Zeiten am Horizont

vor 2 Mon.
Wenn das Leben mit dir Katz' und Maus spielt, bist du besser der Wolf im Schafspelz. Inmitten der Masse wird niemand erkennen, wie du dich veränderst. Getrieben von alten Träumen, dunklen Wünschen und einer hoffnungslosen Liebe erkennst du irgendwann, dass die Zeiten am Horizont stillstehen und niemand da ist, um dich zu retten.
Harry Potter Drama P16-M+M Romanze In Arbeit

Sommer 1980: Prolog

▬ Sommer 1980 – in einem kleinen Dorf irgendwo im Nordwesten Irlands ▬


Zögerlich linste ein junger Knabe in den zinnernen Kessel, der vor ihm über dem offenen Feuer hing. Die Farbe des Trankes war kristallblau, genau so, wie es im Buch, das aufgeschlagen auf dem Boden lag, beschrieben stand. Nachdenklich kratzte er sich an der Stirn, als er sich auf die Knie fallen ließ und die nächste Aufgabe hoch konzentriert las, die das Buch ihm mitteilte.

Er musste ein noch glühendes Ei einer Aschwinderin in den Trank geben. Mit zusammengezogenen Augenbrauen und gerunzelter Stirn dachte er über die kurze Anweisung nach, als er zu dem kleinen Behälter schielte, der auf dem Tisch stand. Leise Zischgeräusche entkamen. Seine Mutter hatte ihm ausdrücklich davor gewarnt, niemals glühende Eier für einen Trank zu verwenden. Er selbst wusste auch durch die vielen Bücher, die er gelesen hatte, dass nur gefrorene Eier zu dem gewollten Effekt eines Trankes führten. Wieso also verlangte das Buch dies?

Mit zittrigen Knien erhob er sich und ging langsam auf den Tisch zu. Die Vibrationen des Bodens teilten dem Tier in dem Behälter mit, dass etwas passieren würde. Der Junge nahm vorsichtig den Deckel ab. Ein Schaudern überkam ihn, als er in die blutroten Augen der Schlange sah, die sich in einer der hinteren Ecken befand und ihn genau beobachtete. Seine Augen suchten die komplette Box nach einem Ei ab, doch ehe er es fand, begann der Kessel hinter ihm zu fauchen. Erschrocken drehte er sich dem Trank zu. Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte die Schlange sofort aus und schoss nach vorne.

Nur ein Aufschrei des Jungen ließ erahnen, was in dem kleinen unterirdischen Raum vor sich ging, doch hören konnte ihn niemand. Mit seinen kleinen Füßen trat er nach der Schlange, die sich auf dem Boden windete. Sie züngelte und fauchte, ebenso der Kessel, aus dem dunkle Nebelschwaden empor stiegen. Er musste das Ei noch glühend in den Trank bekommen, doch mit der Aschwinderin auf dem Boden würde ihm das nicht gelingen. Irgendetwas musste er unternehmen.

Hastig sah er sich im Raum um, jedoch ohne das Tier aus den Augen zu verlieren. Er wusste, dass Aschwinder-Schlangen alleine innerhalb einer Stunde starben. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, ehe sie wieder zu Asche zerfallen würde, doch das Ei würde in dieser Zeit Feuer fangen und sofort danach abkühlen. Auf einem Regal, etwa drei Schritte entfernt, entdeckte er plötzlich den verzierten Griff eines Zauberstabes. Es konnte nur jener seiner Mutter sein. Ohne über das, was er im Stande war zu tun, nachzudenken, überbrückte er die wenigen Schritte und schnappte sich den hölzernen Stab. Die Schlange wandte sich unter dem Tisch.

„Vipera Evanesca!“

Mit einem lauten Knall flog das Tier in die Luft und rieselte als Ascheflocken wieder hinab auf den Boden und bedeckte seine Schuhe. Mit einer Gänsehaut am ganzen Körper besah er sich den Zauberstab, den er in der Hand hielt. Natürlich hatte er ihn schon öfters gesehen und berührt, doch dies war das erste Mal, dass er auch einen Zauberspruch damit ausgeführt hatte. Ein leises ‚wow‘ entkam ihm, als zeitgleich der Kessel heftig zu vibrieren begann.

