Meeresflüstern

24.04.18 16:43
They are playing a game, and you are a part of it. In den 70. Hungerspielen muss die 18-jährige Annie Cresta in die Arena, denn es gibt keine Freiwilligen an ihrer Stelle. Unterstützung erfährt sie durch ihre Mentoren, allen voran Finnick Odair, den wunderhübschen Sieger der 65. Spiele, der auf eine merkwürdige Art und Weise von ihr zu..
Die Tribute von Panem Drama P16 Action Beendet

Wer bin ich?

Entfernte Motorengeräusche und Rufe aus dem geschäftigen Gedrängel vier Stockwerke unter uns, bilden die einzige Geräuschkulisse auf der Terrasse, während ich alles erzähle, was passiert ist. Floogs steht gegen das Geländer gestützt da, die Augen auf den Verkehr gerichtet, während er meinen Ausführungen zu meinem Besuch bei Snow lauscht. Solange, wie ich erzähle, unterbricht er mich nicht ein einziges Mal, sondern nickt nur ab und zu. Als ich schließlich fertig bin und verstumme seufzt er nur. Er fährt sich mit der Hand durch die wirren Haare und blickt noch ein paar Momente länger in die Tiefe, ehe er sich von dem Geländer löst und sich in den Korbstuhl mir gegenüber fallen lässt.
„Ich habe drei Fragen. Bereit, sie zu beantworten?“
Ich nicke.
„Was du wissen musst, werde ich dir sagen.“
„Gut. Ich hoffe für dich, dass du die Wahrheit erzählst, wenn du mich schon um Hilfe bittest. Erstens: Hast du etwas getan, was Snow verärgert haben könnte, Zweitens: Gedenkst du, seiner Bitte nach zukommen und Drittens: Wieso weißt du von dieser Terrasse?“
Für einen Moment überlege ich, wo ich nur anfangen soll. Ob ich ihm wirklich von Finnick erzählen sollte. Aber wenn ich es nicht tue, dann hätte es keinerlei Sinn, dass ich ihn überhaupt um Hilfe gefragt hätte. Schließlich habe ich ihn gefragt, weil ich ihm vertraue. Er ist ruhig und stark, nicht leichtsinnig oder explosiv. Zudem ist er eine Woche lang mein Mentor gewesen und sollte deswegen vielleicht auch ein klein wenig das Bedürfnis haben, mir zu helfen. Deshalb habe ich schließlich ihn gewählt, nicht Mags oder Trexler. Also beschließe ich, einfach da anzufangen, wo es am einfachsten ist: An dem Tag, als alles begann.
„Floogs, ich habe nur eine Bitte. Was ich heute erzähle… das bleibt unter uns, zumindest, soweit es möglich ist, ja?“
„Gut“, erwidert Floogs, „ich werde sehen können, wie ich die Sache behandeln werde.“ Er lächelt mir aufrichtig zu. „Aber Annie, ich glaube nicht, dass das was du getan hast, so eine schlimme Verfehlung sein kann.“
„Danke, Floogs, dass du an mich glaubst.“, ich lächle ihn dankbar an. Es kann nicht so falsch sein, ihm zu vertrauen.
„Mein Fehler war es, mich zu verlieben.“, gestehe ich in ruhigen und klaren Worten. Ich registriere, dass Floogs eine Augenbraue hochzieht, etwas verwundert, aber nichts sagt.
„Aber nicht in einen Tribut oder so… das wäre dagegen wohl noch einfach“, fahre ich fort, „es ist…“, für einen kleinen Augenblick bricht meine Stimme weg. Es ist nicht so einfach, darüber zu erzählen, wie ich dachte.
„Finnick“, ergänzt Floogs mich sanft, jedoch bestimmt.
„Woher weißt du?“, frage ich, überrascht, doch dann denke ich darüber nach. Wenn nicht in einen Tribut, in wen denn dann würde sich wohl ein Mädchen verlieben? Natürlich in Finnick. Doch zu meiner Überraschung ziert Floogs Gesicht nur ein sanftes Lächeln, entgegen des spöttischen oder gar höhnischen Gesichtsausdruckes, den ich erwartet hätte.
„Annie, die Art der Blicke, die ihr ausgetauscht habt, die gemeinsamen Gespräche, die ihr geführt habt… Ich bin nicht blind. Vielleicht habe ich einen gebrechlichen Körper, aber“, er tippt sich an die Stirn, „meine Sinne sind so geschärft wie nie zuvor. Weißt du, Finnick war nie gegenüber einem der weiblichen Tribute wirklich aufgeschlossen. Wenn du mich fragst, dann bist du etwas ganz besonderes für ihn“, er seufzt und blickt mich mit Melancholie im Blick an, „er hat auf unserer letzten Versammlung gesagt, dass er dich retten würde. Wenn er wählen könnte.“, schluckt und sieht mich an, „während wir abgestimmt haben, wen wir bevorzugen, habe ich für dich gestimmt, während Finnick… für Pon gestimmt hat.“
„Wirklich? Das hat er?“, unterbreche ich Floogs Ausführungen.
„Ja, es tut mir Leid…“
„Nein, das ist… das ist gut!“, sage ich begeistert, „Es tut mir leid, aber auch ich will, dass Pon siegt. Er ist noch so klein…“
Verwundert starrt Floogs mich jetzt an, ehe er langsam anhebt: „Du willst ihn wirklich retten?“, fragt er.
„Natürlich!“, sage ich. „Und ich bin froh, dass es wenigstens einen auf dieser Welt gibt, der sich nicht gegen das stellt, was ich selber will. Es ist doch schließlich meine Entscheidung!“
Abwehrend hebt Floogs die Hände.
