Eine Geschichte mit, aber nicht über Pferde

vor 3 Tagen
„Bist du denn überhaupt schon mal geritten? Das sah echt sehr...ungeübt aus.“ Ich war versucht ihm mit meinem festen Schuhwerk ganz diskret mitten in seine falsche Visage zu treten, aber ich ließ es bleiben. Danny zu Liebe. Und weil ich immer noch Angst hatte dass Teddy es sich doch anders überlegen könnte und mit mir durchging. Also erw..
Liebe/Romantik Humor P18-M+M Drama In Arbeit
Bemerkung des Authors: So, diese Geschichte gab es hier schon mal, nur leider war es die völlig falsche Version. Hier ist jetzt die überarbeitete und durchkorrigierte! Da ich selbst keine Ahnung von Pferden habe war eine Leserin so nett die relevanten Stellen richtig zu stellen und auch ich habe mich noch einmal in das Thema eingelesen. Jetzt passt es! Ich wünsche viel Spaß beim Lesen! Und hoffe die Leser die eine richtige Pferdegeschichte erwarten sind nicht allzu enttäuscht; es geht nämlich wirklich nur am Rande um die Tiere ;)

#01

Der Umzug war bereits beschlossene Sache noch bevor ich überhaupt die Chance dazu bekam ein Veto einzulegen.
Aber eins musste ich meinem Vater lassen, er hatte den Zeitpunkt mir das alles zu beichten wirklich perfekt ausgewählt.
Meine letzte und deutlichst längste Beziehung war seit genau vier Tagen beendet, ich hatte zwar keinen richtigen Liebeskummer, aber es war trotzdem keine schöne Aussicht meinem nun Exfreund so ziemlich jedes Wochenende über den Weg laufen zu müssen. Wir mochten die gleichen Clubs, und seine Freunde waren auch meine Freunde. Die ein oder andere unangenehme Situation würde sich mit Sicherheit nicht vermeiden lassen. Zumindest nicht wenn ich weiter in der Stadt blieb.
An dem Abend an dem mein Vater mir die bahnbrechende Neuigkeit verkündete hatte ich wieder einmal viel zu viel getrunken; ich war mit Alex, meinem besten Kumpel, im Park gewesen, und wahrscheinlich stank ich dank seiner Kettenraucherei auch noch wie eine ungelüftete Kneipe. Mein Vater hatte mir nie viele Vorschriften gemacht, aber für ihn bedeutete der Umzug von der verseuchten Stadt aufs unschuldige Land höchstwahrscheinlich auch so etwas wie die letzte Hoffnung auf Rettung was meine gescheiterte Erziehung anbelangte.
Er war kein schlechter Kerl, und ich auch nicht, aber wir waren beide leicht zu beeinflussen, und das hatte uns nicht gerade zum Erfolg geführt.
Bis jetzt.
Vaters neuer Einfluss hieß Lilly; eine hübsche ungeschminkte dreißigjährige mit langen haselnussfarbenen Locken und einer beneidenswert fleckenlosen Sonnenbräune. Ich mochte sie auf Anhieb, aber das konnte ich natürlich nicht so unverblümt zugeben.
Ich war jetzt schließlich Stiefsohn.
Meine leibliche Mutter hatte sich kurz nach meinem vierten Geburtstag vom Acker gemacht, Mann und Kind waren ihr zu anstrengend geworden, also hatte sie die Reißleine gezogen und war untergetaucht. Und seitdem hatte sie sich auch nie wieder gemeldet.
Ich konnte mich kaum an sie erinnern, aber ich kannte Fotos, und während mein Vater mir wirklich nichts von seinen Genen (groß, breitschultrig, dunkelhaarig) mitgegeben hatte war ich meiner untreuen Mutter praktisch wie aus dem Gesicht geschnitten.
Wir waren beide eher klein und schlank, mit heller Haut, blondem Haar, und ungewöhnlich großen, rauchgrauen Augen.
Das alles sorgte dafür dass ich auch mit inzwischen 16 Jahren eher wie zwölf wirkte; mein Bartwuchs ließ auf sich warten, mein Gesicht war eher weich als kantig, und außerdem hatte ich trotz intensiven Training (okay, vielleicht nicht ganz so intensiv wie eigentlich nötig gewesen wäre) nicht den Hauch von Muskeln vorzuweisen.
Meine etwas rührselige alte Kunstlehrerin hatte mich während ihres Unterrichtes ein Mal als „Engel Boticellis“ bezeichnet; das klang zwar ganz nett, aber nicht wie etwas mit dem ein Junge mitten in der Pubertät und umgeben von Testosteron gesteuerten Halbstarken tituliert werden wollte.
Außerdem waren dessen Engel fast alle lockig und kurzhaarig, das hatte ich im Internet nachgeschaut. Mein Haar dagegen war lang und garantiert nicht lockig, höchstens etwas störrisch. Aber ich mochte es so, und dank Jonah und seiner zugegebenermaßen berühmt berüchtigten Clique im Rücken traute sich keiner mich deswegen zu nerven.
Ich mochte zwar aussehen wie ein Engel, aber ich befand mich auf direktem Wege in die Hölle.
Ich trank, ich fluchte, und ich trieb Unzucht. Und keiner wagte es mich dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Am allerwenigsten Jonah, der hatte mein sündiges Leben sogar noch tatkräftig unterstützt.

Aber damit war nun Schluss.
Jonah war Geschichte, und ich fuhr ohne Umwege und wenn ich dem Navi im Volvo meines Vaters Glauben schenken durfte genau 670 km in Richtung eines neuen, lasterfreien Lebens.
