Meeresflüstern

24.04.18 16:43
They are playing a game, and you are a part of it. In den 70. Hungerspielen muss die 18-jährige Annie Cresta in die Arena, denn es gibt keine Freiwilligen an ihrer Stelle. Unterstützung erfährt sie durch ihre Mentoren, allen voran Finnick Odair, den wunderhübschen Sieger der 65. Spiele, der auf eine merkwürdige Art und Weise von ihr zu..
Die Tribute von Panem Drama P16 Action Beendet

Die Sucher des Todes

Angespannt sitze ich zwischen den toten Bäumen, eine Hand am Speer. Nichts bewegt sich, außer dem trockenen Gras im flüsternden Wind. Die Luft steht förmlich vor Hitze und ich wische mir Schweißperlen von der Stirn. Längst habe ich das Gefühl für die Zeit verloren, es können Stunden sein, die ich hier warte, oder auch erst wenige Minuten. Vorkommen tut es mir jedoch wie Jahre. Ein paar fiese Stiche an meinen Rücken fangen erneut an zu jucken, wie immer, wenn ich grade in einer Lage wie dieser gefangen bin. Eigentlich kann ich nur hoffen, dass die Stiche auch wirklich harmlos sind, denn ansonsten hätte ich bald zwei Probleme, statt nur einem. Schweiß und Schmutz tun ihr Übriges dazu, dass ich mich am liebsten überall kratzen würde, oder noch besser, duschen. Leider ist eine Dusche keine Sache, die sich für ein Sponsorengeschenk eignet und so muss ich wohl oder übel weiter schwitzen, obwohl ich die Jacke schon um meine Hüfte geknotet habe und nur noch das dünne Top trage.
Nervös spähe ich erneut aus meiner Deckung heraus, doch immer noch ist keine Veränderung oder gar Besserung der Lage zu beobachten. Mit einem Seufzen verlagere ich mein Gewicht ein wenig, immer darauf bedacht, keine lauten Geräusche zu verursachen. Observation ist wirklich nichts, worum ich mich reißen würde, aber andererseits auch sehr viel besser, als planlos durch die Gegend zu laufen und dann möglicherweise von Berglöwen gefressen zu werden. Meine letzte Begegnung mit einem der Art ist mir immer noch unangenehm im Gedächtnis geblieben, dabei ist das Tier bloß um mein Nachtlager geschlichen... Außerdem habe ich ein Ziel, für das sich die Beobachtungen lohnen.
Unwillkürlich frage ich mich, ob es den Zuschauern nicht langsam langweilig wird. Sieben Tage lang sind wir schon in der Arena eingesperrt, ich habe mitgezählt. Genau eine Woche. Für einen Moment lege ich den Kopf gegen den harten Baumstamm und lasse meinen Blick in die Wolken schweifen, zwischen denen die Sonne vom knallblauen Himmel auf uns herabscheint und schleichend röstet. Die letzten zwei Tage habe ich kaum Zeit gehabt, nachzudenken, und schon gar nicht über meine Mentoren, doch jetzt kommen sie mir wieder immer öfter in den Sinn. Sitzen sie jetzt gerade vor den Bildschirmen und beobachten uns, erfreut, dass ihre Schützlinge noch am Leben sind? Vielleicht findet zeitgleich ja sogar eine Sitzung statt, bei der die neuesten Fallen der Spielemacher besprochen werden, damit wieder Spannung in die Spiele kommt… Es ist ja weit bekannt, wie süchtig das Publikum nach Dramen und Tragödien ist und davon gab es so gut wie gar nichts in der Arena.
10 tote Tribute, das ist die Bilanz nach dieser Woche. Eine schwierige Angelegenheit, denn einerseits bin ich erleichtert, dass ich bisher kaum Tode mit erleben musste, die grausame Art, wie Haunie und Wyatt sterben mussten, reicht mir zur Genüge für mein ganzes Leben. Jede Nacht bevor ich einschlafe sehe ich ihre Gesichter vor mir, so klein und doch von Blut besudelt. Immer, wenn ich an die beiden denken muss, zieht sich mein Herz zusammen und ich spüre diese seltsame Leere, die irgendwann am dritten oder vierten Tag von mir Besitz ergriffen haben muss. Ich habe aufgehört zu zittern, wenn die Hymne am Abend erklingt, ja ich habe mich gar daran gewöhnt, so grausam das auch klingt. Lediglich wenn die Kanonen donnern, bringt die Furcht mich erneut in seine Gewalt und ich bete in einem immer gleichen Mantra, dass es Pon gut geht. Pon, von dem ich immer noch nicht weiß, wo in dieser Arena er sich befindet.