„Okay, Annie, wenn du das meinst, dann ist das gut.“
Er sieht ein klein wenig so aus, als würde er glauben, dass ich den Verstand verloren habe. Was ich ihm nicht verdenken kann. Aber gut, ich kehre lieber wieder zu dem Thema zurück, Floogs weiter aufzuklären.
„Ja, du hast Recht. Ich habe mich wohl in Finnick verliebt. Es hat einen Moment gebraucht, bis ich es mir eingestehen konnte, aber ja. Um zu deiner dritten Frage zu kommen, durch ihn kenne ich diese Terrasse.“
Bei der Erinnerung, an unseren letzten Abend auf dieser Terrasse muss ich ein kleines, verträumtes Lächeln unterdrücken.
„Es war nicht geplant, oder sonst etwas. Wir haben uns einfach öfter unterhalten. Ich für meinen Teil würde sagen, dass es Zufall war, aber bei Finnick bin ich mir da nicht so sicher… Wie dem auch sei, irgendwann war einfach der Punkt erreicht, an dem ich festgestellt habe, dass er doch nicht der eingebildete Sieger ist, den er nach außen hin verkörpert. Letzte Nacht waren wir auch wieder hier. Da ist es halt passiert…“, ich seufze, ehe ich fortfahre, „dass wir uns geküsst haben.“
Einen Moment lang schweigt Floogs und ich erwarte fast schon, dass er wütend wird, oder mir erzählt, dass das eine dumme Tat war, ganz so, wie ich es von Amber erwarten würde, doch nichts dergleichen folgt. Stattdessen mustert er mich einfach nur, ehe er gedehnt antwortet:
„Ist das der Grund?“
Unsicher zucke ich mit den Schultern.
„Das ist das Problem. Snow hat sich nicht klar geäußert. Er hat durchklingen lassen, dass er weiß, was zwischen Finnick und mir ist. Aber er hat es mehr impliziert, als das er mir die Pistole auf die Brust gesetzt hätte. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich Finnick in Gefahr bringe!“
Nur mit Mühe gelingt es mir, die Tränen zurück zu halten, die erneut in mir aufsteigen wollen.
„Und mein Vater erst!“, meine Stimme bricht, und Floogs legt mir mitfühlend eine Hand auf die Schulter, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen habe und fortfahren kann.
„Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass ich mich nicht schuldig fühlen kann. Er liegt im Sterben und alles was ich gefühlt habe, war Wut, wegen Davids Äußerung und… Sehnsucht nach Finnick! Sehnsucht!“
So leer, wie ich mich noch vor kurzem gefühlt hab, so bin ich jetzt wieder voller Tränen, die aus meinen Augen rinnen und nasse Flecken auf meiner Trainingskleidung hinterlassen. Mitfühlend steht Floogs auf und schließt mich in die Arme.
„Annie, ich glaube nicht, dass das so schlimm ist.“
Schluchzend lehne ich an seiner Schulter, irritiert von seinen Worten.
„Natürlich ist das schlimm! Er ist mein Vater und ich kann nicht einmal glauben, dass ihm das widerfahren sein soll! Alles, was ich spüre ist… Leere. Es kann gar nicht sein, dass ein Unwetter ihn einfach so fast tötet. Es kann nicht sein!“
Beschwichtigend wiegt Floogs mich in den Armen.
„Ich weiß, dass du es nicht fassen kannst. Schließlich sind alle in Distrikt vier so weit weg von hier. Der ganze Stress, den du hier hast, nicht zu vergessen die Hungerspiele… Ich glaube, dass dein Vater dich verstehen kann, denn er liebt dich. Bestimmt sorgt er sich mehr um dich und wäre froh, wenn du jetzt nicht hier sitzen würdest und verzweifeln würdest.“
Meine eben noch zitternden Hände ballen sich ganz ohne mein Zutun zu Fäusten. Wut baut sich in mir auf, denn was würde es schon ändern? So oder so werden die Menschen um mich herum doch alle sterben. Aber ich kann es ja nicht glauben, weil ich nicht dabei war. Es muss meinem Vater doch gut gehen.
„Floogs, ich fühle mich schrecklich“, murmle ich, während ich versuche, meine Fäuste wieder zu entspannen.
Ich spüre, wie er nickt, während er mich weiter festhält.
„Du kannst dich Snow widersetzen, oder Maylin töten. Die Frage ist nur, was dir wichtiger ist. Und lass mich dir eines sagen: Wir respektieren deine Entscheidung. Keiner von uns kann sich anmaßen, wessen Leben mehr aufwiegt. Alles was wir tun können, ist, das Beste daraus zu machen.“
Während ich so an Floogs angelehnt dasitze, versuche ich, zu überlegen, was ich tun soll. Es sollte so einfach sein – ich sollte vor Angst um meinen Vater fast ohnmächtig sein und entschlossen sein, Maylin zu töten. Doch will ich mich auch nicht Snows Spielchen beugen, wird mir klar. Alle Sieger, die mir begegnet sind, leiden darunter, seinen Spielen gefolgt zu sein, um ihr Liebstes zu bewahren. Nicht davon zu sprechen, dass ich bereitwillig über das Leben eines Anderen bestimmen würde. Floogs hat so Recht, niemand von uns kann es sich anmaßen, eine derartige Entscheidung zu treffen und doch muss sie gemacht werden. Ich seufze.
„Maylin wird sterben müssen“, unglücklich blicke ich Floogs an, während ich fortfahre: „Damit Pon gewinnen kann, müsste sie doch eh sterben.“
Es ist ein armseliger Versuch, mich vor mir selber zu rechtfertigen. Meine Entscheidung, ein Leben zu zerstören, damit zu unterstützen, dass sie ohnehin sterben würde… resigniert blicke ich zu Boden. Während Floogs bekräftigend meine Hände erfasst und leise versucht, mich zu beschwichtigen, beschleicht mich die Frage, wer ich bin, solche Entscheidungen zu treffen.