Zusammen mit Lilly, meiner neuen Stiefmutter.
Die war sichtlich nervös während wir zu dritt bei gefühlt 500 Grad zusammengepfercht im Auto saßen und uns auf dem Weg in ihre weit entfernte und ach so hoch gelobte Heimat befanden. Sie hatte wahrscheinlich mit mehr Widerstand von meiner Seite aus gerechnet, immerhin riss sie mich, einen Jungen in der Blüte seines Lebens und voller trotziger Pubertätsgefühle mitten aus seinem gewohnten sozialen Umfeld und verfrachtete mich an den verdammten Arsch der Welt.

Aber ich war bereit für neues.
Seit ich denken konnte hatte ich zusammen mit meinem hart und viel arbeitenden Vater in einer kleinen Zwei-einhalb-Zimmerwohnung in einem muffigen Hochhausblock am Ende einer Sackgasse gewohnt. Da gab es nichts, außer verkrachter Existenzen und einer Menge Hundepisse.
Es war so verdammt trostlos, und wenn ich nicht gerade mit Jonah gesoffen und gefeiert oder mit Alex im Park abgehangen hatte war ich manchmal kurz vorm Durchdrehen gewesen.
Nur dass das Fenster in meinem Zimmer glücklicherweise zu klein zum Rausspringen gewesen war.
Natürlich würde ich das alles auch irgendwo vermissen, und Alex wahrscheinlich sogar mehr als nur ein bisschen, aber nun bekam ich die Chance auf einen kompletten Neuanfang.
Spendiert von einer Frau die es geschafft hatte meinen Vater nach Jahren der Einsamkeit endlich wieder glücklich zu machen.
Wer war ich also dass ich nur um dem Klischee eines Stiefsohnes zu entsprechen schlechte Laune verbreiten sollte?
Als Lilly sich zum gefühlt hundertsten Mal während dieser wirklich endlos erscheinenden Autofahrt zu mir umdrehte und mir einen unsicheren Blick zuwarf schenkte ich ihr also mein breitestes und aufrichtigstes Lächeln, und sie erwiderte es vorsichtig.
So ganz traute sie dem Braten eindeutig noch nicht.
Aber mehr als nett sein konnte ich nun auch nicht; ich gab mir ja Mühe, aber in diesem Brutofen von Auto und nach fast vier Stunden Fahrt war mir nicht mehr nach ein bisschen belanglosem Smalltalk. Mein Mund war staubtrocken und das obwohl ich bereits zwei große Flaschen Wasser geleert hatte. Wir befanden uns nun schon seit mehreren hundert Kilometern auf der Autobahn, und auch wenn der Volvo meines Vaters ordentlich PS unter der Haube hatte, solange der Rest der Pendler und Urlaubsausflügler vor uns her schlich nutzte auch das schnellste Auto nichts.
Ich rutschte ungeduldig in meinem Sitz herum und blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. Mir tat der Hintern weh, und die Haare klebten mir verschwitzt im Nacken.
Für eine kalte Dusche hätte ich getötet.

„Wir sind bald da, es ist nicht mehr weit. Hältst du es noch ein bisschen aus?“ Lilly hatte sich wieder zu mir herumgedreht und lächelte mich aufmunternd an. Ich wischte mir über die schweißnassen Schläfen und grinste gequält.
„Klar, wenn in deinem Kühlschrank eine kalte Cola auf mich wartet?“
Sofort hellte Lillys Gesicht sich auf und sie strahlte als hätte sie im Lotto gewonnen.
„Natürlich! Und Eis! Dein Vater hat gesagt du liebst Pistazieneis, also habe ich gleich eine große Familienpackung gekauft.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Die du natürlich ganz allein aufessen darfst.“
Zugegeben, bis jetzt hatte ich noch nie eine Mutter vermisst, aber an Lillys Fürsorglich konnte man sich durchaus gewöhnen.
Den Rest der Fahrt verbrachten wir in einträchtigem Schweigen, ich nickte sogar ein paar Mal weg, und erst als wir von der Autobahn herunter und auf die erste Landstraße einbogen wurde ich wieder etwas munterer.
Hier würde ich also von nun an wohnen.
Um uns herum lagen weite, von der heißen Sommersonne verdorrte Felder und dichte grüne Laub- und Nadelwälder, ab und an unterbrochen von winzigen Dörfern und glitzernden Seen. Ich konnte Kuhweiden und Pferdekoppeln sehen, und Schafe und Ziegen.
Aber kaum andere Autos.
Bis auf die Tiere war die Gegend praktisch ausgestorben.
„Wo liegt denn die nächste größere Stadt?“
„Das wäre …, aber da kommen wir heute leider nicht durch. Sie liegt hinter…, das sind nochmal knapp 35 km denke ich. Da gibt es ein Kino, ein Einkaufszentrum, eine Bowlingbahn…“ zählte Lilly auf, aber mein Interesse war praktisch direkt wieder erloschen. 35 km waren eine Menge, vor allem wenn man minderjährig und nicht mobil war.
„Und wo gehe ich zur Schule?“
„In…, das liegt zwischen … und …, so circa 15 km die Hauptstraße entlang.“ Lilly musterte mich skeptisch, dann warf sie meinem Vater einen tadelnden Blick zu.
„Sag mal hast du deinem Sohn überhaupt etwas über sein neues zu Hause erzählt? Er weiß nicht einmal wo er zur Schule gehen wird!“
„Er hat doch nicht gefragt…“ murrte der Angesprochene beleidigt, und ich musste innerlich grinsen. Ja, so war mein Vater, kein Mann der vielen Worte.
