Hinter den Masken

vor 15 Tagen
In seinen Träumen war die Duell Akademie ein bunter, fröhlicher Ort, an dem das ganze Jahr über die Sonne schien. [...] In der Realität war die Duell Akademie leider kein immerzu bunter, fröhlicher Ort, an dem das ganze Jahr über die Sonne schien.
Yu-Gi-Oh! GX P12 In Arbeit
Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

In seinen Träumen war die Duell Akademie ein bunter, fröhlicher Ort, an dem das ganze Jahr über die Sonne schien. Und er würde dort auch scheinen! Er würde nicht einfach irgendein Schüler hier sein, sondern ein guter, ein bekannter, ein großartiger Schüler, so wie sein großer Bruder. Aber es hatte schon seine Gründe, warum ein Traum, ein Traum war und nicht die Realität. In der Realität war die Duell Akademie leider kein immerzu bunter, fröhlicher Ort, an dem das ganze Jahr über die Sonne schien. Momentan war es sogar ziemlich düster auf der kleinen Insel, was zum einen an der späten Uhrzeit und zum anderen an dem dichten Nebel lag.
Da sich die Schule auf einer Insel befand war sie logischerweise vom Meer umgeben und besaß daher einen eigenen kleinen Hafen und ein paar Boote – nur falls man die Insel außerplanmäßig verlassen musste. Es gab auch einen Bootssteg an dessen Ende sich ein Leuchtturm befand. Genau auf diesem Steg befand er sich gerade und hoffte, er würde nicht ins Wasser fallen. Der Nebel war so dicht, dass es schwer war irgendwas zu sehen und bei seinem Glück würde er einen Schritt zu viel machen und ins Wasser fallen – dabei konnte er doch gar nicht schwimmen. Hätte er früher gewusst, wie die heutige Wetterlage war, hätte er sich auf ein Treffen um diese Uhrzeit und an diesem Ort nicht eingelassen. Jetzt hatte er aber schon zugesagt und war auch schon fast am Ziel, da konnte er nicht einfach wieder umdrehen.

Anders als seine Mitschüler, war der Grund, warum er an die Duell Akademie wollte, nicht allein auf seiner Liebe zu Duel Monsters oder seinem Wunsch später einmal beruflich mit Duel Monster zu tun zu haben, zurück zu führen. Als er sich vor einigen Jahren dazu entschlossen hatte, hier her zu kommen, war sein Beweggrund recht simple: Folge deinem Bruder und zeige ihm, wie gut du wirklich bist. Er wollte damals nur hier her kommen, um seinem Bruder zu beweisen, dass er das Zeug zu einem Duellanten hatte; dass er ein guter Duellant war.
Über die Jahre hinweg kam noch ein weiterer Grund, der ihn hierher trieb, dazu und den er wohl nur mit einer einzigen weiteren Person auf dieser Insel teilte. Die Suche nach seinem Bruder. Vor knapp zwei Jahren war dieser nämlich plötzlich verschwunden. Niemand wusste, was passiert war oder wohin er verschwand. Man hatte die ganze Insel nach ihm abgesucht – nach ihm und den anderen verschwundenen Schülern –, doch ohne Erfolg. Es gab keine einzige Spur von ihm oder einen Hinweis was passiert sein könnte. Zwei Jahre in Unwissenheit war eine lange Zeit und nun hoffte er, dass er selbst eine Spur finden würde.
Hilfe sollte er dabei auch bekommen – die Schule schien sich nicht sonderlich für die verschwunden Schüler zu interessieren – von jemandem, dem es genauso ging wie ihm. Alexis Rhodes war, wie er, dieses Jahr neu an die Schule gekommen und war somit ihrem großen Bruder, der ebenfalls verschwunden war, gefolgt. Ihr Bruder Atticus und sein großer Bruder Zane waren wohl befreundet gewesen, zumindest laut den Briefen, die Alexis von Atticus erhalten hatte. Zane war leider bei solchen Dingen eher verschlossen. Er berichtete in der Regel nur von seinen Noten und seinem allgemeinen Befinden, von Freunden war nie die Rede – Atticus und ein Yusuke Fujiwara wurden zwar hier und da mal erwähnt, aber nie mit der Bezeichnung „Freunde“. Auch der Leuchtturm fand in ein paar Briefen eine Erwähnung. Das gleiche galt auch für die Briefe, die Alexis erhalten hatte, weshalb sich die beiden sich entschlossen hatten sich hier zu treffen. Es war das erste Mal, dass sie sich persönlich gegenüberstehen würden. Bisher hatten sie lediglich über Mails kommuniziert.

Syrus wusste nicht viel über Alexis, obwohl sie sich regelmäßig austauschten. Zwar war dies meistens in Bezug auf ihre verschwundenen Brüder, aber hier und da sprach man auch mal über etwas anderes. Nichtsdestotrotz musste Syrus gestehen, dass die meisten Informationen, die er über sie hatte, sich lediglich auf ihre schulischen Leistungen beschränkten. Sie war im Haus Obelisk, während er eine Sliferniete war. Zu Obelisk wurde man nur dann zugeteilt, wenn man in einer speziellen Vorschule zur Duell Akademie entsprechende Leistungen erbracht hatte – soweit er wusste, war Alexis immer in den Top drei ihrer Klasse gewesen. Syrus hingegen hatte diese Vorschule nicht besucht, was zum einen dran lag, dass seine Familie nicht das nötige Kleingeld dafür hatte, zum anderen aber auch daran, dass es nicht einmal gewusst hatte, dass es sowas gab. Ja, er wusste, dass es bereits andere Schulstufen gab, die sich hauptsächlich mit dem Erlenen von Duel Monsters befassten, aber schlussendlich waren sowas dann trotzdem noch immer ganz normale Schulen. Sein Bruder Zane war auch nie auf so einer Schule gewesen und hatte sich in seinem ersten Jahr bereits nach wenigen Wochen bewiesen – nach nur wenigen Wochen war Zane von Ra in Obelisk umgezogen. Syrus konnte von sowas nur träumen – es wäre für ihn ja schon ein Erfolg, wenn er nicht schon nach wenigen Wochen wieder von der Schule geschmissen wurde, weil er zu schlecht war.

