Die Erben der Erde - Unzertrennliche Feinde

vor 2 Tagen
Im 25. Jahrhundert hat die Menschheit mithilfe einer künstlich gezüchteten, anthropomorphen, Dienerspezies die Milchstraße kolonialisiert. Als sich die Diener nach einem Jahrhundert in der Unterdrückung gegen ihre Herren auflehnen, brechen alte Konflikte wieder auf und es kommt zum ersten interstellaren Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte...
Science Fiction Sci-Fi P16 Romanze In Arbeit

Kapitel 1

Hansen ließ den Lauf der Waffe gen Boden sinken, sicherte sie mit der Betätigung des kleinen Hebels am Schlitten und beschleunigte seinen Schritt. In einer fließenden Bewegung glitt er hinter das, was von der alten Wand noch vorhanden war und presste sich gegen das vom Verfall gezeichnete Stück Mauerwerk. Die Temperaturen waren während der letzten beiden Wochen soweit angestiegen, dass der leichte Luftzug, den er auf der Haut spürte, angenehme Abkühlung mit sich brachte. Der Klon spähte aus der Deckung heraus, um sich einen besseren Überblick der näheren Umgebung zu verschaffen, und ließ die Eindrücke der Gegend auf sich einwirken. Die Szenerie, die seine Augen aufsogen, vermischte sich mit den anderen Sinneseindrücken zu einer Melange, welche sich in Hansens Gedanken nur mit dem Wort ‚atemberaubend‘ umschreiben ließ. Die frühsommerliche Luft trug die Düfte der zum vollen Leben erwachten Natur zu ihm und das Konzert der Vögel, die sich in den alten Ruinen eine Bleibe eingerichtet hatten, drang von überall an seine Ohren. Er spähte in Richtung seines Ziels – noch hatte die humanoide Schneeleopardin ihn nicht bemerkt.
Er riskierte einen weiteren Blick in die Gegend um ihn herum. Auch dieser Teil der alten Stadt war vom selben, allgegenwärtigen Zerfall gezeichnet, an welchen er sich während der vergangenen Wochen bereits gewöhnt hatte. Moose und Gräser überwucherten weite Teile des Ortes, der von seinen Bewohnern wohl schon vor einer halben Ewigkeit aufgegeben worden war. In den engen Gassen und verwinkelten Straßen, in denen sich kleine Häuschen mit Vorgärten aneinanderreihten, waren nun in erster Linie Rehe und Hasen zuhause. Selbst einige wilde Schweine, welche den feuchten Boden nach fressbarem durchpflügten, waren ihm im Frühjahr bereits zu Gesicht gekommen. Für den Bruchteil einer Sekunde wunderte Hansen sich, wer hier wohl einmal gelebt haben mochte und was mit denjenigen geschehen war – es fanden sich, außer den Ruinen selbst, keinerlei Hinweise auf die ursprünglichen Bewohner.

