Vampyrium

vor 8 Tagen
Die Macht des Imperiums schwindet, nur eine einzige Frau ist noch in der Lage, es aufzuhalten. Lucy Moundrill ist eine echte Ausnahme in der lüsternen, blutgierigen und durch und durch verweichlichten Gesellschaft der Vampire. Sie geht noch selbst auf die Jagd, kämpft für das Reich gegen die pelzigen Triebgänger und lässt sich nicht in den S..
Mystery Fantasy P18-F+F Horror

Neues Kapitel

Die untote Göttin thronte hoch auf einem Brückenpfeiler und blickte über die Lichter der Stadt. Es war Freitag, und die Sterblichen bevölkerten die Straßen. Die Lichter ihrer Autos schienen wie Blut in den Straßenschluchten, Lucys Jagdrevier pulsierte in gierigem Leben. Junge Sterbliche gierten nach Vergnügungen und flossen wie zu Massen aufgelöst in die Clubs und bildeten Menschenwirbel um die Eingänge. Auf einer Seite des Flusses wurden Engel und Teufel vom blauen Licht angezogen, das verführerisch genug auf sie wirkte, um sie Schlange stehen zu lassen. Junge Sterbliche in schwarzer und weißer Kleidung, in Rüschenröcken und Korsetts. Bleich waren ihre Gesichter und unnahbar. Alle zeigten gefaltete Kärtchen vor, und der bullige Türsteher verbeugte sich, um sie herein zu bitten.
Lucy sprang von der Kante des Brückenpfeilers und schwebte über den Fluss hinunter ans Ufer. In ihrer gegenwärtigen Gestalt vermochte sie kein Sterblicher zu sehen, sie war unsichtbar für das lebendige Auge. Die Ratten spürten ihre Anwesenheit, als sie auf der Promenade landete, sie quietschten und hasteten zurück in die Schatten. Lucy veränderte ihre Gestalt und wurde sichtbar.
Der Türsteher wollte ihre Einladung sehen, doch sie benötigte keine. Mit den Fingerspitzen berührte sie seine Wange und sogleich trat er einen Schritt beiseite. Er verbeugte sich, als sie an ihm vorbei in den Eingangsbereich schritt. Am Ende eines Korridors nahm ihr ein schwarz gekleideter Diener den Umgang ab, denn drinnen war es warm. Der Mann sah ihr nach, als sie den türlosen Eingang überwand.
Mit ihrer lorenzinischen Ampulle über ihrer Nasenwurzel nahm sie die Menschen als silberne Silhouetten wahr. Sie tanzten nahe beieinander, ihre elektromagnetischen Felder überschnitten sich. Die Luft war feucht vom heißem Atem, der vom warmen Blut sprach, und vibrierte von den wogenden Leibern. Lucys rote Augen nahmen die Wärme der Leiber wahr. Unterschiedlich rote Körper, umgeben von silbernen Auren. Sie spürte ihre Herzen schlagen, aber sie interessierte sich nur für die schweren Herzschläge der Männer. Jung musste er sein, unverbraucht und gesund. Frisch. Lucy war wählerisch, nicht jeder durfte ihr nahekommen. Zwischen all den Leibern bewegte sich zur düsteren Musik ein Sterblicher mit breiten Schultern und kräftigem Herzen. Lucy erkannte die Wärme seines Körpers.
Wie ein Geist schwebte sie zwischen den Tänzern und Tänzerinnen auf ihre Beute zu. Ihre Schuhe berührten den Boden nicht. So sehr waren die Sterblichen mit ihren Fruchtbarkeitstänzen beschäftigt, dass sie es nicht wahrnahmen. Als sie näher kam, roch sie seinen Duft unter allen anderen Gerüchen heraus. Er roch nach Moschus und Schweiß, frischem, gutem Schweiß, welcher nach frisch geschnittenem Gras duftete. Er roch nach Mann und Adrenalin.
Gerade wollte sie sich zu ihm begeben, da tauchte ein ganz anderer Kerl vor ihr auf und versperrte ihr den Weg. Ein hässlicher Kerl, der krank roch und nach Alkohol, welchem er zu sehr zusagte. Das Blut pulsierte durch seinen Körper, der Alkohol belebte ihn. Nachher würde er alle Wärme aus ihm ziehen, aber im Augenblick strahlte er hellrot. Lucy las in seinen Augen. In diesem Augenblick fühlte er sich über alle Maßen lebendig und wahrscheinlich traute er sich alles zu. Sein Blick war verhangen. Markus sei sein Name, sagte er, und lud Lucy zu einem Drink ein. Lucy schüttelte das Haupt. Er aber ließ sich nicht entmutigen und behauptete, dass sie tatsächlich doch wolle, sich aber ziere. Sie versicherte ihm, dass sie nicht auf der Suche nach ihm war. Mit diesen Worten wollte sie an ihm vorübergehen, doch wieder trat er ihr in den Weg.
Markus sei doch ein toller Mann, sagte Markus und lächelte dämlich. An ihm würde sie sich eine Blutvergiftung holen, dachte Lucy, ließ sich aber nichts anmerken. Wieder wollte sie an ihm vorbei, doch er bedrängte sie weiter. Sie verneinte noch einmal, doch das Ergebnis war dasselbe. Lucy riet Markus, sie nun besser frei gehen zu lassen, doch er überhörte ihre Worte. Lieber wollte er Lucy seinen Freunden vorstellen. Die würden aber staunen, sagte Markus.