„HEY! Ich glaube wir haben eine Spur des einen Tributs gefunden, LOS!“, tönt es in diesem Moment über die Ebene.
Interessiert beuge ich mich vor und beobachte, wie sich endlich, endlich, die Ziele meiner Observation von dannen bewegen. Nervös und plötzlich wieder hellwach, wage ich es, mir noch ein paar Zentimeter weiter vorzulehnen.
In der kleinen Senke, die unter mir liegt, glänzen die Zeltplanen der „Sucher“, wie wir die neuen Karrieros rund um das Mädchen aus Distrikt sieben mittlerweile nennen. Sucher deshalb, weil sie pausenlos die Arena durchstreifen, auf der Suche nach wehrlosen Opfern – grässlich.
Die Bewohner der Zelte versammeln sich jetzt um ihre rothaarige Anführerin aus Distrikt sieben, die wild mit dem Speer gestikuliert und auf die Bäume deutet, die das kleine Tal umschließen.
Schlau sind sie schon, doch ihr Versteck kann man nicht unbedingt als gute Lage bezeichnen, denn in dem wohl einzigen „Wald“ in der Arena auf einer Lichtung zu zelten ist entweder größenwahnsinnig oder einfach nur naiv – das habe ich von den vergangenen Hungerspielen gelernt. Doch genau dieser Umstand ist es, denn Aramis und ich uns jetzt zu Nutze machen werden, ganz ohne ein schlechtes Gewissen.
Gespannt beobachte ich, wie sich nun auch der Rest der bunt zusammengewürfelten Truppe mit silbrig scheinendem Mordwerkzeug ausrüstet, um erneut auf die Jagd zu gehen. Ich merke, dass mein Mund trocken geworden ist und mein Magen sich wie ein Stein anfühlt. Die alte Angst um Pon brodelt immer noch unter der Oberfläche. Ich atme durch, während sich die Sucher unter Gelächter bräunliche Streifen aus Tarnfarben ins Gesicht schmieren. Endlich schultern sie auch ihre Rucksäcke und verlassen, leichtfertig wie sie sind, das Lager – ohne eine Wache zurückzulassen oder ähnliches.
Es hat Aramis und mich nicht viel Zeit gekostet, herauszufinden, wo die Sucher ihr Lager haben, und, dass sie es nicht einmal bewachen. In den vergangenen Tagen haben wir regelmäßig ihr Lager ausgekundschaftet und uns eine List überlegt. Während man sich im Kapitol tagelang gelangweilt hat, haben wir nur auf unsere Chance gewartet, die heute gekommen ist. Die Chance, dass Lager dieser Möchtegern-Karrieros zu überfallen.
Einigermaßen entspannt, nun, da die Karrieros fort sind, lehne ich mich zurück an meinen schützenden Baumstamm und muss daran denken, welches Glück Aramis und ich hatten, dieses Lager zu finden, ja, wir sind beinahe darüber gestolpert. Nachdem wir einen Tag lang unsere Vorräte geteilt hatten, ebenso wie unser spärliches Wissen über die Arena, waren wir übereingekommen, dass wir unmöglich Chancen hätten, wenn wir nicht schleunigst etwas zu essen bekommen würden. Glücklicherweise hatte nicht nur ich eine Begegnung mit den Suchern gemacht, sondern auch Aramis, woraus wir schließen konnten, in welche Richtung sie gegangen waren und ihnen schließlich über einen halben Tag lang folgten, ehe wir plötzlich Rauch bemerkten – das Lagerfeuer der Sucher. Seitdem haben wir sie observiert, herausgefunden, dass sie das Lager verließen, wenn sie glaubten, eine Spur gefunden zu haben, um dann diesen Tribut zu jagen. Bisher eher mit mäßigem Erfolg, doch man kann nie wissen. Aramis verabscheut die Sucher jedoch ebenso sehr, wie ich und so waren wir uns recht schnell einig, früh zuzuschlagen.