„Was bin ich, Floogs?“
Sie haben gesagt, sie werden mich ändern. Und sie haben es getan.
Er lächelt unergründlich, als er mir antwortet:
„Eine wunderbare Person. Ich bin sicher, da würden mir die anderen zustimmen, auch wenn sie es vielleicht nicht zugeben wollen.“
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ich bin… ein Monster.“
Floogs Augenbrauen ziehen sich zu einem leichten Stirnrunzeln zusammen, als er sanft, wie immer, erwidert:
„So werden Sieger gemacht. Das ist nicht deine Schuld. Wir alle, sind Monster. Monster, die neue Monster erschaffen.“
In diesem Moment unterbricht ein harsches Türklacken unsere Gespräche. Überrascht stelle ich fest, dass Trexler im Türrahmen steht.
In seinem unnachahmlichen, nuschelnden Tonfall sagt er:
„Dat Vorbereitungsteam is da, ´kay?“
Mit einem schalen Lächeln auf dem Gesicht erwidere ich:
„Ich komme gleich.“
Zur Antwort zieht Trexler nur eine Augenbraue hoch, ehe er nur ein einzelnes Wort sagt:
„Snow.“
Floogs wendet sich ihm zu, jedoch ohne meine Hände loszulassen und nickt unbestimmt.
„Das Leben ihres Vaters, oder von dem Tribut aus zwei.“
Anders, als Floogs, umarmt Trexler mich nicht, sondern gesellt sich einfach stumm zu uns.
„Harte Sache.“, er blickt grimmig drein. „Aber des… des is unser kaputtes Land. Kaputt.“
Er scheint nicht besonders gut darin zu sein, seine Gefühle zu zeigen, aber darüber bin ich froh. Floogs Mitgefühl und Umarmungen sind schon zu viel für mich. Momentan fühle ich mich, als würde ich an meiner eigenen Hilfslosigkeit und Unzulänglichkeit zu ersticken drohen. Dann überkommt mich wieder die Wut auf das Kapitol und Präsident Snow.
Trexler legt den Kopf in den Nacken und sieht aus, als würde er nachdenken. Dann sagt er, mit unmerklicher Bitterkeit in der Stimme:
„Niemand kann det ändern, oder enem helfen. Bloß da Schmerz lindern. Ick rat dir enes: Denk an di selbst! Du bis viel zu beschäftigt mit Pon.“
Dann zupft er Floogs am Ärmel und sagt:
„Ick gloob, da will noch jemand andres zu Annie. Lass gehen.“
Er zieht Floogs auf die Beine und lächelt mir noch einmal, fast schon verschwörerisch, zu, aber bei Trexler kann ich das schwer deuten. Gemeinsam poltern sie von dannen, in eine leise Unterhaltung vertieft. Tatsächlich, Trexler hat nicht zu viel versprochen, kurz nachdem sie gegangen sind, öffnet sich die Tür erneut und Finnick tritt auf die Terrasse hinaus. Er sieht aus, als wäre ihm unwohl in seiner Haut, aber das wäre auch nicht weiter verwunderlich. Einen Moment lang blicken wir uns wortlos an, ehe ich es nicht mehr aushalte und auf ihn zu stürme. Binnen weniger Sekunden bin ich bei ihm und presse mein Gesicht an seine breite Brust, völlig selbstvergessen. Seine warmen Armen schlingen sich um mich und halten mich fest, während er seinen Kopf auf den meinen legt. Es fließen keine Tränen mehr, dennoch halten wir uns für einen Moment einfach nur so fest, während er über mein Haar streicht.
Als sich unsere Lippen berühren könnte ich für einen Moment fast schwören, dass es nur uns beide gibt, dass all meine Sorgen weit weg sind. Ich fühle seine so lebendige Wärme und es fühlt sich fast schon so an, als könnte seine Energie auch auf mich überfließen. Am liebsten würde ich mich nie mehr von seinen Lippen lösen, die so wunderbar warm und salzig schmecken. Nie wieder müsste ich das Gefühl von über mich hereinbrechenden Wellen vergessen, dass er in mir auslöst, als würde ich davon gespült werden.
Doch wie so oft wahren diese Glücksmomente nicht ewig, denn Finnick löst sich sanft und umfasst mein Gesicht mit seinen Händen.
„Oh Annie, ich liebe dich.“
Stirn an Stirn stehen wir da und ich lausche seinem aufgeregten Atem.
„Ich liebe dich.“
Er schließt seine Augen für einen Moment und ich erkenne die Sorgenfalte, die sich auf seinem Gesicht bildet. Sanft lege ich meine Hand auf die seine und will gerade anheben, etwas zu sagen, als Finnick einen Finger auf meinen Mund legt.
„Sag nichts… bitte. Nur einen Augenblick“, bittet er, während die Sorgenfalte immer noch zwischen seinen Augenbrauen steht.
„Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich dich auch liebe“, nuschle ich hinter seinem Finger hervor. Für einen Moment ist er so perplex, dass er ganz zu vergessen scheint, dass er noch seinen Finger auf meine Mund hat. Er blickt mich an, seine meergrünen Augen erstaunt geweitet. Einem unbestimmten Impuls folgend küsse ich seinen Finger, woraufhin er ihn langsam löst.
„Ich liebe dich“, sage ich noch einmal, auch wenn meine Stimme immer noch wackelig ist. „Egal was ist, ich liebe dich, Finnick Odair. Ich liebe dich, dass ich keinen Gedanken an das verschwenden kann, was um uns herum gerade passiert.“
Mit einem Ausdruck der Stillen Freude lässt Finnick seinen Kopf gegen meine Schulter sinken und ich kann hören, wie er rasselnd ausatmet, als wäre er auf einen Schlag einen Großteil seiner Anspannung losgeworden.