Lucy hatte genug davon. Noch einmal forderte sie ihn auf, den Weg freizumachen, doch Markus dachte nicht daran. Anstatt ihrem Willen zu entsprechen, berührte er sie an der Wange und streichelte sie. Er hatte sie berührt. Lucy beugte sich vor und näherte sich seinem Gesicht. Ihr Atem ging über seine Haut. Lucy verwandte ihre Stimme, indem sie in sein Ohr flüsterte: “Du wirst diesen Club nun verlassen und dich auf die Promenade begeben. Von dort steigst du über die Absperrung und gehst zum Anleger hinunter. Dann springst du in den Fluss. Wenn du im Wasser bist, erwachst du und kämpfst um dein Leben.”
Markus tat, wie ihm geheißen. Er verbeugte sich und ging seiner Wege. Kein Sterblicher konnte ihrer Stimme widerstehen, aber ihre Beute würde sie auf diese Weise nicht erlegen. Er sollte es wollen, alles andere trübte das Blut. Lucy sah Markus nicht nach, wie er den Club verließ, sie wandte sich gar nicht um. Stattdessen ging sie die letzten Schritte über den Boden. Der Kontakt zur Erde ließ sie gehen und in diesem Inferno aus synthetischen Klängen wurde es zu einem Schleichen. Ihre Beute tanzte mit einer Sterblichen, die nicht sonderlich kräftig erschien. Lucy stellte sich zwischen die beiden, ihm den Rücken zugewandt. Wie ein Messer schnitt ihr Blick in die Augen der Rivalin und gleichsam in ihren Verstand. Die Rivalin erschrak und wich zurück. Eine animalische Furcht ergriff sie, sie wollte nichts mehr, als diesen Ort verlassen. Sie konnte sich nicht wehren, die Furcht war impulsiv und unwiderstehlich. Lucy besiegte sie in einer einzigen Sekunde. Die Rivalin entschuldigte sich auf die Toilette und ließ die beiden allein. Und Lucy nahm ihren Platz ein und bewegte sich zur Musik.
Ihre Beute verstand nicht, was nun vor sich ging, aber er wusste, er stand der verführerischsten Frau gegenüber, die ihm je begegnet war. Lucy näherte sich ihm auf einen halben Schritt und sog seinen Duft auf. Er war jung, kräftig und gesund. Lucy fesselte ihn mit ihrem Blick und las in dem seinen. Der Ausdruck in seinen Augen war so alt, wie die Menschheit selbst. Der junge Mann steckte voller Träume. Er sah seine Zukunft in den schillernsten Farben, doch tatsächlich kannte er den Grund seiner Existenz nicht. Diese Welt hatte ihn genau für diesen Abend hervorgebracht, dies war der wahre Grund seiner Existenz. Er war gesund und leicht zu verführen. Er existierte nur nach ihren Bedürfnissen, aus diesem Grund ließ die Natur ein solch schwaches Wesen leben. Seinem Augenausdruck zu urteilen, rechnete er mit gar nichts, denn auch die wahre Beschaffenheit der Welt war ihm nicht bekannt. Nichts als ein Sklave war er, obgleich er es nie erfahren sollte.
Lucy führte einen Tanz auf, der seine Sinne benebelte. Das Rot seines Körpers veränderte sich, wurde tiefer und dunkler. Die Rivalin längst vergessen, war er ganz bei Lucy. Nichts schien mehr wichtig, als die magischen Bewegungen ihres Körpers. Lucy unterdrückte ein Lächeln. Womöglich war dies das erste Mal in seinem Leben, dass er ganz bei einer Sache war. Die Welt der Sterblichen wurde erschaffen, um sie zu zerstreuen und zu verwirren. Nie waren sie ganz bei einer Sache, so war es vorgesehen. Im Augenblick bestand die Welt des Mannes aus drei Quadratmetern Tanzfläche, alles außerhalb dieser Zone hatte keine Bedeutung mehr.
Lucy lächelte ihn an und streckte ihre linke Hand nach ihm aus. Ihre Finger berührten hauchdünn seinen Hals und Gift drang in seinen Blutkreislauf. Die Beute hielt ihre körperlichen Reaktionen für eine Form der Erregung, aber das Gift verwirrte ihn und schaltete seinen Verstand ab. Er sollte es nicht bemerken, denn es würde das Blut trüben. Das Gift riss alle Mauern ein, welche die Menschen stolz um sich errichtet hatten, Mauern, die ihr wahres Wesen verbergen sollten, ihr animalisches Wesen. Tief im Inneren blieben sie, was sie immer waren und da sie es verleugneten, waren sie sich selbst hilflos ausgeliefert, wenn das Animus frei wurde und über sie kam.
Die Beute verspürte unwiderstehliche Lust, Lucy las es in seinem Blick. Nun wandte sie sich ab und ging langsam fort. Während sie dies tat, fühlte sie seine Aura aus Wärme in ihrem Rücken. Er folgte ihr unvermeidlich. Die elektromagnetische Strahlung seiner angespannten Muskeln drang durch ihre Kleidung und fuhr über ihre empfindlichen Tasthärchen. Diese trug sie am ganzen Körper, doch sie unterschieden sich äußerlich nicht von der weitestgehend nutzlosen Behaarung der Sterblichen. Er berührte sie über die Distanz und sie las seine Berührung aus, als das Raubtier, das sie war. Sie beobachtete ihn. Er war erregt, zitterte am ganzen Leib. Die Mauer war eingerissen, mehr und mehr wurde er er selbst. Der junge Mann hielt sich selbst nun für den Jäger, es schien ihm ganz klar vor Augen. Das Spiel, so alt wie das Geschlecht der Sterblichen. Er jagt sie, bis sie ihn erlegt.