Die restlichen Kilometer bis zu unserem Ziel fütterte Lilly mich eifrig mit allerlei Informationen über die Gegend und die Ortschaften durch die wir hindurch kamen.
Außerdem erfuhr ich dass wir etwas außerhalb eines größeren Dorfes wohnen würden, im Nebengebäude eines ehemaligen Reiterhofes. Das Haupthaus war ebenfalls noch bewohnt, von einem allein stehenden Mann und seinen zwei Söhnen.
„Das sind wirklich tolle Nachbarn, glaub mir. Herr Kenklis ist zwar etwas grummelig, aber seine Söhne sind sehr nett und höflich. Mit Danny, dem jüngeren, wirst du dich sicher gut verstehen! Er dürfte jetzt 14 sein, oder 15, das kann ich mir nie genau merken!“
Lilly plapperte weiter bis wir den Hof erreichten, dann erst verstummte sie und atmete einmal tief durch.
Ich nutzte die Verschnaufpause um mein neues zu Hause erst einmal auf mich wirken zu lassen.
Der Hof beschrieb ein weites Oval aus hellgrauem Schotter und verdorrten Grasflächen, linker Hand befand sich das Haus in dem wir wohnen würden nebst einer Garage, auf der rechten Seite gab es ein längliches Stallgebäude vor dem ein dunkelgrüner schon reichlich mitgenommener Ford Escort parkte. Das Haupthaus lag ganz am anderen Ende des Ovals, ein großes dreistöckiges Gebäude mit schwarzgestrichenen Holzbalken an den Mauern und einem grauen, von Moos überwachsenem Dach.
Es wirkte alles etwas vernachlässigt, aber gemütlich.

Kaum hatten wir die Autotüren geöffnet schoss plötzlich ein schwarz-weiß gescheckter zotteliger Hund aus dem Stall und kam kläffend auf uns zu gerannt.
Da ich als erster ausgestiegen war fokussierte sein Interesse sich sofort auf mich, und noch bevor ich darüber nachdenken konnte wie weit das nächste Krankenhaus für die Versorgung von tödlichen Bisswunden von hier entfernt war sprang das wuschelige Monster bereits hechelnd an mir hoch und versuchte mir Hände und Gesicht abzulecken.
Das war eindeutig kein geborener Wachhund.

Keine zwei Sekunden später kam ein Junge über den Hof gestolpert, er musste mit dem unerzogenen Hund im Stall gewesen sein, deswegen hatte er uns nicht rechtzeitig kommen hören.
Er trug ein fleckiges weißes T-Shirt und dunkelrote, fransige Shorts. Seine Füßen waren nackt.
„Leoooooo, komm her! Bei Fuß! Du sollst niemanden anspringen! Komm her!!“
Leo zuckte nicht einmal mit den Ohrenspitzen.
Ich hatte den übermütigen Hund inzwischen bei den Vorderpfoten gepackt und ein Stück von mir weggeschoben, sein Sabber klebte an meinem Shirt, seine Pfoten hatten staubige Abdrücke auf meinen Hosen hinterlassen. Aber das war mir egal, ich mochte ihn sofort. Ich hatte mir schon immer einen Hund gewünscht, nur in unserer kleinen Wohnung war das seit jeher ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Vielleicht würde sich das nun endlich ändern.
Inzwischen war der Junge bei uns angekommen, er musste erst einmal nach Luft schnappen, dann packte er Leo am Nackenfell und zog ihn von mir herunter.
„Tut mir Leid. Leo tut nichts, er ist ein ganz Lieber. Aber er freut sich immer so wenn Besuch kommt, da kann ich ihn nie halten.“ Er lächelte mir entschuldigend zu, und ich winkte grinsend ab.
„Alles gut, nichts passiert. So überschwänglich wurde ich noch nie begrüßt. Ich mag Hunde.“
Dem Jungen fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, dann musterte er den Volvo und die Koffer die mein Vater und Lilly angfingen auszuladen.
Sein Gesicht hellte sich auf.
„Ihr seid die neuen Nachbarn! Du auch? Caleb hat mir nicht gesagt dass auch ein Junge mit einziehen wird! Ich bin Danny, ich wohne da drüben!“ er zeigte mit lang ausgestrecktem Arm auf das Haupthaus, dann packte er meine Hand und schüttelte sie kräftig.
Er war genauso überschwänglich wie sein Hund.
Danny hatte schwarzes, unordentlich geschnittenes Haar und große, dunkle braune Augen. Auf seiner Nase schälte sich ein Sonnenbrand, seine Hände und Füße waren staubig und verkratzt.
Ein richtiger Naturbursche.
Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da schallte eine zweite Stimme über den Hof. Diesmal vom Haupthaus her.
Das musste also Dannys großer Bruder sein.
Auf die Entfernung konnte ich ihn nicht genau erkennen, aber von der Größe und Statur her musste er mindestens 18 sein, wenn nicht sogar älter. Er hatte das gleiche dunkle Haar und war ebenfalls barfuß, dazu trug er ein olivfarbenes Shirt und dunkelgraue Hosen.
Nur dass er im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder überhaupt nicht freundlich wirkte. Sein Gesicht war verkniffen, und als er Danny zusammenstauchte bedachte er mich mit einem fast schon feindseligen Blick.
Was hatte der denn für ein Problem?