„Daran hätte ich nicht einmal zu hoffen gewagt…“, flüstert er leise. Dann hebt er seinen Kopf wieder und sieht mich an, aber diesmal ist die grauenvolle Sorgenfalte verschwunden.
„Wie schlimm ist es?“, fragt er mich.
Ich bin froh, dass er nicht fragt, wie es mir geht, denn das kann man sich sicherlich denken. Wage zucke ich mit den Schultern. Ich habe bereits für mich beschlossen, dass ich ihm nicht alles erzählen werde, was Snow gesagt hat. Im schlimmsten Fall würde ihn das nur noch mehr in Gefahr bringen, als ich es ohnehin schon tue. Aber für den Moment sind wir gut darin, alles andere zu vergessen. Selbst, wenn es gefährlich ist.
„Ich kann es nicht fassen, das ist alles. Alles wirkt so… unreal.“
„Hast du… dich entschieden?“
Tapfer nicke ich.
„Wie es sich für ein Monster gehört. Meine Wahl ist auf Maylin gefallen.“
„Natürlich“, ist seine einzige Antwort, und dafür bin ich ihm dankbar. Er drückt meine Hand und zeigt sein typisches Lächeln, das er sich wohl für die hoffnungslosesten Situationen aufspart.
„Willkommen im Klub der Monster“, erwidert er, mit einer gehörigen Portion Sarkasmus in der Stimme. Wenn die Situation nicht so schrecklich real wäre, dann hätte ich ihn jetzt vielleicht liebevoll in den Arm gekniffen und gelacht. Aber es ist so real, wie es nur sein kann.
„Du bist wunderbar, Monsterprinzessin“, sagt er und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Auch wenn du mir als Meerjungfrau lieber bist.“
Unsicher beiße ich mir auf die Lippe, ehe ich antworte:
„Danke, dass du für Pon gestimmt hast.“
Ein Ausdruck von Schmerz huscht über sein Gesicht, ehe Finnick sagt:
„Glaub ja nicht, dass ich dich so einfach gehen lassen kann. Ich will doch nicht mein Leben lang jeden Abend mit den Sternen reden um zu dir zu gelangen.“
Melancholie erfasst mich bei dem Gedanken an das Märchen von den Menschen, die zu Sternen werden, über das wir uns erst gestern unterhalten haben. Ich glaube eigentlich nicht an Märchen, doch sie sind eines der letzten schönen Dinge, die in dieser Welt verblieben sind. Es ist schön, daran zu glauben, dass alle Verstorbenen dort oben sind und in Frieden weiter existieren.
„Glaubst du nicht, dass ich einen schönen Stern abgeben würde?“
Seine Augen glitzern verdächtig als er mich hart anblickt und entschieden feststellt:
„Ja, aber mit einem Stern kann ich nicht das hier machen“, während er sich mir nähert und mich dann küsst.
Nur für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, wie es wäre, tatsächlich nur für mein eigenes Überleben zu kämpfen, so wie die Anderen, doch der Gedanke schockiert mich so sehr, dass ich ihn gleich wieder verbanne. Denn es würde bedeuten, dass ich Pon aufgebe. Zu grausam. Während Finnick und ich gemeinsam zu den Anderen gehen, um die letzten Vorbereitungsschritte durchzuführen ertappe ich mich jedoch immer wieder dabei, wie schön die Gewissheit wäre, zu überleben. Ja, ich wünsche es mir sogar schon. Denn der Gedanke zu sterben und alle zurückzulassen erfüllt mich, wenn ich ganz ehrlich bin, schon seit langem mit Furcht.
Wäre Finnick nicht da, so hätte ich vielleicht längst schon aufgegeben, doch irgendwie schaffe ich es, mich mit seinen ermunternden Worten durch die Torturen von Kolibrichen und Co zu schlagen. Wir haben vereinbart, dass wir das Thema Snow und Maylin ruhen lassen, denn egal wie viel ich darüber nachdenke, ich komme eh nie zu einem befriedigenden Schluss. Es gibt keinen. Ich muss akzeptieren, dass Tränen mich nicht weiterbringen, dagegen jedoch ein gutes Interview. Alles, was ich momentan tun kann, ist auf den hohen Schuhen eine möglichst gute Figur zu machen, nicht mehr an Snow zu denken und vor allem Finnicks Scherze über meine kleinen ‚Unfälle‘ zu ignorieren.
Einzige Unterbrechung bildet die Verkündigung unserer Trainingsergebnisse. Aufgeregt versammeln wir uns vor dem Fernseher. Ich merke, dass meine Hände erneut schwitznass werden, denn die heutige Zahl ist die wohl entscheidendste der ganzen Spiele für mich. Hat sich meine Performance gelohnt, oder nicht?
Mit einem Summen flammen Caesar und Claudius auf dem Bildschirm auf, in dem Studio, dass ich bereits von dem Bericht über die Wagenparade kenne. Wie üblich strahlen sie Beide wie ein kleines Kind an Weihnachten, während sie über dieses und jenes Belanglosigkeiten austauschen, doch ich kann mich nicht wirklich darauf konzentrieren. Alle was ich will, ist meine Bewertung. Als Claudius sich endlich dem ersten Tribut und damit Shine zuwendet, liegen meine Nerven bereits blank. Dennoch bin ich auch gespannt, was für eine Bewertung Shine zu Teil wird. Ein bewegtes Portrait, dass Shines arrogante Ader hervorragend darstellt, wird eingeblendet, zusammen mit dem Logo ihres Distriktes.
