Something Strange - Vanished

vor 3 Mon.
Niemand weiß, was an jenem Wintertag geschah. Dem letzten Tag, an dem Felix jemals gesehen wurde. Sein Cousin Randall habe ihn ermordet, so sagen viele, doch der kann sich an nichts erinnern. Anfeindungen, grauenhafte Alpträume und Selbstzweifel bestimmen nun Randalls Alltag, doch irgendwie scheint da noch mehr zu sein... etwas, das wartet. Das..
Horror Horror P16 Sci-Fi In Arbeit

Prolog

Weiß.
Funkelndes, strahlendes Weiß, überall um ihn herum.
Das war alles, was er sah, als er die Augen öffnete, und diese Handlung, kostete ihn eine unglaubliche Menge an Kraft, als habe jemand Gewichte an seinen Lidern befestigt, um sie in jedem Fall geschlossen zu halten.
Sein Kopf dröhnte, schmerzte, ein seltsames, brennendes Stechen, das seinen Schädel zu durchbohren schien wie glühendes Metall.
Dieses Weiß...Es war so unfassbar grell, dass es schmerzte. Ihn dazu zwang, die Augen nach wenigen Sekunden wieder zusammenzukneifen, er hatte den Eindruck, als würde seine Netzhaut bei seinem Anblick verbrennen und der pochende Schmerz in seinem Kopf schwoll an, grenzte nun an die Schwelle zur Unerträglichkeit, bei deren Übertretung man sich lieber den Tod wünschen würde als diese Qualen weiterhin zu ertragen.
Er fühlte sich grauenhaft.
Etwas berührte seine Haut, etwas kaltes, feuchtes, flüchtig spürbar und dann verschwunden, um diesen Prozess dann in immer kürzeren Abständen und in steigender Zahl zu wiederholen, und jetzt erst wurde ihm bewusst, wie frostig die Luft um ihn herum eigentlich war.
"Schnee.", schoss es ihm durch den Kopf, ein Gedanke, der ihn gleichermaßen beruhigte wie ängstige. "Es schneit...Darum ist...Alles weiß…"
Das ergab Sinn, keine Frage, es war Mitte Dezember und Schnee war zu dieser Zeit alles andere als ungewöhnlich in diesem Teil Colorados, doch warf diese Erkenntnis mehr Fragen auf, als sie beantwortete:
Wo war er?
Warum lag er hier, draußen, während offensichtlich ein Schneeschauer gerade seinen Anfang nahm, und dann noch mit diesen entsetzlichen Kopfschmerzen?
Wie lange lag er schon hier?
Und...War er alleine?
Er spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte, der Versuch, irgendetwas hervorzubringen; einen fragenden Satz oder wenigstens doch ein einzelnes Wort, misslang kläglich...doch um ehrlich zu sein, hätte er auch nicht wirklich erwartet, eine Antwort zu bekommen.
Selbst mit geschlossenen Augen und der Dunkelheit, die infolgedessen der einzige Anblick war, der sich ihm bot, wusste er mit geradezu unheimlicher Sicherheit, dass er allein war.
Allein in diesem grellen Meer aus Schnee, umgeben von Luft, die mit jedem Atemzug eisiger zu werden schien.
Die Kälte brachte seine Lungen zum Brennen und ein Husten bahnte sich seinen Weg nach draußen, ließ seinen Körper erzittern und seine Rippen schmerzen als habe er Seitenstechen.
Erst mit dem kratzenden Klang seines Hustens wurde ihm klar, wie still es um ihn herum war.
Zwar konnte er nicht wirklich sagen, was für eine Geräusch Kulisse er erwartet hatte, denn dafür hätte er schließlich zuerst einmal wissen müssen, wo er sich eigentlich befand, doch diese vollkommene Stille schien zu absolut keinem ihm bekannten Ort zu passen.
Der Garten seines Hauses?
Hier würde man nahezu unterbrochen die Motorengeräusche vorbeifahrender Autos hören, lag der neumodische Bungalow, in welchem er wohnte, so lange er denken konnte, doch direkt an der viel befahrenen Main Street des kleinen Städtchens Clover Rocks.