Der Klon betätigte den Druckschalter am Griffstück seiner Handfeuerwaffe und ließ das Magazin hervorschnellen. Ein kurzer Blick darauf verriet ihm, dass sich darin noch sieben der großkalibrigen Projektile befanden. Hansen zog den Schlitten ein Stück zurück und erblickte die Kampfladung, die im Patronenlager steckte. Wenn er beide Magazine im Rucksack noch hinzurechnete, blieben ihm 21 Schuss, um den gegnerischen Piloten auszuschalten. Das letzte Geschoss würde er sich aufsparen, um seinem eigenen jämmerlichen Dasein endlich ein Ende setzen zu können.
Er ließ sich, an die alte Mauer inmitten der Ruinen gelehnt, auf den Boden sinken, die Stirn gegen den kalten Stahl der Schusswaffe gepresst und seufzte. Selbst in seiner aktuellen Situation würde das Imperativmodul ihm die Option nehmen, hier und jetzt ‚auszusteigen‘ und die andere ihrem Schicksal zu überlassen. Mit einer einzigen Bewegung, dem Krümmen eines Fingers, hätte er die Sache beenden können und niemand sonst würde zu Schaden kommen müssen. Doch die Loyalitätsversicherung in seinem Schädel dachte gar nicht daran, dies zuzulassen – das Implantat lechzte nach Blut: unaufhaltsam würde es ihn auf diese finale Konfrontation zutreiben. Solange die andere Pilotin unter den Lebenden weilte, befand sich das Reich des Vergessens außerhalb seines Zugriffes.
Hansens Gedanken wanderten. Seine gesamte Existenz war ausschließlich darauf ausgerichtet worden zu töten und zu vernichten. Das Leben anderer zu beenden. Nicht, dass er hierbei eine Wahl hatte. Die Terranische Systemallianz hatte eine regelrechte Unsumme in die Überarbeitung des Soldatenprogramms investiert, welches bereits seit dem 3. Weltkrieg bestand. Das Klonprogramm sollte allgemein verbessert werden und man wollte verhindern, dass sich ein Aufstand, wie der, der den Krieg beendete, wiederholen konnte. Das Resultat dieser Forschungen, war der Imperativ. Ein fieses kleines Gerät, dessen Namen Programm war.
Der Klon wunderte sich, ob sein Dasein anders verlaufen wäre, hätte er als echter Mensch das Licht der Welt erblickt und seine Existenz nicht in einer Petrischale begonnen. Der Stromstoß, den ihm das Imperativmodul durch die Synapsen feuerte, riss ihn aus den Gedanken. Er wünschte sich, dass das kleine Dreckding den Geist aufgeben würde. Ohne das Implantat könnte er diesem unsinnigen Konflikt schlicht und ergreifend den Rücken kehren. Es musste hier doch sicher einen netten, unauffälligen Flecken geben. Hauptsache, so weit von diesem sinnlosen Krieg weg, wie es nur möglich war.
Der Imperativ ergriff erneute Maßnahmen, um selbst diese minimale gedankliche Insubordination abzustrafen: Der letzte verbleibende Klon des Typs 31 spürte, wie das Lid seines linken Auges unkontrollierbar zu zucken begann. Der rasende Schmerz im Schädel setzte nur Sekundenbruchteile später ein und Hansen bemerkte den kupfernen Geschmack im Mund. Der Stromschlag musste ein Blutgefäß erwischt haben. 31 verdrängte die aufkeimenden Erinnerungen an die „fehlerhaften“ Modelle. Jene seiner Brüder und Schwestern, die sich weigerten zu töten oder Befehle auszuführen, die sie nicht ertrugen und an das, was der Imperativ mit ihnen am Ende anrichtete.
Er huschte aus der Deckung und lief auf die gegnerische Pilotin zu. Sie hatte ihn offensichtlich immer noch nicht bemerkt. Dieser Teil der alten Stadt war im Vergleich mit einigen der anderen Vierteln, durch welche er sie gejagt hatte, besonders schwer beschädigt worden. Hier war kein einziges Haus mehr intakt. Allerdings war es exakt dieser Aspekt, der ihm momentan einen Vorteil verschaffte: das weiß-schwarz gefleckte Fell der Leopardin, dass sich deutlich gegen die geschwärzten Ruinen abzeichnete, erkannte er bereits aus einiger Entfernung. Sie hatte sich in einem halb eingestürzten Haus einquartiert und war gerade damit beschäftigt ein Feuer zu entfachen. Hansen vermutete, dass ihre Optionen weitestgehend ausgeschöpft sein dürften. Der Hunger, den sie verspürte, musste überwältigend sein. Kein Wunder, er jagte sie seit fast zwei Monaten durch die Ruinen der alten Stadt und Ruhe, gönnte er ihr definitiv nicht. Der kurze Eindruck einer Emotion durchzuckte Hansens Hirn. Er kämpfte das aufkeimende Gefühl mit aller Macht nieder. Der Imperativ durfte auf keinen Fall mitbekommen, dass er etwas wie ‚Bedauern‘ gegenüber seinen Opfern verspürte. Hansen gab sein Bestes, um den Imperativ abzulenken – er rechnete. Dreisatz. Wahrscheinlichkeitsrechnung. Differentialgleichungen. Überlichttriagulation. Erneut brach eine Welle an Emotionen über den Klon herein. Diese Wesen versuchten zumindest, etwas an ihrer Situation zu verändern – zum Missmut ihrer Erschaffer. Ein Teil seiner Persönlichkeit brachte den Sklaven durchaus Bewunderung oder zumindest doch so etwas wie Respekt entgegen. Er hegte die Vermutung, dass dem so war, da seiner eigenen Art diese Möglichkeit der Rebellion verwehrt blieb.
Sie wurden von klein auf konditioniert, während das Gerät in ihren Köpfen dafür sorgte, dass sie genau das taten, was man ihnen befahl. Zumindest in der Theorie sollte das Implantat in den Köpfen der Klone sie so zu den perfekten Killern machen. Praktisch sah die Angelegenheit anders aus: Hundertprozentig fehlerfrei arbeitete das Modul glücklicherweise nicht. Es gab Möglichkeiten, sich der Überwachung durch den Imperativ zu entziehen, den Weg des kleinen Widerstandes so zu sagen, wenngleich es ungemein kompliziert war, dem Implantat seine wahren Gedanken vorzuenthalten. Hansen begann im Geiste zu singen. Der Strafe danach zu entrinnen, war allerdings absolut unmöglich. Ein erneuter Stromstoß erinnerte ihn daran, dass der Imperativ Eric Bogles ‚Green Fields of France‘ offensichtlich überhaupt nicht mochte.
Hansen hatte den Entschluss gefasst, es dieses Mal zu beenden. Sein finaler Plan stand und er würde ihn mit aller Konsequenz zu Ende führen. Immer noch in Bewegung brachte 31 die Pistole in Anschlag, richtete Kimme und Korn auf die Gestalt vor sich in einer Linie aus und stieß die verbleibende Luft, die sich noch in seiner Lunge befand aus. Zwei Betätigungen des Abzuges später, jagten zwei Geschosse mit annähernder Schallgeschwindigkeit in Richtung der Kreatur.
Das erste Projektil verfehlte sein Ziel knapp und ließ einen Stein im Mauerwerk hinter dem Wesen zerbersten. Das zweite bohrte sich mit einem feuchten Geräusch in den Oberschenkel der deutlich über 1,9 Meter großen, aufrecht gehenden Katzengestalt. Diese verlor das Gleichgewicht und taumelte nach hinten gegen eine Wand, an der sie stöhnend zusammensackte und liegen blieb. Der Klon verlangsamte seinen Schritt, die Waffe nach wie vor auf sein Ziel gerichtet.
Einen knappen Meter vor dem kauernden Wesen blickte Nummer 31 in große wasserstoff–blaue Augen, die ihn mit weit aufgerissenem Maul überrascht anstarrten. „Verflucht, bitte schau mich nicht so an. Bald ist es ausgestanden“, schoss ihm durch den Kopf. Hansen bemerkte die schemenhafte Bewegung einer ihrer Hände. Nur einen Augenblick später stürzte ein heißer Schlag gegen seine Stirn ihn in ein grell-gleißendes Nichts. „Endlich Ruhe“, war der Gedanken, der ihn in die Dunkelheit führte.