‚Kommen wir nun zu Shine, unserem strahlenden Engel aus Distrikt eins!‘, tönt Caesar, wie üblich voller Begeisterung, ‚wird sie den hohen Erwartungen gerecht werden? Eines ist sicher: In den Umfragen hat sie bereits jetzt einen Spitzenplatz inne! Claudius, die Bewertung bitte!‘
Die Stimme voller satter Zufriedenheit, verkündet Claudius Templesmith:
‚Shine, Distrikt eins: Zehn Punkte!‘
Angesichts der traumhaften Bewertung Shines möchte ich am liebsten davonlaufen. Was auch immer Shine den Spielemachern geboten hat, es muss wahrlich gut gewesen sein, denn nicht alle Karrieros bekommen so leichtfertig eine zehn.
Mit genau demselben Enthusiasmus reden sie über Slay und Floyd, die nacheinander eine acht und neun bekommen, die Standardbewertungen für ihre Distrikte. Die erste, wenn auch kleinere Überraschung geschieht bei Maylin: Sie bekommt ‚lediglich‘ eine sieben. Das ungute Gefühl, dass es Snow wirklich ernst mit Maylins Tod ist, macht sich in mir breit. Jedoch scheint sie auch nicht eine allzu schlechte Bewertung bekommen zu dürfen, da sie sonst möglicherweise in das Visier der anderen rücken würde, die nicht ganz so stark sind. Was eine Möglichkeit ist, die ich noch gar nicht bedacht habe. Was, wenn jemand anderes mir zuvorkommt?
Noch zweimal widerholt Caesar ‚Claudius, die Bewertung bitte!‘, ehe endlich wir an der Reihe sind. Mein Herz klopft bis zum Hals, als die drei des Mädchens aus Distrikt drei verblasst.
‚Widmen wir uns nun Annie, dem liebevollen Mädchen aus Distrikt vier! Was können wir von dem Mädchen erfahren, von dessen dramatischer Trennung von ihrem Freund wir alle Zeugen werden durften? Hat sie sich schon aufgegeben?‘
Am liebsten würde ich in diesem Moment Caesar anschreien, dass er einfach, ganz schnell, meine Bewertung vorlesen soll.
‚Claudius, die Bewertung bitte!‘
Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Ich grabe meine Finger so tief in das weiche Polster, wie ich nur kann.
‚Annie, Distrikt vier: Acht Punkte! Eine wahre Überraschung, wenn ich das so sagen darf!‘
Fassungslos starre ich den Bildschirm an, auf dem die große Acht unter meinem Profilbild angezeigt wird. Ich – eine Acht? Noch vor einer Woche hätte ich das nicht einmal für möglich gehalten, habe ich doch meine ersten Tage bloß bei den Überlebensstationen verbracht! Mit einem leichten Zittern löse ich meine Hände aus der Couch, in der ich tiefe Gräben hinterlassen habe. Anerkennend jubeln die Mentoren, ich spüre, wie Hände mir aufmunternd auf die Schultern klopfen und Mags begeistert sagt:
„Ich wusste, dass unser Mädchen das macht!“
Sogar Amber ringt sich zu einem zufriedenen Lächeln durch, ehe sie laut ruft:
„Leise, jetzt kommt Pon!“
Erneut wenden wir uns voller Spannung dem Fernseher zu, auf dem nun Pons Bild eingeblendet wird. Caesar scheint an das Mitleid der Zuschauer appellieren zu wollen, denn er erzählt von dem armen Jungen, der doch noch gar nicht ausgebildet ist und dank einer grausamen Laune des Schicksals in die Arena muss. Alles, was mir dazu einfällt ist ‚Heuchler‘. Wohl eher die grausame Laune des Kapitols wollte es so. Sie gieren doch förmlich nach seinem Blut.
‚Pon, Distrikt vier: Sieben Punkte!‘, verkündet Claudius in diesem Moment.
‚Zwei absolut ansehnliche Bewertungen, wenn man bedenkt, dass beide per Los bestimmt wurden, anstelle der Freiwilligen, die wir sonst aus Distrikt vier haben! Ein wunder-wunderbares Ergebnis!‘, freuen sich die Moderatoren im Fernsehen.
Erleichtert drehe ich mich zu Pon um, und knuffe ihn einmal kurz.
„Das ist gut“, flüstere ich ihm zu. Er nickt bloß, die Augen noch immer voller Interesse auf den Bildschirm gerichtet. Während die anderen die Ergebnisse in sich aufsaugen, starre ich lediglich auf den Bildschirm, doch ich kann mir kaum eine der Bewertungen merken. Ich registriere, dass der Junge aus neun eine überraschend schlechte Bewertung infolge einer sechs bekommt, während das Mädchen, dass ich vorhin beim Bogenschießen beobachtet habe, eine glatte zehn geschafft hat. Damit ist sie auch die Einzige, neben Shine. Der Rest der Bewertungen ist nicht sonderlich nennenswert und auch unsere Mentoren sind jetzt wieder ernüchtert, lediglich Cece kann nicht aufhören uns zu erzählen, dass sie damit zum Glück gut arbeiten kann, auch wenn sie sich hart anstrengen muss, um es gut zu verpacken.
Ich verschwende keinen weiteren Moment auf ihr Geplapper sondern wende mich lieber wieder meinen teuflischen Schuhen zu, während Alexis mich mit sogenannten ‚heiklen Fragen‘ bombardiert, die Caesar mir stellen könnte, auf die ich möglichst elegant antworten muss. Um es kurz zu fassen, es ist nicht gerade leicht.
„Also, Annie, erzähle uns doch ein wenig von dir. Was hast du in Distrikt vier bisher gemacht?“
Während ich mich bemühe, nicht umzuknicken, nuschle ich:
„Ich bin zur Schule gegangen und war mit meinem Vater auf unserem Schiff unterwegs. Wir haben ein kleines Fischerboot, Caesar. In meiner Freizeit habe ich gerne Blumenschmuck gebastelt.“
Mittlerweile kenne ich diese Sätze bereits auswendig. Es ist nicht das erste Mal, dass Alexis mir diese Frage gestellt hat und ich habe die Antwort bereits vollständig verinnerlicht.