In diesem Moment blitzt es zwischen den Bäumen silbern auf. Ein- Zwei- Dreimal. Unser Signal. Also hat Aramis es geschafft, die Sucher von ihrem Lager fortzulocken mit der gefälschten Spur von uns, die ihnen vormachen soll, dass wir uns verletzt an ihrem Lager vorbei geschleppt haben, während wir in Wirklichkeit ihr Lager überfallen haben.
Entschlossen umfasse ich den Speer am Schaft und trete vorsichtig zwischen den Bäumen hindurch. Langsam rutsche ich den Hang Richtung Tal hinab, darauf achtend, dass ich nicht auf große morsche Äste trete, denn ich habe immer noch Angst, dass die Sucher zurückkehren könnten. Den letzten Meter springe ich zu Boden, lasse mich in die Hocke gleiten und sondiere vom Gestrüpp aus die Lage, doch kein Sucher lässt sich blicken, stattdessen funkeln die Vorräte unter den Zeltplanen verführerisch. Aus dem gegenüberliegenden Gebüsch blitzt es erneut dreimal silbern auf. Die Luft ist rein. Geduckt beuge ich mich aus dem Gestrüpp, spähe noch einmal nach rechts und links, ehe ich blitzschnell hervorstoße und über die offene und ungeschützte Ebene renne, so schnell ich kann. Nur aus dem Augenwinkel nehme ich war, dass auch Aramis auf die Zelte zuläuft, für mich jedoch nur als dunkler Schatten wahrnehmbar.
Den Speer mit beiden Händen fest umklammert habe ich das Ziel fast erreicht, als etwas gegen meine Füße schnellt. Noch ehe ich reagieren kann, reißt es mich von den Füßen. Himmel und Erde wirbeln an mir vorbei, als ich äußerst unsanft von meinen Füßen gerissen werde. Schmerzen schießen durch meinen Körper, als ich auf dem Boden aufschlage, die Wucht treibt mir die Tränen in die Augen und es fühlt sich an, als würde der Speer, auf dessen Schaft ich gelandet bin, sich in meine Brust bohren.
„ACHTUNG“, zischt Aramis in warnendem Tonfall und ist mit wenigen katzenhaften Sprüngen bei mir, die so gar nicht zu ihrer groben Statur passen.
Verwirrt stütze ich mich auf meine schmerzenden Unterarme und blinzle ein paar Mal, um wieder meine klare Sicht zurück zu erlangen. In diesem Moment spannt Aramis ihre Bogensehne mit einem Ruck. Alarmiert springe ich auf, den Speer in Abwehrhaltung vor meinem Körper, in der Erwartung, dass ein Sucher zurückgekehrt ist. Doch ich kann niemanden zwischen den schwarzen Bäumen ausmachen, doch Aramis lässt die Sehne blitzschnell los und der Pfeil fliegt in einer geschwungenen Bahn geradewegs auf die Bäume zu. Mit einem dumpfen Geräusch durchtrennt er ein Seil – an dem ein heranrasender Baumstumpf hängt, der nur knapp über dem Boden schleift – und direkt auf mich zurast!
Mit einem kurzen, spitzen Schrei, schmeiße ich mich hinter Aramis, doch kaum, dass das Seil durchtrennt ist, fällt der Baumstumpf wie ein Sack Mehl zu Boden, ohne jemanden zu verletzen. Ruhig hängt Aramis sich den Bogen wieder über die Schulter und bemerkt völlig trocken:
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass die Sucher so naiv sind?“
Stumm schüttle ich den Kopf, noch immer geschockt, auch wenn sie das nicht sehen kann. Schließlich dreht sie den Kopf über die Schulter und merkt an:
„Gib einfach gut acht. Wir wissen nicht, was noch so hier lauert.“
Alles an mir kribbelt vor lauter Adrenalin, als ich wieder aufstehe und diesmal vorsichtig über den Stolperdraht steige. Der Baumstumpf ist wirklich eindrucksvoll, sogar seine Spitze ist angespitzt. Er hätte mich ohne Probleme schwer treffen können, wenn Aramis nicht gewesen wäre. Um ihre Hilfe wieder gut zu machen, laufe ich bis zum Rand des Lagers und ziehe den gefiederten Pfeil aus dem Baum, in den er eingeschlagen ist. Der Pfeil ist erstaunlich leicht und biegsam, irgendwie hatte ich mir diese immer ganz anders vorgestellt, aus Holz und nicht aus diesem leichten Metall und mit den kratzigen, harten Federn am Ende.