Ohne weiter zu zögern war der Junge wieder am Tisch und sah in den Behälter. Das Ei lag dort, wo zuvor die Schlange gelegen hatte. Er griff danach, was wieder ein dummer Fehler war. Fast hätte er es fallen lassen, so heiß war es. Die Drachenlederhandschuhe lagen nach wie vor unberührt neben dem Behälter und er hätte sich selbst in diesem Moment ohrfeigen können. Er hatte sie doch extra der Schlange wegen mitgenommen. Kurz besah er sich die Bissspuren des Tieres, entschied jedoch, dass der Trank wichtiger war. Schnell zog er sich die Handschuhe über, nahm das Ei wieder hoch und begab sich damit zum Kessel.

Die Farbe hatte sich nicht verändert. Nach wie vor schimmerte der Trank im schönsten Blau, das er jemals gesehen hatte. Mit einem weiteren Blick in den Kessel ließ er langsam das Ei in der Schöpfkelle hineinsinken. Einen Augenblick lang geschah nichts, bis sich die Farbe doch schlagartig änderte und sich der Raum in Sekundenschnelle mit schwarzem, stinkendem Rauch füllte.

Hustend tastete er blind nach dem Buch. Als er es gefunden hatte, murmelte er ein leises ‚Lumos‘, woraufhin sich eine kleine Lichtkugel am Ende des Zauberstabs formte. Mit flinken Handbewegungen suchte er das Kapitel des Zaubertranks und las den Rest der Anleitung. Doch mit jedem weiteren Wort, das sein Gehirn aufnahm, überkam ihn ein ungutes Gefühl.

Er hatte das gemahlene Pulver eines Grabhorn-Horns heiß aufgegossen, danach den Saft von sieben Drachenbaumbeeren eingerührt. Auch die dreieinhalb Zweige von einem wilden Flussazalee hatte er, nachdem der Trank exakt dreizehn Minuten geköchelt hatte, hinzugegeben und viermal gegen den Uhrzeigersinn gerührt. Danach kam das glühende Ei der Aschwinderin.

Mehrmals überflog er den Text des Rezepts. Bis jetzt hatte er doch alles richtig gemacht, wieso aber hatte der Trank nun diese giftige Farbe angenommen, von der kein Wort geschrieben stand? Gedanklich ging er die Zutatenliste mehrere Male durch und hakte alles ab. Bis ihm etwas einfiel. Mit angehaltenem Atem blätterte er wild durch die Seiten, bis er die vorletzte Seite erreicht hatte. Und genau dort stand jener Satz, den er gefürchtet hatte.

Sollte das glühende Ei einer Aschwinderin nicht innerhalb von drei Minuten hinzugefügt werden, sobald sich der Trank kristallblau gefärbt hat, wird der gegenteilige Effekt des Trankes auftreten.

„Nein, nein, nein!“

Er ließ den Zauberstab fallen, woraufhin das Licht erlosch. Die Dampfbildung hatte sich in den verstrichenen Minuten von selbst gestoppt, doch der Trank besaß nach wie vor die falsche Farbe. Seine Mutter würde ihn umbringen. Er durfte nicht an ihre teuren und seltenen Zutaten rangehen, geschweige denn, sie benutzen. Nicht ohne ihre Erlaubnis und ihr Beisein. Er würde ihr erklären müssen, was er im Schilde geführt hatte, doch das wollte er nicht. Sie würde ihn nicht verstehen.

Mit dem Gesicht in den Händen ließ er sich nach hinten fallen, wobei er gegen den alten Holzschreibtisch stieß. Ein Einmachglas, das gefährlich nah an der Kante stand, wackelte und fiel letztlich um. Der Inhalt, ein einzelnes Blatt, sank wiegend hinab und landete lautlos im Kessel. Der Junge bekam davon nichts mit. Er saß weinend da und hatte den Kopf zwischen Knien und Händen vergraben. Nur wenige Sekunden später, als der Inhalt des Kessels wieder zu zischen und blubbern begann, sah er auf. Durch die verweinten Augen konnte er nicht viel erkennen. So auch nicht den kleinen Tropfen des Gebräus, der in seine Richtung flog. Ein Fauchen war zu hören, als die Flüssigkeit auf die gerötete Wange des Jungen traf, doch ehe er reagieren konnte, verschwamm der Raum vor ihm und etwas zog ihn nach unten.