Die Beute folgte ihr durch die pulsierende Masse. Lucy schwebte an den Tänzern vorüber, während er hier und da gegen jemandes Schulter stieß. Sie musste lächeln. Das war die wahre Gestalt der Sterblichen, getrieben und hilflos ausgeliefert. In diesem Zustand stellte der Fußweg geradeaus eine echte Herausforderung dar. Ob seiner Ungeschicklichkeit warfen ihm die Leute unwillige Blicke zu, doch er bemerkte sie nicht. Er folgte der Frau, die seine Träume erfüllen konnte. Lucy führte ihn von der Tanzfläche, den Korridor hinab und aus der Pforte ins Freie. Auf der dem Fluss zugewandten Seite der Promenade standen mehrere Sterbliche und starrten erschrocken auf das Wasser. Eine Polizeistreife war eingetroffen.
Lucy kümmerte dies nicht. Er hätte sie nicht berühren dürfen. Niemand durfte das, außer dem Mann, dessen Blut für sie bestimmt war. Niemand außer ihm. Mit ihrer Beute im Fahrtwasser stieg sie eine Treppe an der alten Kaimauer hinauf. Einige Meter über der Promenade erstreckte sich eine weitläufige Grünfläche, auf der im Halbdunkel die Pärchen im Gras lagen. Zwischen einer Gruppe Pappeln saßen einige Teenager um ein offenes Feuer. Einer von ihnen spielte auf seiner Gitarre. An solchen Abenden waren die Uferwiesen voll von ihnen, doch Lucy entdeckte ein stilles Plätzchen, an dem sie niemand stören würde. Unter einer Pappel, welche nicht im Licht der Lagerfeuer stand, drangen nichts als die unverständlichen Worte der Sterblichen zu ihnen. In den Schatten vermochte man die beiden kaum zu erkennen. Sie würden wie ein gewöhnliches Pärchen erscheinen.
Lucy wandte sich gegen ihre Beute und warf ihm einen flammenden Blick zu. Sie winkte ihn mit dem Zeigefinger zu sich und bewegte sich gleichzeitig rückwärts. Bald stieß sie gegen die Pappel und konnte nicht mehr weiter. Nun erschien sie wie die Beute, sie senkte den Blick und wartete. Er unterdessen lächelte und näherte sich. Bei seiner ersten Berührung schnappte die Falle zu. Sanft griff sie nach seinen Schultern und wechselte die Position mit ihm. Mit sanfter Gewalt drückte sie ihn mit dem Rücken gegen den Baum. Ihre Lippen kamen den seinen nahe, doch dann zog sie sich wieder zurück. Er öffnete die seinen, blinzelte dann irritiert. Er sollte es wollen, das versüßte sein Blut. Immer wieder kam sie seinen Lippen näher und zog sich zurück. Dann kam sie ihm nahe und berührte seine Zunge mit der ihren für nur einen winzigen Augenblick. Sie berührte ihn noch einmal, noch einmal und ein drittes Mal. Er folgte ihr, doch dann verschloss sie sich erneut. Kaum mehr vermochte er, an sich zu halten, er wurde von Sinnen. Sie riss sein Hemd auf und fuhr ihm mit der Zunge vom Nabel über den Brustkorb bis zum Adamsapfel. Wieder drang Gift in ihn ein.
Er überstreckte den Kopf und stöhnte leise. Mit der linken Hand griff sie in sein Haar und zog seinen Kopf weiter in den Nacken. Seine Schlagadern traten hervor. Ihr Kiefer packte langsam und sanft zu. Er zuckte zusammen, doch das Gift betäubte ihn. Er konnte nicht unterscheiden, ob sie ihn lustvoll und sanft küsste oder etwas vor sich ging, das sein Vorstellungsvermögen überstieg. Nur für einen winzigen Augenblick empfand er Schmerz, dann spritzte sie eine starke Ladung Gift in das Gewebe und betäubte es. Zwei Herzschläge darauf verdrehte die Beute ihre Augen. Außer sich vor Lust, nur noch Körper, kein Geist mehr, die wahre Natur der Sterblichen.
Sein Blut schmeckte süß, also bereitete es ihm Freude. Die Beute bemerkte nicht, wie ihr schwindelig wurde, sie auf die Knie sank und bald auf dem Rücken lag. Lucy hockte vornübergebeugt auf ihm und trank sich satt. Die warme Flüssigkeit lief ihr Kinn hinunter und tropfte ins Gras. Nach einer Weile wurde sie fertig und richtete den Oberkörper auf. Seine Wärme war nun in ihr, sein Blut gehörte ihr. Sie erhob sich und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. Der Beute würdigte sie keines Blickes mehr. Sie musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er es genossen hatte. Seine Züge waren aufgeregt und zufrieden, kein Zweifel. Für die schönsten Augenblicke seines Lebens hatte er einen angemessenen Preis gezahlt. Lucy war zufrieden mit ihm und ließ ihn so liegen, wie er war. Ohne Eile überquerte sie die Grünfläche und stieg zur Promenade hinunter. Dort näherte sie sich dem Fluss und verschmolz mit den Schatten. Sie schwebte über den Fluss hinaus zurück, von wo sie gekommen war.