Entschuldigend lächelnd reiche ich Aramis schließlich ihren Pfeil, den sie wortlos zurück in ihren Köcher schiebt, doch ich weiß, dass sie froh ist, keinen Pfeil verschwendet zu haben, denn sie verliert nicht gerne welche, da es dafür keinen Ersatz gibt, im Gegensatz zu einem Schwert, dass erst stumpf werden muss, bis es seine Funktion verliert. Doch ein Bogen ohne Pfeile ist nichts Ganzes.
„Du nimmst die rechte, ich die linke Seite“, befiehlt sie knapp und leise, dann machen wir uns daran, dass Sucherlager auf die Füße zu stellen. Eifrig durchwühle ich alle Säcke und Löcher im Boden, die randvoll mit Waren sind, nach Essbarem. Alles Essbare tue ich in meinen Rucksack. Es überrascht uns nicht sehr, dass die Sucher noch lange nicht alles an Waren vom Füllhorn haben, schließlich steht die Übermacht der Karrieros auch ihnen gegenüber. Dennoch sind die Massen an Essen enorm – so enorm, dass wahrscheinlich alle in der Arena zusammen eine Woche lang davon überleben könnten, ohne auch nur eine Sekunde zu hungern. Allerdings haben wir keine Zeit, die Ungerechtigkeit noch weiter zu bedauern und so stopfe ich einfach weiter verschweißte Brotlaibe, Trockenfleisch und Wasserflaschen mit Vitaminen angereichert in meinen Rucksack, bis dieser zum Bersten gefüllt ist. Als dieser gefüllt ist, schnappe ich mir eine schwarze Abdeckplane aus Gummi und breite sie auf dem Boden aus.
Innerhalb kürzester Zeit haben wir beide einen stattlichen Turm zusammengetragen und verschnüren auch den Sack noch. Zufrieden betrachten wir unser Werk.
„Hungern können wir definitiv nicht mehr“, murmle ich zufrieden.
Aramis nickt und mustert den Rest der Sachen.
„Weißt du was? Diese ganzen Sachen… wenn wir sie nicht haben können und niemand sonst, dann sollten die Sucher sie auch nicht haben. Niemand.“
Grimmig dreinschauend stemmt sie die Hände in die Hüften und mustert das Zeltlager.
„Meinst du etwa…?“, frage ich leise, aber beunruhigt von ihrer Mine.
„Oh ja“, zischt Aramis, „Vernichten wir es, ihr ganzes verdammtes Lager. Diese Leute sind so…“,
missmutig schüttelt sie den Kopf und schenkt mir ein gepresstes Lächeln.
„Ich weiß. Wahrscheinlich ist es besser so“, entgegne ich wie gewohnt sanft, während ich mein Messer aus meinem Gürtel ziehe. Mit Blick auf die Zeltplane fahre ich fort:
„Wie wäre es…?“
Zufrieden lächelt sie und antwortet: „Großartig.“
Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und hebe mein Messer. Mit einem Stich stoße ich es in das Gewebe. Es fühlt sich an, als würde ich Butter schneiden. Ein, zwei Schritte mache ich und der Stoff über mir zerreißt mit einem knarzenden Geräusch. Immer weiter laufe ich, bis zum Ende der Zeltplane, während mein Messer durch das Gewebe gleitet und das Zelt für immer zerstört. Mit einem kleinen Lächeln ziehe ich das Messer wieder aus dem Gewebe und mustere die Fetzten, die nun zu jeder Seite herab hängen, untauglich, einen noch länger vor Sonne oder Regen zu schützen.