Bevor sich Syrus aber in seinen trüben Gedanken verlieren konnte, entschied er sich etwas mehr Aufmerksamkeit auf seine Umgebung zu lenken. Wäre doch peinlich, wenn er ins Wasser fiel, insbesondere da er nicht schwimmen konnte, oder in Alexis lief. Er wollte bei ihrem ersten Treffen eine gute Figur abgeben. So nervös wie gerade eben war er nicht einmal bei all den Prüfungen, die man absolvieren und bestehen musste, um an die Duell Akademie zu gelangen, oder an ihrem ersten Schultag. Um ehrlich zu sein, wusste er nicht, was er sich von diesem Treffen erhoffte, aber er hatte Angst, dass er enttäuscht werden würde. Was wenn sie keine Spuren finden konnten? Was wenn sein Bruder auch weiterhin verschwunden blieb? Was wenn Alexis und er sich nicht verstanden und daher getrennte Wege gingen, um ihre Brüder zu finden?
Der immer dichter werden Nebel um ihn herum trug leider nicht dazu bei, dass seine Gedanken sich aufhellten. Alles hier war irgendwie gruselig und bedrückend. Ob es wohl auch so ein nebliger Tag gewesen war, an dem Zane verschwunden war? Wo hatte er sich zu Letzt aufgehalten? Hier am Steg neben dem Leuchtturm? War Atticus bei ihm gewesen? Immerhin waren sie doch Freunde gewesen. Haben die beiden dort gestanden, wo nun auch Alexis stand und in die Ferne starrte?
Alexis zu erkennen war kein Hexenwerk. Es gab nicht so viele weibliche Schüler und von den wenigen, die es gab, gab es nur wenige, die im ersten Jahr so viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ein weiterer Grund war, dass Syrus sie bereits von Bildern kannte und auch als sich alle neuen Schüler vorgestellt hatten, hatte er ihr besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt – die dummen Kommentare, dass er sich in sie verguckt hätte ignorierte er dabei gekonnt.
„Alexis Rhodes?“, fragte Syrus dennoch vorsichtig und auch weil er nicht wusste, wie er das Gespräch anfangen sollte.
Sich nicht von hinten anzuschleichen wäre ein Anfang gewesen.
Alexis fuhr erschrocken herum. Zwar hatte sie Syrus erwartet, aber sie war so in ihre Gedanken vertieft gewesen, dass sie ihre Umgebung nicht mehr wahrgenommen hatte und der dichte Nebel tat sein Übriges.
„Syrus Truesdale?“
„Ja, genau der bin ich.“
Hoffentlich klang er selbstbewusst und nicht so eingeschüchtert, wie er sich eigentlich fühlte. Alexis sah zwar weder einschüchternd aus noch benahm sie sich so, aber ihr Selbstbewusstsein reichte dafür schon aus.
„Freut mich dich kennen zu lernen, Syrus.“
„Gleichfalls.“
Damit war das Gespräch erst einmal beendet und Stille legte sich zwischen sie. Alexis schien damit keine Probleme zu haben, aber Syrus begann sogleich mit den Ärmeln seiner roten Uniform zu spielen. Sollte er etwas sagen? Oder darauf warten, dass Alexis etwas sagte? Sollte er gleich zum Punkt kommen und mit ihr über ihre Brüder reden oder lieber etwas Allgemeines?

„Atticus hat diesen Ort hier relativ häufig in seinen Briefen erwähnt. Vielleicht finden wir hier einen Anhaltspunkt.“
„Zane hat den Leuchtturm auch ein paar Mal erwähnt“, meinte Syrus, unsicher ob und was er überhaupt sagen sollte.
„Hat dein Bruder vielleicht Namen genannt? Dieses Jahr müssten noch ein paar Mitschüler unserer Brüder an der Schule sein. Vielleicht könnten wir so etwas herausfinden.“
Nicht dass das nicht schon versucht worden war und ins Leere geführt hatte, aber irgendwo mussten sie anfangen.
„Nicht wirklich. Die meisten Namen gehören zu Lehrern. Von den Schülern wurde nur einer namentlich genannt.“
„Yusuke Fujiwara?“
„Genau der.“
Alexis Blick war stur auf das Meer gerichtet, während Syrus den Boden vor sich bestaunte. Er wusste nicht wohin mit sich. Auch wenn er mit Alexis bereits über diese Dinge gesprochen hatte, so war es doch noch mal etwas anderes, wenn man sich nur schriftlich unterhielt oder sich gegenüber stand – wenn man sich nicht in Ruhe überlegen konnte, was man sagte oder tat; wenn man seinen Gefühlen nicht einfach freien Lauf lassen konnte und dann zum Gespräch zurück kam. Zanes Verschwinden hatte mehr Schaden angerichtet, als Syrus zugeben und wahrhaben wollte.
„Dann sollten wir nach diesem Yusuke Fujiwara suchen und ihn befragen“, beschloss Alexis.
Irgendjemand auf diese Insel musste doch etwas wissen!

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