In ihrer Gestalt als Nebel schwebte Lucy über dem Chateau Amberville, in einem Außenbezirk der Stadt. Über den Parkplatz, auf dem eine auffallend große Anzahl Sportwagen und Limousinen standen, schwebte sie, dann floss sie durch eines der angelehnten Fenster im Erdgeschoss und verwandelte sich im Punkzimmer des Chateaus. Mit einem Blick durch die Runde stellte sie fest, dass alle gekommen waren. Seths direkter Nachfahre, ihr Vater Alumit Moundrill, hatte gerufen und die Clanführer erschienen vollzählig. Ein wenig erinnerten sie Lucy an die Goth, denen sie eben einen Besuch abgestattet hatte, nur dass die Vampire maßgeschneiderte Kombinationen aus dem 18. Jahrhundert trugen. Die Frauen gewandeten sich in weite Röcke, unsichtbare Korsette und trugen neckische, weiße Schirmchen. Ihre Frisuren waren mit langen Nadeln hochgesteckt und verlängerten ihre Köpfe um die Hälfte. Die Herren trugen Anzüge und Rüschenhemden mit weiten Ärmeln und Ornamenten darauf. Man stand in Gruppen zusammen und parlierte und trank den besten Wein. Das Leben war kaum zu ertragen, so gut ging es den heimlichen Herrschern der Welt.
Lucy hingegen trug ihre Ausgehuniform, schwarzes Leder, Stiefel und den knöchellangen Mantel. Der breite Gürtel trug zwei schwere 45er auf dem Rücken, jeder wusste das. Jeder wusste um Lucys Natur. Sie hielt nichts davon, sich den Hintern zu pudern, wie sie es ausdrückte. In diesem Chateau wurden die wichtigen Entscheidungen in einem endlosen und stillen Krieg gegen eine Übermacht dummer Sterblicher gefällt. Es schien keinen Grund zu geben, sich dem schönen Leben hinzugeben. Lucy war ein Freak, eine Kriegerin, eine Jägerin. Sie jagte ihre Beute selbst, anstatt sich mit frischem Fleisch beliefern zu lassen. Es gab Menschen, die den Ihren alles antaten, um ihrem Gott zu huldigen, dem Geld. Für die überwiegende Mehrheit der Vampire gab es keinen Grund, sich die Hände schmutzig zu machen, sie verbrachten ihre Zeit lieber auf solchen Ereignissen oder trafen sich zu Vernissagen, auf denen Blutgemälde von tausendjährigen Kunstkennern bewundert wurden.
Lucy empfand nichts als Verachtung für jene Dekadenz, die Vampire in glitschige Blutegel verwandelte, sie weichlich werden ließ und scheu vor dem Feind. Das Geschlecht der Vampire war nicht zu den Herrschern der Welt aufgestiegen, weil man sich zu Festen traf und über Kunst parlierte. Nur wenige unter ihnen behielten die alte Lebensweise bei, waren Jäger und Krieger. Lucy war Jägerin und Kriegerin. Ihr Vater hatte sie nicht weich werden lassen, sie hatte früh für sich selbst sorgen müssen. Wenige Wochen nach ihrer Initiation durch ihn musste sie ihr erstes Opfer erlegen, hatte Blut geschmeckt und den Rausch verspürt. Nichts war vergleichbar mit dem Rausch des Blutes, wenn es aus der selbst erlegten Beute stammte. Diese Vampire hier im Prunkzimmer vergaßen ihre wirkliche Natur zugunsten einer Leichtigkeit im Leben, die sie zu Opfern werden ließe, wenn die Zeit gekommen wäre. Es lag an ihnen, die Sterblichen ins Dunkel zu führen und zu verführen, doch sie übten sich darin, ihre Gelüste zu delegieren und Sterbliche auf die Jagd nach anderen Sterblichen zu schicken. Mehr und mehr stumpften sie ab und konnten leicht selbst zur Beute werden.
Lucy beachtete die geladenen Gäste nur beiläufig. Ihnen stand die arrogante Überlegenheit einer Herrscherrasse ins Gesicht geschrieben, deren parasitäres Imperium schon seit über 2000 Jahren existierte und somit den Nimbus erworben hatte, unauslöschlich bis in alle Ewigkeit zu existieren. Niemand hier war sich der geringsten Gefahr bewusst, dabei wurde jeder von ihnen mit Schwert und Rosshaar geboren. Niemals konnten sie sich sicher sein, nicht bald eine Katastrophe zu erleben und eben eine solche Katastrophe, der Kataklysmus der selbst ernannten Götter, stand unmittelbar zuvor. Die Gäste wussten nichts davon, aber rechnen mussten sie zu jeder Zeit damit. Sie aber rechneten nicht damit, denn Götter lebten nur im Augenblick, wenn die Ewigkeit ihr Schicksal war. Lucy war nicht wie sie.
Sie durchquerte den Prunksaal mit wehendem Mantel. Die festen Schritte ihrer Stiefel wollten nicht zu dem gediegenen Geräuschambiente und den gezügelten Stimmen passen, sodass sie Aufmerksamkeit erweckte. Die Damen und Herren sahen sich nach ihr um, als sie auf einen der Ausgänge zusteuerte. Zwei jener Damen waren ihre beiden Schwestern. Wie üblich waren sie knapp bekleidet und gaben freizügig ihre Vorzüge preis. Gepudert und angemalt hatten sie sich, um allen anderen die Show zu stehlen, und sie waren durchaus nicht einverstanden mit Lucys vehementem Auftreten. Die männlichen Vampire, die sich um sie geschart hatten, wandten die Köpfe und sahen der Kriegerin nach. In solchen Augenblicken verströmte Lucy etwas Animalisches, gleichsam Unwiderstehliches. Dies zeitigte eine gewisse Wirkung auf die männlichen Götter, da sie es stets nur mit anschmiegsamen und lüsternen Göttinnen zu tun bekamen. Lucy war anders, sie war eine Ausnahme.