„Das wird ihnen eine Lehre sein.“
Mit diesen Worten stecke ich mein Messer zurück in meinen Gürtel. Zu meiner Überraschung schweigt Amber jedoch und stiert mich nur an, einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
„Was ist?“, frage ich verwirrt und versuche, aus ihr schlau zu werden.
Statt einer Antwort reißt sie in Sekundenschnelle den Bogen von ihrer Schulter, packt einen Pfeil und legt ihn an die Sehne. Fassungslos starre ich sie an, völlig erstarrt und unfähig zu reagieren. Will sie mich jetzt etwa erschießen? Hat sie mich benutzt? Wild rasen die Gedanken durch meinen Kopf, während Aramis die Sehne nach hinten zieht und anvisiert. Für all das brauch sie nur einen winzigen Sekundenbruchteil Zeit, dann zischt der Pfeil von der Sehne, mehrere Zentimeter an mir vorbei.
„Hinter dir!“, ruft sie, überhaupt nicht mehr darum bemüht, leise zu sein. Noch immer leicht geschockt wirble ich herum und sehe sie, wie sie schnell Aramis Pfeil ausweicht und dann nach vorne stürzt, auf uns zu, ein etwa unterarmlanges Messer in der Hand. Das Mädchen aus Neun, denke ich panisch, während ich zurückweiche. Entschlossenheit liegt in ihrem Blick, zumindest glaube ich das. Ein weiterer Pfeil schießt an mir vorbei, doch auch dieser verfehlt das Mädchen knapp.
„ANNIE“, ruft Aramis wütend, „ANNIE!“
Langsam erwache ich aus meiner Panik. So oft habe ich es geübt. Nach vorne zu stürzen, den Körper zu nutzen, mit den Armen und Beinen zu treten und zu schlagen. Amber hat es mir beigebracht, im Wissen, dass es mir das Leben retten könnte. Ich schließe die Augen und lasse das Messer fallen. Ich versetze mich zurück in die Trainingshalle, zu Amber.
Jetzt ist der Moment, jetzt bin ich. Jetzt muss ich um mein Leben kämpfen.
Mutig öffne ich meine Augen. Direkt vor mir hebt das Mädchen seinen Arm. Ich sehe sie ganz deutlich, ihre Sommersprossen, ihr junges Gesicht, dass noch leicht kindlich anmutet, die schmutzig blonden Haare, die in krausen Locken ihr Gesicht umrahmen. In ihren Augen blitzt es, doch nicht bösartig wie bei Shine, dennoch senkt sie das Messer, um mich zu töten. Ich reiße meinen Arm nach oben, schlage ihn gegen ihren Unterarm und blocke so ihren Angriff. Mit der anderen Faust stoße ich nach vorne, schlage ihr in den Magen.
Ein Überraschungslaut entrinnt ihr und sie beugt sich nach vorne. Entschlossen greife ich nach ihrem Handgelenk um ihr das Messer zu entwenden, doch sie ist schneller und wagt einen Hieb in meine Richtung. Schmerz durchzuckt mich, als ich mich mit dem Oberarm schütze und das Messer an ihm abrutscht. Fauchend schlage ich ihren Arm zurück, versetze ihr einen Tritt in die Seite, der sie auf Aramis zu stolpern lässt, die ihren Bogen über die Schulter wirft und auf uns zu stürmt, ein Jagdmesser in der Hand.
Fast schon glaube ich, einen kurzen Ausdruck der Verzweiflung in den Augen des Mädchens zu sehen, doch sie fängt sich erneut und stürzt wieder auf mich zu, das Messer fest umklammert und stößt auf mich zu. In letzter Sekunde bücke ich mich und umfasse ihre Hüfte. Nur einmal bei Floogs habe ich diese Bewegung gesehen, doch es muss klappen!