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Er lag auf etwas. Es war nass und matschig. Schreie drangen an seine Ohren und ließen ihn langsam wieder zu Bewusstsein kommen. Leicht blinzelnd versuchte er sich zu bewegen, was ihm nach einem kurzen Augenblick auch gelang. Er konnte die Hände befreien, die unter seinem Körper gepresst waren. Als er blind umhertastete, bemerkte er, dass das, worauf er lag, sich gefährlich nach Lebewesen anfühlte. Ohne an das grelle Licht zu denken, riss er erschrocken die Augen auf.

Es regnete. Der Himmel war übersät mit schwarzen Wolken, die Unheil ankündigten. Ein Blitz erschien am fernen Horizont, als er den Kopf leicht anhob und geradeaus sah. Vor ihm lag eine weite Landschaft, doch etwas an diesem Anblick verstörte ihn. Es waren die unzähligen leblosen Körper gefallener Männer.

Sie lagen überall. Auch unter ihm, wie er angeekelt und panisch feststellen musste, als er sich weiter umsah. Der Mann war offenbar durch einen gezielten Kopfschuss durch das rechte Auge gestorben. Fleischfetzen bedeckten das Gesicht des Toten. Er wollte seinen Blick abwenden, doch es gelang ihm nicht. Hektisch rappelte er sich auf und stolperte dabei über das Gewehr, das der Tote in der Hand hatte. Eine Schuhspitze bohrte sich in seinen Rücken, woraufhin er sich angsterfüllt umdrehte. Als er sah, dass auch dort hunderte von Leichen lagen, beugte er sich zur Seite und übergab sich auf eine kleine freie Fläche Wiese, die von Blut durchtränkt war.

Er fühlte sich schwach. Hilflos. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Nach wie vor drangen Schreie an seine Ohren, doch er konnte nicht ausmachen, woher sie kamen. Sein Blick wanderte an seinem eigenen Körper hinab. Er war mit nichts weiter bekleidet, als Shorts, Schuhen und kaputtem Arbeitshemd. Wenn er nicht bald wieder einen Weg zurück oder einen trockenen Unterschlupf finden würde, würde er womöglich erfrieren.

Immer noch mit einem flauen Gefühl in der Magengegend erhob er sich auf seine zittrigen Beine und wischte sich die nasse Erde vom Hintern. Er musste ganz dringend pinkeln. Ein sehr ungünstiger Moment, wie er feststellen musste. Das Schlachtfeld erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen und nirgendwo war ein Baum oder Gebüsch zu sehen. Nur nicht in die Hose machen, ermahnte er sich selbst, als er einen großen Schritt über den leblosen Körper eines weiteren Mannes machte.

Sie lagen wie aneinandergereiht da, die Blicke gen Himmel gerichtet. Und sie alle hatten Waffen bei sich. Es handelte sich um Soldaten, das war ihm klar, doch in welchem Krieg er gelandet war, konnte er nicht sagen.

Als er bereits einige Minuten über das tote Land gelaufen war, stolperte er über etwas, das sich in seinem Schuh verfing und ihn auch nicht mehr losließ. Kalte Nässe drang durch sein Hemd an seinen Bauch. Er versuchte sich zu befreien, was ihn jedoch einiges an Kraft kostete, die er kaum besaß. Das klumpige Teil löste sich schlussendlich von ihm und er konnte es genauer betrachten. Es war spitz und als er den Schlamm grob beseitigt hatte, sah es für ihn aus wie ein Zahn. Langsam und nachdenklich drehte er es in der kleinen Hand herum. Es könnte tatsächlich ein Reißzahn sein. Von einem Raubtier. Kurzerhand steckte er den gefundenen Gegenstand ein und machte sich weiter auf die Suche nach einem Rückweg.

Er hatte sich verirrt. Das musste er sich nach rund fünf Kilometern Fußmarsch eingestehen. Doch wie sollte er sich verirrt haben, wenn weder links noch rechts, weder nördlich noch südlich, etwas zu sehen war? Noch immer befand er sich auf dem Schlachtfeld, das offenbar einst eine Weide gewesen war, denn hier und da standen Holzbauten, die nach Tierunterschlüpfen aussahen. Einen Schritt vor dem anderen setzend, fasste er den Entschluss, rechts langzugehen.

So fand er nach kurzer Zeit eine Horde von Soldaten, die sich noch immer gegenseitig bekämpften. Sie schrien sich Dinge zu, die er nicht verstand trotz seines guten Gehörs. Sein Blick wanderte auf und ab, als ein Mann nach dem anderen tot umfiel. Schüsse hallten über die Wiese zu ihm und ließen wieder die Angst, die er in den letzten Minuten, Stunden verdrängt hatte, in ihm aufkommen. Wie konnte er nur vergessen, was hier geschah? Natürlich! Er hatte nur Leichen gesehen, aber keine aktiven Soldaten.