Morana und Vianess Moundrill hassten ihre Schwester aus ganzem Herzen und mit großer Aufrichtigkeit. Keine Gelegenheit ließen sie aus, um sich über ihre mannhafte Art und die fehlende Finesse auszulassen. Werwolf hatten sie ihre Schwester getauft, und es war ihr vollkommener ernst. Sie ging selbst auf die Jagd, bekleckerte sich mit Blut dabei, schlug sich und schoss auf eben diese Werwölfe, wenn sie ihnen begegnete. Dieses Verhalten hatte nichts mit den feinen Traditionen der Vampire zu tun, pflegten sie zu bemerken. In der Regel merkten sie ihren Unmut über die Umtriebe ihrer Schwester mit unverhohlenen Blicken an, doch diesmal konnte sich Morana nicht beherrschen.
“Heute wirkt sie überaus aufgeregt. Vielleicht hat sie etwas Falsches getrunken?”, fragte sie in einem Ton, als erwarte sie eine Antwort.
Vianess bleckte die Zähne. “Sie ist das Fast Food gewöhnt. Wahrscheinlich hatte sie einen Spießburger, das arme Ding.”
Die gepflegten jungen Männer um sie herum nahmen ihren Scherz wohlwollend zur Kenntnis und lächelten höflich. Vianess lächelte ebenso, als sie dies sah. Sie war eben immer für eine Überraschung gut, sagte sie sich. Einer der jungen Männer klatschte sogar vornehm mit zwei Fingern in die offene Hand, so gut hatte ihm dieser Scherz gefallen. Morana und Vianess konnten machen, was sie wollten, sie waren stets beliebt bei den Männern. Tatsächlich hätten die Männer sich wie die jungen Hunde um sie gerissen, denn die beiden Schwestern mit ihren wohldurchbluteten Rundungen waren genau das, wovon jeder von ihnen tags träumte.
Lucy nahm die beiden nur aus dem Augenwinkel wahr, als sie plötzlich vor ihrem Vater stand. Alumit Moundrill erschien vor ihr und lächelte. Ein Vampir von über 2000 Jahren mit strengen, ehernen Zügen, wie in weißen Marmor gemeißelt. Die Augen eiskalt und stahlblau, das Haar schlohweiß und streng nach hinten gekämmt.
“Vater”, begrüßte ihn Lucy.
Alumit lächelte, als er sie sah. Er legte seine beiden Hände auf ihre Schultern und sah voller Stolz auf sie.
“Lucy, meine Tochter. Du kommst gerade zur rechten Zeit, denn ohne dich kann ich nicht beginnen.”
Lucy merkte auf.
“Ja, es ist nun soweit“, sagte er. „Ich erhebe dich in den Rang einer Senatorin. Dir übertrage ich die volle Verantwortung unseres Clans. Deine erste Aufgabe besteht darin, dem neuen Feind zu begegnen. Ich kann mir niemanden vorstellen, der dieser Aufgabe eher gewachsen wäre als du, mein Kind.”
“Danke, Vater. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.”
“Nein, sag nichts. Du hast es mehr als verdient. Es ist nicht die Zeit für eine offizielle Einweihung, ich gebe meinen Beschluss gleich vor den Ältesten bekannt. Danach eröffne ich allen, was sich in den letzten Tagen zugetragen hat.”
Lucy deutete einen Blick über die Schulter zurück an. “Hoffentlich begreifen diese Herrschaften überhaupt, wie ernst die Lage ist.”
“Sie werden.” Alumit klopfte ihr auf die Schulter. “Sie müssen.”
Alumit bat die Damen und Herren und diese folgten. Nur die Clanführer und Lucy waren eingeladen, der Sitzung beizuwohnen, für Lucys beiden Schwestern blieben die Türen geschlossen. Lucy nahm ihre Blicke wahr, als sie sie eintreten sahen. Die beiden waren Alumits liebens- und beschützenswerte Kinder, niemand also, den man in eine ernsthafte Angelegenheit hineinziehen würde. Dass Lucy anders behandelt wurde, dauerte sie, doch sie versuchten es mit abfälligen Blicken zu überspielen.
Lucy und die Clanführer betraten einen Saal ganz aus Marmor. Ein langer Tisch aus poliertem, schwarzem Stein streckte sich über seine gesamte Länge. Marmorsäulen säumten die Wände, zwischen ihnen hingen die Gemälde der großen Führer. Sie alle waren durch ihre Nachfolger abgelöst worden und nun hing Alumits strenges Antlitz am Kopfende des Saales. Genau unter ihm, am Haupt des Tisches, nahm er selbst Platz. Auf sein Zeichen hin setzte sich Lucy zu seiner rechten Seite, während sich alle anderen zufällig verteilten. Zwei Diener schlossen das Doppelportal hinter ihnen, dann wurde es ruhig im Saal.
Alumit schaute in die Runde und lächelte. Dann hob er an: “Ich danke jedem von euch, dass ihr erschienen seid. Ihr ehrt mein Haus mit eurer Gegenwart und meine Familie. Alle Clans sind vertreten, aus allen Teilen der Welt. Wie jedem gewahr ist, handelt es sich hierbei nicht um ein Halbjahrestreffen, nein, es gibt einen anderen Grund für unser Zusammentreffen. Meine Damen, meine Herren, eine Katastrophe bahnt sich an, eine Katastrophe, mit welcher der Untergang des Herrschergeschlechts unvermeidlich einhergehen muss.”