Mit einem Schrei schmeiße ich sie über meinen Rücken, sodass sie auf dem Bauch landet, doch sie springt auf und wirft sich auf meinen Rücken. Knapp über uns zischt ein Pfeil von Aramis über uns hinweg, die in knapp einem Meter Entfernung stehen geblieben ist, um noch einmal auf uns zu schießen. Verzweifelt versuche ich, das Mädchen von meinem Rücken zu stoßen, doch sie schafft es, mich zu Boden zu stoßen und auf meinem Bauch zu landen. Doch ehe sie ihr Messer gebrauchen kann, wende ich mich blitzschnell, um das Messer, das ich fallen gelassen habe, zu ergreifen. Ich kann nicht nachvollziehen, was mich durchzuckt, doch als ich sie so über mir sehe, ihre Entschlossenheit, ihre Wut und dazwischen dieses Blitzen, als würde sie gar nicht wissen, was sie tut, das Messer in der Hand auf dem Weg zu meiner Kehle, da stoße ich einfach nach ihr. Das Messer erwischt sie am Hals und mit einem spitzen Schrei presst sie sich eine Hand an den Hals, dort, wo ich sie gestreift habe. Doch ich denke nicht, ich fühle nicht einmal mehr, nein, ich will einfach nur leben!
Entschlossen schiebe ich mich unter ihr hervor und will versuchen, sie zu überwältigen, doch in diesem Moment saust ein Pfeil über mich und trifft sie direkt ins Bein, wo sich sofort ein roter Fleck breit macht. Das Gesicht des Mädchens wird käseweiß, ehe sie wütend die Augen zusammenzieht und das Messer mit einem Wutschrei nach mir schmeißt, der mir das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen sollen, doch völlig automatisch rolle ich mich aus ihrer Schussbahn und so plumpst das Messer einfach nur zu Boden. Verzweifelt reißt das Mädchen sich den blutüberströmten Pfeil aus dem Bein und springt auf die Beine, wobei sie sich einen Schrei nicht verkneifen kann. Ich sehe es in ihrem Blick, dass sie sich auf mich stürzen will, mich notfalls mit ihren eigenen Händen erwürgen will, doch Aramis ist schneller. Sie springt über mich und rammt das Mädchen um, dass mit einem Wimmern im Gras zusammen sinkt.
Ein letztes Mal begegnen sich unsere Blicke. Ihre Augen schimmern voller Tränen und zum ersten Mal verstehe ich, dass ihre Augen vor Todesangst blitzen. Sie ist kein abgebrühter Karriero – sie ist wie ich, sie will leben!
Doch Aramis packt sie an der Kehle und stößt mit dem Messer zu. Das Wimmern erstickt langsam und ihr Blick wird starr.
„Nein“, wimmere ich und versuche nach Aramis zu greifen um sie zurück zu ziehen, doch sie hiebt noch einmal auf die Brust des Mädchens ein und diese gibt auf. Ihre Augen werden glasig und sie sieht aus, als würde sie durch mich hindurch sehen, genauso wie Wyatt. Fassungslos mustere ich das Mädchen, dessen Brust von roter Farbe getränkt ist. Der Farbe des Blutes. Über ihr steht Aramis, das blutige Messer noch in der Hand und in diesem Moment ertönt der Kanonenschlag, unheilvoll und viel zu laut, als wäre die Kanone direkt neben mir abgefeuert worden.
Ich kann mein eigenes Keuchen in meinen Ohren hören, das Bild vor meinen Augen fängt an zu schwanken und ich grabe die Hände fast in den Boden, um nicht den Halt zu verlieren. Alle Schmerzen sind unbedeutend geworden und ich bemerke nicht einmal, wie mir Blut vom nackten Oberarm tropft. Erst eine Ohrfeige von Aramis bringt mich in die Wirklichkeit zurück.
„Wir müssen los! Bevor der Rest zurückkommt!“, drängt sie und drückt mir den Rucksack in die Hand, der sich wie ein Bleigewicht anfühlt, als ich ihn mir auf den Rücken schnalle. Wie in einem Traum fühlt es sich an, als ich gemeinsam mit Aramis den Sack voller Essen packe und den Abhang hinaufschleife, auf dem Weg zurück in unser eigenes Lager.
Alle Geräusche sind ausgeblendet, ich bemerke nicht, dass Aramis mich anschreit, ich renne einfach nur weiter, den Sack fest umklammert und meinen Blick auf das Ziel gerichtet, unser Lager zwischen zwei großen Steinquadern an einer Bergflanke. Der Atem wird mir aus der Lunge getrieben, doch ich renne weiter, will einfach nur noch weg von dem Ort des Todes, der hinter mir liegt. Kaum, dass wir an unserem Lager angekommen sind, schreie ich Aramis an, dass wir den Ort verlassen müssen.