Doch selbst in abgelegeneneren Stadtteilen war eine solch vollkommene Stille unvorstellbar, irgendeine Geräuschkulisse war immer vorhanden; Autos, Hundegebell, sich beim Spazierengehen unterhaltende Leute, spielende Kinder, zwitschernde Vögel…
...Ja. Das war es. Das störte ihn so sehr.
Sicher, es war Winter, und trotzdem gab es auch zu dieser Jahreszeit Vögel, die oftmals einen nicht zu verachtenden Lärm verursachen konnten.
Und wenn es nur die Krähen waren, die man häufig in den Baumwipfeln hocken sah und die einen immer mit Blicken zu beobachten schienen, die viel zu wissend für solch primitive Tiere zu sein schienen.
Und hier?
Keine Spur von ihren krächzenden Lauten, die ihm als Kind immer einen Schauer über den Rücken gejagt hatten, und urplötzlich, als sei diese ganze Situation nicht bereits beängstigend genug, schoss ihm eine Erinnerung durch den Kopf, an eine Geschichte, die seine Großmutter ihm früher einige Male erzählt hatte, und in der ein Satz vorgekommen war, der sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und diesem Szenario eine noch unheilvollere Note verlieh:
"Und als die Krähen schließlich schwiegen, zog der Tod ins Land."
Übelkeit stieg in ihm auf, gemischt mit kindlicher, tiefsitzender Furcht.
Früher hatte diese Erzählung ihm Angst gemacht, doch aus diesem Alter war er längst heraus, er war kein Kind mehr; und dennoch…
"Als die Krähen schwiegen, zog der Tod ins Land."
Es kostete ihn weniger Anstrengung als beim ersten mal, seine Augen zu öffnen, doch die Wucht, mit dem ihn das grell strahlende Weiß traf war nicht weniger intensiv.
Mit aller Macht widerstand er dem Bedürfnis, die Lider wieder zu senken, dieses Schmerzhafte Weiß auszusperren und sich zurück in die Dunkelheit fallen zu lassen, so verlockend dieser Gedanke auch war, doch da war diese leise, bittere Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm zuwisperte, ihn zu warnen schien, mit kratziger, androgyner Stimme: "Wenn du sie wieder schließt, wirst du nicht mehr die Kraft haben, sie noch mal zu öffnen!"
Der Schmerz ließ nach. Das Weiß schien einen Teil seines Glanzes zu verlieren; es war immer noch hell, doch nicht mehr in dem Ausmaß, bei dem er das Gefühl gehabt hatte, bei seinem Anblick erblinden zu müssen.
Langsam, ganz langsam, mit Rücksicht auf seine schmerzenden Rippen, die seltsam steife Wirbelsäule sowie die noch immer vorhandene Übelkeit richtete er sich auf, fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, um die Schneeflocken zu entfernen, die nicht bei ihrer ersten Berührung mit der vergleichsweise warmen Haut geschmolzen waren, und ließ den Blick über die dicke Schneedecke schweifen, die alles um ihn herum unter sich zu begraben schien. Allerdings gab es offensichtlich nicht sonderlich viel, was sich großartig von dem flachen, ebenen Boden hätte abheben können, abgesehen von den hohen, immergrünen Fichtenbäumen, die sich ein paar Meter entfernt sowohl vor, als auch rechts und links neben sowie hinter ihm in großer Anzahl in den Himmel erstreckten.
Auch auf ihren Nadeln lag Schnee, doch immer wieder durchbrochen von dem Anblick dunkelgrüner Nadeln, die in dem ansonsten so makellos weißen Winterwunderland fehl am Platz wirkten wie ein falsch gewählter Kontrast auf einem Gemälde.
Sie umgaben ihn in einem nahezu perfekten Kreis, wirkten an einigen Stellen beinahe undurchdringlich und schienen das Licht der tiefstehenden Wintersonne zu absorbieren und so einen Ort der Finsternis zu erschaffen, in dessen Schatten Kreaturen lauerten, die kein Mensch jemals zu Gesicht bekommen sollte, der Wert darauf legte, seinen Verstand oder gar sein Leben zu erhalten.