Die Clanführer hörten jedes seiner Worte. Es war vollkommen still.
“Lasst mich euch zuerst einige Fakten in Erinnerung bringen, die wichtig sind, um zu verstehen”, fuhr Alumit fort. “Was ist geschehen, in den vergangenen 2000 Jahren? Wie konnte es einer kleinen Gruppe Blutsauger gelingen, die Menschheit unerkannt und aus den Schatten heraus zu dominieren und nach Belieben zu lenken? Was haben wir vollbracht? Nun, selbstverständlich haben wir ihre Gesellschaft unterwandert. Verführung ist unser Mittel, wie es immer gewesen ist. Sucht und Verführung. Die Sterbliche erliegen Drogen, Sex und Geld. Wir erlangten Kontrolle über ihre Konzerne, über die Reichen und die Superreiche und somit über ihre gesamte Wirtschaft. Wir besitzen ihre Politiker und ihre Meinungsmacher. Unsere Diener beherrschen die Menschen in unserem Namen, doch selbst sie wissen nichts von unserer Existenz. Wir erfinden Wirtschaftskrisen, um sie zu kontrollieren und Kriege, um sie mit sich selbst zu beschäftigen. Die Menschen leben in einer Wirklichkeit, die wir ausdrücklich für sie erfunden haben, um sie von uns abzulenken, von uns und von der Wahrheit. In dieser Fiktion, in welcher sie ihr Leben verbringen, in der sie nach unserem Geld streben und gegen Probleme kämpfen, die wir für sie geschaffen haben, stellt Geheimhaltung unseren einzigen Schutz dar vor einer überwältigenden Übermacht von Menschen, die uns vernichten würde, wüssten sie von uns. Nur solange sie schlafen, können wir uns wie Wölfe unter Schafen bewegen. Dies ist die einzige Grundlage unserer Herrschaft, nämlich die Unwissenheit der Sterblichen. Es ist demnach ein ursächliches Bedürfnis, unser Geheimnis mit allen Mitteln zu schützen.”
“Wissen die Menschen von uns?”, unterbrach ihn Morton Dawn, der heimliche Herrscher Englands. Er war ebenso alt wie Alumit und sah ihm recht ähnlich. Marmorweiße Haut, eingefallene Wangen und harte, unnachgiebige Augen. Sein Blick war stechend und mausgrau.
Alumit schüttelte das Haupt. “Nein, sie ahnen nichts. Die wenigen, die unsere Existenz ernsthaft annehmen, verschwinden in einer Masse von Spinnern, die dasselbe tun, da sie von uns mit Mythen über unser Geschlecht überschwemmt wurden. Nach wie vor verstecken wir uns in voller Sicht, denn nur auf diese Weise entgehen wir den törichten Blicken der Sterblich. Nein, sie haben uns nicht entdeckt, aber genau dies wird sich bald ändern, sollten wir nicht unverzüglich handeln.”
“Soweit ich weiß, haben wir keine ernstzunehmenden Feinde mehr, zumindest nicht unter Sterblichen”, setzte Morton hinzu.
“Ja, gewiss.” Alumit lächelte. “Unsere menschlichen Feinde sind nahezu ausgerottet. Die wenigen, die sich uns noch entgegenstellen, sind selbst Gejagte. Zudem haben sie keine Verbündeten unter den Sterblichen, denn die Sterblichen dienen uns. Wenn nicht auf die eine, so doch auf die andere Weise. Nein, unser Feind stellt eine viel größere Bedrohung dar, denn er stammt aus unseren eigenen Reihen.”
“Unmöglich”, rief jemand von ganz hinten.
Alumit hob beschwichtigend die Hand. “Das war auch mein erster Ausspruch, mein Freund, aber leider ist es die Wahrheit. Einige unter uns arbeiten gegen die Gemeinschaft, aus Gründen, die einem normalen Vampir nicht begreiflich sein können.” Es legte eine Pause ein. “Noch einmal, wir haben den Menschen die Feindseligkeit beigebracht, damit sie sich gegenseitig bekämpfen. Wir erfanden Religionen, Nationen und politische Ideologien, um ihnen ihre eigene Welt zu schaffen. All dies geschah und geschieht nur zu einem Zweck. Niemals sollen sie wissen, dass sie in die Sklaverei geboren werden und nichts weiter als Schlachtvieh sind. Dies sind die Grundfesten der Gesellschaft und jeder Vampir sollte ein natürliches Empfinden dafür haben, dass eine andere Koexistenz mit den Sterblichen nicht möglich ist. Wie heißt es so richtig in unseren zehn Geboten? Herrsche, um nicht beherrscht zu werden. Herrsche, um nicht vernichtet zu werden, möchte ich hinzufügen.”
“Wer würde sich von unserem Bekenntnis abwenden?”, fragte Morton.