Willow verzog das Gesicht, rümpfte die Nase und nieste. Ein Grinsen erhellte die Gesichtszüge der Schneeleopardin. Der Ironie, dass gerade sie allergisch auf Weidenpollen reagierte, konnte sie sich nicht erwehren. Der strömende Regen, der sie seit dem Frühjahr quälte, hatte zu ihrer Freude seit einigen Wochen nachgelassen. Nun waren es die im Frühsommer überall blühenden und sprießenden Pflanzen und Bäume, die ihr zusetzten. Von der Atmosphäre, die von diesem Ort ausging, ganz zu schweigen. Wer auch immer hier ursprünglich gelebt haben mochte, er war seit Ewigkeiten verschwunden und das, was noch von den ehemaligen Bewohnern übrig war, erinnerte an eine der alten Geisterstädte. Sie konnte es nicht erklären, jedoch kam es ihr vor, als ob man sie beobachten würde - was im Grunde aber absolut unmöglich war. Von dem Terraner einmal abgesehen, der sich seit ihrer Bruchlandung offensichtlich einen Spaß daraus machte, ihr das Leben hier unten zur Hölle zu machen, gab es hier nur Tiere. Sie ergriff einen weiteren der verstreuten Backsteine. Seit ihrer Bruchlandung war sie hier unten nur auf ein einziges anderes intelligentes Lebewesen getroffen und dieses hatte, wie es aussah, nichts Besseres im Sinn, als sie seit Wochen kreuz und quer durch die Ruinen der Stadt zu jagen. Jedes Mal, wenn sie dachte, sie hätte ihn endlich abgeschüttelt und würde etwas zur Ruhe kommen, tauchte der Bursche wie aus dem Nichts wieder auf und das Spielchen aus Flucht und Verstecken begann erneut.
Der Blick in ihren Rucksack verriet ihr, dass sie ihre wenige Munition fast vollständig aufgebraucht hatte. Sie fand ein letztes, halbvolles Magazin. Nicht, dass mehr davon einen Unterschied bedeutet hätte: Sie war sich der Vorteile, über welche der gen- und nanotechnisch verbesserte Soldat ihr gegenüber verfügte, durchaus bewusst. Ihr einziger Vorteil war ihr Geruchssinn, der dem des Menschen haushoch überlegen war. Was Stärke und Ausdauer anging, war sie ihm nicht gewachsen. Warum zum Teufel ließ der Mensch sie nicht einfach in Ruhe? Sie würde ihm sicherlich nichts antun, im Grunde verspürte sie keinerlei Animositäten gegenüber Terranern.
Scheiße, nein! Wenn dieser Hüne nicht seit zwei Monaten versuchen würde, sie zu töten, stünden die Chancen nach allem gar nicht schlecht, dass sie von sich aus zu ihm ginge. Schon seitdem ihre Maschine hier herunter gekommen war, schlug ihr die Aura dieses von uralten Ruinen durchzogenen Ortes auf den Magen. Ehrlich gesagt, nach all der Zeit auf sich selbst gestellt, sehnte sie sich nach Gesellschaft. Jemanden, mit dem sie sich unterhalten könnte. Oder einmal wieder lachen – das war etwas, das sie seit langem nicht mehr getan hatte. Auch wenn die Menschen sie dafür hielten, sie waren keine Tiere.
Nach acht einsamen Wochen, würde sie die Gesellschaft des Menschen aufrichtig bevorzugen, allerdings nicht auf Kosten ihres eigenen Lebens. Willow gestand sich ein, dass sie die Terraner nicht begriff. Weshalb verfolgte dieser Riese sie selbst in ihrer momentanen Situation derart hartnäckig?