„Du sollst Leo anbinden wenn Leute kommen, wie oft soll ich dir das eigentlich noch sagen? Dein Hund hat überhaupt kein Benehmen, genauso wenig wie du!“
„Aber wir haben doch nur die neuen Nachbarn begrüßt, nichts weiter! Und Leo hat gar nichts gemacht! Stimmts?“
Danny sah mich mit flehenden Augen an, und ich nickte. Natürlich würde ich ihm nicht in den Rücken fallen, schon gar nicht bei diesem tobenden Idioten.
„Leo hat wirklich nichts gemacht, er hat mir nur Hallo gesagt. Du kannst dich also wieder abregen.“ Ich bückte mich demonstrativ und kraulte dem hechelnden Hund das dichte Nackenfell, dann zwinkerte ich Danny zu. Der grinste bereits wieder über das ganze Gesicht, sichtlich froh über meine Rückendeckung.
Nur seinem Bruder, dem schien meine Antwort überhaupt nicht zu gefallen. Der war eindeutig wütend.
„Ich rege mich auf über was ich will, und wenn mein Bruder seinen Hund nicht unter Kontrolle hat dann ist das Grund genug. Also hör auf ihn auch noch in Schutz zu nehmen, das macht es nur schlimmer!“ er streckte den Arm aus und wollte Danny an der Schulter packen, aber ich kam ihm zuvor.
Als ob ich mir von diesem Kerl den Mund würde verbieten lassen!
„Er hat sich doch schon entschuldigt, was soll er denn noch tun? Vor mir auf die Knie fallen und mir die Füße küssen? Der einzige der sich hier daneben benimmt bist du, also halt mal die Luft an!“ ich funkelte den anderen herausfordernd an, und der gab nach kurzer Überlegung tatsächlich klein bei. Mit einem letzten zornigen Schnauben und einem wütenden Blick in Dannys Richtung zog er von dannen, dicht gefolgt von Leo den er mit nur einer einzigen Handbewegung zum Mitkommen bewegt hatte.
Ich war aufgebracht, aber beeindruckt.
Danny zupfte mich am Arm und als ich mich ihm zuwandte strahlte er mich mit leuchtenden Augen an.
„Das war wirklich stark! Normalerweise traut sich nie jemand Caleb die Meinung zu sagen! Du bist wirklich mutig!“
Ich lächelte gequält und bedankte mich für die lobenden Worte; offensichtlich hatte ich mir gerade nicht nur einen Bewunderer, sondern auch einen ernst zu nehmenden Feind gemacht.

Danny half mir voller Tatendrang meine Koffer und Kisten in mein neues Zimmer zu schleppen, und dabei redete er praktisch fast ununterbrochen.
Er kannte Lilly schon sein ganzes Leben lang, und natürlich auch ihre Mutter die bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren ebenfalls hier gewohnt hatte.
Den Reiterhof als solchen gab es dagegen schon seit fast fünf Jahren nicht mehr, der Betrieb wurde eingestellt nachdem Calebs und Dannys Mutter nach langer Krankheit an Krebs verstorben war.
„Pferde haben wir allerdings immer noch. Magst du Pferde? Wir haben fünf! Zwei Stuten, zwei Wallache, und einen Hengst. Meine Stute heißt Kalypso, sie ist die beste überhaupt! Kannst du reiten?“
Während ich meine leidlich zusammen gelegten Klamotten von einem Karton in den Kleiderschrank beförderte thronte Danny mit untergeschlagenen Beinen auf meinem noch nicht bezogenen Bett und nuckelte an einer Cola.
Mein Zimmer befand sich direkt unter dem Dach; die Aussicht war zwar beeindruckend, aber dafür war es auch drückend heiß. Da halfen auch die weit offen stehenden Fenster nichts dagegen. Ich wischte mir mit einem Arm über die schweißnasse Stirn, dann lies ich mich neben Danny aufs Bett fallen und mir eine Cola reichen. Ich brauchte erst einmal eine Pause.
Seit zwei Stunden räumten wir nun schon das Zimmer ein, aber von den Umzugskartons hatten wir noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Besaß ich wirklich so viel Zeug?
Danny wartete auf eine Antwort, und ich drehte unschlüssig meine Colaflasche zwischen den Händen. Jetzt war ein Geständnis fällig.
„Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen, wenn ich ehrlich bin. Sowas gabs bei uns in der Stadt nicht. Und ich hatte auch irgendwie immer etwas anderes zu tun.“
Ja, saufen und feiern, aber das konnte ich Danny wohl schlecht auf die Nase binden. Der starrte mich an als wäre mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen, er war sichtlich schockiert.
„Noch NIE?! Das glaub ich dir nicht! Es gibt nichts tolleres als zu reiten! Weißt du was? Ich werde dir Unterricht geben! Das lernst du ganz schnell. Am besten auf Teddy, der ist ganz brav. Den haben wir früher immer für die Kinder genommen, der ist super!“ Danny war Feuer und Flamme für seine Idee, er sprang vom Bett und schien direkt loslegen zu wollen.
Ich musste ihn ganz dringend bremsen.
Heute würde ich gar nichts mehr tun außer Essen, Duschen, und danach Schlafen gehen.
„Danny, danke, ich nehme wirklich gern Unterricht bei dir. Aber nicht mehr heute, okay? Ich bin fix und fertig, ich bin froh wenn ich es noch bis unter die Dusche schaffe.“ Ich lächelte ihm entschuldigend zu, und Danny nickte eifrig.
Seine gute Laune war wirklich unerschütterlich.
„Dann morgen! Das wird super! Ich bin ein toller Lehrer, ganz bestimmt!“ er grinste mich breit an, und ich lachte. Soviel Optimismus hätte ich auch gern.
