat und der Schlüssel zu ihren Fragen ist. Auf mich wirken die Teile bisher jedenfalls nicht so, als würdest du sie tagtäglich schnell runterschreiben, ohne eine Idee zu haben, wo die Reise hingehen soll. Tagesaktuell schreiben ist ja eine ganz schöne Herausforderung. Ich drück dir die Daumen, dass dir das Meisterstück gelingt und ich bleibe sehr gerne dran. Schließlich will ich ja wissen, ob die beiden wieder zusammenfinden und wie es ihnen ergangen ist. Und eine klitzeklitzekleine Hoffnung auf ein Happy End hab ich auch noch.

Freue mich schon auf den nächsten Teil! Auch wenn morgen einer meiner besten Freunde runden Geburtstag hat und ich vermutlich nicht zum Lesen kommen werde. Aber ich komme wieder ;) *g*

LG
Yumeji

freakontour 09. Dec 2018
Kein Druck bitte :D Wir hatten jetzt schon zwei happy Ends. Ich bin mir nicht sicher, wie happy das hier enden wird :/ Aber abgesehen davon ist es toll, dass du - mein tatsächlich wirklich einfach so Runtergeschriebenes magst und es dich mitnimmt. Bis in ein paar Stunden - hoffentlich Das Löwenkind
Yumeji 09. Dec 2018
Ja, eh kein Druck! Mach einfach, wie du es schaffst und wohin der Weg dich führt. Ich werd da sein und dein Geschriebenes lesen und dich bei Bedarf auch gern anfeuern :)
Yumeji 08. Dec 2018

Hallo noch einmal, Löwenkind :)

Bits and Pieces finde ich interessant. Die erste Frage, die sich in meinen Kopf geschlichen hat, war, ob es sich in den beiden Teilen um die gleiche Frau handelt. Möglich wäre es, zumindest würde das Bild vom Trinken in einer Nicht-Hochglanz-Bar und die Sorgen und Zweifel der Mama gegenüber ihrer Tochter gut zusammenpassen. Gut geschrieben sind sie auch. Ich bin mal gespannt, ob die nächsten Teile unabhängig von den ersten beiden sind oder ob du uns zu verschiedenen Begriffen eine Geschichte erzählst, die sich erst nach und nach erschließt, eben bit by bit and piece by piece ;) Wenn Letzteres der Fall ist, freue ich mich schon auf das Gesamtbild und bin gespannt, welche Charaktere wiederkehren werden.

Bisher ist dein Adventskalender wirklich abwechslungsreich und ich bewundere, dass du jeden Tag so ein großes Türchen postest. Ich hab zwar auch heute gut 1700 Wörter an mein drittes Adventstürchen angehängt, aber das ist eher die Ausnahme und ich hab davor knapp zwei Wochen nichts geschrieben (hier steppt der Stressbär). Weil ich so wenig Text produziere und vermutlich ohnehin gar nicht so viele Ideen hätte, finde ich es umso bewunderswerter und bemerkenswerter, dass du so tolle Türchen auf die Beine stellst. Weiter so! Ich freu mich schon aufs nächste Türchen :)

LG
Yumeji

freakontour 09. Dec 2018
Hey :) Es ist schön, dass die der Kalender Spaß macht. Ich gestehe, ich bin auch ziemlich im Hintertreffen mit dem Schreiben. Der heutige Beitrag ist nur zur Hälfte geschrieben und - ich schreibe, wie es mir in den Fingern zuckt. Keine Ahnung also, wo diese Geschichte hinführt - sie erzählt aber definitiv piece by piece.