„Sie werden uns finden! Sie können uns überall finden! Wir müssen fliehen! Aramis, bitte!“
Ich schniefe und schreie und rüttle an ihr, doch sie reagiert überhaupt nicht, sondern sieht mich nur starr an, dann packt sie mich so fest an den Schultern, dass es wehtut.
„Annie. Hör mir zu. Wir werden gehen… bald genug, doch zuerst müssen wir unser Lager abbauen. Beruhige dich.“
Doch ich kann mich nicht beruhigen, noch immer toben die Emotionen durch mich und mein Körper wird von Angst geschüttelt, also packt sie mich und schließt ihre Arme um mich.
„Alles ist gut, Annie. Wir sind am Leben, haben genug zu essen… alles ist gut.“
Langsam aber sicher komme ich wieder zur Besinnung und gewinne die Beherrschung zurück. Ich vergrabe mein Gesicht an ihrer Schulter und atme einmal kräftig durch, ehe ich mich von ihr löse und mir die Haare zu Recht rücke, verlegen und mit gerötetem Gesicht.
„Danke“, flüstere ich, auch wenn noch lange nicht alles in Ordnung ist. Mit aller Gewalt muss ich mich an die Sponsoren erinnern, die jetzt irgendwo dort sitzen und mich anstarren, wie ich einen hysterischen Anfall bekomme. Und Finnick und Amber, Mags…
Tapfer wische ich mich über die Augen und mache mich stumm daran, unser weniges Hab und Gut zusammenzupacken. Doch eines lässt mich nicht los: Das Bild des Mädchens, wie sie im Gras liegt, ihr Blick, wie plötzlich alles ganz klar vor mir liegt… Übelkeit keimt in mir auf. Ich habe dabei geholfen, dieses Mädchen zu töten! Immer noch wird es mir nicht ganz klar, was das bedeutet. Sie ist nicht mehr da und wird nie wieder lachen, leben oder lieben, aber ich kann es nicht begreifen. Mir geht es gut, ich lebe und sollte glücklich sein – doch ich weiß, dass ihr Gesicht unvergessen bleiben wird.
Als wir unsere wenigen Sachen gut verstaut haben, machen wir uns langsam auf den Weg hinein in die Abenddämmerung, auf der Suche nach einem neuen Ort, wo wir bleiben können. Beide reden wir kein einziges Wort, doch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie mein Blick zu dem Messer an Aramis Hüfte gleitet, das jetzt eine Mordwaffe ist.
Nachdem wir nun unser Ziel erreicht haben, wissen wir beide nicht, was jetzt werden soll, also gehen wir eine Weile stumm weiter in Richtung Füllhorn, so wie es mein ursprünglicher Plan, Pon zu finden, vorgesehen hatte, bis ich ihn kurzzeitig aufgeben musste. Lediglich der Gedanke daran, dass wenigstens der Kleine noch am Leben ist, erfreut mich noch. Ich habe Aramis von ihm und meinem Plan erzählt, doch sie hat mir deutlich gemacht, dass es nicht unbedingt ihre Priorität ist, Pon zu finden, doch sie hat eingewilligt, dass wir weiter mit meinem Kurs machen, nachdem wir genug Lebensmittel haben. Aber das ist schon in Ordnung, denn ich schätze Aramis. Sie ist anders als ich und, ja, eine Mörderin, das muss ich mir eingestehen. Dennoch empfinde ich immer noch keine Angst vor ihr, wie ich feststelle, während wir durch die drückende Hitze wandern. Aramis hat Grundprinzipien, wie die, dass sie keine jungen oder Schwachen Tribute tötet. Zwar hat sie nie geäußert, dass sie diese Spiele verabscheut, doch es wird deutlich, dass sie das Spiel nicht mitspielen will. Ihre Aufgabe, die sie sich selbst auferlegt hat, ist es, nur die Karrieros und starken Tribute zu töten. Damit fühlt sie sich im Recht, denn lieber tötet sie, als getötet zu werden.