Der Ruf eines Mannes erklang und zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Diese tiefe Stimme war ihm doch vertraut! Wie von selbst setzten sich seine Beine in Bewegung, die Arme hingen schlaff an den Seiten seines Körpers. So marschierte er zielstrebig über das Feld. Die kämpfenden Männer um ihn herum schien er kaum noch wahrzunehmen. Er wollte nur diese Stimme finden, die ständig rief.

Je näher er der Stimme kam, umso besser konnte er verstehen, was sie sagte, ihm entgegenrief. Es war sein Name. Énna. Doch wieso sollte hier jemand seinen Namen kennen? Er war doch nur aus Zufall hier gelandet. Oder etwa nicht?

Eine Gewehrkugel zischte nur wenige Zentimeter an seinem Gesicht vorbei und schlug hinter ihm ein. Übelkeit stieg wieder in ihm auf, als er stehenblieb und dem Schützen in die Augen sah. Da, wo die Pupillen hätten sein müssen, befand sich ein weißer Kreis. Schwarz, weiß, schwarz. Der Mann vor ihm sagte etwas, doch er verstand es nicht. Es war … eine andere Sprache. Keine menschliche Sprache.

„Énna.“

Wieder erklang die Stimme, doch dieses Mal war sie näher bei ihm. Es schien so, als würde der Besitzer der Stimme direkt hinter dem Schützen stehen, doch da war niemand. Aus den Augenwinkeln sah er, wie wenige Meter neben ihm etwas aufblitzte. Er sah sich kurz in alle Himmelsrichtungen um, doch außer den Soldaten konnte er niemanden erkennen. Jedoch schien sich dieser nicht mehr zu bewegen. Würde er ihn erschießen, wenn er sich bewegte? Langsam, ohne den Schützen aus den Augen zu lassen, setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er sich sicher war, dass der Mann ihm nicht gefährlich werden konnte, denn der Blick war nach wie vor starr nach vorne gerichtet. Ohne den merkwürdigen Schützen also weiter zu beobachten, begab er sich schnellen Schrittes zu dem merkwürdigen Objekt hin.

Es lag auf einem Stein. Klein, glänzend. Mit einem Edelstein versehen. Es war ein Ring, wie sich nach näherer Betrachtung herausstellte. Und als er ihn anzog, passte er wie angegossen. Doch etwas veränderte sich.

Er wusste plötzlich, wo er war.

Er war in Irland im Jahre 1759.

„Papa?“

Seine Stimme klang klein in der großen Weite, in der er sich befand. Der Krieg um ihn herum schien aufgehört zu haben. Wie aus dem Nichts. Wie konnte das nur möglich sein?

„Papa!“

Tränen rollten über seine Wange und er schniefte leise, als er sich panisch umsah. Er wollte wieder nach Hause. Er wollte wieder zurück in das kleine Häuschen am Waldrand, in dem er und seine Mutter lebten. Zurück in den Sommer neunzehnhundertachtzig. Er wünschte es sich so sehr.

Weinend brach er in sich zusammen und sank auf das nasse Gras. Den Ring hatte er wieder abgezogen. Fest umklammerte er ihn und seine Augen hatte er geschlossen. So bekam er auch nicht mit, dass der kleine Edelstein in seiner Hand leicht zu schimmern begann. Binnen weniger Sekunden wurde er wieder nach unten gezogen, während sich alles um ihn herum zu verändern begann. Er bemerkte den muffigen Geruch des Labors seiner Mutter und riss die Augen auf.

Sein erster Gedanke war, ob dies vielleicht ein Traum gewesen sein konnte, doch als er an sich hinabsah, fing er an, dies zu bezweifeln. Seine Kleidung war voller Matsch und komplett durchnässt. Zudem hatte er den Ring noch in der Hand, dessen Schein gerade wieder erloschen war.

„Énna!“

Beim Klang der Stimme seiner Mutter stoppten die Tränen und er sah auf. Er hatte ganz vergessen, dass er die Tür abgesperrt hatte, sodass niemand hereinplatzen konnte. Das Schloss knackte leise, als es mit einem Zauber geöffnet wurde.

„Mama.“

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