„Gut“, lächelt Alexis, allerdings sieht es nicht sonderlich aufrichtig aus.
„Aber bitte mit ein bisschen mehr… Enthusiasmus!“, seine Stimme klingt aufgezwungen fröhlich, während er das sagt, so wie auch schon die vielen Male davor. Meinem Gefühl nach scheint auch er langsam zu ermüden, da ich in Beidem keine nennenswerten Fortschritte gemacht habe. Nach einigen Schritten auf den Schuhen werde ich wackelig und meine Antworten sind immer noch zu langweilig. Mit einem grimmigen Grinsen auf dem Gesicht drehe ich mich auf dem Absatz herum, um den Weg zurückzugehen, den ich gekommen bin. Immer schön elegant. Rücken gerade, nicht auf den Boden sehen. Nicht an deinen Vater denken. Nicht weinen.
In einem unbeobachteten Moment wische ich mir kurz über die Augen, was mir schwarze Schlieren der Mascara auf meinem Handrücken einbringt, die Vivette mir unbedingt aufzwängen musste. Immerhin ist Roan nicht da, denn mein Vorbereitungsteam alleine ist schon Zumutung genug.
„Was ist denn deine Lieblingsfarbe, Annie?“, unterbricht Alexis mich erneut. Vor Überraschung über diese unsäglich dämliche Frage stolpere ich glatt aus meinen Schuhen und mache erneut eine unsanfte Begegnung mit dem dicken Teppich aus blauem Flausch, der den Boden glücklicherweise bedeckt. Empört wende ich mich an den großen, hageren Mann, der mich mit einer hochgezogenen Augenbraue mustert.

„Nana, so schrecklich war die Frage doch wohl nicht. Also?“
„Alexis“, knurre ich zwischen zusammengebissenen Zähnen, während ich die Schuhe einsammle, um mich erneut in ihre folternde Enge zu zwängen.
„Glaubst du wirklich, dass Caesar Flickerman mich nach meiner Lieblingsfarbe fragen wird?“
„Wieso nicht?“, fragt Alexis mich, mit ehrlichem Erstaunen in der Stimme. „Ist doch interessant…“
Manchmal kommt mir der fast 1,90 große Mann mit seiner braunen Haut und den wilden Rasta Locken ganz entgegen seines Äußeren wie ein kleines Kind vor, dem jemand die Süßigkeiten verbietet. Seine schwarz umrahmten Augen mustern mich, jetzt langsam ungehalten.
„Süße, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, säuselt er, mit diesem ätzenden Akzent, der ebenfalls nicht zu seiner Erscheinung passt. Nervös fummelt er an einem mit Strass besetzten Knopf seines Jacketts und wiederholt seine Frage:
„Also, deine Lieblingsfarbe?“
„Meine Lieblingsfarbe ist das grünblau des Meeres, das mich immer so an meine Heimat erinnert“, gebe ich ihm, leicht patzig, in dem besten, honigsüßen Tonfall, den ich momentan zu Stande bringe, zu Antwort.
„Oh ja, Annie, das ist wundervoll. Genauso musst du das Interview machen!“, jubiliert Vivette dazwischen. Einmal mehr frage ich mich, warum sie genau die Dinge freuen, die ich für absolut lächerlich halte. Aber wer weiß, vielleicht klappt das ja auch mit den Schuhen? Erneut quäle ich meine Füße in die viel zu engen Folterinstrumente, die hier Schuhe genannt werden und versuche erneut, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Doch jedes Mal, wenn ich den Fuß wie gewohnt abrollen will, rutscht mir der Absatz unter der Hacke weg. Mit einem lauten Fluchen lande ich wiederholtes Male auf dem Boden. Langsam wirkt es echt frustrierend, und alles was mein Vorbereitungsteam dazu zu sagen hat, ist nicht hilfreich. Wenigstens guckt mir der Rest nicht mehr dabei zu, wie ich mich lächerlich mache.
Gerade, als ich mich mühsam aufrappeln will, hält mir jemand eine Hand hin. Vivette.
„Aufpassen und gucken!“, zischt sie, als sie mich auf die Füße gezogen hat.
Energischen Schrittes stöckelt sie vor mir über den Teppich, ganz so, als würde sie keine Folterinstrumente an den Füßen tragen. Allerdings sind ihre Schritte winzig, aber das ist auch das Einzige, was mir als Erkenntnis von ihrem Lauf bleibt. Dafür bemerke ich, als ich mich umdrehe, den Grund für Alexis ‚Freundlichkeit‘. Mit einem Grinsen steht Finnick im Türrahmen und beobachtet uns. Peinlich berührt spüre ich, wie ich erröte. Vermutlich hat er meinen ungalanten Fall auf den Hintern tatsächlich mitbekommen.
„Hey, Vivette“, sagt er, während er mir zuzwinkert. Irritiert blicke ich ihn an, wie er an meine rosahaarige Trainerin herantritt.
„Ich kann mir doch sicherlich für einen Moment deine Schuhe ausleihen?“, dabei lächelt er ihr verschwörerisch zu. Vivette, die aussieht, als würde sie gleich kollabieren, haucht nur noch:
„Aber gerne“, und lässt sich geradewegs auf einen Sessel fallen, um sich ihrer Schuhe zu entledigen. Ich selber stehe mit verschränkten Armen daneben und sehe wahrscheinlich genauso fassungslos aus wie Kolibrichen, als Finnick seinerseits irgendwie, und das ist wirklich ein Wunder, seinen Fuß in Vivettes bunt schillernde Schuhe zwängt.
„Ich sagte doch, dass ich verdammt gut darin bin, in hohen Schuhen zu laufen.“
Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch.