“Nun, das ist die Frage, die mich umtreibt”, antwortete Alumit. “Es existiert eine kleine Gruppe von Vampiren, die uns nicht näher bekannt sind. Wir fingen einen ihrer Boten ab und befragten ihn in der Sonnenkammer. Von ihm wissen wir, es gibt drei mächtige Vampire, die nicht in den Clanannalen geführt werden. Sie verstecken sich nicht allein nur vor den Sterblichen, sondern auch vor uns. Tatsächlich tarnen sie sich als Sterbliche, soweit wir wissen. Ihr Intelligenzsystem funktioniert offenbar genau so perfekt wie das unsere, denn dieser Bote wusste nicht, von wem er seine Aufträge erhielt. Sein Auftrag bestand darin, eine bestimmte Information in einem Forum zu hinterlegen. Sie wurde als Kurzgeschichte auf einem Gothforum getarnt. Unser Feind scheint einen Sinn für Humor zu haben, denn es handelt sich um Vampirgeschichten. Unsere Experten arbeiten noch an der Entschlüsselung. Der Bote wusste weder, von wem er diese Geschichte bekam, noch für wen er sie über seinen privaten Rechner in das Forum laden sollte.”
“Woher wusste er dann von den Abtrünnigen?”, wollte jemand wissen.
“Gerüchte”, sagte Alumit. “Boten hören dies und das und schaffen sich ihr eigenes Bild. Tatsächlich hatte er ausreichend Gerüchte gesammelt, um vermuten zu können, es gäbe eine Verschwörung gegen unser Volk. Er wusste nicht, um wen es sich handelt, aber diese Abtrünnigen operieren außerhalb unserer Gesellschaft.”
“Gibt es eine Spur, der sich folgen ließe?”, fragte Morton.
“Wir warten auf die Entschlüsselung durch unsere Experten. Bis es soweit ist, erlasse ich eine Primäranweisung, welche durch euch und eure Vollstrecker an jeden loyalen Vampir weitergegeben werden soll. Jeder von uns soll misstrauisch sein, ausnahmslos jeder, denn jeder von uns könnte ein Verräter sein. Unser Feind ist uns unbekannt, was eine Stärke, aber auch eine Schwäche darstellt. Die Abtrünnigen kommen nicht in den Annalen vor, das bedeutet, sie sind in keiner Datei gespeichert.” Alumit zog ein Pad aus der Tasche und hielt es hoch. “Ergo, sind sie nicht hierauf gespeichert. Wir haben die vollständigen Annalen auf solchen Pads aufgezeichnet und mit einem Gesichtsscanner versehen. Nehmt das Foto einer verdächtigen Person, von der ihr gewiss sein könnt, dass es sich um einen Vampir handelt, und vergleicht es mit der Datei. Das Pad beinhaltet bereits eine Kamera, ebenso gibt es eine Schnittstelle für den Handygebrauch. Die Handhabung ist kinderleicht.
In der Datei befinden sich wohlgemerkt alle Vampire, von denen Bildmaterial existiert, auch von jenen, von denen wir zu wissen glauben, dass sie nicht mehr leben. Gegenwärtig existieren 30000 dieser Pads, wir werden also zunächst nur unsere Vollstrecker mit ihnen ausstatten können. Weitere Pads folgen, unsere Fabriken arbeiten auf Hochtouren.”
Eine Dame aus der Mitte der Reihe meldete sich zu Wort: “Entschuldigung, aber ich habe noch nicht verstanden, was diese Vampire überhaupt vorhaben. Was genau macht sie zu Abtrünnigen?”
Alumit holte tief Luft, bevor er antwortete: “Ich habe diese Frage bewusst zurückgehalten, denn sie beansprucht euer Vorstellungsvermögen sehr, meine Freunde. Nun, es gibt keine andere Art, als sie direkt und ohne Umschweife zu beantworten. Diese Abtrünnigen lehnen die momentane Koexistenz zwischen uns und der Sklavenrasse ab und wollen diese ändern. So einfach ist es. Es soll Frieden herrschen zwischen den Geschlechtern und hierzu wollen sie unsere Existenz preisgeben. Unser überaus geschätztes Schlachtvieh soll gleichberechtigt an unsere Seite leben und das, obwohl ihnen bewusst würde, in welcher Welt sie seit 2000 Jahren existieren. Bedenkt, meine Freunde, wir selbst haben die Menschen von durch und durch friedliebenden Schafen in Wölfe verwandelt. Noch gieren sie nach dem Blut unter ihresgleichen, doch wir wären ein gemeinsamer Feind für sieben Milliarden Sterbliche.”
“Das klingt tatsächlich unwahrscheinlich”, sagte jemand.
“Ja, diese Vampire müssten doch wissen, dass dies auch ihr Ende bedeuten würde”, meinte Morton.
“Natürlich wissen sie das, aber sie haben einen Plan”, entgegnete Alumit. “Sie haben vor, den Menschen ein Angebot zu unterbreiten, welches sie nicht ablehnen können. Es geht um etwas, wovon die Sterblichen schon immer geträumt haben. Unsterblichkeit.”
“Unsterblichkeit?”, wiederholte jemand. “Wären wir alle Vampire, müssten wir aussterben.”
Alumit schüttelte den Kopf. “Das Blut hält uns lebendig, aber es ist nicht der Grund für unsere Unsterblichkeit. Es ist etwas anders, eine chemische Substanz, einen Stoff, den wir selbst erzeugen. Der Bote nannte diesen Stoff Ambrosia, den Trank der Götter also. Die Abtrünnigen sollen einen Weg gefunden haben, Ambrosia künstlich herzustellen und sie wollen damit Handel treiben. So lauten die Gerüchte.”
Augenblicklich brach Getuschel aus, die Vampire waren empört und zornig.