Natürlich konnte ich nicht wissen wie ich mich auf dem Rücken eines Pferdes anstellen würde, übers Reiten hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber Danny schien so glücklich über die Aussicht darüber mir Unterricht geben zu dürfen dass ich es nicht übers Herz brachte sein Angebot abzulehnen. Vielleicht würde es ganz lustig werden.
Wir tranken unsere Cola aus, dann half Danny mir noch die restlichen beiden Kartons mit Klamotten zu Ende auszuräumen. Als wir beim letzten angekommen waren stutzte er plötzlich, dann zog er ein weinrotes Kapuzenshirt mit kurzen Ärmeln heraus und betrachtete es mit fast schon ehrfürchtiger Miene.
„Ooooooh, ist das krass. Das sieht echt genial aus!“
Als er meinen fragenden Blick bemerkte drehte er es mit der Front zu mir, und ich musste grinsen.
Das Shirt war mal eines von Alex´ gewesen, er hatte es mir geliehen nachdem ich mein eigenes…ja was eigentlich? Ich versuchte mich zu erinnern, aber es wollte mir partout nicht einfallen.
Egal.
„Gefällts dir?“ ich betrachtete das aufgedruckte Motiv halb belustigt, halb abgestoßen. Es zeigte ein menschliches Skelett mit grinsendem Totenkopfgesicht und einem absolut unpassenden stacheligen Irokesen auf dem ansonsten völlig kahlen Schädel.
Warum Danny das so super fand war mir sofort klar.
Das Gerippe ritt nämlich zu allem Überfluss auch noch auf einem ebenso hässlichen Knochenpferd, und das war es was es dem pferdebegeisterten Jungen so angetan hatte.
„Sehr! Das ist abgefahren! Gehört das dir?“
Eigentlich eine überflüssige Frage wenn man bedachte woher Danny es gerade geholt hatte, aber ich tat ihm den Gefallen und antwortete trotzdem.
„Ja, irgendwie schon. Eigentlich gehört es einem Freund, aber er hat es mir vor Ewigkeiten mal ausgeliehen und dann vergessen. Willst du es haben?“
Danny fielen fast die Augen aus dem Kopf als er meine Worte hörte, er betrachtete das Shirt mit so viel Hingabe dass ich beinahe laut losgeprustet hätte. Es war einfach zu niedlich!
„Ernsthaft? Aber…das geht doch nicht! Was wenn er es zurück haben will? Das kannst du doch nicht machen!“ er sah mich beinahe entrüstet an, und nun musste ich doch lachen. Ich konnte einfach nicht anders.
„Klar geht das! Nimm es einfach! Mein Kumpel wird es nicht vermissen, glaub mir. Er weiß nicht einmal mehr dass ich es überhaupt noch habe. Es ist jetzt deins.“
Danny zögerte noch einen Moment, dann riss er sich plötzlich sein eigenes T-Shirt vom Leib und schlüpfte in das neue. Sein Gesicht zeigte pure Glückseligkeit.
„Schau mal, es passt! Danke! Viiiiiiielen vielen Dank!!“
Und noch bevor ich es verhindern konnte hatte Danny mich gepackt und fiel mir jubelnd um den Hals.

Wir verabredeten uns für den folgenden Vormittag zu unserer ersten gemeinsamen Unterrichtsstunde; Danny wies mich an lange Hosen und auf jeden Fall festes Schuhwerk zu tragen.
„Das ist wichtig, sonst hast du nicht genug Halt. Und außerdem könnte Teddy dir auf die Füße treten. Das tut irre weh!“
Na danke, das waren ja tolle Aussichten.

Also machte ich mich am nächsten Tag direkt nach dem Frühstück (welches erst so gegen zehn Uhr stattgefunden hatte, mein Vater war überzeugter Langschläfer) auf den Weg hinüber zum Pferdestall, an den Füßen meine festesten Turnschuhe, und trotz der jetzt schon fast unerträglichen Hitze eingezwängt in eine ungemütliche tiefschwarze Jeans.
Ich hatte unruhig geschlafen, die erste Nacht in diesem fremden Bett war wirklich seltsam gewesen, und auch an die mir völlig unbekannten Geräusche würde ich mich erst einmal gewöhnen müssen. In der Stadt war es selbst nachts niemals wirklich still gewesen, der Verkehr rollte ununterbrochen, Menschen grölten, und natürlich hatte es auch die ein oder andere lautstarke Auseinandersetzung gegeben.
Hier dagegen war es fast unheimlich ruhig.
Vielleicht sollte ich mir angewöhnen zum Einschlafen Radio zu hören, das würde unter Umständen helfen.
Leo begrüße mich als erster hechelnd und mit wedelndem Schwanz, er war mit einem langen Strick an eine Hundehütte gebunden, und ich kraulte ihm ausgiebig das flauschig weiche Kragenfell. Dabei sabberte er mir die Unterarme voll.
„Nicky! Hier bin ich! Kommst du? Ich hab Teddy schon geholt!“
Danny erschien winkend im offenen Stalltor, und ich verabschiedete mich mit einem letzten Wuscheln durch Leos geflecktes Fell von dem aufdringlichen Hund.
Wie nicht anders zu erwarten trug Danny das Shirt welches ich ihm gestern überlassen hatte, und ich musste zugeben es stand ihm wirklich ausgezeichnet.
Kaum zu glauben dass Alex und er die gleiche Kleidergröße hatten.
Ich betrat neben Danny den Stall und meine Augen mussten sich erst einmal an das plötzliche Dämmerlicht gewöhnen. Der Geruch nach Mist und frischem Heu war beinahe überwältigend, genauso wie der warme Duft nach Pferd und noch irgendetwas anderem, würzigerem. Es war wie eine andere Welt.