„Und da es nur noch eine Nacht bis zu den Interviews ist und du es immer noch nicht kannst, dachte ich… dass ich die Wette gewonnen habe.“, er grinst frech.
„Ich habe gesagt, dass ich es bis zu den Interviews kann. Siehst du irgendwo Caesar Flickerman?“, entgegne ich schwach, aber nicht wirklich überzeugt.
Finnick lacht nur.
„Sieh es als kleine Übungsstunde an.“
Sogar Vivette sieht mittlerweile mehr irritiert als schmachtend aus. Mit demselben Schwung, wie ihn auch schon Vivette an den Tag gelegt hat, dreht Finnick sich auf dem Florteppich um und spaziert an uns allen vorbei. Ein Blick zu Alexis bestätigt mir, dass auch er ziemlich… ‚überrascht‘ aussieht. Zumindest steht sein Mund speerangelweit offen und seine Augen sind geweitet, aber bei den Kapitolbewohnern weiß man ja nie so recht.
Es ist ein wirklich komischer Anblick, Finnick in diesen bunt schillernden Schuhen zu sehen, die ihn bestimmt über zwei Meter groß wirken lassen, wie er durch die Wohnung stolziert, noch dazu in ähnlichen Trippelschritten wie Vivette. Ehe ich mich versehe, breche ich vor Lachen in Tränen aus. Selten in meinem Leben habe ich so gelacht und das, obwohl es, abgesehen von Finnicks Darbietung, keinen Grund dafür gibt.
„Oh Gott“, wimmere ich unter meinen Lachtränen, „hör auf damit!“
Durch meinen Lachanfall, der auch durchaus als hysterisches Weinen durchgehen würde, sind mittlerweile auch Amber und die Anderen aus dem Nebenraum angelockt worden, die sich ebenso wenig vor Lachen halten können, wie ich, allen voran nicht Pon. So gut haben wir zuletzt vor einer Woche gelacht und es ist nichts, was ich freiwillig aufgeben würde. Unsere Gemeinschaft ist mir in den letzten Tagen so vertraut geworden, obwohl wir doch alle so unterschiedlich sind.
Finnick steht in der Mitte des Raumes und muss sich selber das Lachen verkneifen, als er zu mir sagt:
„Annie, komm her, ich zeige dir, wie das geht.“
Unter Gelächter stolpere ich auf Finnick zu, der mich gerade noch im letztem Moment auffängt.
„Nicht so schnell!“, schimpft er gespielt mit mir. Meine einzige Antwort ist ein säuerlicher Blick, woraufhin er zum Glück nichts weiter in die Richtung sagt. Mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck schüttelt er Vivettes Schuhe von seinen Füßen und kehrt damit auf die gewohnte Größe zurück, sodass ich ihm sogar in die Augen sehen kann, dank meiner eigenen Folterinstrumente. Er lächelt und fährt fort:
„Du musst langsam gehen. Nicht über die Hacken abrollen, dann brichst du dir nur die Knöchel.“, er reicht mir aufmunternd die Hand und führt mich durch die Wohnung, ohne dass ich ein weiteres Mal eine Begegnung mit dem Teppich habe. Amüsiert schauen Amber und Pon uns zu, während der Rest sich wieder verzieht und Vivette Alexis aufgeregt zu quietscht, dass Finnick Odair ihre Schuhe getragen hat. Froh, dass der Fokus der Aufmerksamkeit nicht mehr auf mir liegt, wage ich es, Finnicks Hand loszulassen und ein paar Schritte alleine zu tun.
„Nicht auf den Boden schauen! Tue so, als hättest du andere Schuhe an!“, springt Kolibrichen hilfsbereit ein. Gemeinsam mit Finnick beobachtet sie begeistert, wie ich langsam über den Teppich schreite. Der Weg scheint sich zwar unendlich zu dehnen, aber ich schaffe es tatsächlich, ohne Sturz von einem Ende zum anderen zu gelangen. Fast schon übermütig wage ich eine kleine Drehung, ehe ich vor den Beiden zum Stehen komme.
„Danke“, sage ich, verlegen lächelnd. Kolibrichen lächelt mich glücklich an.
„Kein Ding, meine Liebe. Der größte Teil ist Finnicks Arbeit. Das nächste Mal können wir ihn dann ja auch in solche Schuhe stecken.“, ein Grinsen ziert ihre Lippen, dann verkündet sie, dass das Training jetzt offiziell zu Ende ist. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass Vivette und Alexis darüber mehr als glücklich sind. Die Schuhe in der Hand, als wären sie heilig, verlässt Vivette als letzte den Raum und ruft mir noch einmal zu:
„Denk dran! Aufpassen und gut aussehen!“, dann klappt glücklicherweise die Tür hinter ihr zu. Erleichtert seufze ich, auch wenn ich weiß, dass der ganze Stress morgen vor den Interviews nur noch schlimmer werden kann. Zudem fühle ich mich ziemlich mitgenommen. Mit einem Gähnen strecke ich mich und beschließe, dass ich nur noch ins Bett will, nicht einmal eine warme Dusche kann mich jetzt noch locken.
„Das Lächeln steht dir viel besser, als dein Sieben-Tage-Regenwetter Ausdruck“, sagt in dem Moment Finnick zu mir, der immer noch neben mir steht, und mich angrinst.
„Danke“, entgegne ich, während langsam die Ernüchterung zurückkommt. Mein Vater liegt vermutlich immer noch im Sterben, David hasst mich und ich muss Maylin töten. Ein heilloses Durcheinander.
„Hey“, flüstert Finnick und legt eine Hand an meine Wange. „Ich weiß, wie es dir geht. Aber du musst früher einmal viel gelacht haben“, sagt er, während er mit dem Finger über meine Wange streichelt, „denn du hast so hübsche Lachgrübchen“, fährt er fort. „Lachen ist auch eine Medizin“, meint er.