“Bitte Ruhe”, gebot Alumit. “Ruhe bitte. Ich weiß, wie ihr euch fühlt, aber so steht es um uns. Anstatt zornig zu werden, sollten wir unverzüglich handeln. Gerade vor wenigen Augenblicken habe ich mein Kind, Lucy Moundrill, in den Senat berufen. Sie verfügt nun über sämtliche Privilegien, was bedeutet, sie kann auf unsere gesamte Schlagkraft zugreifen. Ich bitte alle, sie in jeder Hinsicht zu unterstützen.”
Lucy erhob sich und neigte ihr Haupt vor dem Senat. Die Damen und Herren applaudierten leise. Danach setzte sie sich wieder. Alumit ergriff erneut das Wort: “Ich habe sie auserwählt, weil sie eine Jägerin ist, ein Vampir, wie er eigentlich sein sollte. Sie wird diese Kreaturen finden und vernichten, bevor sie Schaden anrichten können.”
Ein Vampir hatte eine Frage: “Wenn ich richtig verstanden habe, kennen wir diese Vampire nicht, und weiter verstecken sie sich unter den Sterblichen. Wie also soll deine Tochter sie jemals finden? Es genügt ja nicht, dass ihre Gesichter nicht in den Annalen auftauchen, sie muss sie auch als Vampire erkennen.”
“Das stimmt. Niemand vermag, einen Vampir zu erkennen. Diesen Unsinn mit den Spiegeln haben wir doch selbst erfunden”, fügte Morton hinzu.
“Falsch”, erhob Lucy die Stimme. “Es gibt Wesen, die uns sofort erkennen. Sie riechen uns und sind in der Lage, einen von uns zu finden, auch wenn er sich in einer großen Menschenansammlung befindet. Es sind die Wesen mit dem am höchsten entwickelten Geruchssinn der Natur.”
Ein Vampir riss die Augen auf: “Ist sie wahnsinnig? Das kann unmöglich ihr ernst sein.”
“Glaubt mir, liebe Freunde, meine Tochter meint alles ernst, was ihren Mund verlässt.” Alumit lächelte grimmig. “Werwölfe sind ebenso betroffen wie wir. In der Sekunde, in der die Abtrünnigen uns verraten, beginnt auch die Jagd auf unseren Feind. Sie haben gar keine andere Wahl, als uns zu helfen, denn sie helfen sich selbst.”
Wieder brach Gemurmel aus, doch als es sich gelegt hatte, ergriff Morton erneut das Wort: “Ich sehe, dies ist eine ganz und gar vernünftige Argumentation, lieber Freund. Nur scheint mir, dass Werwölfe ganz und gar unvernünftige Wesen sind. Sie folgen nicht der Logik, sondern ihrem Instinkt. Sie sind dem Tier näher als dem Menschen und dem tobenden Köter näher als uns. Man kann nicht vernünftig mit ihnen sprechen.”
“Das entspricht zum Teil der Wahrheit. Aber in den letzten beiden Jahrtausenden haben sie etwas von dem vollbracht, was auch uns gelungen ist. Sie leben unerkannt im Verborgenen und ernähren sich von den Sterblichen. Ihre Angriffe auf uns folgen einer bestimmten Logik, auch wenn sie der unseren weit unterlegen ist. Trotzdem muss es einen taktisch denkenden Kopf unter ihnen geben und es muss sich um ihren Anführer handeln, denn sonst hätten wir sie längst ausgelöscht”, entgegnete Alumit.
“Ich finde diesen Mann und werde ihn überreden”, sagte Lucy.
“Hierzu musst du in die verbotenen Bereiche. Wir haben schon oft versucht, die Werwölfe im Herzen ihres Reiches zu treffen, aber dort unten sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Zudem stehst du einem Heer aus tollwütigen, hirnlosen Fleischfressern gegenüber. Diese Kreaturen warten nur darauf, einen Vampir in Stücke zu reißen”, erklärte Morton.
“Das ist mir bewusst, aber alles steht dafür. Wir brauchen einen Werwolf, der uns freiwillig hilft”, sagte Lucy.
Für eine Weile schwiegen alle. Alumit sah sich in der Runde um und haschte nach weiteren Fragen. Doch niemand erhob das Wort. Alles war gesagt.
“Hiermit steht der Beschluss”, sagte der oberste Clanführer. “Meine eigene Tochter will ich ins Feld schicken, um unser aller Schicksal zu retten. Sie wird allein gehen, denn eine Gruppe wird viel leichter als Überfallkommando gewertet. Wenn sie überlebt und mit einem Verbündeten zurückkommt, sehen wir weiter. Ich setze mein ganzes Vertrauen in sie, so wie es jeder von euch sollte.” Alumit atmete hörbar aus. “Das wäre es dann zu diesem Zeitpunkt. Kehrt zurück in eure Reiche und informiert die Vollstrecker. Danach muss es jeder Vampir erfahren.”
Nachdem Alumit sich erhoben hatte, standen auch alle anderen auf. Man konnte ihnen ansehen, dass ihnen der Sinn nicht mehr nach einem geselligen Abend stand, trotzdem kehrten sie zurück in die Prunkhalle und mischten sich wieder unter die anderen Leute. Lucy derweil blieb bei ihrem Vater.
“Die Nacht ist bald vorüber und unsere Kräfte schwinden”, sagte sie.
“Richtig. Eile ist geboten, aber Übereile wäre töricht. Geh in deine Gemächer und ruhe dich aus. Gerade noch sprach ich mit Orfeo, er erwartet dich.”
“Ja, er erwartet mich.”
“Dann lass dich ein wenig verwöhnen.”
“Gewiss.”

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