„Bist du bereit für deine erste Unterrichtsstunde? Ich habe Teddy schon gesattelt und aufgezäumt damit wir gleich starten können! Schau, er ist wirklich ein ganz braver!“
Hinter Danny, an eine lange hölzerne Querstange gebunden, stand ein stämmiges etwa mittelgroßes Pony. Es hatte ein weiß-braun geschecktes Fell und große, beinahe schwarze Knopfaugen die mich neugierig und sehr aufmerksam musterten. Eine dichte ebenso gescheckte Mähne stand ihm vorwitzig vom Kopf ab.
Danny hatte Recht, Teddy sah wirklich sehr freundlich aus.
Fragte sich nur ob er das auch noch war wenn ich erst einmal im Sattel saß.
„Hey Teddy, grüß dich.“ ich kraulte das Pony vorsichtig zwischen den Ohren, und es rieb seine Nüstern sofort vertrauensvoll an meinem Oberarm. Dabei schnodderte es sogar noch mehr als Leo. Und seine Zähne waren auch deutlich größer als die des Hundes.
„Er mag dich! Sehr gut!“ rief Danny begeistert, dann löste er den dicken Strick mit dem Teddy an die Stange gebunden war und gab ihn mir in die Hand.
„Hier, du kannst Teddy nach draußen führen. Er wird dir ganz sicher folgen. Und draußen kannst du dann auch aufsitzen. Wir gehen für den Unterricht hinter den Stall auf die Reitbahn, da ist genug Platz.“ erklärte Danny eifrig und man konnte die Vorfreude auf die anstehende Reitstunde aus jedem seiner Worten heraushören. Damit war er eindeutig optimistischer als ich. Aber ich würde es zumindest einmal versuchen. Und wenn es nur ihm zu Liebe war.
Teddy folgte mir tatsächlich ohne zu Mucken aus dem Stall hinaus auf den Hof, dort übernahm Danny den Führstrick wieder und nahm dann zusammen mit mir neben dem geduldig wartenden Pony Aufstellung.
„Ich erkläre dir jetzt wie man aufsitzt. Das ist ganz einfach, vor allem wenn das Pferd so klein ist wie Teddy. Als erstes...“
Danny war wirklich ein ausgezeichneter Lehrer. Und Teddy ein ausgezeichnetes Übungspony. Auf der Reitbahn drehte ich zuerst in Dannys Begleitung ein paar Runden während er mir Tipps und Anweisungen zur korrekten Sitzhaltung und der Haltung von Händen und Beinen gab. Es war erstaunlich anstrengend auf alles gleichzeitig achten zu müssen, aber es machte auch irgendwie Spaß. Die letzte Runde traute ich mich dann sogar schon allein, und Teddy reagierte mit stoischer Ruhe auf jeden meiner Befehle.
Als ich endlich wieder bei Danny ankam rutschte mir allerdings das Herz in die Hose, und das lag nicht daran dass Teddy plötzlich doch keinen Bock mehr auf die ewige Rundenlauferei hatte.
Neben meinem geduldigen Lehrer stand Caleb, lässig auf die Umzäunung der Reitbahn gelehnt, und beobachtete mich mit zusammen gekniffenen Augen.
Mein Pony schien meine Unruhe zu bemerken, es schnaubte unsicher und tänzelte einen Schritt zur Seite.
„Zeig ihm wer der Boss ist, sonst hört er nicht auf dich.“ rief Caleb zu mir herüber. Er bückte sich unter der Absperrung hindurch und kam auf mich zu, dann packte er Teddy am Halfter und brachte ihn zum Stehen. Ich atmete tief durch, meine Finger hatten sich um die Zügel geklammert, und erst jetzt wagte ich es sie wieder ein bisschen zu lockern. Für einen Moment hatte ich wirklich gedacht Teddy würde mit mir durchgehen. Aber jetzt stand der brav wie ein Lamm neben Caleb und versuchte an dessen Hosentasche zu knabbern.
„Du musst dringend an deiner Haltung arbeiten, du sitzt viel zu verkrampft. Kein Wunder dass Teddy dir nicht gehorchen will.“
Der Spott in Calebs Stimme war nicht zu überhören.
Ich kochte innerlich vor Wut, am liebsten wäre ich einfach abgestiegen und abgehauen, aber ich hatte Angst mich allein bei dem Versuch schon wieder zu blamieren. Also biss ich die Zähne zusammen und blieb sitzen.
Inzwischen war auch Danny zu uns gestoßen, er sah ziemlich unglücklich aus.
„Ist alles okay Nicky? Tut mir Leid, Teddy ist sonst nie so. Aber er hätte sich sicher gleich wieder beruhigt! Stimmt´s Caleb?“ Der Junge sah seinen großen Bruder nach Unterstützung heischend an, und auch wenn Caleb mir sichtlich gern noch einen reingedrückt hätte wollte er seinen kleinen Bruder nicht enttäuschen. Also nickte er, den Widerwillen deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Ja, natürlich hätte er das. Er ist nur keine Anfänger mehr gewöhnt. Das ist alles.“ er schenkte Danny ein aufmunterndes Lächeln, dann blickte er wieder zu mir herauf, und sofort gefror ihm dieses Lächeln auf den Lippen. Was für ein Idiot!
„Bist du denn überhaupt schon mal geritten? Das sah echt sehr...ungeübt aus.“
Ich war versucht ihm mit meinem festen Schuhwerk ganz diskret mitten in seine falsche Visage zu treten, aber ich ließ es bleiben. Danny zu Liebe. Und weil ich immer noch Angst hatte dass Teddy es sich doch anders überlegen könnte und mit mir durchging.