Doch es mit eigenen Augen zu sehen, wie Aramis getötet hat… Ich kann mir nicht klar darüber werden, was das bedeutet. Sie erscheint mir nicht verändert oder grausamer, obwohl der Mord es war.
Fragend legt sie jetzt den Kopf schief, ehe sie leise und ruhig sagt:
„Sie hätte uns getötet, wenn sie die Chance gehabt hätte. Annie…“, sie seufzt und ihr Blick wird traurig, „dies ist die Arena. Lass uns heute Abend ein schönes Picknick zur Feier des Tages machen, ja?“
Ein seltenes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie den Sack voller Lebensmittel anhebt. Ich erwidere das Lächeln und wir setzen unseren Marsch durch die drückende Hitze fort. Der Himmel hat sich mittlerweile vom klaren Blau des Mittags zu einem lila anmutendem Abendrot verwandelt. Mit dem Kopf in den Nacken gelegt beobachte ich, wie die ersten Wolken pünktlich zur Nacht heraufziehen. Ich kann nur hoffen, dass die Temperaturen morgen nicht noch weiter ansteigen, denn heute war es kaum noch auszuhalten, und dass, obwohl wir unsere Hosen hochgerempelt haben und unsere Jacke ausgezogen haben. Doch auch die Temperaturen in der Nacht sind immer weiter gesunken, sodass man sich kaum auf eine Temperatur einstellen kann. Es ist wirklich furchtbar, doch die Wolken sehen dunkel aus, als würden sie Regen mit sich führen. Bestimmt eine weitere Finte der Spielemacher.
Bei Einbruch der Nacht erreichen wir schließlich eine recht bequeme Senke, die von einem quer darüber gewachsenem Baum einigermaßen geschützt wird. Wir breiten unsere Vorräte aus und während ich meine Jacke wieder überziehe, bereitet Amber ein einfaches Essen aus den Trockenmahlzeiten der Sucher zu.
Es ist eine wahre Wonne, nach all der Zeit wieder etwas in den Magen zu bekommen und so essen wir so lange, bis wir Bauchschmerzen bekommen und uns fast schlecht ist, doch das lässt mich fast schon meine umher wirbelnden Gedanken vergessen, erst die Hymne, die uns im Mahl unterbricht, erinnert mich noch einmal an die Geschehnisse des heutigen Tages. In voller Größe flackert das Bild des Mädchens auf, dessen Gesicht sich mir bereits in die Gedanken eingebrannt hat. Ich schließe die Augen und schaue weg, während sie das Bild wieder ausblenden und die Hymne erneut erklingt.
Schon ironisch, dass das Mädchen zu den Suchern gehörte, die eigentlich uns gesucht haben, um uns zu töten, doch am Ende hat der Tod sie gefunden und nicht mich. Ich lehne mich zurück und mustere die falschen Sterne am Firmament. Fast schon meine ich, einen neuen und helleren Stern funkeln zu sehen. Unbewusst gleiten meine Finger zu Finnicks Anhänger. Da wo sie jetzt ist, wird sie es bestimmt besser haben. Ich kann nur hoffen, dass sie mir nicht böse ist, wenn auch ich an diesen Ort hinter den Sternen komme. Zwar wage ich es nicht, die Worte auszusprechen, doch ich denke mit aller Macht daran, als ich den Himmel so ansehe und über das Mädchen aus neun nachdenke:
„Finnick, ich liebe dich, egal wo und wie.“

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09. Dec 2013

Hallo,
ich liebe deine ff! Ich war schon immer ein fan von Annie und Finnick!
Ich möchte so gerne wissen wie es ausgeht...... bitte!

Bitte schreibe doch schnell weiter!!!!
Sonst sterbe ich noch vor Neugier..... ich weiß nicht ob du das riskieren willst xD

glg
Nanni001

19. Mar 2013

Hi,
mal wieder ein tolles Kapitel.
Bald ist es vorbei, oder? Wirklich schade.
Das ist die beste Annie FF, die ich jemals gelesen habe oder werde. (;
lg, Sophie

himbeere5698 17. Mar 2013

wieder ein tolle Kapitel
jetzt gehts aufs ende zu und ich binn super gespann wies jetzt weiter geht
mach schnell weiter
lg himbeere5698