Das Zittern, das bei diesem Anblick von seinem Körper Besitz ergriffen hatte, kam nicht von der Kälte.
Das hier war weder der Garten seines Hauses noch irgendein Ort im für die kleine Stadt recht großen Park, in dem es zwar durchaus einige Baumgruppen gab, jedoch keinesfalls in dieser Größe. Nicht so, dass es in ihnen eine Lichtung gegeben hätte wie diese hier, auf der er sich befand, und wenn, dann hätte man durch die Fichten hindurch etwas anderes erblicken müssen als weitere Bäume und Finsternis, einen Pfad, eines der Schilder, auf denen verschiedene in diesem Gebiet vorkommende Tiere aufgelistet waren, Bänke, Laternen, irgendetwas.
Doch von solchen Dingen gab es keine Spur.
Weshalb auch. Das hier war nicht der Park, ganz eindeutig nicht, dass er diese Möglichkeit überhaupt in Betracht gezogen hatte erschien ihm jetzt, wo er die richtige Lösung endlich zumindest ungefähr erkannt hatte, unfassbar dumm, doch war es in solch einer Situation nicht verständlich, ein wenig verwirrt zu sein?
Und wenn es nicht der Park war, dann gab es bloß eine Möglichkeit.
"Kempton Forest.", flüsterte er, Worte, die an niemand bestimmten gerichtet waren, und der Klang seiner eigenen Stimme ließ ihm im ersten Moment vor Schreck zusammenzucken. Diese vollkommene Stille zu durchbrechen erschien ihm auf groteske Art und Weise vollkommen falsch, dennoch sprach er weiter, vor allem, um sich selbst zu beweisen, dass er sich nicht einschüchtern ließ von solch einem seltsamen, irrationalen Gefühl, ausgelöst durch irgendwelche surrealen Hirngespinste: "Was soll das? Was...mache ich hier…"
Ein Windhauch fuhr über sein Gesicht.
Er war ganz schwach, keinesfalls in der Lage, beim Durchdringen der Baumstämme ein Pfeifen zu verursachen oder Zweige und Äste zum ächzen zu bringen; doch fühlte es sich an, als striche jemand mit eisigen, scharf geschliffenen Klauen über seine Haut.
Kempton Forest.
Was zur Hölle hatte er hier zu suchen? Wieso war er hier?
Je mehr er sich auf diese Fragen konzentrierte, desto deutlicher wurde ihm bewusst, dass er überhaupt nichts wusste, eine Tatsache, die er bis eben einfach als selbstverständlich hingenommen und nicht weiter beachtet hatte, die jedoch jetzt, wo er darüber nachdachte, harmlos ausgedrückt ausgesprochen beunruhigend war.
Er wusste, wer er war, seinen Namen, sein Alter, all diese Dinge, die man nun einmal wusste und die man in seine Biographie schreiben würde, und er konnte sich auch vage daran erinnern, am heutigen morgen das Haus verlassen zu haben (wobei er sich nicht sicher sein konnte, dass es wirklich der heutige Tag gewesen war).
Aber dann?
Was war dann gewesen?
So sehr er auch versuchte, in seinem Gedächtnis dieses fehlende Stück Zeit, in dem er irgendwie an diesen Ort gelangt sein musste, hervorzukramen, scheiterte dieses Unterfangen kläglich.
Da war einfach nichts.
Als hätte jemand diese Erinnerungssequenz mit äußerster Sorgfalt herausgeschnitten und dabei alles andere intakt gelassen. Sie war einfach...weg. Wie eine von einer Festplatte gelöschte Datei.
Fort. Und ohne die Hoffnung, sie wiederherstellen zu können.
"Das ist doch unmöglich...", wisperte er, und seine Worte verklangen ungehört in der eisigen Winterluft. "Was verdammt nochmal ist hier…"
Dann verstummte er. Sein Blick war zu ersten Mal, seit er die Augen geöffnet und das Schmerzhafte Weiß erblickt hatte, auf seine Hände gefallen, die er, ohne es wirklich zu registrieren, ineinander geknallt hatte, sodass seine Fingernägel sich in seine Haut bohren und halbmondförmige Abdrücken hinterließen.