Willows Gedanken wanderten zu ihren Schöpfern. Seit beinahe 20 Jahren schwelte der Konflikt zwischen ihren Leuten und den Terranern. Und weswegen?
Die Menschheit hatte in der zweiten Hälfte des 23. Jahrhunderts endlich ihre massiven Energieprobleme gelöst. Ein einzelner, genialer Wissenschaftler hatte den sogenannten „Quanten-Reaktor“ entwickelt, eine mittels Kraftfeldern stabilisierte Mikro-Quantensingularität, die unbegrenzte Energie versprach. Jedoch zeigte sich ein unerwarteter Nebeneffekt: Besagter Wissenschaftler entdeckte bei seinem ersten Probeversuch ein bis dahin nur hypothetisch vorhandenes Elementarteilchen mit negativer Energiedichte: Exotische Materie.
Von hier an begannen sich die Ereignisse regelrecht zu Überschlagen: Binnen weniger Jahre hatte die Menschheit einen funktionierenden Überlichtantrieb konstruiert und musste feststellen: „Merde, wir sind allein im Universum!“ Obwohl die Probleme mit der Energieversorgung nun endgültig der Vergangenheit angehörten, stellte der wachsende Hunger auf seltene Rohstoffe die Spezies vor ein erneutes Problem. Zwar mochte es im Universum davon mehr als genügend geben, um den Bedarf der Menschheit auf Millennien zu decken, doch die billigen Arbeitskräfte, um jene auch abzubauen, mussten erst einmal gefunden werden.
Es bedurfte keiner 40 Jahre, bis die Gentechnik der Spezies derartige Fortschritte gemacht hatte, dass sie ihren bis dahin latent vorhandenen Gotteskomplex zur Volle ausleben konnten: Sie begannen damit, alles, das auf Erden kreucht und fleucht, dem eigenen Erscheinungsbild und Intellekt anzupassen.
Und so bewiesen die Terraner erneut, weshalb sich ihre Gattung als derart erfolgreich erwies: Alles, was sie in Angriff nahmen, erledigten sie zu 110 %. Die Erschaffung des Homo Anthropomorphis läutete ein neues Zeitalter des Wohlstandes ein. Allerdings ausschließlich für „echte“ Menschen.
Waren diese Wesen zu Beginn noch ein Ausdruck der Sehnsucht ihrer Schöpfer nach intelligenter Gesellschaft in den unendlichen Weiten des Alls, zeigte sich doch schon sehr bald die wahre, hässliche Fratze des Homo Sapiens: Die anthropomorphen Wesen waren mitnichten die gleichberechtigten Partner, welche sich die Vordenker der Spezies erträumt hatten, sondern schlicht und ergreifend billige Arbeitskräfte, derer man sich kosteneffektiv entledigen konnte, sobald man ihrer überdrüssig wurde.
Es verging kein Jahrhundert, bis sich die Diener gegen ihre Herren auflehnten. Diese Leute waren sich durchaus bewusst, was sie leisteten und wo die Menschheit ohne ihre Dienste stehen würde. Willow grinste zynisch in sich hinein „Cogito ergo sum“, eben.