„Dann kannst du ja genug für mich mitlachen“, erwidere ich im Flüsterton.
„Hmm…“, ist das Einzige, was ihm darauf einfällt. „Komm, ich bringe dich ins Bett“, sagt er stattdessen lieber und fasst mich an der Hand. Gemeinsam gehen wir so zu meinem Zimmer, unsere Hände fest ineinander verhakt. Am liebsten würde ich sie nie wieder loslassen.
Am liebsten würde ich einfach nur unter die Bettdecke kriechen und die ganze Welt dort draußen endgültig vergessen, doch Finnick hindert mich daran. Er befiehlt mir fast schon, dass ich eine Dusche nehmen müsste, damit es mir besser geht.
„Annie, glaub mir, was du brauchst ist eine Dusche und eine gute Portion Schlaf… sag mal, hast du Angst, dass ich spanne?“, fragt er schlussendlich.
Mit großen Augen gucke ich ihn an, denn das ist das Letzte, worüber ich nachgedacht habe.
„Nein, ich will einfach nur schlafen und die Welt da draußen vergessen“, murmle ich. Dennoch schafft er es tatsächlich, mich zu überreden, und als ich erst mal unter dem kalten Wasser stehe, dass auf mich herabprasselt, bereue ich es keine Sekunde lang. Unter der Dusche kann man niemand meine Tränen sehen, deshalb lasse ich sie einfach stumm laufen, bis mich Finnicks Stimme aufschreckt:
„Annie… weißt du, ich habe darüber nachgedacht. Du kümmerst dich so sehr um andere und machst dir Sorgen. Dabei ist alles, was du brauchst, bereits in deinem Kopf. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn du nicht so viel Angst hättest, dass alle etwas Schlechtes von dir denken, oder was sie überhaupt denken.“, einen Moment lang bricht seine Stimme ab, doch ein Blick bestätigt mir, dass er nicht im Badezimmer ist. „
In diesen Spielen… jeder ist da auf seinen Vorteil bedacht, nur du nicht. Ich finde das bewundernswert, aber auch ein wenig selbstmörderisch. Ich selber… habe so viele Tribute auf dem Gewissen, dass es schon für die Arena viel ist. Und doch bezeichnest du dich als Monster. Annie, das Monster bin ich. Du bist zu gut für diese Welt. Denk doch wenigstens einmal an dich… überlebe diese Arena…“, höre ich Finnicks gedämpfte Stimme von jenseits der Tür.
Unglücklich beiße ich mir auf die Lippe und lege meine Hand auf die Armatur, um die Dusche abzuschalten, obwohl der Duschgang noch nicht durch ist. Ich fühle mich schlecht dabei, doch ich entscheide, dass es besser ist, wenn ich ihm nicht antworte. Stattdessen möchte ich seine Worte einfach nur für mich aufbewahren, in meinem Herzen, ohne sie zu zerstören, indem ich mit ihm diskutiere.
„Alles okay, Annie?“, ruft Finnick, jetzt besorgt.
„Ja“, rufe ich, wenn auch wenig überzeugend.
Finnick hatte Recht, nach einer Dusche fühlt sich die Welt schon viel besser an. Zufrieden ziehe ich mir das Nachthemd über den Kopf, schüttle meine frisch geföhnten Haare noch einmal und verlasse dann endlich das Bad.
Finnick sitzt immer noch in dem Sessel nahe der Tür, in den er sich sinken gelassen hatte, als ich ins Bad verschwunden war. Nachdenklich hat er sein Kinn in die Hand gestützt, doch als ich komme verscheucht er den träumerischen Ausdruck.
„Ich dachte schon, du bist durch den Abfluss davongeschwommen oder so“, meint er scherzhaft, woraufhin ich lächeln muss, dass sich jedoch in ein Gähnen verwandelt, so müde bin ich. Finnick lächelt und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Ab ins Bett mit dir. Wie Cece jetzt sagen würde: Morgen ist ein großer Tag!“
„Mhm“, brummle ich unwirsch bei dem Gedanken an Cece und wickle mich in die große, weiche Bettdecke. Finnick sitzt auf der Bettkante und blickt zu mir herab.
„Warum liebst du mich eigentlich?“, fragt er.
Zwischen zweimal Gähnen äußere ich:
„Weil du wunderbar bist…“, müde blinzle ich ihn durch meine Wimpern an.
„Viel mehr: Warum liebst du mich?“, kehre ich die Frage um.
„Weil du auf wundervolle Art anders bist. Ich habe das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich tatsächlich einem Menschen helfen kann. Dir.“
Sanft legt er einen Arm um mich und dimmt das Licht.
„Du solltest schlafen. Dir fallen ja fast schon von alleine die Augen zu.“, bemerkt er.
„Wenn du mich nicht alleine lässt…“, nuschele ich müde, doch ich bekomme seine Antwort nicht mehr mit, sondern falle in einen tiefen, beruhigenden Schlaf. Schließlich ist morgen ein großer Tag.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
09. Dec 2013

Hallo,
ich liebe deine ff! Ich war schon immer ein fan von Annie und Finnick!
Ich möchte so gerne wissen wie es ausgeht...... bitte!

Bitte schreibe doch schnell weiter!!!!
Sonst sterbe ich noch vor Neugier..... ich weiß nicht ob du das riskieren willst xD

glg
Nanni001

19. Mar 2013

Hi,
mal wieder ein tolles Kapitel.
Bald ist es vorbei, oder? Wirklich schade.
Das ist die beste Annie FF, die ich jemals gelesen habe oder werde. (;
lg, Sophie

himbeere5698 17. Mar 2013

wieder ein tolle Kapitel
jetzt gehts aufs ende zu und ich binn super gespann wies jetzt weiter geht
mach schnell weiter
lg himbeere5698