Sie schmerzten, das merkte er erst in dem Augenblick, indem er sie bemerkte, doch das war es nicht, was ihn hatte verstummen lassen; nein, wäre es nur das gewesen, dann hätte er nicht diese durchdringenden Panik verspürte, die langsam wie ein boshaftes lauerndes Tier durch die Windungen seines Gehirns kroch und gleichzeitig seine Eingeweide scheinbar zum Brennen brachte.
Seine Hände waren rot.
Es war kein grelles rot, ging eher ins bräunliche, erinnerte an die Farbe von Rost, doch spielte das keine Rolle, denn er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass es das war, was ihm als erster Impuls durch den Kopf geschossen war:
Blut.
Bräunlich-rotes, bereits getrocknetes und sich daher wohl schon seit einiger Zeit dort befindendes Blut.
Der Gestank von Metall stieg ihm zeitgleich mit dieser Erkenntnis in die Nase, war wohl eher Einbildung als wirklich vorhanden, doch war deshalb nicht weniger Ekel erregend, und die Panik, die sich durch ihn hindurch fraß, wurde immer und immer stärker.
Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf. Schwankte, seine Beine drohten, unter ihm wegzuknicken, und wäre er gestürzt, wäre er womöglich einfach liegen geblieben, zitternd und keuchend, doch es gelang ihm, daß Gleichgewicht zu bewahren, und so stolperte er ungelenk nach vorne, ohne sich auch nur im geringsten Gedanken darüber zu machen, in welche Richtung er eigentlich wollte; einfach weg, weg von diesem Ort, raus aus dem Wald, hin zu irgendjemandem, der ihm helfen konnte…
Seine Schritte verursachten knirschende Lauten im tiefen Schnee, die die noch immer herrschende Stille durchschnitt en wie Pistolenschüsse; Zweige von Fichten schlugen ihm ins Gesicht und gegen Schultern und Arme, doch das kümmerte ihn nicht, ebenso wie seine schmerzenden Rippen und die Lunge, die unter der Anstrengung, die er bereits aufbringen musste, um sich überhaupt auf den Beinen zu halten, scheinbar zu explodieren drohte.
Alles, woran er denken konnte, war das Blut. Dieses gottverdammte, getrocknete Blut, das sich, wie er beim Aufstehen festgestellt hatte, nicht nur an seinen Händen befand, sondern auch auf seinem grünbraunen Mantel und seiner Jeans.
So unfassbar viel Blut.
Mit einem Mal, von einer Sekunde auf die andere, lichtete sich der Wald.
Perplex lief er noch einige Meter weiter, bevor er schließlich stehen blieb, und ein weiteres Mal an diesem Tag musste er die Augen zusammenkneifen, als die vorherige Dunkelheit des Waldes hellem Sonnenlicht wich, in dem der Schnee noch intensiver zu leuchten schien, als er es auf der Lichtung im Wald getan hatte.
Wie es schmerzte, dieses grelle Weiß.
Wie Nadeln, die in den Sehnerv und das Gehirn fuhren. Wie konnte ihn der Schnee hier auf einmal so sehr stören, wo er doch nicht anders war, als all die Jahre zuvor?
Doch diese Frage war nicht wichtig. Ebenso wenig wie der Schmerz. Alles was zählte, war, dass er heraus war aus diesem gottverdammten Wald, dass er, sobald er die Augen wieder öffnen würde, irgendeinen Weg erblicken würde oder eine Straße oder irgendetwas, dass er wissen würde, wo er war, und wie er nach Hause kommen konnte, zu seinen Eltern, die ihm helfen würden, wo er sich beruhigen konnte, und wo er dieses furchtbare Blut…
Und dann war da ein lautes Quietschen. Das Kreischen von Metall, ein Hupen, und, bevor er auch bloß die Chance hatte, die Augen zu öffnen und zu begreifen, was vor sich ging, ein unfassbarer, unerträglicher Schmerz.

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