Das halblaute Gurgeln, welches aus der Gegend ihrer Magengrube zu ihr heraufdrang, riss Willow aus ihren Gedanken. Der Hunger nagte immer weiter an ihrer Konzentration, langsam waren ihre Optionen ausgeschöpft. Sie musste zusehen, dass sie die Feuerstelle fertig bekam und etwas aß. Das einzige Positive an ihrer augenblicklichen Situation war, dass sie ihren Verfolger seit einigen Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht hatte er endlich von ihr abgelassen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, grunzte sie in sich hinein.
Willow legte den verbleibenden Backstein zu den anderen, die in einem Ring vor ihr lagen. Sie entzündete etwas Holz darin und kramte eine ihrer letzten Konservendose mit Fleisch aus dem ausgefransten Rucksack, öffnete sie und begann damit sie zu erwärmen.
Das Gebäude, in welchem sie Unterschlupf gesucht hatte, war schon Ewigkeiten zuvor schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Von den vier sie umgebenden Wänden fehlte zumindest an einer Seite der Großteil. Willow blickte hinaus in die Weite der sich sanft erstreckenden Landschaft außerhalb der Stadt, wo die Natur während der letzten Wochen lautstark zum Leben erwacht war. Ihr Blick fiel auf ein Reh, das in einiger Entfernung friedlich an einigen Kräutern zupfte. Sie seufzte. Was der Terraner wohl gerade machte? Ob ihm der Magen wohl genau so knurrte wie ihr?
Willow hatte gerade die Position der Dose an den Flammen geändert, um den Inhalt auch wirklich gleichmäßig zu erwärmen, als sie den scharfen Windzug am Bein ihrer Hose registrierte. Auf den ohrenbetäubenden Knall, den sie im selben Augenblick hörte, war unmittelbar ein weiterer gefolgt. Abgesprengtes Mauerwerk wurde an ihr linkes Bein geschleudert und ein heißer, stechender Schlag gegen ihren Oberschenkel brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie taumelte nach hinten an die Mauer, wo ihr Bein letztlich nachgab und sie zu Boden ging.
Scheiße!, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie öffnete die Augen und spürte, wie ihr die Kinnlade entgleiste. Der Terraner hatte sie kalt erwischt. Dank der Pollen, die sich überall in der Luft befanden, hatte sie ihn noch nicht einmal gerochen, was bei jedem ihrer vorigen aufeinandertreffen der Fall gewesen war. In den wenigen verstrichenen Augenblicken, seit sie die Schüsse gehört hatte, war er auf einen Meter an sie herangekommen und die Leopardin blickte in den Lauf einer Waffe, die auf ihre Stirn gerichtet wurde. Willow erkannte den schwarzen Strudel der Züge und glaubte für den Bruchteil einer Sekunde, durch den Lauf hindurch das Projektil zu sehen, das ihre Existenz in nur einem Augenblick beenden würde.
Zwar war dies nicht die erste Gelegenheit, bei welcher sie und ihr Verfolger sich gefährlich nahe kamen, jedoch hatte sie dem Soldaten zuvor nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Willow war mit ihren knappen zwei Metern bereits recht groß, doch der Mensch überragte sie um mehr als eine Handbreite. Seine bläulich-graue Uniform war nach wie vor mit dem Blut des Bären besudelt, die Brust des Mannes hob und senkte sich in rhythmischen Intervallen und sie bemerkte, wie sich die feinen Linien der Implantate in seinen Augen zusammenzogen und die Pupillen eng stellten - er nahm Ziel.
Die Zeit schien wie festgefroren, zögerte der Soldat hier wirklich? Oder hatte der Schock ihre Sinne geschärft und sie war es, die alles nur noch in Zeitlupe wahrnahm? Egal, sie würde handeln. Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung ergriff Willow Ohne-Namen die Handfeuerwaffe an ihrer Hüfte und feuerte einen Schuss ins Blaue direkt nach vorne. Die Schneeleopardin spürte, wie ihr warmes Blut ins Gesicht spritzte und sah, wie der Mensch nach hinten wegkippte. „Sklave tötet Soldaten, das ist jetzt neu“ war ihr letzter wacher Gedanke, bevor sie der Blutverlust in die Besinnungslosigkeit zog.