Also erwiderte ich Calebs spöttisches Grinsen und riss mich zusammen.
Zumindest fast.
„Klar bin ich schonmal geritten, aber bis jetzt noch nie auf einem Pferd. Und da hat sich über meine Reitkünste noch keiner beschwert.“
Auf Dannys Gesicht erschien ein fragender Ausdruck, er verstand die Zweideutigkeit meines Satzes offensichtlich noch nicht, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder. Der wurde erst blass, dann feuerrot. Wäre Danny nicht dabei gewesen hätte er mir wohl spätestens jetzt eine reingehauen, ich konnte praktisch sehen wie seine Fäuste zuckten. Aber momentan befand ich mich ganz eindeutig in der sichereren Position.
„Du bist echt abartig. Genauso wie das Shirt dass du meinem Bruder geschenkt hast. Sei froh dass ich ihn so gern hab, sonst hätte ich den elenden Fetzen längst verbrannt.“
Caleb kochte vor Wut, er ließ Teddys Halfter los und kroch wieder unter der Absperrung hindurch, dann drehte er sich noch einmal um und warf Danny einen strengen Blick zu.
„Mach Teddy fertig und bring ihn wieder auf die Weide. Und dann verabschiede dich von unserem neuen Nachbarn. Ich will nicht dass du dich weiter mit ihm triffst. Er ist schlechter Umgang.“ Dann stapfte Caleb mit zornigen Schritten davon.

Danny und ich blickten Caleb eine Weile schweigend hinterher, dann kletterte ich von Teddys Rücken und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Er tat mir wirklich Leid.
„Sorry dass ich deinen Bruder schon wieder verärgert habe. Das wollte ich nicht. Und jetzt hast du den Ärger wegen mir.“ Ich klang ehrlich zerknirscht, und auch Dannys gute Laune schien einen ordentlichen Dämpfer bekommen zu haben. Er seufzte zittrig, dann drehte er sich zu mir um und sah mich aus großen Augen an.
„Willst du jetzt nicht mehr mit mir befreundet sein?“
Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. In Dannys Blick lag pure Verzweiflung, und ich drückte ihn kurz aber herzlich an mich.
Darüber machte er sich Gedanken? Oh man.
„Natürlich will ich mit dir befreundet sein! Was denkst du denn? Ich hab dir doch das T-Shirt geschenkt! Du bist ab jetzt mein bester Freund, egal was dein Trottel von Bruder sagt! Und außerdem musst du mir doch noch das Reiten beibringen, nicht dass Teddy mich wirklich noch abwirft!“
Eigentlich hatte ich ja die Nase voll vom „Glück dieser Erde“ (welches angeblich ja auf dem Rücken der Pferde lag), aber das Strahlen welches auf meine Worte hin auf Dannys Gesicht aufging war jeder gebrochene Knochen den ich mir bei meinen stümperhaften Versuchen höchstwahrscheinlich noch holen würde wert.
„Wirklich? Ich darf weiter dein Lehrer sein? Juhu!“ er umarmte mich lachend, und ich erwischte mich dabei wie ich dabei ziemlich dümmlich vor mich hin grinste. Ich hatte noch nie mit jüngeren Kerlen abgehangen, selbst Alex war fast ein Jahr älter gewesen als ich, aber Danny war so herrlich unkompliziert und herzlich, ich konnte einfach nicht anders als ihn zu mögen. Ganz egal was für Steine uns Caleb noch in den Weg legen würde. Ich würde ihm einfach beweisen dass ich nicht der schlechte Umgang war für den er mich hielt. Ich konnte nämlich auch ganz anders. Da war ich mir sicher.
Nachdem Danny sich wieder einbekommen hatte brachten wir Teddy gemeinsam auf die Koppel; das Pony trabte übermütig davon und ich blickte ihm fast schon ein bisschen wehmütig hinterher. Der musste sich um nichts und niemanden Sorgen machen oder sich mit irgendwelchen Idioten abgeben. Okay, außer mit mir auf seinem Rücken vielleicht. Aber da bestand ja Hoffnung, zumindest wenn man Danny Glauben schenken durfte. Der hatte mir, nachdem ich mich höflich aber nachdrücklich geweigert hatte nochmal in den Sattel zu klettern, einfach theoretische Nachhilfe in Sachen Pferdekunde gegeben, und ich fand ich machte mich zumindest was das anging richtig gut. Ich hatte sogar ein paar kluge Fragen gestellt.
Jetzt stand mein motivierter Lehrer neben mir an den Koppelzaun gelehnt und kaute auf seinem Daumennagel. Er schien über irgendetwas sehr wichtiges nachzudenken, dann drehte er mir plötzlich das Gesicht zu und sah mich mit fragend gerunzelter Stirn an.
„Was meintest du erst eigentlich damit was du zu Caleb gesagt hast? Das mit dem Reiten? Ich dachte du bist noch nie geritten?“
Ich lief schlagartig knallrot an und wandte schnell den Blick ab. War ja klar dass er sich das gemerkt hatte. Wie sollte ich ihm das erklären? Danny war so...unschuldig. Und ich wollte ihn nicht verderben. Damit würde ich Caleb zusätzlich noch direkt in die Hände spielen, und das was das letzte was ich wollte. Nur, konnte ich meinen neuen besten Freund einfach so dreist anlügen? Danny vertraute mir, und früher oder später würde er eh herausfinden wenn ich ihm gegenüber geflunkert hätte.