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aeffle 20. May 2019

Huhu Hal,

ich finde deine Geschichte bisher ziemlich spannend, auch, wenn es am Anfang ein wenig verwirrend war, in deine Welt hinein zu finden. Zu neu ist doch irgendwie einfach alles - die Kombination aus Klonen mit einem Implantat im Kopf, den Tiermenschen-Züchtungen.... Aber je besser ich mich in dieser Dystopie zurecht finde, desto mehr gefällt sie mir auch.
Deine beiden Protagonisten haben mich dabei auch schnell gefesselt - zum einen Willow, die da einfach in Dinge hineingerät, die sie nie wollte und dann Hansen, der quasi die ganze Zeit gegen seinen eigenen Kopf kämpft und da durchaus amüsante Strategien gefunden hat - bei einem eigentlich ziemlich ernsten Thema.

Kurz: Mir gefällt, was du da zusammenschreibst und ich freue mich immer über mehr Lesestoff. :-)
Liebe Grüße
aeffle

Hal 21. May 2019
Hallo Aeffle, ich dank dir für das Kommentar und es freut mich, wenn die Story bisher gefällt. Ja, das die Geschichte gerade zu Beginn verwirrend wirken kann, ist mir bewusst - und in gewissem Sinne auch so gewollt. Ich denke, ich werde das für die Verlagsversion geplante Glossar etwas anpassen und hier hochladen, um den Einstieg etwas Einfacher zu gestalten. Lesestoff wird wohl noch genügend folgen ^^ Die komplette "Erben der Erde" Reihe ist momentan auf vier Teile angelegt. Bei dieser Version des ersten Bandes, handelt es sich quasi um eine "Langfassung" des ursprünglichen Manuskriptes, die, wenn fertig, auf etwas über 190k Worte kommen sollte. Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen Henry