Ich entschied mich für die Wahrheit, auch wenn es mir schwerfiel. Aber Danny hatte sie verdient. Wenn nicht er, wer dann?
„Mit „Reiten“ habe ich Sex gemeint. Diesen Vergleich fand dein Bruder wohl nicht so witzig.“ ich zuckte ein bisschen hilflos die Schultern, und Danny hielt sich die Hand vor den Mund um nicht laut loszuprusten. Er kicherte.
„Du bist echt krass. Kein Wunder dass Caleb so sauer ist. Aber ICH finde es witzig!“ er wischte sich über die vom Lachen feuchten Augen, dann sah er mich wieder so halb ernst, halb fragend an.
„Hattest du viele Freundinnen in deinem alten zu Hause? Du musst du doch jetzt echt vermissen. Oder kommen sie dich mal besuchen?“
Das waren Fragen die ich eigentlich nicht beantworten wollte. Ich ging nicht davon aus dass Danny mich absichtlich in Verlegenheit brachte, auf seinem Gesicht entdeckte ich nur pure Neugierde, aber konnte er die Wahrheit vertragen? In wie weit war er bereits aufgeklärt? Und hatte er Vorurteile?
Bei einem Bruder wie Caleb wäre letzteres sicher nicht verwunderlich. Der hasste mich inzwischen wie die Pest, gut möglich dass er auch noch homophob war. Waren dass auf dem Land nicht alle? Okay, vielleicht war auch ich hier derjenige mit den Vorurteilen.
Ich würde es wohl darauf ankommen lassen müssen. Danny erschien mir nicht wie ein schlechter Mensch, ich mochte ihn, und er hielt zu mir obwohl sein Bruder ihm das mehr als ausdrücklich untersagt hatte.
Also heraus mit der Wahrheit.
„Ich hatte keine Freundinnen, aber einen Freund. Von dem hab ich mich getrennt bevor wir hier her gezogen sind. Aber nicht deswegen. Vermissen werde ich ihn jedenfalls nicht. Und besuchen kommt er mich hoffentlich auch nicht. Okay?“ ich versuchte möglichst gleichgültig zu klingen, mein Blick ging in die Ferne, beobachtete Teddy und vier weitere Pferde die am anderen Ende der Koppel standen und friedlich grasten. Eines davon musste wohl Kaylypso sein, Dannys Stute. Er hatte mir gar nicht gesagt wie sie aussah.
Vorsichtig warf ich Danny einen Seitenblick zu, er kaute schon wieder auf seinem Daumennagel, in seinem Kopf schien es mächtig zu arbeiten. Hatte es ihm jetzt doch die Sprache verschlagen? Unglaublich.
Ich bekam fast ein schlechtes Gewissen, hoffentlich hatte ich den Jungen nicht zu sehr verstört, aber nach ein paar Minuten brach Danny das ungewohnte Schweigen wieder, und er sah mich fast schon ein bisschen bewundernd an.
„Dann bist du schwul? Das hätte ich gar nicht gedacht. Obwohl du schon ein bisschen so aussiehst wie ein Mädchen, mit deinen Haaren. Und du bist sogar noch kleiner als ich. Dabei bist du doch schon sechzehn, oder? Trinkst du schon Bier? Und ist das T-Shirt von deinem Freund? Also ich meine von deinem jetzt nicht mehr Freund?“
Mir fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn das schon wieder eine ganze Menge Fragen waren. In Danny hatte ich mich jedenfalls nicht getäuscht. Er war einfach wundervoll!
„Meine Haare sind nicht so lang nur weil ich schwul bin, ich mag sie so. Und ja, ich bin kleiner als du. Aber schon seit fast drei Monaten sechzehn. Ich trinke Bier, aber ich rauche nicht. Und das Shirt ist nicht von meinem Ex, sondern von meinem besten Kumpel Alex. Den kann ich aber mal hier her einladen wenn du willst, dann könnt ihr euch kennen lernen. Er ist ein Punk, genauso wie das Skelett da.“ Ich tippte Danny mit dem Finger auf die Brust, und er grinste breit.
„Das wäre toll! Ich hab kaum Freunde weißt du, weil wir so weit draußen wohnen. Und mein Vater mag auch keine fremden Leute. Und Caleb leider auch nicht, der hat überhaupt keine Freunde. Aber vielleicht versteht ihr euch doch irgendwann, das wäre super!“
Das hoffnungsvolle Glitzern in Dannys Augen versetzte mir einen scharfen Stich ins Herz und ich wandte den Blick schnell ab. Natürlich würde ich mich auch gern mit Caleb gut verstehen, aber aus irgendeinem Grund gerieten wir sofort aneinander wenn wir uns begegneten. Einerseits konnte ich ihn ja sogar verstehen, spätestens nach meiner vulgären Bemerkung auf der Reitbahn war klar dass ich ein bisschen anders tickte als der Rest der Leute mit denen er sich so umgab (oder auch nicht, wenn man Danny Glauben schenken durfte), aber er war ja bereits aggressiv gewesen kurz nachdem ich aus dem Auto gestiegen war. Und da hatte ich nur seinem kleinen Bruder beigestanden.
Und was das T-Shirt anging...
„Wenn Caleb deinem neuen Shirt was antun sollte besorge ich dir ein neues, okay? Alex hat sicher noch mehr von denen, da bringt er dir bestimmt noch eins mit wenn ich ihn frage.“
Zum zweiten Mal an diesem Tag fiel Danny mir jubelnd um den Hals.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Es wurden noch keine Kommentare geschrieben.